Who’s Next
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Who, The
Label: Polydor Records
Erscheinungsjahr: 1971
Laufzeit: 43:38
Bewertung: 5/5
Die legendären Classic-Rock-Pioniere The Who ließen sich bei der schwierigen Frage, wie ein würdiger Nachfolger ihres konzeptuellen Meisterwerks »Tommy« (1969) entstehen sollte, nicht lange lumpen – jenem Album, mit dem sie der Musikwelt erstmals das Konzept der Konzept-Rockoper vorstellten und gleichzeitig neue Maßstäbe für die Gestaltung intelligenter und kunstvoll produzierter Konzeptalben setzten. Gitarrenheld und kompositorisch-konzeptuelles Genie Pete Townshend hatte für den Nachfolger von »Tommy« ursprünglich ein äußerst ehrgeiziges Projekt geplant: eine futuristische Rockoper mit dem Titel »Lifehouse«, der unmittelbar ein gleichnamiges Musical folgen sollte. Doch das Projekt scheiterte schließlich, weil seine Mitstreiter nicht mehr mithalten konnten, und Townshend stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Am Ende raffte er sich zusammen, bündelte seine Kräfte mit den übrigen Bandmitgliedern und entschied sich, eine konzeptuell lose Sammlung von Stücken zu schaffen sowie die Arrangements bestimmter Kompositionen, die ursprünglich für das »Lifehouse«-Projekt gedacht waren, zu kürzen, zu verwerfen und umzugestalten. »Lifehouse« veröffentlichte er schließlich erst im Jahr 2000 als Solokünstler in Form einer Kompilationsbox mit sechs CDs.
Mit »Who’s Next« beschlossen The Who, eine kurze Pause von den ambitionierten Rockopern einzulegen – was aber keineswegs bedeutet, dass das Ergebnis in irgendeiner Weise weniger ambitioniert ausgefallen wäre als der berühmte Vorgänger. Ganz im Gegenteil: Damit legten The Who noch eine Schippe drauf und erreichten den Gipfelpunkt in Sachen außerordentlichem Artismus, kompositorisch-instrumentaler Innovationskraft und unaufhörlicher klanglicher Evolution. Townshends kompositorisch-lyrisches Genie kannte schlicht keine Grenzen, während er nach wie vor auch in der Rolle des Gitarrenhelden begeisterte, vor allem als kühner Schöpfer ganz eigener, innovativer Gitarrenphrasen. Der charismatische Roger Daltrey verfeinerte auf »Who’s Next« seinen außerordentlichen Sinn für vokale Sensibilität und die Beherrschung der unterschiedlichsten Gesangsregister noch weiter – vom donnernden Schreien im komplexen »Won’t Get Fooled Again« bis zur außerordentlichen Zerbrechlichkeit und Subtilität auf der unvergesslichen Ballade »Behind Blue Eyes«, während John Entwistle ebenfalls beachtliche Fortschritte bei seiner großzügigen Bassgitarrentechnik demonstrierte. Auch der verrückte, aber brillante Keith Moon bildete da keine Ausnahme, was die Vervollkommnung seines verblüffenden Gespürs für die Verbindung massiv-aggressiver und subtiler Schlagzeugübergänge angeht.
»Who’s Next« stellte zugleich eine regelrechte Revolution dar, was den für jene Zeit fortschrittlichen Einsatz von Synthesizer-Technologien angeht – Hauptinitiator war natürlich Townshend. Abgesehen von einer Handvoll Prog-Rock-Pionieren an der Spitze mit King Crimson, Genesis, Yes und ELP galten Synthesizer in der Rockmusik bis dahin größtenteils als Exotika und wurden nur als Randbegleitung eingesetzt. Pete Townshend sorgte dafür, dass die Klangfarben der VCS3- und ARP-Synthesizer zu einem integralen, wichtigen Bestandteil des The-Who-Sounds wurden. Das gilt nicht nur für die Klassiker »Baba O’Riley« und »Won’t Get Fooled Again«, sondern auch für weniger bekannte, aber dennoch ebenso exzellente Stücke wie »Bargain«, »Going Mobile« und »The Song Is Over«, auf denen Townshends Synthesizer-Abenteuer ebenso deutlich zu hören ist. »Who’s Next« war zugleich das erste Album, auf dem vorprogrammierte Synthesizer eingesetzt wurden.
