World Through My Eyes
Künstler: RPWL
Label: SPV Records
Veröffentlichung: 2005
Bewertung: 3.5/5
RPWL? So einen dämlichen Namen habe ich schon lange nicht mehr gehört. Er setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der (Gründungs-!)Mitglieder der Band zusammen (Risettion Postl Wallner Lung). Als würde die Besetzung vom Debüt ewig halten! Von wegen! Es gab ja schon Wechsel, und der Name müsste jetzt eigentlich MEWL lauten. Na ja, lassen wir das beiseite. Was bietet die Platte mit dem ansonsten ziemlich abgenudelten Titel? Beim Blick aufs Cover würde man wie aus der Kanone geschossen tippen, dass es sich um totale Psychedeliker handelt. Ganz so ist es aber nicht. Am Anfang waren die Jungs eine „kleine Pink Floyd Coverband“. Schon die ersten beiden Platten haben ihnen den undankbaren Ruf einer Pink-Floyd-Kopie eingebracht. Und das ist ein ziemlich schlechtes Rüstzeug für den weiteren Durchbruch. Doch die vierte, „World Through My Eyes“, überrascht bei all dem gewaltigen Wandel in den neuen Direktiven der Band.
Das schlägt sich im Material selbst nieder, von dem wir jetzt ohne Umschweife sagen können, dass es keine Pink-Floyd-Nachahmung ist, sondern ein eigenes, stilistisch erkennbares Bündel aus zehn Songs, die ausgereift und klanglich satt sind und in denen die Band keine Sekunde lang den roten Faden verliert – im Sinne von: Die Musik lässt nie an Fluss oder Atmosphäre nach, weil irgendwelche seltsamen Kombinationen aus der Abfolge der gewählten Motive darin stecken (die gibt es nicht!), und würde deshalb im Ausdruck nicht überzeugen. Als wäre die Band durch einen kleinen Tod gegangen, aus den Resten neu gewachsen und hätte sich in eine Einheit verwandelt, die selbst denken kann. Jetzt sind RPWL praktisch zum ersten Mal auf eigenen Beinen gelaufen.
Was sonst noch an Pink Floyd erinnert, ist Langs samtiger „gilmourscher“ Gesang und stellenweise (wirklich nur stellenweise!) die Gitarre, und zwar nach ein paar Glissando-Weisen…ansonsten liegt der Fortschritt und der Unterschied zu den früheren Studioarbeiten in den frischen Gitarrenarrangements, die endlich und endgültig ihr eigenes Ding sind! Eine andere Sache ist die Integration des neuen Schlagzeugers Manfred Müller in die Band, der zu einem technisch viel ausgefeilteren und abwechslungsreicheren Drumming beigetragen hat, dem RPWL in hohem Maße etwas zu verdanken haben, denn so klingen sie noch moderner!
Die Band hat auch ein wenig Hinduismus in die Musik gepackt, worauf gleich der von Tabla getragene „Beat“ des Openers Sleep hinweist, und was die Verbindung bzw. Fusion angeht, ist eines der schönsten Abenteuer genau im Titelsong eingefangen, wo sich Sitar und Tabla herrlich in die sonstigen Prog-Rock-Ansichten der Band einfügen. Die Keyboards sorgen für die Füllung des Klangbilds und verleihen ihm wunderschöne Tiefe und Ausdruckskraft. Die Motive sind hörbar gut zusammengesetzt, rauschen flüssig durch die Ohren und knüpfen ebenso flüssig aneinander an. Außerdem streut die Band meisterhaft allerlei Synth-Verzierungen in die Arrangements, die für Stimmung sorgen. Es gibt auch ein paar beeindruckende Duelle zwischen Gitarre und Keyboards (Titelsong), die die Nummern aber nie „nerven“. Ebenso haben RPWL einen außergewöhnlichen Sinn fürs Arrangieren mehrstimmiger Harmonien, die im Refrain des Titelsongs besonders ausdrucksstark ausfallen. Die Produktion ist klar und behält trotz aller Sauberkeit und Ausgewogenheit eine enorme Fülle und saftige Lebendigkeit. Die Grundform von RPWL stammt dagegen von The Beatles (Everything Was Not Enough, dann das Intro zu Three Lights). Three Lights springt im Motiv zum „beatlesken“ Across The Universe, ansonsten fahren RPWL den ganzen Song sehr unvorhersehbar durch, denn im weiteren Verlauf wird er mit fantastisch gesetzten Soli und Motivwechseln durch den instrumentalen Mittel- und Schlussteil gewürzt. Verträumt schräg, aber mit viel mehr Bodenhaftung als irgendwelche extraterrestrischen Yes (in den Siebzigern). Also ist nicht alles nur Sonnenschein, es gibt auch den harten Alltag. Day On My Pillow ruft unter allen Stücken am überzeugendsten nach einer Wiederbelebung des Prog Rock der Siebziger.
