X-Mass Death Jazz

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Panzerballett
Label: Gentle Art Of Music
Erscheinungsjahr: 2017
Spielzeit: 69:25
Wertung: 4.5/5

Gibt es auf diesem Planeten musikalisch gesehen gerade irgendjemanden, der noch abgedrehter ist als Panzerballet? Positiv abgedreht. Das Münchner Quintett, das schon vor einer Reihe von Jahren mit unerbittlicher Lautstärke auf all seine unverkennbaren artistischen Eigenheiten aufmerksam machte, trägt nach wie vor das Etikett einer der luzidsten Bands überhaupt, wenn es um das Phänomen der Parodie geht. Panzerballet kann man »beim ersten Hinhören« nicht ernst nehmen. Wirklich? Nicht ganz. Das ist nämlich genau der mögliche Fehler, den dir dein assoziativer Hörkortex beim oberflächlichen Zuhören spielen kann. Denn Panzerballet sind im selben Atemzug, in dem sie im Glanz äußerster Luzidität einen bestimmten musikalischen Standard parodieren, gleichzeitig auch eine der technisch versiertesten, ausgefeiltesten und genial durchgeknallten Bands, bei denen das Attribut der Avantgarde auf alles passt, was Panzerballet konzeptuell unternehmen – wie ein Schlüssel ins Schloss. Panzerballet sind die Botschafter des neuen Progressive. Es ist unglaublich, wohin dieses Genre in den letzten Jahren gesprungen ist, was für sich allein schon auf die Notwendigkeit einer neuen Auffrischung der bestehenden Genre-Systematik in der Musik hindeutet.

Diesmal haben sich Panzerballet also der Bearbeitung von acht Weihnachtsstandards angenommen, sie gnadenlos zerstückelt, obligatorisch mit mehreren Kreuzrhythmen unterlegt, einer Unmenge atonaler Figuren, unbestimmter Jazzvariationen, und da wir von Metal reden, dem obligatorischen tiefer gestimmten, modisch-ästhetischen »Djent«-Gedröhne – womit sie »Progressivität« heraufbeschwören. Kurzum. Mit ihren Aktionen außergewöhnlicher technischer Profilierung und konzeptueller Vielschichtigkeit bringen Panzerballet den Hörer buchstäblich durcheinander. Die Wellen dissonanter Verflechtung und die Erschaffung eines chaotischen motivischen Widerspruchs sind bewusst integrierte Züge, und die Komposition wirkt in solchen Momenten, als würde sie auf ganzer Linie auseinanderfallen. Doch schon im nächsten Augenblick begegnet die Band einer motivisch greifbaren »Ordnungsliebe«.

Die Bandmitglieder sind in den Kompositionen wieder so aufgestellt, dass sie einander durchgehend den freien Weg ins Reich des (gelinde gesagt) improvisatorischen Auslebens öffnen. Es muss nicht extra betont werden, dass die Elemente des Unvorhersehbaren und Spontanen wieder klar in die Entwicklung der Kompositionen eingebettet sind. Man weiß nämlich nie, was einen beim nächsten motivischen und rhythmischen Schritt eines bestimmten Stücks »erschüttert und aufwühlt«. Saxophonsoli ergießen sich plötzlich in Abschnitte, in denen das Bassgezupfe in den Vordergrund tritt, das wiederum von witzigen Gitarrensoli abgelöst wird, die sich von metallischem Klang bis hin zu völlig reinen Tönen bewegen.

Auf dem Album gibt es eine Unmenge von Gesangsgastauftritten prominenter Musikernamen, denen abgefahrene Figuren in der Musikwelt alles andere als fremd sind. Allen voran Mike Keneally, bekannt dafür, dass er einst mit Frank Zappa zusammengearbeitet hat; ein weiterer Durchgeknallter seiner Art, nur in seine eigene Richtung, ist Matthias »IA« Eklund, der im einleitenden White Christmas ein gemischtes Vokalduett mit Jen Majura teilt. Bei Eklund nur so viel: Der Mann ist ein unglaublicher Gitarrist, der in Sachen Geschwindigkeit selbst Steve Vai hinter sich lässt. Die übrigen Gäste sind unten aufgeführt. Und wo wir schon bei den Vocals sind: Diese erfüllen wieder eher eine Orientierungsfunktion, was nützlich ist, falls man sich in der transformierten Version des Originals »verliert« und nicht mehr weiß, welchen Weihnachtsstandard man eigentlich gerade hört. Aber diese Vokalmelodien (»Rudolphs rote Nase« usw.…) ahmen keineswegs Bing Crosby, Frank Sinatra oder Dean Martin nach, sondern sprechen den Hörer auf ganz andere Weise an. Stell dir eine Zeit ohne Internet vor, das Farbfernsehen war gerade erst im Kommen, irgendwann um 1960, als du z. B. in der Weihnachtszeit den Friseur besuchtest, um dich herauszuputzen, und er während seiner Arbeit nebenbei eine der bekannten Weihnachtsmelodien pfiff und vor sich hin summte. Kurzum, nicht weniger luzide als der instrumentale Teil dieses Albums.

Im Grunde bringt Panzerballet auf diesem Album nichts, was nicht schon früher gesagt worden wäre. Nur eine Reihe neuer Bearbeitungen, an die sie sich in ihrer Karriere noch nie zuvor gewagt haben – weshalb das Album »X Mass Death Jazz« auch etwas ganz Besonderes, völlig Eigenständiges und vor allem schlicht Fantastisches ist, das nicht aufhört zu unterhalten und zu begeistern. Wenn du Fan dieser Band bist und ein musikalischer Gourmet, den in erster Linie das instrumentale Wahnsinnstreiben im musikalischen Experimentieren anzieht, dann muss es in deine Sammlung.  

Das ist Jazz! Buchstäblich metallischer Jazz, der dich maßlos erfreuen wird – nicht nur in den Stunden rund um Weihnachten, sondern auch sonst. Wann immer du ihn auflegen wirst. Panzerballet bleiben die unvergleichlichen musikalischen Verrückten. Die Band hat sich mit dieser musikalischen Ausrichtung enorm beliebt gemacht bei Musikenthusiasten, die für ihre Ohren nur das Beste verlangen. Als Illustration sei gesagt, dass die Band das Album »X-Mass Death Jazz« auf ihrer letzten Herbst-Winter-Tournee durch Europa restlos ausverkauft hat. Das Album erschien Ende November 2017, doch als wir Panzerballet im Dezember letzten Jahres in Graz sahen, waren die Vorräte an Exemplaren bereits erschöpft.

Besetzung

an Zehrfeld – Gitarre
Joe Doblhofer – Gitarre
Alexander Von Hagre – Tenorsaxophon
Heiko Jung – Bassgitarre
Sebastian Lanser – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Jen Majura – Gesang auf Track Nr. 1
Mattias „IA“ Eklundh – Gesang auf Track Nr. 1 und Nr. 6
Martin Strasser – Gesang auf Track Nr. 4
Mike Keneally – Gesang auf Track Nr. 8
Steffan Kummerer – Gesang auf Track Nr. 8

Produktion

Jan Zehrfeld & Josy Friebel

Trackliste

01 White Christmas
02 Kling, Glöckchen
03 Little Drummer Boy
04 Es kommt bald
05 Last Christmas
06 Rudolph, The Red-Nosed Reindeer
07 For Whom The Jingle Bells Toll
08 Let It Snow

BONUS-TRACKS (Instrumentalversionen): 
09 White Christmas 
10 Rudolph, The Red-Nosed Reindeer
11 Es kommt bald 
12 Let It Snow

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