Zabraneta planeta
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Bernays Propaganda
Label: Moonlee Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 37:45
Wertung: 4/5
Die mazedonischen Verteidiger der Alternativrock-Kultur Bernays Propaganda gelten mit der Durchdringungstiefe ihrer musikalischen Sprache zweifellos als eine der interessantesten Bands der jüngeren Generation und als eine der führenden Figuren beim Aufbau einer gesunden »underground«-Szene, die unter dem Dach des unabhängigen Labels Moonlee Records heranwächst.
Die Band schöpfte stets aus dem Erbe des Post-Punk (sogar »Shoegaze«) und der New-Wave-Rock-Kultur der Achtziger – und auch diesmal bleibt dieses Gefühl nicht aus. Die Grundlage der Musikphilosophie der Gruppe, begründet durch die Vorgänger »Happiness Machines« (2009) und »My Personal Holiday« (2010), bleibt auch mit dem neuen Werk erhalten. »Zabraneta planeta« (auf Deutsch: »Verbotener Planet«), das erste Album mit einem »heimelig-gefälligen« mazedonischen Titel, bringt einige Neuerungen. Die längere Pause, die zwischen dem vorigen und dem neuen Release verging, war definitiv willkommen, denn die neuen Ideen hatten genug Zeit, um in eine prägnant inspirierte Ausdrucksform zu reifen, die in ihrer Aussage frisch, abenteuerlich und künstlerisch provokant wirkt.
Das neue Album rockt härter als seine Vorgänger. Es trägt nämlich einen roheren, garagig-lebendigen und dynamischeren Sound. Die Gitarre wird im Klangbild noch besser eingesetzt, und der Gesang von Kristina Gorovska ist dadurch noch schöner »versunken« im rauschenden Widerhall der Gitarrenschichten des klanglichen Hintergrunds. Bei Bernays Propaganda hat die Gitarre nicht die Aufgabe, die Songstruktur durch ein Gitarrenmotiv (Riff) zusammenzuhalten – stattdessen wirkt sie im Vordergrund als effektive, stimmungsgeladene Raumfüllung im Klangbild! Im Vordergrund stehen sich zudem in vollem Kontrast der Gesang von Kristina Gorovska und die ihm gegenübergestellte, betonte Figur der straffen Rhythmen gegenüber, aufgeblasen und verdickt durch die scheppernde Kontur der Basslinien. Trotzdem hört selbst ein beiläufiges Ohr leicht heraus, dass die Gitarre auf dem neuen Album das reichhaltige Raumangebot noch einfallsreicher genutzt hat, um sprühende Lösungen zu finden, als das bei beiden früheren Alben der Gruppe der Fall war. Das gilt auch für die Momente, in denen sich die rauschenden Gitarrenlinien innerhalb desselben Motivs ineinander ergießen, was die atmosphärische Reichweite und die stimmungsmäßige Sogwirkung der Songs selbst vertieft.
Das Element, das als eines der attraktivsten gilt, wenn man über die Musik von Bernays Propaganda spricht, ist zweifellos die vokale Interpretation von Kristina Gorovska. Wie immer autoritär und in ihrer Diktion vollkommen souverän, bewahrt sie die bissige, trotzig-mädchenhafte Energie – diese zickige Art der vokalen Darbietung, die viele Male auch bewusst »abgehackte Verse« (ohne Bildung einer Gesangsmelodie) einschließt, kommt dem musikalisch-künstlerischen Profil der Gruppe enorm zugute.
Auch wenn das Post-Punk-Element nicht sofort in den Vordergrund tritt – wenn der Opener »Pogrešno zname« (auf Deutsch: »Falsche Fahne«) und danach »Makedonski son« (auf Deutsch: »Mazedonische Sonne«) erklingen –, dreht der einfache, tanzbar-schwingende rhythmische Groove der dritten Nummer »A Bone To The Dog« (mit Texten, die von Jack Londons Leben und Werk inspiriert sind) und ihr voluminöser Bass die Dinge wieder auf ihren Post-Punk-Platz. »Ćuvaj se od tie što te čuvaat« (auf Deutsch: »Hüte dich vor denen, die dich hüten«) wirkt in dieser Hinsicht noch geschmeidiger, und am deutlichsten sympathisiert der Titeltrack des Albums mit dem Post-Punk.
