Whitesnake

0 7

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Whitesnake
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 1987
Spielzeit: 53:00
Bewertung: 4.5/5

»Whitesnake« (in Europa unter dem Titel »1987« erschienen, in Japan als »Serpens Albus«) war die triumphale Erfüllung der feuchten Träume der legendären Gesangsschlange David Coverdale — damit hatte er endgültig die Spitzen der weltweiten Radiocharts erklommen und den so begehrten amerikanischen Musikmarkt erobert. Den Plan, aus einer erdigen Blues-Rock-Band Hard-Rock/Metal-Helden für große Stadion-Konzerte zu machen, hatte er bereits drei Jahre vor dem Erscheinen dieses großen kommerziellen Triumphes zu schmieden begonnen, der sich mit MTV-Hits wie »Still Of The Night«, »Give Me All Your Love«, »Is This Love«, »Crying in the Rain’87« und »Here I Go Again ’87« (die letzten beiden waren für den amerikanischen Geschmack überarbeitete Klassiker vom Album »Saints & Sinners«, 1982) in die Riege der erfolgreichsten und beliebtesten Rockalben aller Zeiten einschrieb — der erste Schritt dahin war gewesen, dass er mit der amerikanischen Version des Vorgängeralbums »Slide It In« (1984) seine Seele dem ‚korporativen Teufel‘ verkauft hatte.

Dabei hatte es vor den Aufnahmen zu »Whitesnake« bereits so ausgesehen, als hätte Coverdale die Geschichte mit Whitesnake beendet. Von der erdigen Blues-Rock-Band, die Coverdale ‚einst‘ im Jahr 1978 zusammen mit dem legendären Gitarristen Micky Moody gegründet hatte, war bis 1985 nichts mehr übrig. An ihrer Stelle stand eine Hard-Rock-Attraktion mit Coverdale an der Spitze, dem originalen Bassisten Neil Murray, dem jungen Gitarrenvirtuosen John Sykes (ex-Tygers Of Pan Tang, John Sloman’s Badlands, Thin Lizzy) und dem legendären Schlagzeugmeister Cozy Powell (ex-Rainbow). Gitarrist/Sänger Mel Galley, der an »Slide It In« mitgewirkt hatte, flog offiziell wegen einer Nervenverletzung an der Hand aus der Band — inoffiziell soll es daran gelegen haben, dass er sich Coverdale vergrämt hatte, weil er hinter seinem Rücken plante, seine erste Band Trapeze wiederzubeleben, was er in einem Interview ausgeplaudert hatte.

Nach dem Ende der »Slide It In«-Tournee im Jahr 1985 verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Powell und Coverdale erheblich, und der Kult-Schlagzeuger entschloss sich zum Abschied — er hatte Coverdales diktatorisches Bandregime gründlich satt (Cozy gründete später kurzzeitig die Supergroup Emerson, Lake & Powell und schloss sich für eine Weile Black Sabbath an). In diesem Moment wollte Coverdale die Whitesnake-Geschichte beenden, doch die führenden Köpfe des Labels Geffen, mit dem er einen Vertrag für den amerikanischen Markt hatte, überzeugten ihn, gemeinsam mit Sykes weiterzumachen. Coverdale und Sykes begannen im Süden Frankreichs mit der Aufnahme neuer Songs. Murray soll bei einigen Arrangements mitgeholfen haben. Die ersten beiden Songs des neuen Whitesnake-Projekts wurden neben »Here I Go Again’87« auch die größten Hits des Albums: der epische Brocken »Still Of The Night«, dessen Wurzeln noch in der Zusammenarbeit zwischen Coverdale und Ritchie Blackmore aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Deep Purple lagen, sowie die mitreißende Power-Ballade »Is This Love«.

Danach zogen Coverdale, Sykes und Murray nach Los Angeles, wo sie Schlagzeug-Auditions abhielten und unter sechzig Kandidaten ihren britischen Landsmann, den legendären Aynsley Dunbar (ex-Frank Zappa, John Mayall & the Bluesbrakers, David Bowie, Journey, Jefferson Starship), auswählten. Nachdem die neue Besetzung stand, machten sie sich ins kanadische Vancouver auf, wo Sykes mithilfe von Coverdales altem Bekannten, Toningenieur Bob Rock, den gewünschten ‚amerikanischen‘ Hard-Rock-Gitarrensound erzielte. Dann aber kamen die ersten Probleme: Coverdale erkrankte an einer Sinusinfektion, was die Produktion des neuen Albums über den geplanten Termin hinaus verzögerte. Coverdale musste eine Operation und anschließend ein Rehabilitationsprogramm über sich ergehen lassen, was dazu führte, dass der junge und beweishungrige Sykes ungeduldig wurde. Seine Sturheit ging sogar so weit, dass er das neue Whitesnake-Album, für das er bereits alle Gitarrenlinien eingespielt hatte, mit einem anderen Sänger aufnehmen wollte — ein fataler Fehler. Kaum war Coverdale genesen, flog Sykes wegen seines anmaßenden Vorhabens aus der Band. Dasselbe ereilte Sykes‘ ‚Kumpan‘, Produzent Mike Stone, den Coverdale durch Keith Olsen ersetzte.