Schlicht alle Kompositionen auf »Who’s Next« könnten als Klassiker durchgehen – was bedeutet, dass das Album zur Elite der besten Rockalben der Menschheitsgeschichte gehört. Das stets aufs Neue verblüffende epische Eröffnungsmeisterwerk »Baba O’Reiley«, auch als Single veröffentlicht und eine der bildgewaltigsten musikalischen Schöpfungen aller Zeiten, ist das Paradebeispiel kompositorisch-instrumentalen Perfektionismus und purer Brillanz hoch zehn, mit der die The-Who-Legende heller strahlte als je zuvor oder danach. Ihr Status als unsterbliche Mitglieder der elysischen Gefilde des Rock war damit endgültig besiegelt. Alles an dieser Klassiker aller Klassiker ist reine Perfektion von A bis Z. Das gilt schon allein für die anthemische Einleitung, die durch Townshends Einsatz der frenetisch-zyklischen programmierten Rhythmen der Lowrey Berkshire Deluxe TBO-1-Orgel über den ARP-Synthesizer geprägt ist, die sich nach und nach harmonisch in ein mächtiges Gitarrenriff vereinen. In dem Moment, in dem Daltreys aufgewühlter Gesang einsetzt, hebt die Atmosphäre in noch höhere Sphären ab und erreicht ihren Gipfel mit dem mächtigen Refrain. Moons aggressive Schlagzeugübergänge leiten eine bildgewaltige, außerordentlich lebhafte Instrumentalsektion ein, die durch die spritzigen Geigenklänge des Gastmusikers Dave Arbus geprägt ist. Das eigentliche Herzstück dieses Meisterstücks ist natürlich sein epischer Refrain und der allumfassende atmosphärische Ausbruch positiver Emotionen. Der Titel ist eine Zusammensetzung aus den Nachnamen von Townshends philosophischen und musikalischen Vorbildern, dem Mystiker Meher Baba und dem Musiker Terry Riley, während sein Text auf den Niedergang und die Exzesse der Hippie-Generation am Ende der Sechziger anspielt – wofür auch der ursprüngliche Arbeitstitel »Teenage Wasteland«, der Schlüsselvers dieses unsterblichen Evergreens, Zeugnis ablegt.
Auf dem kampflustig-ungezähmten Hard Rocker »Bargain«, wo sich der große Innovator Townshend mit einem fetten Gitarrenriff austobt, während Daltrey erneut mit beneidenswerter gesanglicher Variabilität brilliert, darf man sich auch an den Klängen des ARP-Synthesizers erfreuen. Hier demonstrieren The Who auch ihre andere, frechdreiste und dreckige Seite, mit der sie schon in den frühen Jahren berühmt wurden – nur dass sie diese diesmal erfolgreich mit zahlreichen ausgefeilten klanglichen Verzierungen verbinden und so rohe, ungezügelte jugendliche Energie mit verfeinerten Artismus zusammenbringen.
Das beschwingte »Love Ain’t For Keeping«, das seinen Weg ursprünglich als harter Rocker begann, ist eine mit Akustikgitarre gewürzte bluesy Ballade, in der Townshends rauchig klingender Gesang zu einem ganz besonderen atmosphärischen Ausdruck findet. Townshend schlüpfte auf diesem Album zweimal in die Rolle des Leadsängers und würzte damit die außerordentliche atmosphärische Kontrasthaftigkeit des Albums noch zusätzlich. Trotz der akustischen Melodie klingt dieser Klassiker noch immer kraftvoll genug, dass er damals als Eröffnungsstück der Tour eingesetzt wurde. »My Wife«, die einzige Komposition von Entwistle auf dem Album, ist ein mit einem Klaviermelos gefärbter Hard Rocker, bei dem vor allem Townshends innovative Gitarrenphrase begeistert, während Moons für jene Zeit unglaublich aggressiven Schlagzeugwirbel einem jedes Mal den Atem verschlagen. Die zwischenliegende Bläsersektion passt hervorragend zu Entwistles dramatischer Gesangsdarbietung.
Die wunderschöne Ballade »The Song Is Over« ist zugleich ein Prototyp des temperamentvollen Art Rocks, in dem Rogers subtiler Gesang erneut das Regiment führt. Begleitet wird er von allerlei sinfonischen Verzierungen, wie etwa dem Klavier von Gastmusiker Nicky Hopkins, und es fehlt auch nicht an ausdrucksstarker, bluesrockartig getimter Gitarrensolistik. Die dramatischen Klänge des VCS3-Synthesizers steigern die außerordentliche instrumentale Lebhaftigkeit dieser feinen Komposition noch weiter. »Getting In Tune« ist eine mit einer unverwüstlichen Vokalmelodie gepfefferte Power-Ballade, bei der vor allem der mächtige Refrain begeistert, während die Klaviermelodie im Zuhörer ständig eine unglaubliche Nostalgie weckt.
