Michael Bolton brach Frauenherzen auch in der Hala Tivoli (2010)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Hala Tivoli / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 25.01.2010
Besucherzahl: 2
Kartenpreis: 41,00€ (Tribüne) / 52,00€ (Parkett)

Michael Bolton, dieser herausragende Sänger, dessen Superstar-Status der Masse heute oft verborgen bleibt – mit dem Ruf eines Frauenherzbrechers und 53 Millionen verkauften Platten. Der Mann veröffentlichte im Herbst 2009 das neue Studioalbum „One World One Love“, was ihn auf eine neue Tournee trieb – und dabei machte er, glaubt es oder nicht, in der erlauchten Ljubljana selbst Halt, was irgendwie die Erinnerungen an die November-Show mit Ramazzotti wachrief, ebenfalls in der Hala Tivoli. Aber an die Popularität des Italieners auf heimischem Boden kann Bolton nun mal nicht heranreichen. Also richtete man die kleine Halle der Hala Tivoli her, stellte die Bühne quer, bestückte das Parkett mit Stühlen und öffnete eine begrenzte Anzahl von Plätzen auf den Tribünen.

Das bedeutete, dass rund 1500 Menschen kamen, um Bolton zu hören – hauptsächlich Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts aller Generationen, während Männer in der Halle an diesem Abend schlicht Zufallsfunde waren. Mehr noch: Das Publikum, das Michael Bolton zuhört und ihm auf Konzerten seine Unterstützung zeigt, ist so anders geartet, dass es auf Konzerten keinen Alkohol trinkt. Das ist für einen Rocker, der neugierig auf sein Konzert geht und weiß, dass er Songs vom Album „Everybody’s Crazy“ (1985) wohl nicht hören wird und dass er beim Konzert nicht dem Gitarren-Maestro Neil Schon (Journey) begegnen wird, während dieser Otis Reddings Sitting On A Dock Of The Bay („The Hunger“, 1987) covert – schockierend. Das verwirrt ihn sogar so weit, dass er denkt, das Management von Michael Bolton habe das Ausschenken von Alkohol vor und während des Konzerts verboten. Hübsch frisierte und mit Imprägnierpaste überzogene Mädels, Mütter und sonstige grenzenlose Schönheiten für eine Nacht warteten natürlich mit freudig blutenden, weit geöffneten Herzen unermüdlich auf ihren Hengst, der seine Vitalität mit satten 57 Jahren bestens erhält. Mit Wasserflaschen in den Händen, verklärten Gesichtern, die irgendwo weit vor sich in einen imaginären Horizont starren. Aber die wahren Momente totaler Verzückung sollten erst noch folgen.

So wirkt ein echter Rocker wie eine verlorene Seele an einem solchen Schauplatz. Mehr noch. Ein echter Störenfried und widerlicher Grobian, wenn er in so eine märchenhafte Atmosphäre eindringt, wo man weder furzt noch rülpst, wohin kein multiresistenter Bakterienstamm vordringt – und wenn ich die These weiterführe, eine Atmosphäre, wie sie nur das verborgene Unterbewusstsein der feuchtesten Frauenträume aufbauen kann. Deshalb muss so ein „armes“ Rocker-Wesen in solchen Fällen äußerst aufpassen, wenn es sich durch das Dickicht kreischender Täubchen kämpft, die in knappen Backpulver-Dekolletés sitzen, damit es ihnen den wahrscheinlich einzigen verkauften Becher Großbier des Abends nicht auf die entblößten Knie tropft. Ja! Und das ist noch nicht alles. Ich habe festgestellt, dass ich ein sehr guter Parfüm-Tester wäre. Denn auf diesem Konzert hätte ich einen Leitfaden durch die Welt der slowenischen Frauen zusammenstellen können – basierend auf der großen Parfümvielfalt, die in der an diesem Abend süßlich dunstenden kleinen Halle der Hala Tivoli waberte.

Kommen wir aber zur Musik. Die war allemal Garant für ein exzellentes Konzert, das jede Investition in die Eintrittskarte wert war. Also könnt ihr euch alle in die Zunge beißen, die dieses Konzertereignis verpasst haben.

Eine halbe Stunde gehörte der Singer-Songwriterin irischer Herkunft Jennifer Clark, die in der Masse ähnlicher Sängerinnen, die mit akustischem Instrument durch den Planeten Erde gurren, nicht viel Wiedererkennungswert zeigte. Daher verschwand ihr Auftritt recht schnell in der Vergessenheit.

Michael Bolton betrat die Bühne kurz nach neun. Die Bühne war diesmal mit weniger Licht ausgestattet, als man erwartet hätte. Das verstärkte das Gefühl einer intimen Atmosphäre und einer Kabarettvorstellung, in der sich auch Bing Crosby, Dean Martin und ihresgleichen wohl gefühlt hätten … Die achtköpfige Crew ist bereits auf der Bühne, als Bolton mit „Verzögerung“ erscheint – ohne Bremsen. Sofort bietet er den Hit Soul Provider an, und die Frauenherzen in der Halle erzittern zum ersten Mal. Direkt danach die erste und einzige Nummer des Abends vom neuen Album, mit dem Titel Hope It’s Not To Late. Dann aber die Überraschung – weniger wegen der Songauswahl als wegen der schieren Menge dieser Songs. Es folgt nämlich ein gewichtiger Konzertblock, der den Coverversionen gewidmet ist. Es folgen der Bee Gees-Klassiker To Love Somebody, bei dem sich Herr Bolton an der Akustikgitarre versucht, und der irgendwie erwartbare Otis Redding-Evergreen (Sitting On The) Dock Of The Bay, der sich mit der unverkennbar samtigen Soul-Qualität besonders intensiv unter die Haut schlich. Bolton agierte den Großteil des Auftritts in voller Stärke, was den Anforderungen des Publikums gerecht wurde, das definitiv in erster Linie wegen der charakteristischen Klangfarbe der Stimme und der Interpretation des Sängers selbst gekommen war. Man hätte eine Rückkehr zu eigenem Material erwartet. Aber nein. Bolton nutzte den ersten Teil seines Auftritts, um sich vor den Künstlern zu verneigen, die seine Auffassung von Unterhaltungsmusik geprägt haben. Allen voran Gershwin (Summertime), Frank Sinatra (ein Strauß: Can’t Take That, For Once In My Life, Fly Me To The Moon, That’s Life, New York, New York). Bei diesen Nummern war zu erwarten, dass die Interpretation natürlich ein geschicktes Geflecht klassischer Jazz-Inhalte mit einigen Blues- und Soul-Akrobatiken vereinen würde, die vor allem Boltons eigener Vokal einwebte. Natürlich waren viele Linien vorproduziert (vor allem die Bläsersektionen) im Hintergrund, und wenn man die Augen schloss, hatte man gelegentlich das Gefühl, Bolton werde von der Greentown jazz band oder der Big Band RTV Slovenije begleitet – was den gesunden Geschmack, den ein Liebhaber des organischen Klangs von Live-Auftritten sucht, durchaus etwas trübte.

Die bewährte „Clique“ der Cats in der Begleitcrew, ausgestattet mit erstklassigem Instrumentarium, konnte sich nicht verleugnen, und Bolton konnte sich völlig souverän und sicher in die Arme ihrer Begleitung fallen lassen. Besonders in der Besetzung stach der raffinierte und feinfühlige, hochkontrollierte Klang der Solopassagen von Gitarrist Chris Camozzi hervor. Zwischendurch schlich sich auch eine Version von That’s Life ein, die echte Rocker wahrscheinlich aus den Händen von Van Halen-Sänger David Lee Roth kennen. Bolton krönte den ersten Teil mit einer Darbietung von Puccinis Nessun Dorma und überließ dann langsam die Bühne dem besonderen Gast des Abends, Tony Cetinski. Der kroatische Unterhaltungspopstar brachte die bis dahin sanft schaukelnden Tantchen und Mütterchen in der Halle schließlich von ihren Stühlen hoch. Die ganze Halle erwachte zum Leben und begann, seine „Hitchen“ Blagor onom, ko te ima und Umirem sto puta dnevno mitzugurren. Cetinski bot eben jenes mediterrane Temperament auf der Bühne und navigierte die Begleitband, die Bolton ihm vorübergehend überlassen hatte, phasenweise fast aufdringlich. Natürlich sparte er nicht mit einigen machistischen Eskapaden, die noch zusätzliches Ovationsdonner des Publikums ernteten. Das Reinigungsmittel Cet mag ich lieber als Cetinski, aber offensichtlich laufen die Dinge manchmal auch in diese Richtung. Ich kenne die Kulissen und Hintergründe nicht, wie es zu diesem besonderen Gastauftritt kam, der Boltons Konzert in zwei Hälften schnitt – aber eine durchaus plausible Version ist, dass so mancher Besucher auf diese Weise das Geld für seine Eintrittskarte deutlich leichteren Herzens hingeblättert hat. Vereinfacht gesagt: Cetinski war diesmal das Zugpferd fürs Publikum. Die Frage ist, ob Bolton sich danach gefragt hat, ob Cetinski ihm nicht zufällig die Konzertinitiative entrissen hat. Mit der schon etwas übertriebenen Zugabe einer Coverversion des italienischen Schlagers Caruso provozierte er Bolton schon ziemlich offensichtlich. Quasi: Wenn er auf Italienisch singen kann (Nessun Dorma), dann zeige ich eben, wie man das richtig auf Italienisch runtersingt. An dem hohen Kaliber der Vokalinterpretation dieses Musikers ist jedenfalls nicht zu zweifeln, was Tony auch diesmal bewies. Dabei bleibt dem Auge nicht verborgen, dass der zwanzig Jahre jüngere Musiker bereits jetzt eine deutlich höhere Stirn und im Bereich des Bauchnabels einen stattlichen „bayrischen“ Anhänger aufweist.

Endlich! Bolton kehrt zurück. Es folgt noch der Evergreen When A Man Loves A Woman, dann aber eine Serie von Hits, die erwartet wurden und das Beisammensein mit Bolton bis zum Höhepunkt trugen. Der Mann schüttelte danach die Songs Steel Bars (gemeinsam mit Bob Dylan geschrieben), How Can We Be Lovers, Time Love And Tenderness, Can I Touch You There, Just One Love, How Am I Suppose To Live Without You, Rock Me Baby, Crazy Love, Go The Distance aus dem Ärmel. Mitten in diesem Block kehrt Cetinski zurück, und gemeinsam intonieren sie den uralt-Evergreen Stand By Me. Zweieinhalb Stunden in der Gesamtbilanz. In der zweiten Hälfte spürte man, dass Bolton etwas an Frische in seinem Stimmvolumen verloren hatte und seine stimmliche Reichweite etwas kontrollierter einsetzte. Vielleicht eine leichte Erkältung? Schließlich wird der Mann so langsam auch sein sechstes Kreuz auf die Schultern laden. Das muss man bei einem zweieinhalb-stündigen Marathon berücksichtigen. So wurde er einige Male fast von der Begleitcrew übertönt – aber unterm Strich störte das den allgemeinen Eindruck eleganter darstellerischer Perfektion des gewählten Repertoires nicht, einschließlich der einzigartigen Qualität von Boltons Stimme. Ein angenehmes abendliches Aufwärmen, nach dem niemand in der Halle gleichgültig blieb – und besonders kamen diesmal in enormer Mehrheit die gurrenden Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts auf ihre Kosten, deren Begeisterungssalven zeitweise schon geradezu ohrenbetäubend und völlig zügellos waren. Der Sound in der Halle während des Konzerts? Eine Spur „verhauen“, vielleicht einen Tick zu leise eingestellt – aber nicht vergessen: Das ist irgendwie das, was Boltons reifes Kabarett-Charisma nun mal verlangt, mit dem er auch diesmal routiniert das Publikum für sich gewann.

Fotos: Aleš Podbrežnik

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