Y&T haben Bologna niedergebrannt! (2008)

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Ort: Estragon klub / Bologna / Italien
Konzertdatum: 15.05.2008
Besucherzahl: 200
Ticketpreis: 20,00€

Yesss! Die einzige und nächstgelegene Gelegenheit für jemanden aus Slowenien, die Hardrock-Legenden Y&T live zu erleben, gab es in Bologna. Es war der dritte Tag meines dreitägigen Trips nach Italien, und ich spürte schon ordentlich die Last der durchwachten Nächte, die sich hinterrücks auf meinen Schultern aufsummierten, dazu natürlich die gefahrenen Kilometer. Gegen 18.00 Uhr ging es im Estragon klub schon ziemlich lustig zu. Y&T waren mitten im Bühnenaufbau für ihren Auftritt, und während ich draußen vor dem Club herumlungerte, konnte ich dem „Soundcheck“ von Y&T und den zwei italienischen Vorbands lauschen und mir so die langen Minuten vertreiben, bis sich die Türen des Estragon (kurz nach acht am Abend) auch offiziell öffneten.

Um 20.30 Uhr fingen die italienischen Hardrocker Planet Hard an, die wenigen Leute im Saal aufzuwärmen. Man merkte, dass die Jungs noch ziemlich frisch dabei sind. Vor allem der Sänger stakste etwas unbehaglich über die Bühne und hüpfte immer wieder schüchtern aus dem Zoom meiner Canon G-7 Knipse. Die Herren hatten für ihre halbe Stunde einen sehr anständigen Sound, präsentierten ihren süßlich-melodischen Hardrock, spielten technisch richtig schön und sauber. Aber der Haken liegt natürlich im Wiedererkennungswert. Ein bisschen mehr Energie für einen frecheren Auftritt auf der Bühne hätte definitiv nicht geschadet. Die Songs, denen live noch der richtige Energiefluss fehlte, können in Zukunft noch ordentlich wachsen, und Planet Hard haben das Potenzial, sich weiterzuentwickeln und ihren Bon-Jovi-artigen Expressionismus auf ein höheres Level zu heben. Das Problem ist nur der Wiedererkennungswert, mit dem sich viele junge Bands herumschlagen, die sich für Hardrock entscheiden.

Als Zweite betraten Markonee die Bühne, von deren Gig ich einen Teil verpasst habe, weil ich in der Zeit gerade das Interview mit Mr. Dave Meniketti (Y&T) führte. Auch diese Jungs aus Bologna greifen sehr gern zu den Traditionen des AOR-Hardrock-Purismus à la Def Leppard. Anders als bei Planet Hard merkt man, dass Markonee schon länger auf Konzertbühnen unterwegs sind. Im Vergleich zu ihren Vorgängern legten sie deshalb einen deutlich überzeugenderen, energiegeladeneren Auftritt hin. Die Herren haben 2006 ihr Studiodebüt „The Spirit of Radio“ veröffentlicht, davon spielten sie aber nur Loved Land. Mit diesem Song beendeten sie ihre 40 Minuten. Wer die Band kennt, war kein bisschen überrascht, als sie sich an eine Parodie auf den Song Motori von Divlje Jagode machte, den sie in ihrer Version Marconi nennen. Dazu kam noch etwas neues Material, das sie mit den Songs Cross Between The Lines, See The Thunder, Brand New Day, Native American, The Big „K“ vorstellten. Das Quintett wirkt auf der Bühne souverän und selbstbewusst und hat eine ordentliche Portion Hardrock-Dynamit. Das Problem ist natürlich dasselbe wie bei den Vorgängern Planet Hard. Der Wiedererkennungswert. Live sind jüngere Bands, die sich stark auf das „schon Erfundene“ stützen, noch interessant, während ihre Studioalben mangels Wiedererkennungswert eine ganz andere Geschichte sein können, die ziemlich langweilen kann.

Gegen 22.00 Uhr war Zeit für ein Fassbier. Birra piccola heißt wörtlich „Italienerchen“ – oder fachlich gesagt: ein PVC-Becherchen mit zwei Deziliter gemahlenem Hopfen. Für drei Euro habe ich mir eins gegönnt, in dem Glauben, ich bekäme 3 dl. Falsch gedacht. Das große Bier fasst dagegen 4 dl und kostet fünf Eier. Wieder ein komischer Geschmack, was bestätigte, dass Italien halt kein Land des Fassbiers ist.

