Welcome to the Pleasure Dome

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Frankie Goes To Hollywood
Label: ZTT Records
Erscheinungsjahr: 1984
Laufzeit: 64:00
Wertung: 4.5/5

Eine der einzigartigsten Bands der Newwave-Bewegung der Achtziger waren zweifellos die unvergesslichen Sonderlinge Frankie Goes To Hollywood, die noch vor der Veröffentlichung ihres Erstlings »Welcome to the Pleasure Dome«, vor allem mithilfe der damaligen Medien, zu einem regelrechten Symbol der Kontroverse und des scheinbaren Wahnsinns wurden – und zu einem bis heute nicht vollständig gelüfteten musikalischen Rätsel, denn die Bandmitglieder ließen sich im gleichen Atemzug als pompöse Fanatiker und einzigartige Genies bezeichnen. Ihr Debüt erschien ursprünglich als Doppel-LP mit gut einer Stunde stilistisch äußerst abwechslungsreicher Kompositionen, auf denen einige der besten, aber auch einige der weniger gelungenen musikalischen Ideen aus dem Poprock-Fundus der Achtziger zu hören sind.

Zahlreiche kontroverse Aktionen rund um die Promotion von »Welcome to the Pleasure Dome« sorgten noch vor der Veröffentlichung der Platte dafür, dass der kommerzielle Erfolg des Albums von vornherein gesichert war, während sein Kultstatus – auch heute noch, nach dem Test der Zeit – nur gewachsen ist, obwohl später herauskam, dass sein Produzent, der legendäre Trevor Horn (auch ehemaliger Sänger bei The Buggles und Yes), für weit mehr als nur eine außergewöhnliche Produktion gesorgt hat. Den Großteil der Arrangements soll Horn nämlich selbst am Bass eingespielt haben, unterstützt von externen Mitarbeitern (darunter auch beide (ehemaligen) Yes-Weggefährten Rabins, Gitarrist Steve Howe, der die Akustikgitarre auf dem Titelstück beisteuerte, und der südafrikanische Gitarrist Trevor Rabin), während der instrumentale Beitrag der Frankie Goes To Hollywood-Mitglieder – von denen sich angeblich nur Sänger Holly Johnson vollständig eingebracht haben soll – lediglich symbolischer Natur war.

Auch wenn all das der Wahrheit entspricht, mindert es die Bedeutung von »Welcome to the Pleasure Dome« als Gesamtwerk auf der damaligen Poprock-Szene in keiner Weise – wobei sich das alles bereits mit dem nächsten FGTH-Album »Liverpool« (1986) änderte, an dem alle Bandmitglieder aktiv mitwirkten. Noch vor der Veröffentlichung von »Welcome to the Pleasure Dome« hatten FGTH gleich drei Hits am Start; neben »War« und »Two Tribes« wurde ihr mit Abstand bekanntester Hit »Relax«, der bis heute reichlich Radiorotation genießt. Zu sagen ist allerdings, dass sich alle drei genannten Hit-Singles deutlich von den Versionen auf »Welcome to the Pleasure Dome« unterscheiden.

Ein schöner Beweis dafür, was für eine ungewöhnliche Musikformation FGTH waren, ist der eröffnende Orchesterpomp und das Chaos in Form eines Requiems namens »The World Is My Oyster«, wo schon beinahe lästig hohe Operetten-Vocals und sinfonische Arrangements die ‚Klangmauer‘ durchbrechen, während Holly Johnson sich als eine Art geheimnisvoller und zynischer ‚Newwave‘-Papst präsentiert. Darauf folgt die fast 14 Minuten lange Titelkomposition, ein Artrock-Leckerbissen, der sich in kein festes Genre-Korsett zwängen lässt. Sie öffnet sich mit durchdringenden Tierlauten, die klingen, als kämen sie aus dem Urwald, sowie dem Klang einer pastoralen Flöte, die nach und nach von elektronischen Effekten zum Schweigen gebracht wird. Darauf folgt ein unglaublich gelungener Übergang in eine subtile ‚Pop‘-Sektion, in der galante Synthesizer- und Klavierarrangements sowie melodische Bass-Variationen die Führung übernehmen.

Kämpferisch gestimmte Tempowechsel bringen einen schamanischen Puls ins Spiel, während Holly Johnson mit seiner ganz eigenen Stimmfarbe besonders begeistert, der bis heute niemand das Wasser reichen kann (annähernd verwandt ist ihm nur David Bowie). Steve Howe sorgt für einige äußerst subtile und weiche Improvisationen auf der Akustikgitarre, während der pfiffige Johnson durchgehend für gute Unterhaltung und positive Stimmung sorgt. Ein vollkommen banaler, halb liebevoller, halb quasi-pornografischer Text, in dem Kublai Khan und eine Supernova auftauchen (tatsächlich war er von Samuel Taylor Coleridges berühmtem Epos ‚Kubla Khan‘ inspiriert), befindet sich in perfekter Symbiose mit dem rhythmisch lebhaften musikalischen Hintergrund, in dem jeder Instrumentalist die Gelegenheit zum Improvisieren bekommt. Den Gipfel des Pomps liefert der abschließende Einsatz epischer weiblicher Vokalharmonien, die für einen außergewöhnlichen Übergang in den majestätischen, triumphalen Refrain sorgen. Einzigartig wäre Mr. Johnson nicht, wenn er das Finale nicht noch mit einem Lachen von episch-bizarren Ausmaßen gewürzt hätte. Das Frankie im Bandnamen und im Text des Titelstücks bezieht sich natürlich auf Frank Sinatra. Diese ungezähmte Collage höchst unterschiedlicher Elemente könnte man als bizarr, pompös und übertrieben bezeichnen – aber gleichzeitig auch als brillant, wunderschön und einzigartig.

Über den größten Hit des Albums, eigentlich einen der erfolgreichsten Pop-Songs einer ganzen Generation, also »Relax« (Come Fighting)«, werden bis heute zahlreiche soziologische Debatten geführt, weshalb man hier wirklich nicht zu viele Worte verlieren muss; im Kern handelt es sich um einen ausgezeichneten Poprock-Beitrag mit Dance- und Synthpop-Elementen, der in der Albumversion deutlich besser klingt als die bekanntere Single-Ausgabe. Auch diesmal glänzt vor allem Johnsons Gesangsdarbietung, während die rhythmischen Synth-Übergänge entlang der unterhaltsamsten Dance-Motive verlaufen, die dem ikonoklastischen Refrain die Tür weit aufstoßen. Dieser setzt sich federleicht in den Ohrwürmern fest, während zusätzliche Vokalharmonien und elektronische Verzierungen dafür sorgen, dass im Hintergrund ‚immer etwas passiert‘. Darin liegt die Antwort, warum das zentrale Motiv trotz der beinahe banalen rhythmischen Wiederholung seine außergewöhnliche Kraft und Energie nicht verliert, die gemeinsam eine unvergessliche Atmosphäre erschaffen. »Relax« wäre wohl unter den ersten drei Kandidaten, wenn man einen Hit wählen müsste, der eine Musikepoche – sprich die Achtziger – definiert hat.

Weniger interessant und inspiriert wirkt die zwar durchaus witzige Coverversion des amerikanischen Soul-Musikers Norman Whitfield mit dem Titel »War (And Hide)«, die zuvor schon Bruce Springsteen gecovert hat – kein besonders innovativer Schachzug also. FGTH haben ihrer Version dieses pazifistischen Klassikers eine ganze Menge elektronischer und perkussiver Verzierungen sowie schneidende Basslinien hinzugefügt, während Mr. Johnson noch ein paar saftige Sozialkommentare und banale Vokalimprovisationen beisteuerte. Umso gelungener wirkt da der energische Orchester-Leckerbissen »Two Tribes (For the Victims of Ravishment)«, der dritte große Hit des Albums, mit durchdringenden Basslinien und saftigen Gitarrenphrasen, während Johnsons Stimme diesmal in angenehmer Gesellschaft begleitender weiblicher Vokalharmonien zu hören ist.

