Zagreber Vampirnacht (2010)
Autor: Aleš Podbrežnik
Ort: Boogaloo / Zagreb / Kroatien
Konzertdatum: 24.01.2010
Besucherzahl: 600
Kartenpreis: 22,00€
Das Jahr 2010, Januar! Eröffnung der neuen Saison des Konzertstreifens und der erste konkrete Ausflug außerhalb Sloweniens! Wo sonst als im Zagreber Club Boogaloo. Ein interessanter Abend, der vor allem jene anzog, die an den Sounds der alten Schule der zweiten Hälfte der Achtziger schwelgen — als auf dem Planeten die Begriffe Goth und Post-Punk erfunden wurden. Und die Fans dieser Musik haben auch diesmal wieder dafür gesorgt, dass sie beim Gang in den besagten Club den richtigen ausgefeilten Look draufhatten — der zum Ausdrucksarsenal der Treueschwur-Anhänger dieser Musikbewegung gehört, die irgendwie Anfang der Neunziger aus dem Blickfeld verschwunden ist.
Na gut, die Geschichte nicht überstrapazieren! Die Rede ist nämlich von The 69 Eyes! Den finnischen Glammern, die sich in eine Art Kreuzung zwischen den im ersten Absatz beschriebenen Rock-Elementen und dem LA-Glam-Underground à la Pretty Boy Floyd verwandelt haben. Den Jungs läuft’s in letzter Zeit richtig gut auf der Bühne. Oder anders gesagt: immer besser. Auf der Bühne sind sie keine Anfänger mehr, und das Album „Back In Blood“, das sie auf eine neue Promo-Tour — auch nach Zagreb — geführt hat, ist insgesamt ihr zehntes. Eine beneidenswerte Zahl, hinter der echte Kilometer stecken, die sie abgespult haben und auf denen sie so manche bittere Erfahrung gemacht haben — die sie aber allenfalls nur noch mehr in ihrem trotzigen Durchhalten bestärkt hat.
Der Konzertverbund mit den Vorgruppen Christian Death und Mandragora Scream, wie er an diesem Abend in Zagreb geplant war, begann mit der Absage des Auftritts von Christian Death. Den Grund kenne ich nicht, aber so wurde der Spaß etwas kürzer. Macht nichts. Unsere südlichen Nachbarn haben auch für solche Fälle ein Eisen im Feuer, mit dem sie die Sache schnell und konkret reparieren können. Sie ziehen das As namens Phantasmagoria aus der Tasche — und? Eigentlich konnte man sich diesmal kaum einen passenderen Act für die zusätzliche Vorgruppe vorstellen. Klar, wenn man nicht vor Bands wie Sisters Of Mercy, The Mission, Jesus And Mary Chain, Joy Division,… gespielt hätte. Phantasmagoria begannen ihren Auftritt um 20.00 Uhr und wärmten das Publikum eine halbe Stunde auf. Auch wenn die Band über 20 Jahre alt ist und aus erfahrenen Hasen besteht, war das meine erste Begegnung mit ihr. Neben der kompakten Darbietung des Materials ist den Bandmitgliedern glasklar, was den Geist der Authentizität stärkt, die man predigt. Der Look. Gotische Schwärze. Besonders die Hauptrolle spielte Tomi Phantasma, der damit die Überzeugungskraft seines Bühnenauftritts noch weiter festigte. Eine exzellente Performance, durchdachte Bewegungen, die den Eindruck vertieften, dass der Band absolut klar ist, was sie will und was sie mit ihrem Ausdruck den Massen mitteilen möchte. Der hervorragende Sound, mit dem die Jungs den Heimvorteil nutzten, wurde mit einer souveränen Darbietung der Bandklassiker gekrönt. Sound und Stil von Phantasmagoria verdanken Sisters Of Mercy eine Menge. Vor allem wegen der Verwendung programmierter Rhythmusmuster, aber auch wegen der Spielweise von Sänger Tomi und seinem vokalen Ansatz. Tiefer, gedunkelter Gesang, mit gelegentlichen Kehlrufen, die den Bedürfnissen nach Stimmungswechseln folgten! Die Band rundete ihren starken Auftritt — begleitet von einer ordentlichen Portion Nebelmaschine, ganz wie bei den Vorbildern The Sisters Of Mercy — mit einer Cover-Version des Idol-Klassikers White Wedding ab. Natürlich dem eigenen musikalischen Charakter entsprechend. Bleibt zu hoffen, dass die Band in Zukunft konkrete Schritte in Richtung Studioalbum unternimmt und dass ihr mehr als überzeugender Auftritt im Boogaloo kein Zufallstreffer war. Der Track Broken Mirror killt auch heute noch bis auf die Knochen!