Damit waren die personellen Veränderungen noch lange nicht beendet, denn David brauchte einen Gastmusiker an den Keyboards für die Keyboard-Sektionen auf dem Album sowie einen neuen Gitarristen für das Solo auf »Here I Go Again’87« und die Konzerttournee. Letzteren fand er im niederländischen Gitarren-Juwel Adrian Vandenberg (Chef seiner eigenen Hard-Rock-Band Vandenberg), der nicht nur ein erstklassiger Ersatz für Sykes war, sondern auch dem visuellen Auftreten der Band zugutekam — war er doch ein weiterer Gitarren-‚Schönling‘, der bei allen weiblichen Fans der sogenannten MTV-Generation für schmachtende Seufzer sorgte. Die Keyboards auf »Whitesnake« spielte derweil der abgebrühte Profi, der legendäre Don Airey (ex-Colosseum II, Rainbow, Ozzy Osbourne, später Deep Purple), der bestmögliche Ersatz für den noch legendäreren Jon Lord. An einigen Keyboard-Sektionen wirkte auch Bill Cuomo mit, der sich durch sein Herumfummeln an Lords Beitrag auf der amerikanischen Version von »Slide It In« bei den meisten langjährigen Whitesnake-Fans keine Lorbeeren verdient hatte. Vandenberg war ursprünglich nur als Gelegenheitsmusiker gedacht, wurde aber nach dem unerwarteten Riesenerfolg von »Whitesnake« zum festen Mitglied, mit dem Coverdale noch viele Jahre zusammenarbeitete.

Das neue, dem Geschmack der MTV-Generation angepasste Whitesnake, das auf elegante Weise auf den Grenzen zwischen Hard Rock, Melodic Rock und Metal wandelte, eroberte nicht nur amerikanische Radiostationen, sondern auch Europa und den Rest der Welt. Die amerikanische Version des Albums hatte eine andere Trackreihenfolge als die europäische und enthielt nicht die hervorragenden Songs »Looking For Love« und »You’re Gonna Break My Heart Again«, weshalb die europäische Ausgabe einmal mehr überlegen war — und um sie soll es in dieser Rezension auch hauptsächlich gehen. Der epische Heavy-Metal-Eröffner und große Hit-Single »Still Of The Night«, auf dem man sowohl ihre Blues-Rock-Wurzeln als auch den moderneren Hard-Rock-Einfluss spürt, ist eine der eindrucksvollsten Schöpfungen der gesamten Whitesnake-Karriere und enthält aus rein technischer Sicht sogar die beste Performance Coverdales in seiner gesamten Karriere mit den ‚weißen Schlangen‘ — der legendäre Sänger erreicht hier einige für ihn ungewöhnlich hohe und äußerst anspruchsvolle Lagen, während seine charakteristischen leidenschaftlichen Seufzer natürlich auch nicht fehlen.

Davids rasender Gesang liegt im Eröffnungsteil über Sykes‘ gereizten Gitarrenphrasen und Dunbars kompromisslosen Schlagzeug-Crashes. Das ätherische Symphoniearrangement unter Aireys Regie vertieft die melodramatische und enigmatische Atmosphäre, die ihren Höhepunkt im kataklysmischen Übergang zur epischen ‚Metal‘-Sektion findet, wo Sykes — der laut Coverdale angeblich den Blues hasste — mit einem gastronomischen Gitarrensolo auftrumpft. Der eigentliche ‚Star‘ dieses epischen Evergreens, einer der besten Schöpfungen der gesamten Whitesnake-Karriere, ist natürlich die legendäre Gesangsschlange, die ihre erotisierte Gesangsperformance inmitten bezaubernder Gitarren- und Keyboard-Harmonien zu völlig neuen Maßstäben in Sachen Heavy-Rock-Herrlichkeit und lyrischer Melodramatik trägt.

