Asia und Hayseed Dixie – eine wahnsinnige Kombination serviert auf einer Biker-Orgie (2013)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Faak Am See / Harley Davidson Bikers Week / Österreich
Datum des Konzerts: 06.09.2013
Besucherzahl: 1000
Kartenpreis: 0,00€ (freier Eintritt)
Die diesjährige Ausgabe der Bikerwoche am Faaker See beim Örtchen Faak Am See nahe Villach brachte am ersten der beiden Hauptkonzerttage die legendären AOR-Pioniere aus Großbritannien, Asia. Die Super-Rockband, die ihr Debüt »Asia« (1982) bis heute in über zehn Millionen Exemplaren verkauft hat, braucht keine besondere Vorstellung! Die Besetzung wird heute, neben den drei Legenden der echten »Pionier-Attribute« der Rockmusik, die schlicht unersetzlich sind und so viel persönliche musikalische Charisma in die Band einbringen, durch den jungen Sam Couslon ergänzt, der im Januar dieses Jahres »ins Spiel« kam, um die riesigen Schuhe des einzigartigen Steve Howe zu füllen, der Asia offiziell verließ, weil er bei Yes und für seine Solokarriere zu beschäftigt war. Über die großen, kurz zuvor angekündigten Weisen John Wetton (Gesang, Bass), Geoff Downes (Keyboards, Background-Vocals) und Carl Palmer (Schlagzeug) wurden ganze Bibeln in der Geschichte des Rock geschrieben – und so zählt das Erlebnis, eine Band wie Asia im Jahr 2013 zu sehen, zu den ganz besonderen Konzertattraktionen, wenn nicht gar zu den echten Leckerbissen! Wenn schon nichts anderes, gehört es zumindest zur Pflichtlektüre jedes rechtgläubigen Rockers.
Asia veröffentlichten letztes Jahr das Album »XXX«. Das bedeutungsvoll betitelte Album markiert den Abschluss der dritten Dekade des Bandbestehens, wobei Asia auch mit dem neuen Werk das hohe Qualitätsniveau aufrechterhalten, das die in den Achtzigern veröffentlichten Studioalben der Band zementiert haben.
Das Konzert bei der diesjährigen Ausgabe der Harley Davidson Bikers Week am Faak Am See war natürlich von besonderer Art. Es handelte sich nämlich nicht um das, was Bands spielen, wenn sie als Headliner einer Konzerttournee auftreten. Asia betrat die Bühne mit einer begrenzten Spielzeit von einer Stunde und fünfzehn Minuten. Von einem vollständigen Set mit 17 bis 20 Songs war also keine Rede. Trotzdem konnte man dem Ausflug aus Slowenien nicht widerstehen. Freier Eintritt, ein Konzert einer Legendenband – und noch mehr. Denn das Feiern war danach noch nicht vorbei: Es folgte der Auftritt der abgebrühten Hillbilly-Verrückten Hayseed Dixie – einer Band, die im Parodiestil Cover-Versionen von Künstlern wie AC/DC, Motörhead, Alice Cooper, Queen und Judas Priest abliefert. Im Country-Gewand, wo natürlich Banjo und Mandoline den unverzichtbaren Nachhall der »hochzivilisierten Gesellschaft« der nordamerikanischen Rancher bestimmen.
Asia betrat kurz vor zehn die Bühne und verließ sie kurz nach elf. Genug, um die Charisma und die Form der biblischen Urväter der AOR-Geschichte zu spüren! Interessant war es, die Kommunikation zwischen dem jungen »Lehrling« Coulson und den drei Gandalf’schen Weisen zu beobachten. Couslon hat sich hervorragend mit den kolossalen Schuhen Howes auseinandergesetzt! Tatsächlich vereinfachte er die Dinge nur so weit, dass er alle Songs mit einer einzigen Gitarre spielte (Howe hätte in so einem Set garantiert 10-15 gewechselt). Der Kerl ist so drauf trainiert, dass er im Schlaf spielen könnte, was ihm seine Kameraden bei Asia auftragen – trotzdem verfügt er nicht über den so weichen, geschmeidigen und anpassungsfähigen Griff wie Steve Howe. Dieser klangliche Makel in der Interpretation war vor allem in den ruhigeren Übergangspassagen zu spüren, die eine »ruhige Hand« verlangten, denn an diesen Stellen klangen einige von Coulsons Tönen ein bisschen verkrampft. Aber der Kerl ist mit einer geschickten und schnellen Hand gesegnet, die ein solides Maß an Kontrolle mitbringt, was ihn kaum ins Stolpern bringt, wenn er durch Steve Howes Erbe navigiert. Hut ab vor dem jungen Gitarristen, der enormes Potenzial verspricht! Coulson erinnerte in einer weniger wichtigen Randbemerkung dieses Artikels unglaublich an Gitarrist Paul Bielatowicz, seines Zeichens Mitglied des Carl Palmer Trio. Beide sind sicher durch die schulische Betreuung von Dave Kilminster und Guthrie Govan gegangen (letzterer war von 2000 bis 2005 Mitglied von Asia). Coulson übernahm vor allem in der zweiten Hälfte und im Finale des Konzerts die Führung – er steigerte sein Spiel im Laufe des gesamten Konzerts kontinuierlich.
