Wilder Heep-Stampede in Ternitz (2011)

0 6

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ternitz / Stadthalle Ternitz / Österreich
Konzertdatum: 13.05.2011
Besucherzahl: 1300
Kartenpreis: 30,90€

So läuft das, wenn Uriah Heep auf eine neue Europatournee gehen und mindestens drei Konzerttermine relativ nah an Slowenien bestätigen. Da muss man eben alle drei Konzerte mitnehmen. Nach dem aufgedrehten Herumkutschieren, aufgeputschten Nächten voller Adrenalinhatz und grenzenloser Freuden, wie sie das Königreich des Rock-’n‘-Roll-Vergnügens kennt, und nicht zuletzt, nachdem die RockLine-Crew Uriah Heep in Wien am 12.05.2011 und am Tag darauf in Leoben besucht hatte, folgte das dritte Kapitel. Der blitzschnelle Einmarsch ins österreichische Ternitz!

Ternitz ist ein kleines Industriestädtchen unweit der größeren Stadt Neunkirchen in Niederösterreich. Nach der Übernachtung in Leoben folgte ein Vormittag des Umherstreifens durch Österreich. Nichts Weltbewegendes. Rückfahrt nach Graz und ein Besuch im dortigen Media Markt, einem Laden mit einem ordentlichen CD-Sortiment, wo im Gegensatz zum ausgedünnten und trotz aller Einwände auf Kosten der Kunden korrupt ausgerichteten  CD-Angebot in Slowenien die Preise irgendwann wenigstens kräftig sinken.

Ankunft in Ternitz. Empfangen von einem heftigen Schauer, der die schwüle Luft abkühlt und die lästigen Fliegen davon jagt. Der blaue Bus mit Anhänger, der Uriah Heep auf dieser Tournee transportiert, steht bereits brav auf dem Hof der Stadthalle geparkt! Auch der Kebab (wie er halt war) hat gut geschmeckt, und die Gleichgültigkeit gegenüber den Bierkrügen ließ sich natürlich auch nicht verbergen. Die Zeit verging schnell, um acht Uhr waren wir in der Halle. Parkettboden, ziemlich niedrige Decke, Balkon über dem Parkett. Die Halle ist klein – mit Stühlen passen vielleicht 1500 Leute rein. Es roch nach einem eher intimen Charakter. Und so war es auch.

Kein so üppig und dicht gefülltes Haus wie in Wien und Leoben, aber trotzdem war ordentlich was los. Rund 1200 Köpfe. Das Publikum war ganz anders als in Wien. Die Leute glichen sich viel mehr untereinander, was bedeutete, dass sie aus der Umgebung von Ternitz zum Konzert gepilgert waren. Weniger fein und weniger geschliffen, ohne die vornehmen Gesichter, wie man sie in Wien zu sehen bekam. Und dementsprechend ein Publikum, das dem Heben von Bierkrügen umso zugänglicher war. Noch vor dem Konzert schwankten bereits beachtlich viele Beine unter dem Gewicht alkoholischer Derivate, was zweifellos überaus amüsant anzuschauen war.  Die lokale Vorband hinterließ erneut keinerlei Eindruck. Bei wenig überzeugenden Coverversionen von Led Zeppelin-Songs wie Black Dog und Rock N‘ Roll war klar, dass der Sänger noch nicht so recht weiß, was es bedeutet, „aus den Eiern“ zu singen. Wie ich es auch drehe, ich darf nicht negativ wirken. Die Jungs müssen ermutigt werden. Aber diesmal drückten wohl nur etwaige Verwandte, die zum Anfeuern ins Konzert gekommen waren, und enge Freunde die Daumen für sie. Den Übrigen stahlen sie bloß die Zeit.

Für einen slowenischen Beobachter, der sich auf einem solchen Schauplatz wiederfindet, gibt es noch etwas Interessantes an all dem. Anders als das slowenische Publikum, das nach Maßgabe medialer Manipulation beim anmaßenden Hochjubeln einzelner Künstler auf Konzerte geht, ähneln die Österreicher viel mehr den Deutschen. Rock-Musik ist etwas, mit dem sie sich viel authentischer identifizieren als Slowenen, die sich schämen, Rock-Konzerte zu besuchen, sofern der Präsident der Republik Slowenien kein eingefleischter Rocker ist. Wir sind päpstlicher als der Papst. So sind wir nun mal. Und leider ist auch Danilo Türk kein Rocker! Wenn Uriah Heep nach Österreich kommen, „ins Dorf“, dann versammelt sich das ganze „Dorf“ beim Konzert. Alt und jung. Von Kindern, die kaum laufen können, bis zu betagten Dämchen. Alle triffst du dort. Und alle genießen es! Das nennt man Treue. Und das österreichische Publikum hat bereits unzählige Male bewiesen, dass es der Musik von Uriah Heep stets treu geblieben ist. Und diese Treue hält an.

