Zamee
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Zamee
Label: Celinka
Erschienen: 2015
Laufzeit: 50:44
Bewertung: 4.5/5
»Zamee« ist ein besonderes Projekt mit besonderem musikalischem Inhalt. Einzigartig. Seine beiden Initiatorinnen sind die Sängerinnen Nika Solce und Sabina Khan. Dieses slowenisch – indische Gespann, in das die beiden Sängerinnen völlig unerwartet, aber nicht zufällig hineingerieten (das heißt, diese Begegnung geschah mit Absicht), hat es geschafft, ein außerordentlich interessantes Album zu spinnen, das in seinem gegebenen Experimentierraum eine unglaubliche Verschmelzung zweier musikalischer Welten bietet. Jener, die aus unserem geografischen Raum stammt, und jener, die aus Indien kommt. Da aber auf dem Weg zwischen Slowenien und Indien auch noch der Balkan mit seinem Melos und seinen eindringlichen und stets anziehenden ungeraden Rhythmen liegt, haben beide Musikwelten jede Menge anziehender Kompatibilität mit den »Arabesken« gefunden, mit denen das Album »Zamee« folglich durchdrungen ist.
Wenn wir das Material durchstreifen, spannt es sich zwischen dem Prekmurje, Mazedonien und den ganzen Weg hin zu zigeunerhaften Sphären sowie traditionellen Sufi-Elementen der indischen Musik. Die Arrangements einiger gängiger Standards, wie das eröffnende Zrejlo je žito – ein äußerst beliebtes Stück in der Interpretation vieler Folk- und Ethno-Ensembles unserer Zeit und Region –, erhalten völlig einzigartige Konturen musikalischen Ausdrucks. Wenn sich in der ersten Hälfte dieses Stückes das Gesangsduett der beiden Sängerinnen entfaltet, bricht das Stück plötzlich in eine unerwartete, aber außerordentlich kompatible instrumentale Fortsetzung auf, die dem Stück durch den zigeunerhaft-arabischen Melos und das ungerade Rhythmusmuster eine völlig neue Dimension bzw. ein neues musikalisches Erlebnis einhaucht. Solcher »Fusions«-Tricks bedient sich das Kollektiv über das gesamte Album hinweg ständig und mit großem Gewinn, und das Album hört in diesem Experiment, durch plötzliche Wendungen nicht nur in motivischer, sondern auch in stimmungsmäßiger Hinsicht, nicht auf zu begeistern. Von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Werks ist der Hörer ständig beschäftigt und infolgedessen bezaubert von dem außerordentlich feinsinnigen Gang zwischen dem Experiment, das komplexe musikalische Strukturen einbringt (besonders auf der Ebene der Kommunikation der Instrumentalsektion des Kollektivs), und der unglaublichen Musikalität, die das Werk ständig effektiv aufrechthält. Dabei muss hervorgehoben werden, dass das mystisch gewiegte Album durchgehend mit brodelnden Gefühlen und Leidenschaften erfüllt ist, die ständig Übergänge von sehnsüchtigem Schmachten, bitterem Kummer, Einsamkeit und Schwermut aufeinanderfolgen lassen, um im nächsten Augenblick wieder voll übermütiger Verspieltheit, Heiterkeit und Lebensfreude zu sein, aber auch feierlicher Erhabenheit oder ernster Zurückhaltung. Tatsächlich ein ausgezeichneter Knochen zum Nagen – sowohl für all jene Gourmets, die von der Schönheit der vielen Nuancen der Weltmusik besessen sind, als auch für anspruchslosere Hörer, die in erster Linie darauf setzen, dass die Melodie sofort ins Ohr geht. All das ist triumphierend aufgefädelt und auf dem Album »Zamee« dargeboten.