Y&T ließen sich ziemlich lange Zeit, vielleicht in der Hoffnung, dass sich der Saal doch noch ein bisschen füllt. Satte 40 Minuten Warterei später zeigte die Uhr 22.30, und endlich stürmten die Herren die Bühne mit Hurricane (Album „Earthshaker“). Es war wirklich eine große Ehre, Y&T auf der Bühne zu sehen! Die Band tourt zwar seit 2003 wieder jedes Jahr durch Europa, aber man muss schon Glück haben, dass es nicht nur Norddeutschland, Skandinavien und Großbritannien ist. Chef und Anführer, der hervorragende Gitarrist Dave Meniketti, wirkte extrem heiß, als könnte er es kaum erwarten, auf der Bühne zu stehen. Links von ihm leistete ihm sein langjähriger Bandkumpel Phil Kennemore Gesellschaft, hinter den Drums drosch und flatterte Mike Vanderhule, und rechts von Frontmann Meniketti stand die wahre Überraschung des Abends. Gitarrist Stef Burns, der nur für dieses eine Konzert in Bologna zur Band gestoßen war. Das war ein einmaliger Moment. Meniketti erzählte, ihr Gitarrist John Nymann habe den Auftritt in Bologna mit Y&T absagen müssen, weil er dringend zurück in die USA musste, wegen unaufschiebbarer Verpflichtungen gegenüber seiner Familie. Wie gerufen, denn in Bologna wohnt Stef Burns. Es brauchte nur einen Anruf. Was hat Burns überhaupt mit Y&T zu tun? Er hat mit ihnen als Bandmitglied in zehn Jahren 4 Studioalben aufgenommen, aktuell ist er Gitarrist bei Huey & The News und beim italienischen Star, dem einen und einzigen, erlauchten Vasco Rossi. Wahrscheinlich hatte der Veranstalter heimlich damit gerechnet, dass wegen Rossis Burns diesmal deutlich mehr italienische Musikfans zu Y&T ins Estragon kommen würden, aber da hat er sich leider verrechnet. Kaum 200 Leute fanden den Weg in eine Halle, die nach Augenmaß so um die 2000 fasst.

Den Wechsel bei Y&T merkte man überhaupt nicht. Burns wirkte in der Truppe, als wäre er nie nicht Teil davon gewesen. Sogar das Bühnenspiel mit Meniketti, wenn die beiden Schulter an Schulter Duelle in doppelten Terzharmonien spielten, wirkte unglaublich eingespielt. Die Band machte mit Black Tiger weiter und legte das hervorragende Contagious nach. Die erste Überraschung des Abends folgte mit Go For The Throat („Open Fire“, 1985).

Trotz der geringen Besucherzahl hockten in den ersten Reihen echte, eingefleischte Fans der Band, die das Repertoire draufhatten und die Zeilen mit Meniketti mitsangen. So zündeten vor allem die klassischen Hardrock-Brecher, die im Y&T-Repertoire auf keinen Fall fehlen dürfen: Mean Streak, Midnight In Tokyo, Rescue Me, Summertime Girls, mit einem fantastischen Solo-Intro von Stef Burns, das abschließende Forever und als Zugabe Open Fire. Die hat das Volk während des Konzerts buchstäblich lauthals von der Band gefordert.

Die Band verlagerte den Großteil des Repertoires auf ihre goldenen Achtziger, und zwar war „Earthshaker“ das am stärksten vertretene Album (4 Songs) mit dem einmaligen Schlusssong I Believe In You in der Zugabe, dahinter folgten die Alben „Contagious,“ „Black Tiger“ und „Down For The Count“ mit je drei Songs, während vom wohl besten Album „Mean Streak“ nur zwei Songs gespielt wurden. Die Band hat ihr eigenes Repertoire praktisch quer durch alle Alben durchgelüftet, mit Ausnahme der ersten beiden und des letzten, „Endangered Species“ (1997).