Zum gewaltigen Erfolg von »Whitesnake« beziehungsweise »1987« trugen maßgeblich auch die erotisch gewürzten Musikvideos bei, in denen Coverdales damalige Lebensgefährtin und baldige (mittlerweile längst ehemalige) Ehefrau, das amerikanische Model Tawny Kitaen, zu sehen war, die dazu beitrug, Davids Image als unverbesserlicher Benny Hill des Heavy Rock zu festigen.

Das kataklysmische »Bad Boys« mit den rohen Gitarrenpassagen des Metallers Sykes und Dunbars rasenden Schlagzeugfinessen, dazu Coverdale auf dem Höhepunkt seiner stimmlichen Kräfte, setzt die schlagkräftige Natur des Albums fort und festigt das neue Hard-Rock/Metal-Image der legendären Band. Das prächtige »Give Me All Your Love«, das noch einen weiteren leidenschaftlichen Gesangserguss von David sowie jede Menge Gelegenheiten für Sykes‘ virtuose Gitarren-Halsbrecher enthält, war der nächste große Hit des Albums. Zu einem ihrer beliebtesten Klassiker wurde es vor allem wegen des melodic-rockenden, denkbar potenten Refrains, in dem David seine traditionelle erotomane Schelmerei keine Sekunde verbirgt.

»Looking For Love«, eine bezaubernde Power-Ballade, eröffnet mit einem ätherischen Synthesizer-Arrangement, dem sich bald Davids herzzerreißende gesangliche Beichte anschließt, die dieses herrliche Stück mithilfe kraftvoller Gitarrenpassagen und massiver Schlagzeugübergänge in außerordentlich reiche Ambient-Weiten trägt. Sykes wäre nicht Sykes, wenn er sich nicht zwischendurch ein aufgewühltes Solo gönnte, wie es im Arsenal eines solchen Gitarren-Helden nicht fehlen darf. Dunbars abschließendes Hämmern auf der Bassdrum und noch ein irres Gitarrensolo sorgen für einen waschechten Metal-Abschluss. Die neu aufgenommene Version des »Saints & Sinners«-Klassikers »Crying In The Rain« ist mindestens doppelt so wuchtig wie das Original, auch wenn langjährige, Blues-Rock-geprägte Whitesnake-Fans ihr einen Mangel an Seele vorwerfen könnten — Sykes‘ arrogante Metal-Passagen sind eben etwas völlig anderes als die bluesige Subtilität des legendären Duos Micky Moody-Bernie Marsden, das sich beim Anhören dieser Version zweifellos an den Kopf gegriffen haben dürfte. Ungeachtet dessen spielen Whitesnake noch heute bei Konzerten die kommerziell erfolgreiche, ‚metallische‘ Version. Das wilde Jammen zwischen Sykes und Dunbar ist ein wahrer Balsam für alle Liebhaber technisch hochkarätiger Instrumental-Eskapaden.

»Is This Love«, das Coverdale und Sykes angeblich ursprünglich für Tina Turner geschrieben hatten, wurde mit Abstand ihre erfolgreichste Power-Ballade — auch dank des eindrucksvollen Videos mit Tawny Kitaen in der Hauptrolle. Ihr eigentlicher Charme liegt im melancholischen zentralen Arrangement und Davids brillanter Gesangsperformance, die mithilfe ikonoklastischer Gitarren-Phraseologie im epischen Refrain gipfelt, in dessen Mitte der unverbesserliche Hedonist endgültig sein sehnendes Herz aufreißt. Sykes‘ ‚weinendes‘ Solo vertieft ihren tief-bekenntnishaften Charakter, in dem man ausnahmsweise keine von Davids typischen erotischen Fantasien findet, sondern aufrichtige Liebe — was wohl der entscheidende Faktor für ihren großen, ‚allgemeingültigen‘ Erfolg war.

»Straight For The Heart« ist ein geradliniger Hard-Rocker mit ausgeprägtem AOR-Einschlag im Hauptrefrain, in dem Sykes wieder nicht mit scharfen Gitarrenpassagen geizt, während Dunbar mit einer dynamischen Schlagzeugperformance einmal mehr beweist, warum er in seiner bunten Karriere mit einigen der größten Musiker aller Zeiten gespielt hat. Den hypnotischen, melodic-rockenden Effekt vertiefen noch die köstlichen Synthesizer-Arrangements, die den epischen, vokal harmonisierten Refrain unterstreichen. »Don’t Turn Away« ist eine weitere mitreißende Power-Ballade mit einem begeisternden Symphoniearrangement auf den Keyboards und scharfen Gitarrenphrasen, während Coverdales leidenschaftlicher Vokal-Ansatz die magische Atmosphäre herrlich steigert. Auch hier kommen komplexe Gitarren- und Schlagzeugvariationen beider Meister ihres Instruments nicht zu kurz.