Die Band ist gereift, und das spürt man im Spiel selbst. Besonders in den mittleren Instrumentaleinlagen wirkt sie souveräner als je zuvor. Die Gitarreneinlagen sind durchdacht auf ausgewählte Positionen in den Songs gesetzt, mit dem Ziel, den »Groove«-Rhythmus und damit die Atmosphäre des Albums optimal zu stärken. Das neue Album bringt auch mehr Agilität im Schlagzeugspiel mit, was sich in der spürbar satter ausgestalteten Fülle der einzelnen Übergänge innerhalb der Songs niederschlägt.
Unter den Songs des neuen Albums ist es wert, den abschließenden »Leb i igri« (auf Deutsch: »Brot und Spiele«) besonders hervorzuheben. Das ist ein Track, bei dem sich die Band die meisten Abenteuer in der Welt des musikalischen Experiments gegönnt hat – in der Fixierung verschiedener Rhythmen, dem daraus resultierenden Einsatz verschiedener Atmosphären, dem Übereinanderlegen unterschiedlich rauschender »Klangebenen« von Gitarrenphrasen. Die rhythmischen Strukturen hat Bernays Propaganda in diesem Track zusätzlich mit Perkussion verstärkt, dazu kommt ein Einschub eines frenetischen Bläsergeflechts gegen Ende des Songs – und zugleich hat dieser Track die Finesse der Spontaneität und des unvorhersehbaren Verlaufs eingefangen. Es ist ein Song ohne die typische »Strophe-Refrain«-Abfolge, der sich stattdessen motivisch von Anfang bis Ende ständig wandelt. Das ist ein ausgezeichneter Abschluss, der auf der Hand »die Verdorbenheit der Manipulation der herrschenden Zirkusanten zeichnet, die die Lenkbarkeit der Massen mühelos kontrollieren«. Zugleich kann dieser Track eine Ankündigung der potenziellen musikalischen Weiterentwicklung der Gruppe sein.
»Zabraneta planeta« gilt als exzellentes Album, das minimalistisch geschnitten ist, bei dem diese Minimalismen aber durchdacht zu einem Ganzen voller Wirkung verwoben sind. Alle Bausteine der Geschichte des Albums »Zabraneta planeta« sind optimal hervorgehoben und koexistieren ausgewogen in der Klanglandschaft. Die Hauptattraktion bleibt auch auf dem neuen Album vor allem die vokale Interpretation von Kristina. Sie bewahrt die Schärfe und Ungezügeltheit und bringt zugleich wieder jenes dringend benötigte Element der rebellischen Verweigerung und Absage mit. Mit dem dritten Album gewinnt der Gesang von Kristina Gorovska an charakterlicher Bedeutung – er ist das grundlegende Fundament der eigenständigen musikalischen Persönlichkeit der Gruppe. Das bedeutet: Nimmt man ihn weg, bricht das Grundgerüst des musikalischen Ausdrucks der Gruppe zusammen. Der Gesang funktioniert einzigartig – und vor allem ist einmal mehr klar, dass am stärksten wieder die Lieder zünden, die auf Mazedonisch gesungen sind. An diesen Punkten erreicht das musikalische Ausdrucksvokabular von Bernays Propaganda das größte Maß an Authentizität.
Mit dem neuen Album ist nach dem weniger überzeugenden Vorgänger »My Personal Holiday, die kreative Frische in die Band zurückgekehrt. »Zabraneta planeta« gilt als das bisher reifste und ausgefeilteste Manifest der einzigartigen musikalischen Erscheinung der Gruppe, und mit ihm hat die Band auch die Herausforderung des musikalischen Experiments erfolgreich bestanden und die neue Studioprüfung mit Auszeichnung abgelegt.
Besetzung
Kristina Gorovska – Gesang
Vasko Atanasoski – Gitarre
Nenad Trifunovski – Bassgitarre
Džano Kuc – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Jugoslav Stojčeski – Perkussion auf Track Nr. 2 und 9
Saša Pavlović – Programmierung, Soundeffekte auf Track Nr. 9
Vladan Trobicki – Posaune auf Track Nr. 9
Vasko Bojadžinski – Saxofon auf Track Nr. 9
Panče Bujukliev – Synthesizer auf Track Nr. 9
Produktion
Ivica Jankulovski
Trackliste
1. Pogrešno zname
2. Makedonski son
3. A Bone to the Dog
4. Bar kultura
5. Čuvaj se od tie što te čuvaat
6. Zabraneta Planeta
7. Ordinary Toy
8. Dodeka krstot ne go zgasne
9. Leb i igri