Das italienische „trauernde“ Nightwish mit Dark-Rock-Schleier — wenn ich’s ein bisschen aufblasen darf —, Mandragora Scream, bauten die Atmosphäre dort auf, wo Phantasmagoria aufgehört hatten. Ein Quartett mit einer Sängerin, der auffällig geschminkten Zentralfigur der Band, Morgan Lacroix. Kreuzt die Erscheinung der Hexe Morgane Le Fay aus der Artus-Legende mit der unverbesserlichen Dalmatiner-Räuberin Cruella De Vil aus dem berühmten Disney-Zeichentrickfilm, und ihr kommt dem Bühnenauftritt der Mandragora Scream-Sängerin schon ziemlich nah. Das Quartett wirkte verspielt und lebendig, dank vor allem der Performance von Morgan, die die wichtigste Kommunikationsbrücke zwischen Band und Publikum darstellte. Die Band, die ihre Rhythmussektion kürzlich mit zwei neuen Mitgliedern aufgefrischt hat — Furyo (Schlagzeug) und Max River (Bass) —, präsentierte das neue Studioalbum mit dem Titel „Volturna“ (2009). Industrial-Elemente kann man beim Riffing jedenfalls hin und wieder nicht überhören. Viel Unterstützung bekommt die Band auch durch die zusätzliche Rhythmusprothese, erzeugt durch programmierten Sampling, über das die organischen Drums einfach strukturierte Grundgalopprhythmen hämmern. Weniger mystisches und „vampirisches“ Ambiente als bei den Vorgängern Phantasmagoria, obwohl Vampire ein fester Bestandteil der Mandragora Scream-Botschaft sind — was die saftige Eröffnung des Abends leider etwas „verflüchtigte“. Die Band spielte ihr Material solide runter und zeigte große Freude darüber, ihre Musik dem Zagreber Publikum präsentieren zu dürfen.
The 69 Eyes, eine von vielen finnischen Erfolgsgeschichten — vor allem im eigenen Land —, versammelten die Reihen vor der Bühne. Das Boogaloo erwachte endlich zum Leben, als die Band ihre Bühnenpositionen einnahm und mit dem bekannten Ansatz und Auftritt aufwartete, der im Kern dem klassischen melodischen Hard Rock das meiste verdankt — durch Zusätze aus dem Post-Punk der späten Achtziger aber ordentlich verändert bzw. oft „geschickt“ überdeckt ist. Durch die Melodie der Leitmotive oder Gitarrenornamente, die über die Grundform der Gitarrensätze gelegt werden — die meiste „Schuld“ an dieser doppelten Charaktereigenschaft trägt aber eigentlich die Bühnenerscheinung der charismatischen Figur des Sängers Jyrki 69. Einen ordentlichen Teil dieses Charakters borgt sich der Typ von Andrew Eldritch (Sisters Of Mercy) — Sonnenbrille, typische Frisur. Damit das klar ist: Diesen Typ von „Glam“ hat vor langer Zeit Keith Richards (The Rolling Stones) in die Welt der populären Rockmusik eingeführt, der sich dann in so manche Pore späterer Genreverzweigungen festgesetzt hat, die durch die Siebziger und weiter durch die Achtziger folgten (nicht wahr, Nikki Sixx?).