RPWL sind typische Prediger, die sich in „grüner Zunge“ ausdrücken. In Bound To Reach The End erwecken sie ihre apokalyptische Vision mit kunstvoll eingestreuten Versen zum Leben, in denen sie sagen, selig seien jene, denen es gegeben ist, im Herzen keine Feiglinge zu sein und sich genug zu erheben, um durch eine Offenbarung bedingungslose Liebe in ihrem Herzen zu finden (eine Handvoll), während die anderen gemeinsam im Abgrund der Selbstzerstörung versinken werden (die Mehrheit). Heute ist so eine Predigt noch wichtiger angesichts dieser völlig durchgedrehten westlichen Welt und der Tyrannei der USA. Ansonsten besingen RPWL Lobeshymnen auf Mutter Erde und die Natur und freuen sich mit ihr (Sea – Nature). Sie suchen den Kontakt zur Natur, der für das verrückte Menschlein von heute, bewaffnet mit allen möglichen Roboterapparaturen, die die Bedürfnisse seines Alltags stillen, längst Vergangenheit geworden ist. Und wenn das Menschlein heute doch mal Zeit für einen Ausflug findet, ist das oft nur der sonntägliche Besuch in Janković‘ neuzeitlichen Tempeln.
Roses ist ein besonderer Song, der problemlos als Single erscheinen könnte und nur das außergewöhnliche Talent der Band beweist. Er hat einen modernen „Beat Drive“, und das Stück hebt als Ganzes förmlich ab. Auf den Vocals dieses Songs gastiert Ray Wilson (letzter und ultimativer Sänger der legendären Genesis). Die Gitarren sind in der Produktion etwas in den Hintergrund gerückt, bedienen sich aber neben Glissando-Sprüngen stellenweise auch eines Motivs, das etwa an das „floydsche“ Take It Back erinnert. Zur hohen Atmosphäre trägt hervorragend der Weltraumsound der Synthesizer bei. Besonders ausdrucksstark ist der melancholische Refrain. Eine ähnliche Atmosphäre hat der Song Wasted Land. Wo nun ein englischer Muttersprachler nur bei einem einzigen Song ans Mikro kommt, fällt auf der anderen Seite Langs unglücklicher Akzent bei der Betonung des Englischen umso stärker auf. Also: Der einzige Schwachpunkt der Platte ist das englische Singen. Zischlaute sind eben eine härtere Nummer, und z. B. das Wort „direction“ wird statt richtig „dajrekschn“ mit einem „hartnäckigen“ „tsch“ als „dajrektschn“ gesungen. Das nimmt dem Werk den Ernst.
Diese Anmerkung verblasst bei aller Klasse aber fast völlig. Die Band hat nämlich endlich laufen gelernt. Die Bemerkungen über Kopieren sind sinnlos geworden, deshalb ist „World Through My Eyes“ eine sehr wichtige Leistung für die Band. Das ist jetzt eigentlich der wahre Anfang. RPWL verbergen sicher noch das ganze musikalische Potenzial, und „World Through My Eyes“ ist damit noch nicht der Höhepunkt ihres Weges. In Zukunft muss der Akzent noch geschliffen werden, damit er englischer klingt, ansonsten ist die Platte im Ganzen eine super Sache. Kein progressives Meisterwerk, aber eine sehr, sehr schöne Platte, die geschmackvoll durch die Ohren flutscht und sie meisterhaft durchmassiert. „World Through My Eyes“ ist eine schöne Mischung aus hochambienten Melodien in wunderschöner Konversation mit der Poesie friedensbewegter Predigt, selbstbewusst und entschlossen umgesetzt, was von hoher Intelligenz der Band zeugt. Und in Zukunft können wir noch mehr erwarten. Vielleicht legt sich die Band ja auch endlich einen „coolen“ Namen zu, statt der jetzigen Chiffre, an der man sich die Zunge brechen kann. Also eine Platte für Leute, die Pink Floyd vermissen! „World Through My Eyes“ ist eine hervorragende Extraktion der Formen des „floydschen“ Erbes durch eine eigene Sprache im Original und deshalb eine besondere Platte, die so manchen von euch überraschen wird.
Besetzung
Yogi Lang – Gesang, Keyboards
Karlheinz Wallner – Gitarre
Stephan Ebner – Bass
Manfred Müller – Schlagzeug
Besonderer Gast:
Ray Wilson – Gesang bei ‚Roses‘
Tracklist
1. Sleep (7:11)
2. Start the fire (5:02)
3. Everything was not Enough (8:43)
4. Roses (6:36)
5. Three Lights (8:30)
6. Sea-Nature (8:21)
7. Day on my Pillow (4:23)
8. World through my Eyes (10:14)
9. Wasted Land (4:52)
10. Bound to reach the End (6:56)
Bonustrack der Special Edition:
11. New Stars (6:30)
Spielzeit des Albums: 70:50