Ein Gang durch die Schatten der Queensrÿche-Oldschool-Klassiker (2013)
Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Szene / Wien / Österreich
Konzertdatum: 22.10.2013
Besucherzahl: 300
Kartenpreis: 37,00€
Queensrÿche sind eine Band, die in den letzten Jahren in der Metal-Szene ordentlich für Staub gesorgt hat. 2011 veröffentlichten sie das kontroverse Album »Dedicated To Chaos«, mit dem sie sich stilistisch weit von ihrem wiedererkennbaren Sound entfernten und damit die Fans in zwei Lager spalteten. Doch die Spaltung entstand nicht nur unter den Fans, sondern auch im Kern der Band selbst. Queensrÿche schmissen Mitte des Vorjahres ihren langjährigen Frontmann Geoff Tate raus, und der Kriegstanz konnte beginnen. Schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen und sich vor Gericht um das Recht am Bandnamen streiten wurden zur täglichen Dauererscheinung – und als Sahnehäubchen veröffentlichten beide beteiligten Seiten zu Sommerbeginn unter dem Namen Queensrÿche jeweils ihr eigenes neues Studioalbum.
Obwohl der Bandname viel von seinem Ansehen verloren hatte, war von Anfang an klar, dass die Unterstützung des treuen Publikums auf der Seite der »originalen Queensrÿche« lag – also beim Grundgerüst der Band, bestehend aus den Gitarristen Michael Wilton und Parker Lundgren, Bassist Eddie Jackson und Drummer Scott Rockenfield. Das Quartett bekam als neuen Frontsänger niemand Geringeren als Todd La Torre an die Seite gestellt – ein Mann, der jahrelang in der Underground-Szene Floridas auf sich aufmerksam machte, bis ihn schließlich noch eine andere kultische Prog-Metal-Truppe, Crimson Glory, vor einigen Jahren entdeckte und in ihre Reihen aufnahm. Deren Inaktivität trieb La Torre dann ins Queensrÿche-Lager, wo zunächst die Geburt des Projekts Rising West verkündet wurde – die Karriere aber schließlich doch unter dem bekannten Markennamen weitergeführt wurde. Während Tate die Verkörperung neuer Ideen und eines neuen Sounds ist, strebte La Torrejs Version der Band stets zur Rückkehr in die klassischen Queensrÿche-Jahre hin. Sie veröffentlichten ein selbstbetiteltes »Comeback«-Album (Rezension hier) und begannen mit Auftritten, die ausschließlich aus Songs des ersten Jahrzehnts ihrer Karriere bestanden.
So verschlug es sie im Herbst 2013 auch nach Europa. Schon aus dem All war zu erkennen, dass die heftigen Erschütterungen innerhalb der Band ihrem Namen geschadet hatten – der katastrophale Kartenverkauf für das ursprünglich angekündigte Konzert in Graz zwang den Veranstalter dazu, den Schauplatz des uns nächstgelegenen Tourkonzerts zu verlegen. Der kleinen slowenischen Abordnung blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls nach Wien umzuorientieren – obwohl sich auch dort nicht mehr als vielleicht zweihundertfünfzig, höchstens dreihundert Besucher einfanden. Beim traurigen Anblick des winzigen Auditoriums im Szene musste ich mich gleich zweimal in die Wange kneifen und mich fragen, ob das wirklich dieselbe Band ist, die ich noch zwei Jahre zuvor als einen der Tagesheadliner auf der Hauptbühne des renommierten Sweden Rock Festivals gesehen hatte??
Das Konzert eröffneten gegen halb neun Uhr abends Manic Saint, ein heimisches Quintett, das seinen Platz an der Sonne noch sucht. Trotz geringer Bühnenerfahrung präsentierten sich die Lokalmatadore als solides Bühnengespann – der Frontmann strich oft bis an den Bühnenrand und ließ die Energie der Band in den Clubraum strömen. Hand aufs Herz: Auch Slowenien hat interessantere Heavy-Metal-Bands zu bieten als Manic Saint; klischeehafte Riffs und die x-te Neuauflage des New Wave of British Heavy Metal sind nun mal keine Zutaten, die einen zufälligen Zuhörer in Ekstase versetzen.
Als Wien bereits in der Dunkelheit lag, füllte sich der Club zumindest annähernd, sodass hinter den ersten Reihen keine gähnende Leere mehr herrschte. Ähnlich bescheiden wie der Besucherstand war auch die Bühnenkulisse – hinter dem Schlagzeug-Setup spannte sich schüchtern nur das Band-Logo aus, sodass ein zufälliger Gast kaum glauben konnte, dass diese Band einst große Arenen gefüllt hatte.
Der Auftakt mit Queen of the Reich ließ keine Zweifel offen: Die Männer auf der Bühne meinen es ernst! Queensrÿche entführten uns gedanklich drei Jahrzehnte zurück, und in der Eröffnungsphase des Auftritts hingen alle Blicke ungläubig an Frontmann Todd La Torre, der seinem Hals unglaubliche vokale Akrobatik entlockte – haargenau wie Tate! Obwohl er schon vierzig ist, wirkt La Torre auf der Bühne jung und verspielt; seine Hauptwaffe ist natürlich die himmelsstürmende Stimme, weshalb auch die anspruchsvollsten Songs wie Walk in the Shadows oder Warning in vollendeter Manier aufblühen konnten. Obwohl er ein Neuling in der Band ist, vertrauen ihm Queensrÿche als zentraler Bühnenfigur außerordentlich. Das instrumentale Quartett überließ dem Frontmann alle Zügel der Interaktion mit dem Publikum – sämtliche Ansagen zwischen den Songs waren ausschließlich seine Domäne, was im Vergleich zu anderen Bands in ähnlichen Situationen durchaus ungewöhnlich ist. Dem aufmerksamen Auge entging auch La Torrejs neues Tattoo am rechten Arm nicht, wo er sich als langjähriger Fan der Band das Queensrÿche-Logo hatte einstechen lassen. Obwohl sie sich noch nicht lange kennen, ist das Vertrauen zwischen Band und La Torre also fest und gegenseitig.
Dem restlichen Quartett – vor allem dem ursprünglichen Trio Wilton / Jackson / Rockenfield – schien ein Stein vom Herzen gefallen zu sein! Ich will nicht behaupten, dass sie auf der Bühne alles bis zum letzten Atom Energie ließen – eine routinierte Zurückhaltung war durchaus spürbar –, aber dafür wirkten sie außerordentlich entspannt und unbeschwert, als wären sie bei einer ihrer alltäglichen Proben. Sie kennen einander besser als den Inhalt ihrer eigenen Taschen, weshalb das famose Zusammenspiel nicht ausblieb; nur die Backing Vocals des Duos Jackson / Lundgren auf der rechten Bühnenseite schöpften ihr Gesamtpotenzial gelegentlich nicht ganz aus.
Zur Konzertmitte tauschten die beiden Gitarristen ein paar gegenseitige Feuersalven aus, bevor Queensrÿche im fünften Gang mit dem epischen Refrain-Thema von The Needle Lies weitermachten. Obwohl die Songs der aktuellen Platte »Queensrÿche« – X2, Where Dreams Go to Die oder A World Without – gar nicht schlecht sind, war an den Reaktionen klar abzulesen, dass das Publikum für eine Dosis Old-School-Klassiker gekommen war! Durch den gesamten Abend war das Album »Warning« (1984) außerordentlich gut vertreten, und für den Abschluss des regulären Teils hatten die Amerikaner natürlich das Beste aufgespart. Die Stimmung steigerte sich kontinuierlich durch das Konzert und erreichte ihren Höhepunkt mit der Darbietung des Finales der Konzeptepopöe »Operation Mindcrime« (1988), My Empty Room / Eyes of a Stranger – bei der auch La Torre selbst sichtlich bewegt war, der wohl noch immer nicht ganz begriffen hat, dass er an einem Platz steht, der historisch gesehen einem der meistgeschätzten Heavy-Metal-Kollektive überhaupt gehört. Bei der Zugabe servierten die Amerikaner die kommerziellen Hits Jet City Woman und Silent Lucidity, bevor der Vorhang endgültig mit einer weiteren phänomenalen La-Torre-Vorstellung in Take Hold of the Flame fiel.
Von gut anderthalb Stunden Konzert bekamen wir genau das, was wir erwartet hatten: eine außerordentliche Darbietung des Old-School-Materials, nach dem sich die Queensrÿche-Fans, Hand aufs Herz, in den letzten Jahren schon gehörig gesehnt hatten. Trotz aller Superlative und der exzellenten Konzertform stellt sich jedoch die Frage, welche Zukunft die Band überhaupt haben kann. Ohne die einstige kreative Hauptachse DeGarmo / Tate sind Queensrÿche dauerhaft gehandicapt, weshalb ihr erneuter Popularitätsaufschwung im Moment eher Fiktion als irgendetwas anderes ist. An diesem Punkt ist die Band also dazu verdammt, die Erinnerungen an Tage wachzuhalten, in denen sie Metal-Geschichte schrieben – und mehr als das wird ohne Tate in der Rolle des Frontmanns schlicht nie (mehr) passieren.
Setlist
QUEENSRYCHE:
1. Queen of the Reich
2. Speak
3. Walk in the Shadows
4. The Whisper
5. En Force
6. Child of Fire
7. Warning
8. Where Dreams Go to Die
9. A World Without
10. Guitar Solo
11. The Needle Lies
12. Prophecy
13. Fallout
14. My Empty Room
15. Eyes of a Stranger
16. Empire
—Zugabe—-
17. Jet City Woman
18. Silent Lucidity (nicht gespielt)
19. Take Hold of the Flame
MANIAC SAINT:
1. The Parasite
2. Believe
3. Resolution
4. Sanguine
5. Angel
6. Between the Lines
7. Rocka Rolla
8. Promised Land
Bildergalerie








