The 69 Eyes bewarben ihr neues Studiowerk „Back In Blood“ massiv. Besonders im ersten Teil wurde, wie schon zur Regel geworden, jede zweite Nummer des Repertoires abwechselnd durch Songs älteren Studioursprungs ersetzt. Aber das Album hat sich bis zu diesem Tag hervorragend beim kroatischen Publikum eingeprägt! In den Refrains machte die Menge mit und unterstützte die Band souverän. Trotzdem konnte man sich nicht des Gefühls einer strikten und eng definierten Routine erwehren, die durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage definiert wird. Also: Auftritt der Band mit strikter Professionalität und dem strikten Einsatz von Kalkül, das keinen überflüssigen Energieatom zulässt, für den kein zusätzlicher Cent kassiert wird. Deshalb bewundern The 69 Eyes vor allem jüngere Hörer, die diese Dinge in der Anfangsphase ihrer Karriere als Musikfans meist noch nicht erfassen können. Es zieht sie das „Vampirisieren“ mit Energie an, dazu der Look der rauen Jungs, die an Actionsuperhelden aus Computerspielen erinnern, durch die die Augen der jungen Generation heute die Welt virtualisieren.
Das Gespür für die Hauptmelodie, die Perfektion knallender Refrains — das ist bei The 69 Eyes zuhause. Daran ist nicht zu zweifeln, und die Songs wirken live noch eine Spur intensiver als auf den Studioversionen. So ist die skandinavische Wahrnehmung von allem in der Musik — weshalb sie in trivialen Zweigen wie zum Beispiel Punk nie wirklich heimisch waren. So passiert es oft, dass die Jungs einen aufgedrehten „Lordi-like“-Riff fahren, der mit ein bisschen kosmetischen Backing-Vocals im Refrain ganz anders zünden könnte — aber sie halten lieber inne und überlassen dem Gesang weiterhin die Autorität, der sich die tieferen „Iggy Pop“-Tonlagen schnappt und der grundlegende Träger des düster-mystischen Einflusses bleibt, der dem Hard-Rock-Erbe die gotische Hälfte des vampirischen Düstertums hinzufügt. Der Sound tadellos durch den ganzen Auftritt. Und doch. Das Ganze inklusive Zugabe kaum eine Stunde und zwanzig Minuten. Fast zum gleichen Preis bieten einem die gleich alten Graubärte namens Living Colour noch eine Stunde mehr Musik — was zeigt, wie verletzlich The 69 Eyes in ihrem Kern eigentlich sind. Verletzlich in musikalischem Talent und technischem Können. Deshalb ist auch die Setlist auf der Tour rigide „geschlossen“, abgeschlossen — und darf sich nicht ändern. Denn jede Form einer „größeren Turbulenz“ könnte die „Risse“ in der sonst gewohnten äußeren Kompaktheit und Kohäsion von The 69 Eyes sichtbar machen — mit der sie auch in Zagreb überzeugten, auch wenn die Routine der Band zentimeterbreit aus den Ohren herausragte.
Die hypnotische Atmosphäre aber, die sie schufen und auf der auch der Charakter der Vorgänger Phantasmagoria und Mandragora Scream basiert, war das, was jeden Zuhörer genau dahin mitnahm, wo er hinwollte. In diesem Zustand verstärken sich die einfachen Collagen der Klanggarnituren einzelner Bausteine — den Gesang eingeschlossen — zusätzlich, und das ist es, was auf dem Konzert mitreißt und überzeugt. Und bei The 69 Eyes hat dieser Faktor triumphierend funktioniert. Dafür musste er aber den ansonsten oft geradlinig angelegten Riffs der klassischen Hard-Rock-Schule etwas von ihrem Vorrang nehmen. Also, noch einmal zur Wiederholung. Gerissener Balanceakt an der Grenze zwischen zwei Ansätzen. Und das macht The 69 Eyes interessant. Gleichzeitig unterhaltsam und gleichzeitig schockierend. Gleichzeitig roh, aber mit blutbefleckten Reißzähnen. Auch wenn es nur eine Stunde und zwanzig Minuten waren — das Publikum überzeugten und begeisterten sie restlos.
Fotos: Martin Prezelj
Setlist
1. Back in Blood 2. Never Say Die 3. The Good, the Bad & the Undead 4. Dance D’Amour 5. Lips of Blood 6. Gothic Girl 7. Suspiria Snow White 8. The Chair 9. Kiss Me Undead 10. Wasting The Dawn 11. Feel Berlin 12. Hunger 13. Perfect Skin 14. Dead Girls Are Easy 15. Devils —Zugabe— 16. Brandon Lee 17. Lost Boys
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