Your Funeral… My Trial
Künstler: Nick Cave
Label: Mute Records
Veröffentlichung: 1986
Laufzeit: 46:06
Bewertung: 4/5
Obwohl Caves künstlerischer Blickwinkel – oder besser gesagt sein Ansatz – meilenweit von jedem Anzeichen entfernt ist, das darauf hindeuten würde, dass der Mann überhaupt kommerziell erfolgreich sein will, gelang es dem Cover-Album „Kicking Against The Pricks“ zur großen Überraschung der Gruppe, genau den gegenteiligen Effekt zu erzielen. Es bedeutete den Durchbruch beim breiten Musikpublikum, denn es erntete außergewöhnliche Anerkennung.
„Your Funeral… My Trial“ wirkt wie das Zwillingsalbum zu „Kicking Against The Pricks“ (1986). Die Energie darauf ist sehr ähnlich, was vor allem Nick Caves Unbekümmertheit zu verdanken ist, die Coverversionen auf „Kicking Against The Pricks“ nicht so zu interpretieren, wie es die Originalautoren tun. Das Album „Kicking Against The Pricks“ allein könnte so sogar einen Unaufmerksamen täuschen, da dieser denken würde, es handle sich um ein Album mit Caves eigenen Kompositionen – so eigenwillig ist Caves musikalischer Expressionismus. In seiner Einzigartigkeit unglaublich stark, überzeugend und für den neugierigen Hörer stets verführerisch aktuell.
Nick Cave ist der definitive musikalische „Sonderling“. Seine Vorbilder, die er schon als kleiner Knirps gehört hat – von Bob Dylan über Leonard Cohen, Johnny Cash bis hin zu den Meistern von Blues, Americana, Surf und Gospel – werden durch das künstlerische Prisma seines Ausdrucks in einer so verzerrten Manier destilliert, dass bereits dieser musikalisch-expressionistische Moment des Einzigartigen und Unwiederholbaren in jeder Hinsicht faszinierend ist. Cave, der in dieser Zeit tief in der Heroinsucht versunken war, bietet erneut ein Album, das von einer erdrückenden Atmosphäre gesättigt ist, in der man die Sonnenstrahlen an einer Hand abzählen kann. Die Basis ist jedenfalls wieder die Verbindung minimalistischer Motive, die in der Produktion so ins Monumentale gesteigert werden, dass sie bunte, klangreiche und in jeder Hinsicht kontrastreiche Collagen bilden. Oft bilden im musikalischen Sinne nur Schlagzeug und Keyboards die Hintergrundkulisse, oder nur eine rhythmisch sich wiederholende Schleife mit einem ebenso repetitiven Gitarrenmotiv. Doch das reicht für Caves Ansatz völlig aus, der eher an lange Rezitationen erinnert als an melodisch ausgearbeitete Vokallinien. Und genau hier ist Cave stets am stärksten und am zugänglichsten. Oft sind die persönlichen Gefühle des Künstlers in eine paranoid-schizophrene, eindringliche Narration gehüllt, bei der der Hörer das Gefühl bekommt, Cave verliere buchstäblich den Verstand. Die Gruppe unterstreicht diesen Moment meisterhaft an einzelnen Stellen des Albums, indem sie melodische Gesangslinien einreiht, die mit Phasenversatz nachhallen und damit eine einzigartige Form der Harmonisierung bilden sowie eine Art Unterstützung, die als zusätzlicher Teil der Klangkulisse im Hintergrund fungiert und das erschreckende, düstere, hoffnungslos beengte Gefühl noch vertieft. Letzteres ist der eigentliche Widerschein der dunklen Zeiten, durch die sich Caves Seele in dieser Periode kämpfte.