»Ferry (Go)«, noch eine Coverversion, diesmal von Gerry Marsden, Mitglied von Gerry and the Pacemakers (der Originaltitel des Stücks lautet »Ferry Cross the Mersey«), ist eine kurze Ballade mit zartem Orchester-Arrangement und Johnsons subtiler Gesangsherangehensweise, die stark an Weihnachtsmusik erinnert. Darauf folgt die schwächste, oder besser gesagt überflüssigste Nummer des gesamten Albums: die Coverversion von »Born To Run«, ursprünglich geschrieben von Bruce Springsteen. Dieser ausgesprochen amerikanisch gefärbte, patriotische Song wirkt in den Händen einer englischen Band reichlich ‚unbeholfen‘. Vor völliger Banalität retten ihn weder Johnsons spezifischer Vokalansatz noch glühende Gitarrenpassagen und komplexe Basslinien. Das ist im Grunde kein schlechtes Cover, aber stilistisch hat es auf »Welcome To The Pleasure Dome« nichts zu suchen. Die gefällige Ballade »San Jose (The Way)« mit ihrem Calypso-Puls ist noch ein weiteres recht banales und ziemlich überflüssiges Cover, das 1968 unter dem Originalnamen »Do You Know The Way to San Jose« von der amerikanischen Diva Dionne Warwick gesungen wurde.

Mit den kontroversen Coverversionen ist beim unterhaltsamen, ‚tanzfreudigen‘ Poprocker »Wish (the Lads Were Here)« plötzlich Schluss – der ist geprägt von fetten Basslinien, die einen galoppierenden Rhythmus miterzeugen, sowie von mächtiger Mehrstimmigkeit und einem bedeutungsschweren Refrain. Dem Album geht die stilistische Vielfalt so schnell nicht aus. Das Instrumental »The Ballad of 32« ist nämlich ein weiterer Ausflug ins Artrock-Territorium mit ätherischem Sinfonie-Arrangement, komplexen Gitarren-Variationen und elegantem akustischen Begleitspiel, die gemeinsam dafür sorgen, dass sich die komplexe Atmosphäre ständig wandelt. Die Synthesizer-Effekte sind durchzogen von den ‚verschwommenen‘ Klängen zweier Personen beim Sex, während gegen Ende eine brillante Gitarren-Improvisation das Ganze abschließt.

»Krisco Kisses«, noch eine sozial engagierte Nummer, bei der es nicht an entschlossenen Gitarrenpassagen und mächtigen Basslinien mangelt, eröffnet auf beinahe aggressive Weise, um dann mithilfe eines witzigen Refrains etwas subtilere Ambient-Nuancen anzunehmen. Nach einem ausgezeichneten Eröffnungsteil und einem eher durchschnittlichen Mittelteil verbessert sich das Album im Schlussteil wieder drastisch, was man schon am ausgezeichneten Evergreen »Black Night White Light« hört, auf dem FGTH auf bestmögliche Weise als einzigartige Meister der Subtilität, Melodramatik und Epik glänzen. Der phänomenale, mehrstimmige Refrain wird von melodischen, fetten Basslinien, innovativen elektronischen Verzierungen und majestätischen sinfonischen Arrangements begleitet, sodass das Ganze problemlos als ‚Art Pop Rock‘ bezeichnet werden kann. Auch an intelligenter Gitarren-Improvisation mangelt es nicht, während Johnson nicht aufhört, mit seinem vokalen Chamäleonismus zu begeistern – mal klingt er wie ein irrer, populistischer Diktator, im nächsten Moment wieder wie eine ausgesprochen zarte Seele. »The Only Star in Heaven« beginnt mit einem kurzen, für damalige Verhältnisse sogar innovativen Rap-Einschub, gefolgt von einem abrupten Übergang in eine relativ komplexe ‚Pop‘-Sektion mit Dance-Puls. Hier begeistert erneut FGTHs außergewöhnliches Gespür für improvisatorische Kombinatorik und den Wechsel einzelner Motive.

Der beste Song des gesamten Albums findet sich ganz am Ende von »Welcome to the Pleasure Dome« in Form der zeitlosen Power-Ballade »The Power of Love«, einem weiteren großen Hit und, was am wichtigsten ist, einem der schönsten Liebeslieder aller Zeiten. Die Kernbotschaft des Stücks – dass am Ende die Liebe das Einzige ist, das in diesem Leben wirklich zählt – ist bis heute universell, doch es ist die Art und Weise, wie Holly Johnson diese unsterbliche Ballade singt, die sie für alle Ewigkeit unter den unsterblichen Klassikern zementiert hat. Die Menge an Emotionen, die dieses Gesangschamäleon transportiert, ist bis heute atemberaubend, während im Hintergrund majestätische und unbeschreiblich schöne Orchesterarrangements von Gastmusikerin Anne Dudley fließen. Holly Johnson, der ewige Spaßvogel und eine der kontroversesten Musikpersönlichkeiten der Achtziger, liefert auf »The Power of Love« eine einzigartige Gesangsdarbietung, die bis heute Inkarnation von Reife und geistiger Tiefe ist – einer Tiefe, die Sänger weit bekannterer und langlebigerer Rockbands nicht aufzuweisen haben. FGTH schließen das Album ganz in ‚ihrem Stil‘ mit dem sakralen Requiem »Bang«, in dem sie sich ein letztes Mal auf Kosten des alten ‚Mafiabosses‘ Frank Sinatra amüsieren.

Kontroversen, Lügen, Sex und Betrug, hin oder her – »Welcome to the Pleasure Dome« ist eines der interessantesten und ungewöhnlichsten Alben der Achtziger des 20. Jahrhunderts aus der Feder einer Poprock-Gruppe. Außergewöhnliche stilistische Vielfalt, beinahe chaotische Unberechenbarkeit und eine intelligente Artrock-Komponente auf den meisten Songs – auch auf einigen der Hits – sorgen dafür, dass das Album den Test der Zeit weit besser bestanden hat, als die meisten nach seiner Veröffentlichung erwartet hätten. Das Potenzial der Band war außergewöhnlich, auch wenn sie es nie vollständig ausgeschöpft haben. Genau deshalb ist es irgendwie ungerecht und auf seine Art traurig, dass die meisten Frankie Goes To Hollywood heute nur noch wegen des ‚permanent‘ gespielten Mega-Hits »Relax« in Erinnerung haben. Bereits auf dem nächsten Album, »Liverpool«, nach Meinung einiger sogar ein noch besseres Werk als »Welcome to the Pleasure Dome«, wurden FGTH zu einer deutlich ernsthafteren Band und beschnitten den Albernheiten und Kontroversen die Flügel – nur schade, dass dies gleichzeitig auch ihr ‚Schwanengesang‘ war.

Besetzung

Holly Johnson – Gesang
Brian Nash – Gitarre
Peter Gill – Schlagzeug
Mark O’Toole – Bassgitarre
Paul Rutherford – Backing-Vocals

GASTMUSIKER:
J. J. Jeczalik – Keyboards, Programmierung
Andrew Richards – Keyboards
Louis Jardim – Perkussion
Anne Dudley – Keyboards, Orchester-Arrangements auf „The Power of Love“
Steven Lipson – Gitarre
Steve Howe – Akustikgitarre auf „Welcome to the Pleasuredome“
Trevor Rabin – Gitarre
Trevor Horn – Backing-Vocals, Bassgitarre

Produktion

Trevor Horn

Trackliste

1. The World Is My Oyster
2. Welcome to the Pleasure Dome
3. Relax (Come Fighting)
4. War (And Hide)
5. Two Tribes
6. For The Victims of Ravishment
7. Ferry (Go)
8. Born to Run
9. San Jose (The Way)
10. Wish (The Lads Were Here)
11. The Ballad of 32
12. Krisco Kisses
13. Black Night White Light
14. The Only Star in Heaven
15. The Power of Love
16. Bang

 

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