Na gut, genug doziert. Es ist halb zehn abends und Uriah Heep knallen auf die Bühne. Die Decke ist diesmal niedriger, also ist auch die Bühne niedriger, und die Fotografen im Bereich zwischen Bühne und Publikum werden zur Zielscheibe der Ohrfeigen des Unverständnisses seitens der überhitzten Köpfe der ersten Reihe. Ein warmes Gefühl, die Band in intimer Manier ganz nah. Mick Box diesmal im schwarzen Hemd mit einem Kreuz als Anhänger, womit er an das Bühnenoutfit erinnerte, mit dem er die Hala Tivoli in Ljubljana am 13.12.2008 besucht hatte – nur dass er diesmal keine „Crocs“ trug, sondern sportliche Adidas-Turnschuhe.

Der Song I’m Ready vom neuen Album „Into The Wild“ ist eine ausgezeichnete Eröffnungswahl. Er ist kompakt, eingängig und der perfekte Mittelweg zwischen der typischen Heep-Melodienführung und rockiger Schlagkraft. Eine durch und durch positive Energievibration haftet diesem Song an. Er verlangt auch keine großen vokalen Verrenkungen, weshalb er Bernie als idealen Aufwärm-Einstieg für die Stimmbänder dient. Direkt danach haut der Klassiker Return To Fantasy rein, und die Jungs klingen noch begeisterter, wenn sie die anspruchsvollen mehrstimmigen Vokalharmonien performen, mit denen sie den markanten, wohlbekannten harmonischen Uriah Heep-„Ring“ um Bernies Vocals bilden. Hier ist einmal mehr der unvergessliche Klassiker Rainbow Demon, der das Kribbeln entlang der Wirbelsäule auslöst – so brillant treffen Uriah Heep ihn auch 2011, obwohl  von den Mitgliedern der „Demons And Wizards“-Ära in der heutigen Besetzung nur noch Mick Box übrig ist. Dem wunderschönen Erlebnis folgt ein Sprung zum neuen Album mit dem frechen Money Talk, und Russell Gilbrooks extrem lautes Drum-Solo dient als Ouvertüre zum sarkastischen Rocker Nail on the Head – der ersten Single und dem ersten Video vom neuen Album.

Der Sound in der Halle wieder einmal hervorragend. Wie immer genossen auch diesmal die Klassiker Gypsy, July Morning und Look At Yourself ihre Ausführungs-Höhepunkte beim Konzert. Durch dieses Faktum funkelt schlicht die außergewöhnliche Kraft und der Wert der in den frühen Siebzigern entstandenen Kompositionen. Es ist unglaublich, wie sie auch nach mehr als vier Dekaden noch immer frisch, einzigartig, packend und authentisch in ihrer ganzen Essenz und Bühnenmagie wirken.

Wieder voller Einsatz. Die Band in Superform, bester Stimmung – und das Ergebnis ist ein weiteres unvergessliches Zusammentreffen mit ihrer Magie und dem Unikat musikalischer Essenz. Mick Box mit seinen Gesten eines hinduistischen Gurus, mit türkisfarbenen Ringen und Armbändern, dem obligatorischen Kasatschok-Schritt während des Solos in July Morning und dem Moment, wenn er die imaginäre Flamme am Gitarrenhals am Ende des Solos des wutentbrannt  herausgehauenen, wuchtigen Heep-Riff-Songs Look At Yourself auspustet.

Kein Rückzug! Heep haben mit dem Auftritt in Ternitz die dreitägige österreichische Mini-Tournee der umfangreicheren neuen Europatournee abgeschlossen, die sich hauptsächlich auf Deutschland konzentriert. Vereinzelt schleichen sich nur ein paar Abstecher in die Benelux-Länder hinein, dazu das schweizerische Pratteln, und im Sommer planen die ehrwürdigen Herren bereits die Fortsetzung der Promotion des neuen Albums „Into The Wild“ auf nordamerikanischem Boden. Keine Sorge. Sie kehren bald auf den alten europäischen Kontinent zurück. Wenn nicht früher, dann im Spätherbst dieses Jahres. Uriah Heep erleben eine wahre Blütezeit. Das Album „Into the Wild“ ist ein Manifest außergewöhnlicher Reife, das durch seine Essenz aber auch nach mehr als vierzig Jahren ungebändigte kreative Leidenschaft, jugendliche Begeisterung und echten Enthusiasmus ausstrahlt, wahrhaftige Hingabe an die Musik und vor allem außerordentliche Herzlichkeit! Uriah Heep bleiben eine einzigartige Bühneattraktion, die keine Korrosion kennt!

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

1. Intro 2. I’m Ready 3. Return To Fantasy 4. Stealin‘ 5. Rainbow Demon 6. Money Talk 7. Drum solo 8. Nail On The Head 9. The Wizard 10. Into The Wild 11. Gypsy 12. Look At Yourself 13. Kiss Of Freedom 14. July Morning 15. Lady In Black —Zugabe— 16. Free N‘ Easy 17. Bird Of Prey 18. Easy Livin‘

Fotogalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies