Motorhead im Innenhof von Palladios Villa Contarini (2009)

0 8

Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Piazzale Villa Contarini / Piazzola Sul Brenta (Padua) / Italien
Konzertdatum: 17.07.2009
Besucher: 10
Kartenpreis: 35,00€

Motorhead ist eine Band, die ständig unterwegs ist. Ungeachtet der Tatsache, dass der eiserne Kanzler Ian „Lemmy“ Kilmister bereits seinen 64. Frühling vollenden wird, wird das Synonym einer Rock-Legende offenbar von Jahr zu Jahr zu einem noch verbisseneren und zäheren alten Gaul, der in seiner Sturheit und hartnäckigen Trotzigkeit das momentan (in expressiver Tiefe stark verödete) musikalische Rock-Horizont weiterhin souverän beherrscht und es tatsächlich sogar prägt — was sich allerdings sehr seltsam liest. Ungeachtet der längst verflüchtigten Frische und kreativen Einfallsreichtums ihrer neuen Alben — wobei auch das jüngste „Motorizer“ (2008) alles andere als eine Ausnahme ist — das stört Motorhead herzlich wenig. Motorhead bieten eben stets nur ihr einzigartiges Rock-n‘-Roll-Prinzip an, das aus ihnen längst unsterbliche Helden gemacht hat. Veränderungen des Musikstils, mit dem meilenweit erkennbaren eigenwilligen Charme, dem Geist kompromissloser Arroganz und aufrichtig dilettantischer Predigt, haben auf neuen Alben also nichts zu suchen. Der gemeinsame Nenner bleibt auch nach 34 Jahren derselbe. Lauter rock n‘ roll. 

Motorhead trotzt heute allen Herausforderungen milchzähniger Bands, vor allem der Flut an „falschen Eintagsfliegen“, und mit ihrer stahlharten Bühnenpräsenz ist Rosten schlicht keine Option. So bieten sie bereits ganz traditionell jährlich zwei Konzerttourneen an. Die erste ist die Juni-Juli-Tour, die hauptsächlich auf europäische Festivals ausgerichtet ist und bei der sich hin und wieder auch Platz für einen Soloauftritt findet — diesmal für drei Auftritte in Italien (Rom, Florenz, Padua) —, die zweite kommt dann im November und Dezember, wenn Motorhead auf Solo-Tourneen regelmäßig Großbritannien und Deutschland besuchen, wo sie auch heutzutage am meisten Unterstützung von den Massen ernten.

Wenden wir uns dem Besuch der Band in Padua zu. Genauer gesagt dem Städtchen Piazzola Sul Brenta, das von Padua nur einen Katzensprung entfernt ist und das mit dem imposanten Palast namens Villa Contarini aufwarten kann. Eben dieser Palast besitzt einen riesigen Innenhof, den die Italiener Piazzale nennen, und so zeichnet sich vor unseren Augen der Konzertort namens Piazzale Villa Contarini ab. Wie in Rom, Florenz und schließlich im Städtchen Piazzola Sul Brenta begleiteten die Italiener Merendine Atomiche und Extrema Motorhead auf der Bühne vor deren Auftritt.

Motorhead hatte, bis zu seinen Auftritten bei den besagten drei Konzerten im Sommer 2009, das italienische Publikum gründlich ausgehungert und nach der Band hungern lassen. Das bewies der offizielle Merchandise-Stand, der im Nu keine Motorhead-Shirts mehr in den Größen L, M und XL hatte, ebenso wie die Masse von knapp 10.000 Exemplaren, die sich in der Motorhead-Hölle braten lassen wollten. Ein heftiges Gewitter hatte das Durchhaltevermögen des Publikums definitiv zusätzlich befeuert, nachdem sich um halb sieben am Nachmittag über der Bühne buchstäblich eine Wolke entlud, die den Veranstaltungsort vorübergehend sogar des Stroms beraubte. Der Himmel schloss sich vollständig, und das Wasser prasselte buchstäblich aus ihm herunter. Es ließ sich sogar andeuten, dass das Motorhead-Konzert diesmal aufgrund der Wetterbedingungen gar nicht stattfinden würde. Doch die Situation beruhigte sich glücklicherweise kurz nach acht. Die Sonne zeigte sich sogar kurz und leckte den Veranstaltungsort mit ihren letzten Strahlen ab, bevor sie in der Dunkelheit versank. Neue Wolken zogen auf, die mit einzelnen Tropfen beständig einen neuen Schauer androhten, doch kamen wir alle zusammen auch diesmal glücklich bis zum Ende der Veranstaltung durch.

