When Reality Wakes Up
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Adimiron
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 58:43
Wertung: 3.5/5
Die Band Adimiron war bis vor Kurzem für den Durchschnittshörer eine völlig unbekannte Größe — doch spätestens seit dem letzten Auftritt von Death Angel hat das junge italienische Quintett auch hierzulande Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nicht zuletzt dank des unaufdringlichen und äußerst professionellen Marketings ihrer Musik. Zunächst sei angemerkt, dass das Gespann römischer Klanglegionäre auf ihrem zweiten Album, dem Langspieler When Reality Wakes Up alles andere als ein Standard-Thrash-Produkt abliefert. Adimiron sind nämlich eine Band, die bis heute nach ihrem passendsten musikalischen Ausdruck sucht und ihre Kreativität in die verschiedensten Formate gießt. Es gibt mehr Gesichter, als ein einziges Genre erlaubt, und ein so gespaltenes musikalisches Wesen baut sich auf diesem Weg nur schwer ein granitfestes Fundament für eine breite Basis begeisterter Hörer auf. Ist das also bloß ein Experiment, oder sollte uns die Suche nach dem eigenen wahren Ich und Ausdruck beunruhigen?
Die Band wurde 1999 gegründet, und in dieser allerersten, grünsten Phase war ihr Sound noch von Grindcore und Death Metal geprägt. Das Produkt dieser schrittweisen Genese und des Erwachens verschiedener Ansätze zum Kern der Musik ist eine Reihe von Veröffentlichungen: das Demo Everlasting Fight, die EP Eclipse und das Debütalbum Burning Souls. In dieser Zwischenphase — die auf When Reality Wakes Up mit einer üppigen progressiven Schicht satter Instrumentals vollmundig präsentiert wird — schlug in ihren Brüsten ein Nevermore-haftes Herz, heute hingegen verschreiben sich Adimiron einem Hybrid aus reiner Mathematik, Brutalität und Meshuggah-Ästhetik. Gehen wir lieber einen Schritt zurück, denn es ist genau diese progressive Thrash-Zwischenphase, der wir diesmal unsere volle liebevolle Aufmerksamkeit widmen wollen!
https://www.youtube.com/watch?v=Ae9HT0u4z6I
Das Album eröffnet Desperades mit einer satten und elektrisierenden Produktion. Das Gitarrenduo der scharf geschliffenen rhythmischen Mathematiker Alessandro Castelli und Danilo Valentini, der mächtig untermauerter Bass des jungen Viersaiters Maurizio Villeato sowie Schlagzeuger Federico Maragoni schütten eine gehörige Portion Schießpulver zum Entfachen eurer Leidenschaften aus. Das Problem taucht beim ansonsten sehr präzise und gut klingenden Vokalist Andrea Spinelli auf, der chronische Schwierigkeiten mit der englischen Aussprache hat. Obwohl er im Register seiner stimmlichen Möglichkeiten der rauen Stimme von Warrel Dane durchaus würdig begegnet, fehlt ihm das gewisse Etwas und etwas natürlicher klingende Texte. Kerosinschärfer kommt Wrong Side Of The Town, das mit der Post-Thrash-Schönheit seiner Gitarren auf Opeth-gesalzene Art tief eindringt. Nach dem Eröffnungsriff folgt die Enttäuschung in Form ziemlich nichtssagender lyrischer Schwafelei. Forgiveness ist sogar ein noch schmerzhafterer Moment beim Hören, denn die Growl-Sequenzen sind deutlich rarer, und das musikalische Oratorium bremst unnötigerweise das leidenschaftliche Verlangen nach Geschwindigkeit. Persönlicher Favorit des diesmaligen Hördurchgangs ist Choice For a Mask, das auf epische Weise sowohl Sinnlichkeit als auch etwas weniger gleißende Verzerrung mitbringt. Vergessen wir für einen Moment die Aussprache und die etwas unbeholfene Wortstruktur, lösen wir uns aus der Perspektive der vom Englischen geplagten Hörerschaft und beamen uns auf neutralen Boden von Planet X — dort funktioniert das Ganze