Das akustisch gefärbte, aufweckende Schmankerl »Going Mobile« ist ein weiterer unvergesslicher Klassiker und ein großer Hit, der dazu beitrug, die The-Who-Legende weiter zu festigen. Seine Hauptqualitäten sind die zarte, pastorale Melodie auf der Akustikgitarre, ein reitender Rhythmus, ein weiteres ungewöhnlich originelles Gitarrenriff, der lebhafte Klang des ARP-Synthesizers und Townshends vokales Wandlungsvermögen. »Behind Blue Eyes« ist ohne Weiteres die schönste Ballade in der Geschichte von The Who und zugleich eine der besten Rockballaden aller Zeiten, die später eine Fülle verschiedenster Coverversionen inspirierte. Die zerbrechliche Melodie auf der Akustikgitarre wird von einer der besten Gesangsdarbietungen in Rogers Karriere begleitet – der lockige Kerl reißt dem Zuhörer auf metaphorische Weise mit erstaunlichem vokalem Pathos sein Herz auf, während der mitreißende Refrain eine unglaubliche hypnotische Kraft besitzt. Der Übergang in den aggressiveren, verzerrten Teil kommt völlig unerwartet, sorgt aber für einen exzellenten Kontrast.
Am Ende dieses Studiokunstwerks findet sich noch ein weiteres, mit Art Rock gewürztes Meisterstück mit dem Titel »Won’t Get Fooled Again«, in dem sich Townshend erneut ein bis heute bewunderungswürdiges Abenteuer auf den ARP-Synthesizern gönnt.. Nach dem gewaltigen Intro, das mithilfe eines pulsierenden Synthesizer-Effekts heraufbeschworen wird, setzt eine komplexe Hard-Rock-Sektion ein, die von einem dreckigen Gitarrenriff und einem ausgelassen aufgelegten Gesang angeführt wird, während sich Schlagzeug-Fanatiker Moon für das rhythmische Würzen eine regelrechte Kanonade massiv-dynamischer Schlagzeugübergänge gönnt. The Who verbinden auch diesmal wieder erfolgreich aufständische Hard-Rock-Energie mit Art-Rock-Abenteuerlust und -sensibilität
Nur wenige Rockklassiker können einen so weitreichenden Einfluss auf künftige Generationen vorweisen wie diese großartige Errungenschaft der musikalischen Kunst, die zu einer Zeit entstand, als The Who auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Karriere waren. Die Jungs der Band waren sich damals, in einer Periode, in der sie ein Meisterwerk nach dem anderen veröffentlichten, noch nicht einmal richtig bewusst, welch enormen Fortschritt sie seit ihren banditenhaften ‚mob‘ R’n’B-Anfängen gemacht hatten. »Who’s Next« stellte den kreativen Höhepunkt ihrer Karriere dar, dem einzig noch sein Rockoper-Nachfolger »Quadrophenia« (1973) ebenbürtig war, auf dem sie einmal mehr die Grenzen der Art-Rock-Konzeptualisierung verschoben und ihren Ruf als eine der besten Rockbands aller Zeiten bestätigten.
Besetzung
Roger Daltrey – Gesang, Mundharmonika auf „I Don’t Even Know Myself“
Pete Townshend – Gitarre, Orgel, VCS3- und ARP-Synthesizer, Hintergrundgesang, Klavier auf „Baba O’Riley“, Leadgesang auf „Going Mobile“ und „Love Ain’t for Keeping“, Ko-Leadgesang auf“Baba O’Riley“, „Bargain“ und „Song Is Over“
John Entwistle – Bassgitarre, Hintergrundgesang, Leadgesang und Klavier auf „My Wife“
Keith Moon – Schlagzeug und Perkussion
GASTMUSIKER:
Nicky Hopkins – Klavier auf „The Song Is Over“ und „Getting in Tune“
Dave Arbus – Geige auf „Baba O’Riley“
Produktion
The Who und Glyn Johns
Trackliste
- Baba O’Riley (5:00)
- Bargain (5:33)
- Love Ain’t For Keepin‘ (2:12)
- My Wife (Entwistle) (3:41)
- The Song Is Over (6:16)
- Getting In Tune (4:50)
- Going Mobile (3:42)
- Behind Blue Eyes (3:42)
- Won’t Get Fooled Again (8:32)