⇀ (2015)
Autor: Rok Klemše
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Konzertdatum: 01.12.2015
Besucherzahl: 250
Die Flut des Retro-Thrash ist seit gut einem Jahr oder zwei verebbt, und wie es aussieht, hat das Genre bis auf wenige Ausnahmen seinen zweiten zyklischen Niedergang erlebt. Aber kein Problem – die Ehre des Genres retten einige außergewöhnliche Bands, und eine davon ist das Thrash-Äquivalent zu Kubricks Weltraumodyssee: die arizonischen Megalodons des Progressive Thrash Metal Vektor, denen es in gut zehn Jahren gelungen ist, was nur wenigen gelingt – sie wurden zu einem Kult, und das zu Recht. Das Untergeschoss des Orto bar empfing Vektor am ersten Dezembertag im Rahmen ihrer allerersten Europa-Tournee (davor hatte Europa sie exklusiv nur beim Hellfest gesehen), und es ist teuflisch passend, dass Ljubljana mit kosmischen Elementen geschmückt ist, denn Vektor sind die perfekte musikalische Verkörperung eben jenes.
Als Support auf der First Contact Tour sind die niederländischen Thrasher Distillator am Start, doch von ihrem Aufwärmen war herzlich wenig zu spüren – ungefähr so viel wie der Temperaturunterschied zwischen dem Saal und draußen. Die Niederländer rotierten in gut einer halben Stunde reihenweise Thrash-Klischees raus: von generischen Riffs und vor allem bei Slayer kopierten Ideen (mit billigen »Kerry King«-Soli) bis hin zum Image mit Bullet Belts und Wollmützen. Alle gespielten Tracks vom Debüt Revolutionary Cells glichen sich wie ein Ei dem anderen und waren in dieser Hinsicht alles andere als revolutionär; ein paar flinke Gitarrenmanöver zeigte nur Vokalist/Gitarrist Desecrator, ansonsten war das Ganze äußerst langweilig und vorhersehbar – so wie die abschließende Entweihung des Slayer-Klassikers Black Magic. Diese Thrash-Destillation ist eher abgestandenes Wasser als ordentlicher Schnaps.
Ein paar Nuancen besser schlugen sich die Spanier Angelus Apatrida, alte Bekannte unserer Bühnen, worauf Vokalist Guillermo ungefähr zwanzig Mal hinwies. Die Spanier kamen mit ihrem neuen Album Hidden Evolution zu uns zurück, das sie in recht gutem Licht präsentierten. Die Jungs zeigten sich diesmal als deutlich eingespielter und souveräner Band als bei ihren früheren Auftritten, und die zahlreiche und gut gelaunte Crowd hat sie wahrscheinlich zusätzlich angeheizt. Doch es stellte sich schnell heraus, dass Angelus Apatrida ähnliche Probleme plagen wie ihre Vorgänger. Die Songs begannen sich nämlich rasch zu wiederholen, ausgelutschte Ideen recycelten sich selbst, und gegen Ende wurden sie so eintönig, dass sie ineinander zu verschwimmen begannen (als einzig einprägsamer Track blieb das etwas anders geartete Give ‚Em War), und das konnte auch Guillermos gute Vokalform nicht verhindern. Mangelnde Energie, Selbstsicherheit oder Einspielen kann man Angelus Apatrida wirklich nicht vorwerfen, doch gegen Ende traten wir dennoch immer ungeduldiger von einem Fuß auf den anderen und warteten darauf, dass sie endlich Schluss machen.
Denn schließlich kam kurz nach elf der Moment, auf den das vollbesetzte Haus mit frenetischer Begeisterung gewartet hatte. Vektor erreichten bereits mit dem eröffnenden zehnminütigen Epos Cosmic Cortex denselben Effekt wie Strauss‘ Also sprach Zarathustra, und in ähnlichem Stil vergingen knappe anderthalb Stunden eines der besseren Konzerte dieses Jahres. Vektor begeisterten schon mit den ersten Tönen und brachten die Crowd sofort in Bewegung und in endloses Moshen, während meisterhafte Riffs und phänomenale Gitarrenduelle wie beim Urknall mit Lichtgeschwindigkeit in alle Richtungen flogen. Die ultraflinken Parts spielten die Amerikaner wie im Schlaf, und es war kaum möglich zu entscheiden, auf welche Einzelperson man sich konzentrieren sollte – doch die meiste Aufmerksamkeit stahl wohl Drummer Blake Anderson, der hinter seinem winzigen Kit hämmerte wie ein hyperaktives Kind nach einer großen Dosis Schokopulver und Schokomilch. Noch faszinierender war auf seine eigene Weise das Ineinandergreifen der Linien des genialen Gitarrenduos DiSanto/Nelson, offensichtlich einer unerschöpflichen Quelle fantastischer Ideen, die gewissermaßen die Summe der besten Momente von Voivod, Watchtower und Atheist darstellen, mit einer starken eigenen Note, die Vektor nach Black Future von den offensichtlichen Einflüssen wegführte und eine neue, eigenständige Entität hervorbrachte. Neben den kosmischen Zerstörern von Black Future und Outer Isolation (mit dem perfekten Tetrastructural Minds!) präsentierten Vektor auch drei neue Tracks, die das neue Album Terminal Redux ankündigen – vor allem The Cygnus Terminal klang ungemein vielversprechend, und es ist klar, dass Vektor noch nicht ihr letztes Wort gesprochen haben. Trotz der ziemlich langen Songs flogen diese an uns vorbei wie die Enterprise mit Warp 10, und zu früh kam der Moment für das abschließende Accelerating Universe. Doch Vektor ließen sich von der Crowd nicht lange bitten und legten zum absoluten Finale noch Asteroid nach. Minus Vektor? Nahezu ausverkauftes Merchandise, bei dem nur noch Pygmäen und Kleinkinder etwas für sich gefunden hätten. Wenn ich zum Abschluss James T. Kirk paraphrasieren darf: »Space: the final frontier. These are the voyages of the starhip Vektor. Its mission: to explore strange new worlds, to seek out new life and new civilazations, to boldly go where no band has gone before.«
Setliste
VEKTOR:
1. Cosmic Cortex
2. Deoxyribonucleic Acid
3. Ultimate Artificer
4. Tetrastructural Minds
5. The Cygnus Terminal
6. Black Future
7. Psychotropia
8. Accelerating Universe
— Zugabe —
9. Asteroid
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