einwandfrei und ist melodisch überzeugend. Es fehlt kein Gramm von dem, was man braucht, um sich dem Genuss und der Musik vollständig hinzugeben. Die Rhythmik des Nahen Ostens oder das Echo der Musik aus einst belagerten römischen Provinzen klingt in Mindoll auf. Die bewundernswürdigen Komponenten des diesmaligen Hördurchgangs sind zweifellos die hervorragenden, zahlreichen und in ihrer Wandelbarkeit wie Farbenpracht ungreifbaren Gitarrenriffs. Einen großen Pluspunkt für die Platte sammelt Schlagzeuger Federico Maragoni mit gekonnt wechselnder Rhythmik und dem Wechsel sowohl von Stilen als auch von Rhythmusmetriken ein. Es gibt viele komplexe Strukturen, die keinen Trost bieten, und noch weniger Trost findet sich in der Ankündigung bevorstehender Veränderungen. Die Disharmonie von Das Experiment deutet klar auf die Tendenz hin, gordische Knoten auf der ohnehin schon alles andere als einfachen Spirale des genetischen Codes zu knüpfen. Eine eigenartige Freude beweisen die Jungs mit echtem Schneid bei der Wahl des einzigen Covers auf der Platte. Prodigy haben mit brutaler Elektronik und Stück Spitfire auf Always Outnumbered, Never Outgunned im inzwischen ziemlich weit entfernten Jahr 2004 Neuland der Musikwelt gepflügt — Adimiron tun ihnen mit ihrer Metal-Version kein Unrecht und schneidern den elektronischen Punk gekonnt auf die Metal-Brutalität zu. Der Titeltrack hängt sich an elektronische Samples und an klare Gitarrenklänge wie perliges Quellwasser. Das instrumentale Intermezzo setzt sich mit Still Winter Within fort, das mit seinem theatralischen Übertreiben das zuvor skizzierte Wohlgefühl jedoch nicht steigert. Dazu trägt weder die Melancholie von Endevouring bei noch der vermeintlich fulminante Schlussakt der pompösen kosmischen Supernovaexplosion mit Flag Of Sinners. Der Rhythmus ist spitzenartig kitschig, und Adimiron beherrschen das Spiel des Klangwechsels, wie es sich gehört — doch die Platte bringt den Hörer durch eine unpassende Trackanordnung und einige offensichtlich völlig überflüssige Album-Füller zu ziemlich gemischten Gefühlen.
Ich habe nichts gegen Schizophrenie oder Verkomplizierungen — davon gibt es tonnenweise im Opus von Heavy Davy und seinen SYL. Genauso wenig stört mich die Mathematik der Rhythmen und das ewige Beschleunigen bis zum Anschlag, um danach beinahe auf null abzubremsen, wie man das in rauen Mengen sowohl im Jazz als auch im Metalcore und seiner raueren Death-Variante hört — oder im Spektrum des Verkomplizierens von Bands vom Kaliber Meshuggah oder Despised Icon. Was stört, ist die Inkonsistenz der Gefühle: In der Sinusoide gebrochener Höhen und Tiefen weißt du nicht, ob du ein Aufputschmittel oder ein Beruhigungsmittel nehmen solltest, und die Band übertreibt gelegentlich mit den Dosierungen ihrer musikalischen Abführmittel — weshalb das Endergebnis verwirrend ist und tonnenweise unbeantwortete Fragen für das dritte, vierte oder gar fünfte Album hinterlässt. Was Adimiron noch auf Lager haben, wird die Zeit zeigen — die Sanduhren, die Geduld und die Präsenz einer begeisterten Hörerschaft messen, nähern sich ihrem kataklysmischen Moment der finalen Wahrheit!
Diese Rezension entstand in Zusammenarbeit zwischen RockLine und Rock Hard Slovenija.

Besetzung
Andrea Spinelli – Gesang
Alessandro Castelli – Gitarre
Danilo Valentini – Gitarre
Federico Maragoni – Schlagzeug, Perkussion
Maurizio Villeato – Bass
Produktion
Adimiron & Luigi Stefanini
Trackliste
1. Desperates
2. Wrong side Of The Town
3. Forgiveness
4. Choice For A Mask
5. Mindoll
6. Das Experiment
7. Spitfire
8. When Reality Wakes up
9. Still Winter Within
10. Endevouring
11. Flag Of Sinners