Živa pička (DVD)
Autor: Urban Bolta
Interpret: Let 3
Label: Dallas Records
Erschienen: 2008
Wertung: 3.5/5
Gut zwanzig Jahre nach der Gründung von Let 3 haben die Kroaten endlich beschlossen, ihr erstes Werk aufzunehmen, zu veröffentlichen und auf den Markt zu bringen – eines, bei dem der Sound von Bildern begleitet wird. Warum sage ich veröffentlichen und auf den Markt bringen – ist das nicht dasselbe? Let 3 haben sich schon im Jahr 2000 einen Stunt erlaubt und zwischen diesen beiden Verben eine große Trennlinie gezogen. In nur einem einzigen Exemplar haben sie das Album „Jedina“ veröffentlicht – da sie dieses Exemplar aber für sich behielten, war das Material darauf lange Zeit für niemanden zugänglich. Das ist nur einer der Streiche aus dem unerschöpflich tiefen Brunnen der Karriere von Let 3, und ein reicher Fundus solcher und anderer Dummheiten findet sich auch auf der DVD »Živa pička«.
Wer durch das Sieb kommt, das in Form von Mrles Adamskostüm auf der Rückseite der DVD-Hülle prangt, darf sich das Konzert ansehen, das am 14. Juni 2007 in der Hartera in Rijeka aufgenommen wurde. Die Wahl Rijekas als Aufnahmeort ist kein Zufall – es ist schließlich die Heimat von Let 3 und außerdem eine Rockerstadt mit starker Szene und reicher Rock-Tradition, aus der Let 3 einst entstanden sind und ihre Ideen schöpften. Die Aufnahmen vom Rijeka-Konzert werden zwischen den Songs durch Szenen unterbrochen, die backstage in der Hartera oder auf den Straßen quer durch Europa gedreht wurden. Auf der DVD befinden sich nämlich auch einige Aufnahmen, die bei Konzerten in Amsterdam, Hamburg und unserer Ljubljanaer Cvetličarna entstanden sind.
Let 3 wechseln während des Konzerts ständig ihre Kostüme – in ihrer Garderobe findet man tausend und eine verschiedene Kleidungsstücke: Matrosenmützen, Masken im Stil eines weiterentwickelten Peter Gabriel, Volkstrachten, Faschingskostüme im Teletubbie-Stil, Maulkörbe und Schnurrbärte – kurz gesagt alles, was in den Regalen eines durchschnittlichen Kaufhauses zu finden ist, einschließlich der Tierhandlung im Keller. Da bei Let 3 die Bühnenshow extrem wichtig ist und man die Gruppe erst damit als Ganzes begreifen kann, ist es vielleicht etwas überraschend, dass wir auf »Živa pička«, die die Atmosphäre eines Let 3-Konzerts in unser Wohnzimmer bringt, ganze zwanzig Jahre warten mussten. »Živi kurac«, das 1996 erschienene (Ton-)Konzertalbum, liefert dem Hörer nämlich nur eine Dimension der Let 3-Philosophie – das vollständige Gesicht dieser kroatischen Band bleibt ihm verborgen. Daher war es nur eine Frage der Zeit, wann »Živa pička«, die man als Erweiterung des vorherigen akustischen »Živi kurac« verstehen kann, erscheinen würde.
Die Analyse des Konzertrepertoires vom Rijeka-Konzert zeigt anschaulich das Herumirren der Kroaten in verschiedenen musikalischen Gewässern und die Suche nach einer eigenen Identität, die sie wohl wirklich niemals finden werden. Zu Beginn ihrer Karriere waren sie eingefleischte Alternative-Art-Rocker – »Fuck famiglia« oder »Ne trebam te« mit aufgedrehten Gitarren sind echte Kracher, Lichtblicke im Mix aller möglichen Sounds, den die Let 3-Songs mitbringen. Das volkstümliche »Zurle Treštat« oder »Sokol« bringen eine typisch balkanische Temperaments-Rock-Gaudi auf die Bühne, im Widerspruch zu den Werten des reichen Erbes des traditionellen Rocks. Dann sind da noch Songs wie »Kurcem u čelo«, in denen elektronische Klänge dominieren und die mit gesundem Rock-Denken rein gar nichts gemein haben. »Živa pička« bietet also einen Blick in das zwanzigjährige Erbe von Let 3, mit dem Schwerpunkt auf dem letzten Studioalbum »Bombardiranje Srbije i Čačka« (2005), während die früheren Alben (leider) zu sehr vernachlässigt werden. In der zwei Stunden langen Aufnahme ist eine Abkehr vom anfänglichen Alternativsound der Band spürbar, den sie schon in den Neunzigern durch eine allzu billige Mischung verschiedener Einflüsse zu ersetzen begann. Im Wirrwarr aller Sounds der Let 3-Musik stellt sogar absichtliches Pfuschen einen positiven Beitrag zum Gesamtklangbild dar, was für Anhänger auf der Suche nach musikalischer Perfektion mehr als nur ein abstoßendes Faktum sein kann. Bizarrheit und Irrsinn kennen bei Let 3 also weder in der Aufmachung noch in der Musik Grenzen, was sie vor allem bei freidenkender Jugend beliebt macht – das Gesicht eines älteren Besuchers mit Musiktoleranz-Schwellenwert in der ausverkauften Hartera zu finden, bleibt Mission Impossible. Die Atmosphäre ist während des gesamten Auftritts, vom ersten bis zum letzten Moment, ausgezeichnet – Let 3 besitzen eine außergewöhnliche Energie, die Band und Publikum zu einer einzigen Einheit verschmilzt, und für einen dynamischen Rhythmus sorgen auch zahlreiche Gäste, von Backgroundsängerinnen bis hin zu einem gemischten Chor. Die Hartera hat an jenem Tag, Mitte Juni 2007, gebebt und ist aus allen Nähten geplatzt!
»Živa pička« ist für den Bandfan ein goldwertiges Dokument, beim zufälligen Rock-Gourmand dagegen wird sie nicht lange im Player bleiben. Es bleibt aber die Tatsache, die ich nicht leugnen kann: Diese Fans gibt es in großer Zahl – denn gerade mit ihrem schrullig-bizarren Zugang zur Musik sind Let 3 ein eigenartiges Phänomen, das auf Konzerte in der Heimat eine enorme Zahl Vergnügungshungriger lockt.
Besetzung
Zoran Prodanovič „Prlja“ – Gesang
Dražen Baljak „Baljak“ – Gitarre
Matej Zec „Knki“ – Gitarre
Ivan Šarar „Faf“ – Keyboards, Samples
Damir Martinović „Mrle“ – Bassgitarre
Branko Kovačić „Husta“ – Schlagzeug
Produktion
Goran Lisica Fox
Trackliste
01. Rado ide Srbin u vojnike (pička)
02. Riječke pičke
03. Ne trebam te /el desperado/fuck famiglia
04. 999
05. Kontinentio
06. Alam iđazi
07. Mamne baneta
08. Ha ha ha
09. Profesor jakov
10. Dijete u vremenu
11. Nafta
12. Zurle treštat
13. Sokol
14. Ero s onoga svijeta
15. Drama
16. Kurcem u čelo
17. Splet
18. Droga
19. Ženu varam
20. Izgubljeni
21. Vjeran pas
22. Sam u vodi
23. Artemida
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