Es gibt acht Songs. Alle ausgesprochen verschieden, alle ausgesprochen einzigartig und in ihrem Ausdruck unverwechselbar. In dieser Zeit mussten die Jungs offenbar unter einem Mangel an sexueller Aktivität gelitten haben, denn viele Verse ertränken sich in Caves sexistischen Ausbrüchen. Das Herzstück des Albums ist The Carny. Ganz einfach. Darin ist Cave mit der Gruppe ausdrucksstärker als je zuvor. Die Gefühle, die sie ausdrücken, berühren selbst das sterilste, frigidste und emotional verkrüppeltste Herz! Darin ist Cave furchteinflößend, unnachgiebig, wenn er endlose Todesfelder aneinanderreiht. Nick Cave verwandelt sich in einen Kabarett-Zeremonienmeister, begleitet von einer gruseligen, sich wiederholenden Melodie, die in Stimmungen wogt und deren Wogen sich tosend aufschäumen, im nächsten Moment aber völlig auflösen können, während der Hauptsteuermann in jedem Augenblick natürlich der verblüffend echte Prediger Nick Cave bleibt. The Carny ist eingebettet zwischen dem eröffnenden Sad Waters, wo die Orgeln eine leichte Brise der „Dylanismen“ einweben, und dem Titelsong – die eigentlich die am schnellsten zugänglichen Momente der Platte sind, da sie melodisch verführerische Hauptmotive besitzen. Das südstaatliche Gitarrenmuster in Jack’s Shadow schießt dich direkt in die brennende Sonne des Wilden Westens, wo die Sonne deinen eigenen Schatten abschält und in dem sich Seele und Körper in der Selbsterkenntnis vollständig entblößen, bereit für eine vollständige Transformation. Cave vertieft auf dem Album „Your Funeral… My Trial“ seinen Ansatz der Versgestaltung durch Verzerrung der Heiligen Schrift noch weiter. Erotik, Tod, Verdammnis, die Ironie der Selbsterkenntnis – all das durchzieht das Album von Anfang bis Ende. In Hard On For Love ist Cave geradezu bewusst irritierend und nervig, wenn seine sich wiederholenden Diktate stufenweise wogen und in einem abschließenden, extrem lauten Crescendo kulminieren. Danach folgt das wieder ruhigere She Fell Away, das stark mit Nick Caves Beziehung zu Anita Lane verknüpft ist. Dieser Song weckt völlig gegensätzliche Gefühle verglichen mit dem Vorgänger – Hard On For Love –, denn hier wird besonders Caves subtilere, tiefgründigere Ausdrucksseite betont, die durch eine betonte Kontrolle an den Instrumenten ins Monumentale gehoben wird. Dieses Geflecht der Klangkulisse baut (erneut) der Minimalismus auf, jedoch mit einer reichen Schichtung der Klangebenen einzelner Bausteine, die eine dichte Harmonie erzeugen. Auch auf dem Album „Your Funeral… My Trial“ sind die grundlegenden Gefühle Beklemmung und Trauer. Das abschließende Long Time Man ist ein Cover von Tim Rose, das im finalen Teil des Albums sogar einen Hauch rockiger Ausgelassenheit besitzt, während Cave bis zur letzten Sekunde des Albums verblüffend geerdet und seiner einzigartigen und unverkennbaren, (unnachgiebig) fanatischen Predigt zu 100 % ergeben bleibt.
„Your Funeral… My Trial“ ist das erste Album, mit dem Nick Cave sich endgültig eine solide und verlässliche Plattform zementiert hat, auf der er seine Karriere vollkommen entspannt weiter aufbauen konnte. Schließlich auch im kommerziellen Sinne. „Your Funeral… My Trial“ bedeutete gleichzeitig auch den Punkt, an dem Cave mit seiner Vision sesshaft wurde, und den Punkt, von dem aus es nicht schwer ist, Caves ausdrucksmäßige Entwicklungslinien bis einschließlich des Albums „Dig!!! Lazarus Dig!!!“ (2008) nachzuverfolgen. „Your Funeral… My Trial“ hat als Album, das eigentlich ohne Vorgaben, ohne im Voraus vorbereitetes Konzept entstand, also genau den gegenteiligen Effekt erzielt. Als die Gruppe noch darauf wartete, dass die fertig bearbeiteten Aufnahmen von Melbourne nach Berlin kamen, und darauf wartete, bis alles für die Veröffentlichung des Albums „Kicking Against The Pricks“ bereit sein würde, zog sich dieses Warten hin. Es war Sommer 1986. Da Nick und seine Leute nichts Sinnvolleres zu tun hatten, machten sie sich daran, in dieser Zeit neues Material zu schreiben und aufzunehmen. So entstand das Album „Your Funeral… My Trial“ eigentlich völlig spontan, ohne Planung und natürlich ohne Erwartungen. Die Gruppe, unter dem Eindruck der Coverversionen einiger Originale, die auf „Kicking Against The Pricks“ versammelt sind, reifte schnell heran, und „Your Funeral… My Trial“ wirkt als drittes Studioalbum von Nick Cave am ausgereiftesten und bis dahin künstlerisch-stilistisch am klarsten definiert.
Besetzung
Nick Cave – Gesang, Hammond
Blixa Bargeld – Gitarre
Mick Harvey – Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Xylophon, Orgel
Barry Adamson – Bassgitarre
Thomas Wydler – Schlagzeug
Produktion
Flood & Tony Cohen
Trackliste
1. Sad Waters
2. Carny
3. Your Funeral My Trial
4. Stranger Than Kindness
5. Jacks Shadow
6. Hard On For Love
7. She Fell Away
8. Long Time Man