Der Sound war während des Auftritts fantastisch. Die Herren spielten mit voller Kraft, herausragend war vor allem Dave Meniketti, der mit seinen fanatischen Solo-Einlagen alles in Brand setzte, bei denen besonders das unglaubliche Gefühl und die Kontrolle über das Instrument zur Geltung kamen, und in diesen Solo-Passagen funkelte vor allem das Blues-Element der Authentizität, das ein wichtiger Teil von Menikettis musikalischem Ausdruck ist. Der Mann hat sich während des Konzerts selbst durchgeschwitzt. Ein Grund mehr dafür ist natürlich sein Gesang. Meniketti hat immer noch eine unglaublich gut erhaltene und frische Stimme. Kraftvoll, mit großem Umfang, entschlossen und autoritär. Meniketti kommt stark aus dem Blues und ist ein extrem überzeugender Gitarrist, wenn es um den Riff und zündende, kompakte Soli geht, aber wenn er dann noch den Mund aufmacht, ist sofort klar, was eine Besetzung wie Y&T braucht, um auf der Bühne komplett zu zünden. Dieses Meniketti-Dynamit ist unverzichtbar für die Essenz der Band.

Sogar der vielseitige Gitarrenzauberer Stef Burns, der technisch deutlich besser drauf ist als Dave Meniketti, sagte an einem Punkt des Konzerts scherzhaft: „Tonight I’m in my Malcolm Young version.“ Das hieß, dass der Kerl diesmal eben die Rolle der zweiten Gitarre hatte. Trotzdem bekam er vor Summertime Girls seine fünf Minuten, um in einer Solo-Nummer sein reiches Repertoire zu zeigen, das er als Musiker im kleinen Finger hat.

Y&T machten im Estragon volle zwei Stunden und 10 Minuten Randale. Eine hervorragende Setlist, ein dynamitgeladenes Konzert, ein mitgehendes Publikum vor der Bühne, vor allem aber spürte man, dass die Band Bock aufs Spielen hat. Viel Spielen und viel Live-Auftreten. Meniketti soloierte ein paarmal so hingebungsvoll, dass man das Gefühl bekommen konnte, er wolle gar nicht mehr aufhören mit den Soli. Die Jungs gaben maximal Gas, eröffneten das Feuer, entfachten einen echten Hurrikan in der Halle und bestätigten in gut zwei Stunden, dass diese abgehärteten alten Füchse immer noch frisch und ungezähmt wirken. Sie spielten mit voller Kraft vor einer praktisch leeren Halle und konnten sich kaum von der Bühne verabschieden.

Nach dem Konzert kamen die Jungs an den Stand mit dem offiziellen Merch, wo sie für die Besucher zu haben waren. Sie verteilten Autogramme, und Dave warf unter die Leute noch ein paar Plektren, die ihm übrig geblieben waren. Es war nämlich das erste, letzte und einzige Italien-Konzert dieser Y&T-Europatour. Und nicht nur das letzte in Italien, sondern das letzte in Europa. Die Jungs versprechen, schon im September dieses Jahres wiederzukommen. Hoffen wir, dass es klappt, denn sie wirken beflügelt und heiß aufs Spielen. Das Konzert in Bologna war praktisch fehlerfrei, geladen mit echter hoher Rock-Spannung und Energie. Genau deswegen sind wir an diesem Abend ins Estragon gekommen. Y&T bleiben auch danach makellos. Es fehlt nur noch ein neues Studioalbum der Band. Summa summarum war das Konzert von Y&T  in Bologna eines der besten Konzerte, die ich in der ersten Hälfte von 2008 erlebt habe. Der Auftritt hat vor allem wegen dieser Authentizität und Echtheit überzeugt, die das Quartett so intensiv und glaubwürdig ausstrahlt, wenn es sich sein Repertoire live vornimmt. Überall herrschte nur echte, edle Rock-Energie der charismatischen und immer noch unbeugsamen Rocker Y&T!

Setlist Y&T:

1. Hurricane
2. Black Tiger
3. Contagious
4. Go For The Throat
5. Dirty Girl
6. Meanstreak
7. Eyes Of A Stranger
8. Fly Away
9. Don’t Stop Runnin‘
10. Midnight In Tokyo
11. Ten Lovers
12. Anything For Money
13. Pretty Prison
14. Rescue Me
15. Summertime Girls
16. I’ll Cry For You
17. Looks Like Trouble
18. Squeeze
19. Forever
—Zugabe—
20. Open Fire
21. I Believe In You

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