X-Tension
Künstler: Biss
Label: Metal Heaven
Release: 2006
Das hier ist astreiner Hard n‘ Heavy Rock. Deutsche Schule. Rohe Produktion, direkte und simple Riffs und eine Prise Melodie. Aber wirklich nur eine Prise, ohne übertriebene Ausflüge in die Gewässer von Pomp und Bombast. Nach vorn geschobene Gitarren, ein erhalten gebliebener Live-Sound, betonte Kontraste zwischen den Instrumenten, eine pulsierende Basslinie und ein explosiv abgemischtes Schlagzeug, das gern auf Power-Metal-Tricks wie die Doppelfußmaschine zurückgreift. Typisch deutsch, typisch teutonisch, ein Tritt direkt zwischen die Augen, ohne Make-up (bestes Beispiel: Born To Ride)!
Am Mikro steht Marc Storace (Krokus), auf gut Deutsch also der „Schweizer Biff Biford“, obwohl er ursprünglich Malteser ist. Jetzt sind wir nur noch einen Steinwurf vom Stil entfernt. Stell dir zum Einstieg die alten Haudegen von Accept oder Saxon vor (mit Storace am Gesang geht auch Krokus).
Die Platte öffnet sich nach einem fiesen Intro nicht anders als düster. Biss versuchen sofort und auf allzu offensichtliche, auffällige Weise, die Gruseligkeit von Alice Cooper einzubringen, was schon in den Texten der Strophen selbst deutlich wird, genauso wie im „zitternd kriechenden“ Gesangsansatz. Die dick „abgehackten“ Linien erinnern dagegen an einen urzeitlichen Helloween-Trick aus dem Song Dr. Stein.
„X-Tension“ kennt keine großen Links-rechts-Kurven. Einen interessanten Dynamikschub bringt die witzige Coverversion von Barracuda (im Original von Heart), während Blood On The Sand verdächtig nach Sinner klingt. Kein Wunder, denn mitgeschrieben hat ihn Matt Sinner, Boss von Sinner und Bassist bei Primal Fear. Schon der Opener ist leicht mit den typischen Terz-Harmonien ausgestattet, von wo aus es auch zu Thin Lizzy nicht mehr weit ist. In Shout It Out etwa liebäugeln die Jungs im Refrain nach den Gesangsharmonien flüchtig mit den „Kniffen“ des melodischen Hard Rock von Bands wie Frontline oder Evidence One.
Bei Biss ziehen die Gitarrenmagneten giftig an, und das ganze Ding ist gefährlich glühend wie der heißeste Stahl. Und trotzdem können sich Biss nur schwer von den genannten Klischees lösen. Man spürt viel zu stark die Einflüsse der anderen erwähnten Bands, und auch „X-Tension“ ersäuft irgendwie im Meer des Durchschnitts. Schade, denn ansonsten ist das Album durchweg mit Eiern und unter Volldampf gespielt. Auch der gelegentliche Einsatz von Halbtönen, um eine „düstere“ Atmosphäre zu erzeugen, ist kein willkommener Schachzug, denn Storaces Gesang kommt an diesen Stellen nicht zum Leben – ihm liegt in erster Linie das Herumschlängeln in weiten melodischen Falsett-Bereichen, was Biss über den Großteil des neuen Materials ja auch fleißig ausgenutzt haben, und diese Beobachtung wird zusätzlich dadurch bestätigt, dass im Midtempo-Stück Train Of Thoughts mit ganz klaren melodischen Linien eine überzeugend düstere Atmosphäre entsteht.
„X-Tension“ ist vor allem ein Album der Stereotype, stark inspiriert vom verknöcherten deutschen Heavy Metal der Achtziger à la Grave Digger, Accept, Sinner. Als hätten sich Biss auch nach dem vierten Anlauf, trotz eines etwas schärferen Gesamtsounds im Vergleich zum Vorgänger „Face Off“ (2005), noch immer nicht ganz entschieden, was sie eigentlich genau wollen.
Besetzung
Marc Storace – Gesang
Ralf „Doc“ Heyne – Gitarre
Lars Bilke – Bass
Carsten Witte – Schlagzeug
Produktion
Michael Voss
Tracklist
1. Run For Your Life (5:43)
2. V Card (4:00)
3. Always (4:22)
4. Shout It Out (3:39)
5. Barracuda (4:01)
6. Eagle (4:10)
7. Born To Ride (3:45)
8. Blood On Sand (3:46)
9. Train Of Thoughts (4:29)
10. Catch 22 (4:15)
Spielzeit: 42.10