Die meisten Texte von »Whitesnake« setzen zwar Davids wenig rühmliche Tradition fort, seine aktuellen Erlebnisse mit beliebigen Damen in Songs zu verpacken, aber diesmal scheint die aufrichtige Liebe den erotischen Fantasien doch einen kleinen Schritt voraus zu sein — als hätte der Typ, der damals 35 war, zumindest ein bisschen mehr Reife entwickelt. »Children Of The Night« ist ein begeisternder Hard-Rock/Metal-Hybrid im beschleunigten Tempo mit kompromisslosen Schlagzeugmärschen. Sykes‘ gezackte Gitarrenphrasen begleiten Dunbars eifriges Hämmern auf der Bassdrum und Davids energische Gesangsperformance, mitten in der man deutlich spürt, dass er es genoss, sich damals vom ‚alten Rocker‘ in einen ‚Hair-Metal-Typen‘ mit aufgetürmter Frisur zu verwandeln.

Darauf folgt der größte Hit des Albums und der populärste Song der gesamten Whitesnake-Karriere, die neu eingespielte Version der epischen Power-Ballade »Here I Go Again«. Das Synthesizer-Intro ebnet den Weg für Davids leidenschaftliche und sehnsüchtige Beichte, die nach einem gewaltigen Übergang in die hardrockende Sektion mit markanter, wuchtiger Gitarrenfigur im mächtigen Refrain gipfelt. Das gastronomische Solo spielte eigens für diesen Klassiker Adrian Vandenberg ein. Die amerikanische Hair-Metal-Jugend war nach dem »Here I Go Again«-Musikvideo, das damals rund um die Uhr auf MTV lief, endgültig unterworfen, während Moody und Marsden beim Ansehen desselben wohl Masern bekommen haben dürften und sich vermutlich dachten, dass ihr ehemaliger musikalischer Weggefährte, der in ihren Augen eine Parodie auf ihren Gitarrenbeitrag geschaffen hatte, endgültig den Verstand verloren hatte. »You’re Gonna Break My Heart Again«, noch ein kompromissloser Hard-Rock-Energiekatalysator mit rasenden Schlagzeugstampeden, potenten Gitarrenpassagen und der mächtigen Gesangsperformance der ‚weißen Schlange‘, bildet einen wirkungsvollen Abschluss dieses hervorragenden, kommerziell äußerst erfolgreichen und zugleich überaus kontroversen Albums.

»Whitesnake« beziehungsweise »1987« war ein großer Triumph für die dem ‚amerikanischen Geschmack‘ angepasste, hardrockende Version von Coverdales ‚weißen Schlangen‘ — mit einer Handvoll großer Radiohits, allen voran der neu eingespielten Version von »Here I Go Again«, katapultierte er sie endgültig in den Kreis der erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten. Davids korporative Gier war nach dem unerwarteten, gewaltigen Erfolg dieses Albums jedoch noch lange nicht gestillt, sodass er beschloss, ihren neuen Status als große Stadionattraktion weiter zu festigen, und die Bandbesetzung abermals komplett umkrempelte. Von der Besetzung, die das Album eingespielt hatte, blieb für die Promo-Tournee außer Coverdale kein einziges Mitglied übrig. Zu Vandenberg stießen als neue Mitglieder Zusatzgitarrist Vivian Campbell (ex-Dio, später Def Leppard), Bassist Rudy Sarzo (ex-Quiet Riot, Ozzy Osbourne) und Schlagzeuger Tommy Aldridge (ex-Black Oak Arkansas, Pat Travers, Gary Moore, Ozzy Osbourne), beide Mitglieder der Rhythmussektion des ‚pensionierten‘ Heavy-Rock-Projekts M.A.R.S. Diese Besetzung trat auf der Konzerttournee zur Promotion des neuen Albums auf und erschien in den zuvor erwähnten Musikvideos für alle großen »Whitesnake«-Hits.

Besetzung

David Coverdale – Gesang
John Sykes – Gitarre, Hintergrundgesang
Neil Murray – Bassgitarre
Aynsley Dunbar – Schlagzeug, Perkussion

GASTMUSIKER:
Don Airey – Keyboards
Bill Cuomo – Keyboards
Adrian Vandenberg – Gitarrensolo auf „Here I Go Again“

Produktion

Mike Stone und Keith Olsen

Trackliste

1. Still of the Night
2. Bad Boys
3. Give Me All Your Love
4. Looking for Love
5. Crying in the Rain
6. Is This Love
7. Straight for the Heart
8. Don’t Turn Away
9. Children of the Night
10. Here I Go Again
11. You’re Gonna Break My Heart Again

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies