XXV
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Pallas
Label: Mascot Records
Erscheinungsjahr: 2011
Wertung: 5/5
In den letzten Jahren erschaffen einige Bands aus der Rockwelt mit großem Feuereifer Alben, mit denen sie die größten Errungenschaften ihrer Karriere fortsetzen wollen. Dieser Trend galt bis vor Kurzem hauptsächlich für Heavy-Metal-Bands, setzt sich nun aber offensichtlich auch im Progressive Rock durch. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich auch die kultigen schottischen Neo-Prog-Rocker Pallas zu einem solchen Schritt entschließen würden – und mit „XXV“ haben sie beschlossen, den konzeptuellen Nachfolger ihres meistgeschätzten Albums „The Sentinel“ (1984) zu schaffen.
Bei solchen Experimenten sind in der Regel nur zwei Ausgänge möglich, wobei (fast ohne Ausnahme) eine Fortsetzung die Qualität des Vorgängers nie übertrifft, besonders wenn sie mehr als zwei Jahrzehnte später erscheint – totaler Reinfall oder passable Fortsetzung. „XXV“ fällt in die letztere Kategorie und gehört damit neben dem Vorgänger „The Dreams Of Men“ (2005) zu den drei besten Studioergebnissen in der Geschichte der Band – wozu sicherlich die Tatsache beigetragen hat, dass es sich nur um eine konzeptuelle Fortsetzung handelt und nicht auch um eine musikalische, was natürlich völlig anachronistisch und antiprogressiv wirken würde, also im Widerspruch zur kompositorischen Philosophie der Band stünde.
Vor der Veröffentlichung dieses Albums standen Pallas mitten in einem wichtigen Wandel, denn nach 26 Jahren verließ ihr langjähriger Sänger Alan Reed die Band. Als Ersatz fanden sie Paul MacKie, der zuvor vor allem durch seinen Beitrag zum populären Videospiel Grand Theft Auto bekannt war. Das war zweifellos ein äußerst gewagter Schritt, aber doch nur einer von vielen, die die Band in ihrer über dreißigjährigen Karriere gemacht hat. Glücklicherweise hat MacKie, wie sein Beitrag auf „XXV“ beweist, das Vertrauen als Nachfolger des charismatischen Reed vollauf gerechtfertigt. Seine Stimmfarbe ähnelt an manchen Stellen sogar ein wenig der seines Vorgängers, was bedeutet, dass er genauso dramatisch und theatralisch sein kann. Bei Ausdrücken von Zorn ist er sogar noch überzeugender als Reed, was auf diesem Album sehr wichtig ist, da es sich um eines der dunkelsten und auch tiefgründigsten Pallas-Werke bisher handelt.
„XXV“ enthält nämlich ein apokalyptisches Konzept, das die direkte Fortsetzung des Albums „The Sentinel“ darstellt, wo der Hörer Zeuge des Untergangs der uralten Zivilisationen von Atlantis und Lemurien war. Beide menschlichen Zivilisationen waren eigentlich Nebenprodukte außerirdischer Wesen, die vor fünfundzwanzigtausend Jahren auf unserem Planeten landeten. Die mächtigen, hochtechnologischen Zivilisationen sind in einem vernichtenden Krieg zugrunde gegangen, doch die Katastrophe überlebte die Armee mechanischer Konstrukte mit hochentwickelter künstlicher Intelligenz, angeführt vom rätselhaften Wächter, dem führenden Vertreter der Außerirdischen, der zurückblieb, um die Menschheit vor möglichen Katastrophen beziehungsweise deren Wiederholung zu warnen und zu schützen. Der Wächter ruhte in den Jahrhunderten nach dem Untergang von Atlantis und beobachtete aufmerksam das Geschehen, ohne sich in einzelne Ereignisse und Konflikte einzumischen, als die Menschheit begann, sich langsam wieder aus dem Schlamm ihrer eigenen Nichtigkeit emporzuheben …um dann wieder darin zu versinken.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts droht der Menschheit erneut die Vernichtung in einem Krieg zwischen den führenden Zivilisationen des Westens und des Ostens, während beide Koreas und der Nahe Osten in Flammen stehen. Der Wächter, den manche naiv als den lang ersehnten Messias bezeichnen, ist erneut aktiv geworden und beschließt, dass es Zeit ist einzugreifen. Ein Schlüsselereignis stellt der Terroranschlag auf den UNO-Palast dar. Trotz seiner Warnungen, die Waffen niederzulegen und die Zivilisation auf neuen Grundlagen aufzubauen (er bietet ihnen unter anderem sogar seine Hilfe an, um die Menschheit in ein goldenes Zeitalter ohne jegliche Konflikte zu führen), bleiben die Weltführer taub, weshalb er beschließt, Ordnung zu schaffen und die verdorbene Menschheit mit seiner mechanischen, technologisch weit überlegenen Armee zu bestrafen, bevor diese sich in grenzenloser Arroganz gegenseitig um die Vorherrschaft auf dem Planeten aufreiben würde – denn sein außerirdischer Verstand hat erkannt, dass der Mensch sein eigener größter Feind ist und der Planet sicherer sein wird, wenn ihn nach der Apokalypse eine neue Rasse von Maschinen beschützt, bis der Entwicklungszyklus der Menschheit von vorne beginnt (und schließlich einmal mit einem positiven Ergebnis endet).
„Falling Down“ ist ein bombastischer, fast aggressiver Einstieg ins Album, der gleichzeitig eine Brücke zwischen „The Sentinel“ und „XXV“ schlägt. Man könnte sagen, es ist das Testfeld für MacKies Gesang, mit dem er sofort überzeugt, dass Pallas einen weiteren Sänger mit breiter emotionaler Ausdrucksstärke gewonnen haben. Neben der hervorragenden Gesangsdarbietung stechen die Becken-Crashes in der Regie von Colin Fraser hervor, während Niall Mathewson nicht an dramatischen Gitarrenpassagen spart. Die verzweigten Synthesizer-Texturen, angeführt von einem fantastischen Solo aus dem Reich von Ronnie Brown, steigern die lebhafte und optimistische Atmosphäre, die in vollkommenem Widerspruch zum apokalyptischen Text steht.
Das ist kaum zu glauben, aber „Crah And Burn“ ist noch ein knallhärteres Stück als sein Vorgänger. Besonders begeistert der komplexe Instrumentalteil mit einer echten Schlagzeugkatastrophe und einer Kanonade geschliffener Gitarrenphrasen, begleitet von einer energiegeladenen Schicht Hammond-Orgeln. Dieser Track stellt einen wichtigen konzeptuellen Moment dar, als die Armee des Wächters beschließt, das Flugzeug abzuschießen, mit dem die verängstigten Weltführer von einer UNO-Konferenz fliehen, um der unvermeidlichen Katastrophe zu entgehen.
Die Dinge beruhigen sich für kurze Zeit auf dem ätherischen „Something In The Deep“, wo Pallas uns in die Tiefen des Ozeans führen, wo der Wächter eine verlassene atlantische Basis wiederentdeckt, in der sich nützliche Technologie für seine Pläne zur Rettung der Menschheit befindet. Ambient-Synthesizer-Schichten schaffen eine friedliche Atmosphäre und demonstrieren dabei die subtile, oft weniger erkundete Seite der Band.
„Monster“ ist eine äußerst düstere Schöpfung, was besonders für den Text gilt, der klar aufzeigt, warum die Menschheit immer mehr dem Untergang entgegensteuert. Die treibenden Gitarrenphrasen werden von Pauls aufgewühltem Gesang unterstrichen und steigern so die angespannte Atmosphäre der Paranoia und der Erwartung des Endes. Zur emotionalen Intensität trägt auch Nialls weinendes Gitarrensolo wesentlich bei.
„The Alien Messiah“ gehört mit seiner orientalischen Atmosphäre zweifellos zu den Höhepunkten des Albums. Hier offenbart sich der Wächter erstmals der Weltöffentlichkeit und hält seine Rede vor den Pyramiden von Gizeh. Tausende von Jugendlichen erklären ihn zum Messias und pilgern nach Ägypten, um ihm zuzuhören. Das Ganze klingt, auch dank zahlreicher Ambient-Samples, wirklich wie ein großes Konzertfestival vor einem der Weltwunder. Die Komposition gewinnt von Minute zu Minute an Intensität, wozu der energiegeladene Gesang und die metallisch geschliffene Gitarrenphrase entscheidend beitragen. Paul hat seine gesprochene Predigt in nahezu makelloser ‚BBC‘-Englisch vorgetragen, was für einen Schotten nicht gerade eine alltägliche Leistung ist.
„XXV Part 1“ stellt den Schlüsselmoment des Albums dar, wenn die Menschheit das Angebot des Wächters auf ein Paradies auf Erden ablehnt und sich dafür entscheidet, mit ihrer Bosheit weiterzumachen. Unter anderem kann sie sich nicht auf seinen wohlmeinenden Vorschlag von fünfundzwanzig ehrlichen und unbestechlichen Führern einigen, die sie in ein goldenes Zeitalter führen würden (daher auch der Titel des Albums). Dies ist eine weitere Komposition von außerordentlich hoher Intensität mit exzellentem, emotionalem Gesang und majestätischen sinfonischen Arrangements. Das treibende „Young God“ ist von aggressiver Stimmung durchdrungen, da dem Wächter die Geduld ausgegangen ist und er der menschlichen Verdorbenheit die Todesstunde verkündet hat. Die Komposition enthält zahlreiche Kontraste – von flinken Tastatureskapaden bis hin zu brutalen Gitarrenphrasen, über die sich der aufgewühlte Gesang ergießt.
Auf dem hartgesottenen Rocker „Sacrifice“ dominieren ein galoppierender Rhythmus und ein zugespitztes Gitarrenriff durch eine kompakte Melodie. Die Menschheit beschließt hier, trotz der Sinnlosigkeit ihrer Versuche gegen die atlantische Technologie zu kämpfen. „Blackwood“ ist ein ambienter Instrumentaltrack mit begleitenden weiblichen Vokalharmonien von Melissa Allan und gleichzeitig eine Einleitung zur wunderschönen Ballade „Violet Sky“, in der die Menschheit schließlich erkennt, dass sie ihre letzte Chance verpasst hat und jetzt alles vorbei ist. Die Klügeren finden Trost darin, ihre letzten Momente der Existenz mit den Liebsten zu verbringen. Die wunderschöne Melodie auf dem Jazz-Klavier und Pauls emotionale Gesangsdarbietung katapultieren sie in die Liste der schönsten Prog-Rock-Balladen aller Zeiten.
„XXV Part 2“ stellt das apokalyptische Finale dar, wenn alle Hoffnung für die Menschheit erloschen ist und der Wächter mithilfe fortgeschrittener Technologie beschließt, alle Sauerstoffvorräte auf der Erde zu erschöpfen. Mächtige Synthesizer-Vorhänge, feinfühlige Klavierarrangements, herzzerreißender Gesang sowie Nialls Erneuerung und Erweiterung des Gitarrensolos aus dem „The Sentinel“-Klassiker „Rise And Fall“ sorgen für einen phänomenalen Abschluss eines in jeder Hinsicht hervorragenden Albums.
Die musikalische Ankündigung der Apokalypse hat schon lange nicht mehr so gut geklungen wie auf „XXV“. Die neu aufgestellten Pallas haben den richtigen Schachzug gemacht, als sie sich zur rechten Zeit dazu entschlossen haben, die Fortsetzung ihres größten Meisterwerks aufzunehmen. Das Album ist eine anschauliche Demonstration, dass sie nach dem erfolgreichen Sängerwechsel wieder voller Elan und frischer Ideen sind – umso bedauerlicher, dass „XXV“ außerhalb der Prog-Rock-Welt wohl kaum größere Resonanz finden wird. Pallas haben sich sechsundzwanzig Jahre lang gefestigt und sind nun endlich auf jenes Qualitätsniveau zurückgekehrt, auf das ihre Anhänger viele Jahre lang geduldig gewartet haben. Es ist kaum zu glauben, dass dies erst ihr sechstes Studioalbum ist, aber wer die Vergangenheit der Band kennt, wird sich erinnern, welches Pech sie noch viele Jahre nach der Veröffentlichung von „The Sentinel“ begleitete. Damit ist jetzt Schluss, denn „XXV“ stellt den Vorboten einer neuen Ära der gestärkten Pallas dar.
Besetzung
Paul Mackie – Gesang
Graeme Murray – Bassgitarre, Begleitgesang
Niall Mathewson – Gitarre
Ronnie Brown – Keyboards, Begleitgesang
Colin Fraser – Schlagzeug, Begleitgesang
Produktion
Pallas
Trackliste
1. Falling Down
2. Crash And Burn
3. Something In The Deep
4. Monster
5. The Alien Messiah
6. XXV [part 1]
7. Young God
8. Sacrifice
9. Blackwood
10. Violet Sky
11. XXV [part 2]