John Wettons Gesang funktionierte auf einem beneidenswerten Niveau – der Senior hält sich wacker. Seine bekannte farbige Charakteristik der vokalen Interpretation lebte in vollem Glanz auf, und vor allem holte der Mann aus Days Like These (»Now And Then«, 1990) mehr heraus als nur das Gefühl von Routine, indem er mit besonderem Engagement versuchte, das sprichwörtlich kühle österreichische Publikum anzuheizen, das während des Konzerts nur leicht mit den Köpfen wippte. Wetton strahlte eine außergewöhnliche Entspanntheit aus. Asia hatte Spaß. Ein bisschen zu locker? Jep. Wetton ist einfach zu sehr ein alter Hase, als dass ihn irgendetwas aus der Bahn werfen könnte. Trotzdem passierte ihm ein blöder Patzer genau am Ende des Konzerts, als er im größten Asia-Hit Heat Of The Moment mit einer fast einen Halbton zu tief gestimmten Gitarre in die erste Strophe einstieg. Nein. Wetton sang nicht die falschen Töne. Einfach Gitarre und Bass waren nicht richtig gestimmt. John hörte das natürlich sofort. Es störte ihn. So konnte er in diesen Momenten den Gesang nicht mit 100%iger Souveränität halten. Er schaute über die Schulter Richtung Backstage. Kein Techniker weit und breit. Dann drehte er routiniert am »Stimmwirbel« des Basses und kam mit der richtigen Tonalität in den Refrain! Trotzdem vergaß er beim Einstieg in die dritte Strophe, wo die Band seit Jahren jedes Mal den Grundrhythmus mit Rock-’n‘-Roll-Impulsen überzieht, zu singen – und setzte erst ordentlich mit dem Gesang im dritten Vers der letzten Strophe ein.
Der Sound war gut! Trotzdem deuteten Konzertmomente wie der Song Time Again, der besonders nach dem farbig betonten Kontrast zwischen dem knackigen Rocksound und den raffiniert prog-rockig verschnörkelten Eskapaden dürstet, darauf hin, dass vor allem einige Keyboard-Linien zu wenig zu hören waren. Oder schlicht zu leise. Geoff Downes wurde von Keyboard-Türmen von gleich drei Seiten eingerahmt. Spontan erinnerte er an Yes‘ »Cape Crusader« Rick Wakeman (abgesehen vom Outfit). Geoff ist so oder so wieder Mitglied der Prog-Rock-Titanen Yes. Geoffs Vocoder funktionierte hervorragend bei der Einfärbung von John Wettons bekannten Vokal-Charakteristika – einem der wichtigsten Elemente, an dem die gesamte Musik von Asia zu erkennen ist. Trotzdem begleitete Geoff an einigen Stellen Wetton recht lässig mit seinem natürlichen Vokalton und leistete sich dabei ein paar unnötige Schlampereien.
Der Hauptmotor dieses Abends, der den Karren vorwärtszog – neben Wettons außergewöhnlicher Routine, mit der er uns fast hätte täuschen können, wäre nicht jener klangliche Unfall bei Heat Of The Moment gewesen –, war eindeutig der einzigartige Carl Palmer. Palmer ist für sein Alter schlicht unschlagbar. Er ist unglaublich schnell und explosiv. Er hat einen kompromisslosen Fokus, die echte Verbissenheit. Seine Energie dosiert er meisterhaft mit den bekannten jazzig gebrochenen Übergängen, die als weltweites Unikat des Freizeitparks gelten, den Rock ’n‘ Roll zu bieten hat. Palmer erkämpfte sich auch eine Solo-Einlage, in der er die bekannten Tricks seiner Schlagzeug-Herrlichkeit zeigte, darunter jenen mit dem Ablegen des Sticks auf dem Becken. Palmer ist ein entfernterer Typ der Bill-Bruford-Schule – vor allem wenn du beobachtest, wie er die Übergangs-Toms »erklimmt« –, nur dass er eine Klasse grobschlächtiger und lärmend invasiver in seinen Aktionen ist. Carl hat an diesem Abend, neben dem jungen Coulson, den Konzertbesuchern zweifellos am meisten geliefert!
Asia spielten ausschließlich Klassiker – mit Ausnahme der neuen Single Face On The Bridge (Album »XXX«, 2012). Auf die Setlist schafften sie es auch, das großartige Go (»Astra«, 1985) zu setzen – und rockten richtig los! Abgesehen vom absoluten Zuckerstückchen und der Überraschung des Abends, Days Like These, was sicher ein Pflaster auf die Wunde für alle war, die eine interessantere und längere Setlist erwartet hatten, drehte sich das Repertoire mehr oder weniger vorhersehbar. Das Beste aus dem Besten also. Trotzdem fehlten von den Klassikern mindestens noch The Heat Goes On, Here Comes The Feeling und Voice Of America. Die Band ignorierte in der Setlist das neuere kreative Schaffen mit den Alben »Phoenix« (2008), »Omega« (2010) und »XXX« (2012) komplett. Was wir bekamen, war schlicht das Maximale, das Asia diesmal für das Geld lieferten, das der Veranstalter eben angeboten hatte.