Neben den beiden Sängerinnen, die mit ihren Vokalansätzen und Darbietungen schlicht vollständig faszinieren – mit ihrer Geschmeidigkeit, Einfühlungsvermögen, Sinnlichkeit, jungfräulicher Weichheit in den sensibelsten Teilen des Albums – und die in vielerlei Hinsicht häufig absolut im Mittelpunkt des Geschehens stehen (auch wenn sie in den Melodien nur die Hauptmelodie über die Motive einbringen), wäre das Album niemals so expressiv stark und überzeugend, wenn hinter den Sängerinnen nicht die außerordentliche Chemie der Bausteine des instrumentalen Teils des Klangbildes stünde, die ein außerordentliches Makramee der Musikalität sowie eine rhythmische Landschaft vollblütiger gegenseitiger Wahrnehmung und Verständigung erschafft. Auf jeden Fall wirst du auch mit malerischen solistischen Eskapaden nicht zu kurz kommen, die jedoch niemals den Vorrang in den Stücken übernehmen. Das Team hat also Feri Lainšček (Na koncu vsega, Ob bregu) und France Prešeren (Kam) vertont, eigene Kompositionen beigesteuert (Sayaa), vor allem aber sind die interessanten Punkte die Fusionen von Autorschaft mit traditionellem Volksmelos, wie die mazedonisch-indischen Kreuzungen Yaman – Mesečina und Marijo – Saaware sowie später noch die Zigeuner- und Sufi-Kreuzung Medeni kolači – Dum ali ali. Außerdem hat man sich in die Tiefen der mazedonischen Volksmusik begeben und bekannte Melodien hinzugefügt, die aus der indischen Filmwelt stammen.
Wie gesagt. Der Schlüssel zur außerordentlichen Lebendigkeit des Albums liegt nicht allein in der Auswahl der Stücke, die sich geografisch über den eurasischen Kontinent spannen, sondern in der Art und Weise des Herangehens an die Gestaltung der Arrangements und folglich an die Interpretation selbst, die das eigenständige und einzigartige musikalische Bild des Albums »Zamee« erschafft. An verspieltem Mut bei der Transformation einiger Volksstandards mangelt es der Gruppe nicht, und auf dem gesamten Album ist ein ausgeprägter darstellerischer Eifer zu spüren, mit dem die Mitglieder des Teams an die Sache herangehen. Die Band hat das Album im Salon za eno glasbo in Ljubljana aufgenommen. In einem intimen Rahmen, nach dem Vorbild eines Konzertauftritts. Ohne kosmetische Korrekturen und ohne nachträgliche (kitschige) potenzielle Studio-»Prothesen«. Das Album wirkt real, geerdet, atmet mit vollen Lungen das Wesentliche und ist in seinem Artismus ungezähmt provokativ.
Zur wirksamen Rezeptur musikalischer Einzigartigkeit hat gerade die Zusammenstellung der international bunten Palette an Musikern beigetragen, die neben Nika und Sabina noch Tablist Vinayak Netke, Akkordeonist Matija Solce, Gitarrist Tilen Stepišnik, Cellist Toby Kuhn und Perkussionist Žiga Šercer sind. Gerade diese individuellen Unterschiede in der Wahrnehmung der musikalischen Magie der einzelnen Mitglieder des Projekts Zamee und deren Verschmelzung zu einem malerischen Puzzle außerordentlicher Ausdruckskohärenz schaffen die Grundlage dafür, dass das Album folglich ein solches Maß an Ausdruckseinzigartigkeit erreicht.
»Zamee« ist eines der inhaltlich und visionär interessantesten Alben, was die Transformation bekannter Melodien aus der Welt der traditionellen Volksmusik in das Phänomen eines eigenständigen musikalischen Dossiers betrifft, das sich in letzter Zeit der malerischen Familie des kreativen Felds des Labels Celinka angeschlossen hat. Es handelt sich um ein Projekt, das keine Tabus kennt, das Unterschiede vereint, Barrieren bricht und keine kreative Beschränkung in der Welt der Musik kennt. Da das Album »geerdet« ist, bringt uns seine Vibration zurück zur Mutter Natur und zum Planeten Erde und weckt in uns positive Schwingungen, und damit erweitert und öffnet es unser Bewusstsein und unseren Glauben an das Gute, was dem Einzelnen hilft, emotional und spirituell zu reifen und zu wachsen. Ein Album, das wir in einer Zeit, in der unsere Seelen unterernährt und die Moral beraubt ist, schlicht brauchen. Wie eine Art Medizin, um uns dorthin zurückzubringen, woher wir gekommen sind. Zur Natur.
Zamee – Na koncu vsega:
Besetzung
Nika Solce – Gesang
Sabiha Khan – Gesang
Tilen Stepišnik – Gitarre
Toby Kuhn – Cello
Vinayak Netke – Tabla, Perkussion
Žiga Šercer – Perkussion
Produktion
Janez Križaj
Trackliste
1. Zrejlo je žito
2. Sayaa
3. Na koncu vsega
4. Kam
5. Yaman – Mesecina
6. Ob bregu
7. Marijo – Saaware
8. Prošeta se Jovka Kumanovka
9. Medeni kolač – Dum ali ali