Der Start verschob sich aufgrund der Wetterkapriolen um eine Stunde. Kurz nachdem der Regen aufgehört hatte, betraten die Italiener Merendine Atomiche die Bühne. Eigentlich genau dann, als sich das Wetter beruhigte. Kurz nach acht Uhr abends. Die Band pflegt Thrash Metal, der die Einflüsse von Megadeth oder Pantera nicht verhehlt, dem aber auch das gelegentliche dreckige Rock-n‘-Roll-Krächzen nicht fehlt, das diesem Quintett aus dem Veneto bei Treviso Frische verleiht und ihren Ausdruck sowie ihr Auftreten sehr glaubwürdig macht. Der Gesang kann melodiös und sauber sein, oder dreckig, trunken krächzend, mit möglichem Gurgeln, das schon an „death growls“ grenzt. Interessant und alles andere als lästig. Die Band, die bereits stolze 14 Jahre Existenz auf dem Buckel hat, präsentierte ihr neues Album „Rude Rebel Brotherhood“ und bewies, dass in ihren Adern erheblich mehr Old-School-Thrash-Treibstoff und Rock-n‘-Roll-Dekadenz fließt als bei den fast zehn Jahre älteren Extrema, die Merendine Atomiche auf der Bühne herausforderten. Wir verfolgten die Band gleich vor dem Eingang zum Innenhof der Villa Contarini, wo wir uns zwischen den Regengüssen und dem Kampf um Akkreditierungen mit Bier die Batterien aufluden — für den späteren ungezügelten Sturm auf das Gelände.

Irgendwo kurz nach neun Uhr abends betritt die in Italien sehr beliebte Band Extrema die Bühne. Die Einheimischen. Sie musste das Publikum davon überzeugen, besser als Merendine Atomiche zu sein, was keine ganz leichte Aufgabe war. Mit einer völlig durchschnittlichen musikalischen Sprache, bei der unklar ist, was die Band eigentlich spielt und sagen will, haben sie das einheimische Publikum vollständig verrückt gemacht. Mit einer solchen Metal-Fan-Basis muss sich Extrema um ihr Fortbestehen auf der italienischen Metal-Szene in Zukunft definitiv keine Sorgen machen. Die Band veröffentlichte in diesem Jahr ihr fünftes Studioalbum „Pound For Pound“, das sie dem Publikum auch mit vier Nummern vorstellte. Man spürt in ihrem Spiel tatsächlich eine Verwandtschaft mit den Wurzeln des teutonischen Thrash Metals, der auf den Schultern von Bands wie Destruction oder Kreator gewachsen ist, dem die Band jedoch recht viele „weiche“ Beimischungen einer Art Nu-Metal-Konnotation hinzufügt, bei der der Sänger oft in das Horn des Reingesangs stößt, aus dem die Pathetik der Melancholie weht.

Aber das sei klargestellt: Extrema gingen das Ganze absolut professionell an. Die Masse unter der Bühne feuerte sie an. Musikalisch waren sie exzellent. Sie boten hervorragenden Sound, Spielfreude und Bühnendynamit. Der Hauptmotor, der den Auftritt der Band souverän zusammenhielt, war Sänger Gianluca „GL“ Perotti, der sich nebenbei einen neuen „kahlrasierten Look“ zugelegt hatte (da ist eben nichts mehr zu kämmen) und dem das Publikum buchstäblich aus der Hand fraß. Ich selbst staunte über die Hingabe der italienischen Fans an das, im musikalisch-expressiven Sinne (im Vergleich zum Rest auf Planet Erde) doch recht durchschnittliche Extrema. Aber das ist nicht mal das Wesentliche. Extrema lieferten ein hervorragendes Aufwärmprogramm, präsentierten ihre Musik souverän und selbstbewusst — ohne dabei ihren diskografischen Rückblick auszusparen — und verließen so erhobenen Hauptes und auf den Schwingen außerordentlicher Publikumsunterstützung die Bühne.