Asia nehmen übrigens gerade ein neues Album auf. Mit Coulson natürlich. Das wird garantiert ein viel rockiger ausgerichtetes Album als die vier vorangehenden mit Howe in der Besetzung. Genau so ein Album brauchen Asia im Jahr 2013 dringend, um die vorhersehbare Songwriting-Form etwas aufzufrischen und damit auch mehr Bühnendynamik zu entwickeln. Genug Philosophie! Asia haben sich als die Band präsentiert, die wir von den Studioaufnahmen kennen – und als eine Band, die sich in den vergangenen Jahren ihres langen Bestehens eine hohe Reputation und Respekt erarbeitet hat. Meister bleiben Meister. Hoffen wir, dass sie bald auf einer neuen Europatournee auftauchen. »Thank You Faak!« rief John Wetton am Ende provokant als Gruß ins Publikum – denn als Engländer interpretiert er das Wort Faak ganz anders.
Aber der Abend war noch längst nicht vorbei. Echte Biker im Publikum gab es kaum. Nur Asia-Fans, die nach dem Konzert von Asia den Bereich vor der Bühne ziemlich leer hinterließen. Nur die Klugen blieben, um auf Hayseed Dixie zu warten. Die waschechten Hillbilly-Narren, die in den folgenden anderthalb Stunden die Anwesenden mit funkelnden, messerscharfen Cover-Versionen der Klassiker einiger der größten Namen des Rock und Metal unterhielten – von Motörhead über Judas Priest, AC/DC, Queen, Green Day bis zu Alice Cooper. In der Einleitung zu Hell’s Bells halfen sie sich mit dem Klopfen auf leere Flaschen, wobei sie das Publikum zuvor scherzhaft fragten, ob es wisse, welches der gruseligste Klang auf diesem Planeten sei. Die Antwort war denkbar simpel: der Klang einer leeren Flasche!
Es wäre schwer, eine bessere Lösung für das Abschalten zu finden, das du an einem Freitagabend brauchst! Wenn Hayseed Dixie vor deinen Augen auftauchen, sind alle Dilemmata gelöst. Diese Typen sind verdammt gut eingespielt und unterhalten in den Pausen mit einem so authentischen »Redneck«-Charakter, dass du nicht anders kannst, als sie ins Herz zu schließen. Vor allem aber zählt ihr genialer Sinn für Parodie und Satire, mit dem sie den Charakter ihrer kreativen Dysfunktionalität kompensieren. Damit übernehmen und überzeugen sie.
Man kann sagen, dass der diesjährige traditionelle Ausflug in die »ewige Stadt« der Biker-Pilger Faak Am See deutlich mehr hitzköpfige »Salto-mortale-Momente« auf der Bühne gebracht hat als im vergangenen Jahr die Kombination der Auftritte von 10CC und Snakecharmer. Letztere vor allem mussten sich damit abfinden, vor gerade mal 50 Leuten zu spielen. Es liegt also nicht immer nur am Sparen. Asia ist keine billige Band, trotzdem aber ein bekannter und großer Name auf der Rock-Landkarte. Deshalb hielt das Konzert im Verlauf der Ereignisse stets eine solide Besucherzahl. Ihr wisst schon. Für Biker zählen eben nur der heiße Tanz der Stripperinnen oder die Verlosung, bei der du eine neue Harley Davidson gewinnen kannst.
Auch wenn Asia keine Hits mehr schnitzt, die die Spitzen der weltweiten Musik-Charts erschüttern würden, sind sie nach wie vor eine erstklassige Konzert-Attraktion, die für ihr Alter eine beneidenswerte Kondition und eine hervorragende Form in der Bühnenumsetzung ihrer berühmten Klassiker musikalischer Einzigartigkeit und kompositorischer Integrität aufrechterhalten. Und auch wenn Asia ihre musikalischen Gedanken in kompositorischer Hinsicht mehr oder weniger schon längst ausgedrückt haben – die Rock-Gurus und Schamanen, durch Coulson verjüngt, machen sich darüber nicht allzu viele Gedanken. Sie haben nämlich frischen Wind in die Segel bekommen, und daher ist klar: Die Geschichte von Asia ist noch längst nicht abgeschlossen!
Setlist
ASIA:
- Only Time Will Tell
- Wildest Dreams
- Face on the Bridge
- Don’t Cry
- Open Your Eyes
- The Smile Has Left Your Eyes
- Days Like These
- Time Again
- Go
- Drum Solo
- Sole Survivor
—Zugabe—- - Heat of the Moment
Bildergalerie
















































































