We’re All Alright
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Cheap Trick
Label: Big Machine Records
Erscheinungsjahr: 2017
Laufzeit: 44:47
Wertung: 4/5
Es ist heutzutage schwer, eine Band zu finden, die ohne Unterbrechung über vier Dekaden aktiv war und dabei ständig Alben voller Feuer und Enthusiasmus herausbrachte – Alben, auf denen sie mit konstant hoher Qualität begeistert. All das trifft auf die altgedienten amerikanischen Rock-»Lausbuben« Cheap Trick zu. Man würde erwarten, dass sich eine Band im Laufe der Jahre abnutzt und kreativ nachlässt, dass die Kreativität sie schon längst verlassen hat und sie anfängt, auf alten Lorbeeren auszuruhen. Cheap Trick kennen das nicht – und brauchen es auch nicht.
Kaum ein Jahr ist seit der Veröffentlichung des mehr als hervorragenden »Bang, Zoom, Crazy… Hello!« vergangen, und schon melden sie sich mit dem nächsten Studioalbum zurück. Cheap Trick bleiben ihrer Rockhaltung treu – die ist sofort wiedererkennbar und im Rock’n’Roll-Universum so gut wie einmalig. Auch das neue Album »We’re All Alright« bewahrt die Chemie und das klangliche Profil des Vorgängers, trotzdem haben Cheap Trick wieder ein etwas anderes Album abgeliefert – so war es auch geplant. Die eigenen Ausdrucksmerkmale beibehalten, aber ohne alte Ideen zu kopieren und sie in neues Gewand zu stecken.
Das Album umfasst zehn Songs, das Studiowerk kommt auf gerade mal knapp über 33 Minuten. Das passt aber vollkommen zum Ruf der Band. Auf der Sonderversion des Albums befinden sich drei zusätzliche Tracks, die hervorragend sind – das legt eigentlich nahe, dass ihr euch unbedingt die »erweiterte« Version des neuen Werks sichern solltet. Unter diesen drei Bonus-Tracks ist besonders das großartige Cover des The Move-Songs Blackberry Way hervorzuheben, der vom ELO-Mastermind Roy Wood geschrieben wurde. Das ist nichts Neues für die Band. Cheap Trick haben in ihrer Vergangenheit schon immer gerne Werke von Roy Wood gespielt (Rock And Roll Tonight, California Man, Brontosaurus). Ebenfalls erwähnenswert unter den Bonustracks ist Fly On The Wall, das in seiner Inspiration The Who zur Zeit des Albums »Who’s Next« allen Dank schuldet. Auch das überrascht nicht. Cheap Trick haben immer gerne eine gehörige Portion dieser ungebändigten, wilden Rockenergie eingebaut, die sie von Kinks und The Who übernommen haben – dazu eine Prise des frühen Glamrock-Flairs, den unter anderem die berüchtigten »Stänkerer« Slade vertreten haben. Schon immer haben sie gekonnt auch eine gehörige Portion Punk-Dreck in ihre musikalische Ästhetik integriert, gleichzeitig aber eine ausgeprägte Musikalität, die immer wieder mit dem Werk von The Beatles geflirtet hat. Das neue Album macht da keine Ausnahme – und Cheap Trick fügen all diese Zutaten wieder zu einem ganz eigenen musikalischen Konglomerat zusammen, das natürlich ihre Einzigartigkeit ausmacht.
Das neue Album liefert wieder eine ordentliche Portion Verve und Spaß, und die Band wirkt einmal mehr, als wären ihre Mitglieder ungebändigte 25-jährige Hengste, denen nur Blödsinn durch den Kopf geht. Ein Track wie Radio Lover etwa stammt aus älterer Zeit – die Band spürte, dass jetzt der richtige Moment ist, ihn auf einem Album zu verwenden. Unter den Tracks des neuen Albums findet sich das besonders bissige Lolita – ein »giftiger« Glam-Rock-Boogie-Klopper, wie ihn Bands in der goldenen Ära des (Glam) Rock’n’Roll (die Siebziger) gemacht haben. Ansonsten liefert das Album von der ersten bis zur letzten Sekunde einen unglaublich adrenalingetränkten Rock’n’Roll-Punch. Vor allem die offensiv vorwärtstreibenden You Got It Going On und Long Time Coming direkt zu Beginn, denen schon bald das punkige Nowhere folgt, und in der zweiten Hälfte dann das durch und durch vergnügliche Brand New Name On An Old Tattoo. Zander bleibt ein außergewöhnlicher Sänger. An seiner Stimme ist kein einziger Rost- oder Altersfleck zu entdecken. Sie reift wie ein guter alter Wein, während Rick Nielsen auf der anderen Seite einen ganzen Vorrat bislang unverbrauchter Gitarrenlicks und Einfälle aus dem Ärmel schüttelt. Riffs voller urtümlicher Rock’n’Roll-Magie, die sich unglaublich vertraut anfühlen – das Unterbewusstsein flüstert, man habe sie irgendwo schon mal gehört. Aber niemals abgenutzt. Nur ungemein frisch und unwiderstehlich zündend.
Cheap Trick haben nicht vor, alt zu werden. Mit Alben wie »We’re All Alright« werden sie das auch noch lange nicht. Das Album packt einen von Anfang bis Ende, und die Band beweist damit, dass sie mit diesem Werk bereits bestens auf das nächste Studioalbum vorbereitet ist. Eine Band, der der Sprengstoff also noch lange nicht ausgeht – und eine Band, die das Gefühl vermittelt, als wäre sie gerade erst in die Karriere eingestiegen und müsste sich mit allem, was sie hat, beweisen. In dieser Hinsicht wirkt das Quartett wirklich wie eine Truppe wild gewordener Stare, die der Testosteronüberschuss in alle Richtungen wirft. Soll so bleiben.
Cheap Trick – Long TIme Coming (offizielles Audio):
Besetzung
Robin Zander – Gesang, Backing Vocals, Gitarre
Rick Nielsen – Gitarre, Backing Vocals
Tom Petersson – Bass, Backing Vocals
Daxx Nielsen – Schlagzeug, Backing Vocals
Produktion
Cheap Trick & Julian Raymond
Trackliste
1. You Got It Going On (3:11)
2. Long Time Coming (3:12)
3. Nowhere (2:45)
4. Radio Lover (2:46)
5. Lolita (3:16)
6. Brand New Name on an Old Tattoo (3:32)
7. Floating Down (3:49)
8. She’s Alright (3:39)
9. Listen to Me (3:13)
10. The Rest of My Life (4:18)
11. Blackberry Way (3:13)
12. Like a Fly (3:22)
13. If You Still Want My Love (4:23)