Nach fast zwei Stunden Verspätung, verursacht durch Probleme mit den Schutzbarrieren vor der Bühne, durften wir um etwa 22:30 Uhr endlich die Stars des Abends begrüßen. Unter die Scheinwerfer schlenderten bei tosendem Applaus des Publikums, das den geräumigen Innenhof der Villa Contarini gut gefüllt hatte, selbstzufrieden Phil Campbell, Mikkey Dee und Lemmy. Letzterer wandte sich an das Publikum mit den bekannten und inzwischen schon kultischen Worten: „We are Motorhead and we play rock n’roll“. Wie erwartet legten die Jungs das Konzert mit Iron Fist los, einem Klassiker vom gleichnamigen Album aus dem Jahr ’82, das den endgültigen Abschied von Eddie „Fast“ Clark markierte. Darauf folgten Stay Clean, Be My Baby und Rock Out, dann noch Metropolis (bzw. Akropolis, wie Lemmy den Song in Griechenland ankündigt). Nach ein paar neueren Tracks, auf die die alten Böcke wegen des wenig beneidenswerten Klangs und der Tatsache, dass es sich nur um neue Variationen alter Melodien handelt, problemlos hätten verzichten können, legte auch Campbell eine Soloeinlage hin. Schwer zu verstehen, warum Gitarristen, deren Können angesichts dessen, was viele Virtuosen dieser Art in den letzten Jahrzehnten gezeigt haben, kaum als Spitzenklasse bezeichnet werden könnte, sich solche Soloausflüge leisten. Ob er dem Publikum einen Witz erzählte und damit die Zeit füllte, die Lemmy backstage brauchte, um neue Kräfte zu sammeln — nachdem er während des Auftritts gleich zwei Bassgitarren zu Bruch gebracht hatte. Erheblich besser machte sich Micael Kiriakos Delaoglou alias Mikkey Dee, ehemaliger Drummer von King Diamond, bekannt für seine (manchmal sogar etwas zu langen) Soloeskapaden und eine Energie, die Lemmys Statik passend ergänzt. Die Mumie namens Kilmister zeigte nämlich am meisten Leben und Spritzigkeit, als sie ein paar Wasserflaschen ausweichen musste, die aus dem Publikum auf die Bühne wanderten. Hätte Lemmy etwas Ähnliches auch vor Jahren in Ljubljana gelingen können, als ihn auf der Bühne eine an einer Münze befestigte Rasierklinge traf, hätten wir ihn vielleicht auch in der heimischen Hauptstadt noch einmal sehen können. Der beste Zug des Konzerts ereignete sich kurz vor Ende, als wir das unerbittliche Killled by Death hörten, das man als Epitaph des goldenen Motorhead und letztes Kapitel der Bronze-Ära bezeichnen könnte, sowie die legendäre Hymne Bomber. Und in der Zugabe natürlich der obligatorische Ace Of Spades, das Markenzeichen dieser englischen Institution.   

Motorhead ist eine jener Bands, deren Konzerte nicht für musikalische Feinschmecker gedacht sind, sondern vor allem für die verräucherte, feierwütige Menge, der violenter und bisweilen fast formloser Lärm nichts ausmacht. Wenn auf ihren Alben noch eine gewisse Kohärenz erkennbar und die wesentlichen Umrisse ihrer musikalischen Botschaft ablesbar sind, ist das bei Konzerten alles zusammen erheblich schwieriger. Aber wie der Titel eines ihrer Live-Werke mahnt (Everything louder than everyone else): Die Jungs spielen vor allem die Karte der Lautstärke, und das gelingt ihnen seit langen Jahren gut. Und wenn eine fast zehntausendköpfige Menge damit zufrieden ist, können wir uns auch nicht beklagen. Motorhead ist also ein Gesamterlebnis, das neben der Musik vor allem von Zusammensein, Getränken, Essen, dem Kauf von Shirts und anderen Merchandise-Artikeln mit den unverzichtbaren Nieten begleitet wird — und natürlich dem Gefühl der Genugtuung beim Gedanken, eine der letzten noch lebenden Rock-Legenden in (zugegebenermaßen etwas statischerer) Aktion erlebt zu haben. Long live Lemmy!    

Autor: Aleš Podbrežnik (Einleitung, Merendine Atomiche, Extrema)
Autor: Tomo Jurca (Motorhead, Schlussteil)
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

EXTREMA: 1. Everlasting(Intro) 2. Anymore 3. Selfishness 4. Fall Down 5. Generation 6. Six Six Six Is Like Sex Sex Sex 7. New World Disorder 8. Second Coming 9. Money Talks 10. The Bad Itself 11. This Toy 12. Wanna Be MOTORHEAD: 1. Iron Fist 2. Stay Clean 3. Be My Baby 4. Rock Out 5. Metropolis 6. Over The Top 7. One Night Stand 8. I Got Mine 9. Guitar Solo 10. The Thousand Names Of God 11. Another Perfect Day 12. In The Name Of Tragedy (plus Mikkey Dee Solo) 13. Just ‚Cos You Got The Power 14. Going To Brazil 15. Killed By Death 16. Bomber —Zugabe— 17. Whorehouse Blues 18. Ace Of Spades 19. Overkill

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies