Warchild
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Jethro Tull
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1974
Bewertung: 4/5
Ian Anderson und seine Truppe übermütiger Troubadoure des Progressive Rock ist mit „Warchild“ wieder zu kompakteren und, was die Stimmung angeht, wieder zu etwas helleren und witzigeren Stücken zurückgekehrt. Dieser Kurswechsel war nach dem ziemlich düsteren und ultrakomplexen Konzept-Meisterwerk „A Passion Play“ (1973), in dem es konzeptionell um das Leben nach dem Tod ging, irgendwie auch zu erwarten, denn nach Ians (völlig nachvollziehbarer) Enttäuschung über die ruppigen Musikkritiken derer, die ihre ehrgeizigen Vorstellungen von der Entwicklung des (Progressive) Rock nicht verstanden hatten, wollte die Band eine Weile lang keine „feinen“ Leute mit dicken Geldbeuteln und tauben Ohren mehr herausfordern. „Warchild“ ist also stilistisch eine Rückkehr zu kürzeren, melodischeren Kompositionen. Jethro Tull wären aber natürlich nicht eine der größten Innovatoren in der Geschichte des (Progressive) Rock, hätten sie nicht auch diesmal einen neuen Ansatz für ihren traditionellen Sound gewählt.
Die meisten Stücke auf „Warchild“ haben sie nämlich mit Orchesterarrangements angereichert, die vom langjährigen Weggefährten der Band stammen, Herrn David Palmer (heute besser bekannt als Frau Dee Palmer), dem auch die Neuauflage des Albums gewidmet ist. Ian hat diesmal sein Arsenal an Saxofonen noch erweitert, ohne dabei seine zahlreichen Flötenstreiche auch nur irgendwie zu vernachlässigen. Martin „Lancelot“ Barre hat wieder mehr Platz für seine stets einfallsreichen und witzigen Gitarrenpassagen bekommen. Der Dauerclown der Band, John Evans, hat auch diesmal ein paar erstklassige Orgel- und Klaviermeisterstücke beigesteuert, auch wenn sein Spiel wegen der vielen Orchesterarrangements diesmal etwas in den Hintergrund rückt. „Fischer“ Barrie Barlow tobt sich sowohl an seinem dynamischen Schlagzeug als auch an einer bunten Auswahl an Percussion, Glockenspiel und Marimba aus, während Jeffrey Hammond keinesfalls ruht, wenn es gilt, einen intelligenten Basseinsatz zu liefern. Auch wenn die Orchesterarrangements den meisten Stücken einen barocken, elisabethanischen Anstrich verpassen, ist vor allem durch das Zusammenspiel von Saxofonen und Klavier stellenweise sogar ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Glam zu spüren, während für ihren traditionellen, folk-hardrockig gewürzten Sound wie üblich vor allem Ians Flöte und Martins Gitarre sorgen.
Auch wenn es fast unmöglich scheint: „A Passion Play“ und „Warchild“ hängen enger zusammen, als die meisten denken würden. Einige wichtige Stücke des Albums wie „Skating Away On The Thin Ice Of The New Day“, „Bungle In The Jungle“ und „Onyl Solitaire“ entstanden schon vor dem Beginn der Aufnahmen zu „A Passion Play“, also mitten im Studiodebakel im Chateau D’Herouville. Das ursprüngliche Konzept für „A Passion Play“ fiel auf diesem Album auf fruchtbaren Boden, das zwar kein Konzeptalbum ist, aber bei dem sich die einzelnen Stücke auf die witzigen Szenen auf der Rückseite des Albums beziehen. Ian wollte anfangs auf Grundlage der einzelnen Stücke ein Theaterstück beziehungsweise ein Musical auf die Beine stellen. Geplant war sogar ein Film, in dem unter anderem John Cleese auftreten sollte, doch später überlegte er es sich anders. Die Tour zum Album war trotzdem ziemlich extravagant, denn auf der Bühne stand auch ein Chor aus vier Blondinen, die sowohl für die Orchester arrangements als auch für die Stimulation des männlichen Teils des Publikums sorgten. Ian hat in den Texten zwar den Großteil des Monty-Python-Humors weggelassen, trotzdem zählen sie wieder zu den Perlen seines genial bissigen Spotts und können auch als guter Spiegel für die westliche Gesellschaft dienen.
Der Titeltrack führt uns mit donnernden Sirenen, Maschinengewehren und Explosionen ins Album ein, die uns mitten in den Krieg katapultieren, während Ians Frau ihren Gatten fragt, ob er noch eine Tasse Tee möchte. Der schottische Gentleman lehnt natürlich ab, greift lieber zur Flöte (stellenweise auch zur Akustikgitarre und zum Saxofon) und tanzt vors Saxofon, wo er uns mit seinem stets saftigen und charismatischen Timbre, unterlegt von einem wunderschönen Klavier, in einen witzigen Song führt, der beim ersten Einsatz der E-Gitarre ordentlich Schwung bekommt und einen eingängigen Refrain hat. Hervorragende Orchesterarrangements im Hintergrund und witzige Passagen auf Klavier, Gitarre und Saxofon tragen die zentrale Melodie die ganze Zeit schön. Besonders unterhaltsam ist Ians Saxofonsolo im Bolero-Stil kurz vor der Wiederholung des Hauptrefrains. Ein sehr guter Auftakt, der aber erst die besten Stücke des Albums ankündigt.
„Queen And Country“ hat einen starken barocken Anstrich, was nicht überrascht, denn es erzählt von der „ewigen Jungfrau“, der erlauchten Königin Elisabeth I. Wir dürfen uns an einem weiteren witzigen Stück mit tollem Refrain freuen. Nach dem Intro mit barockem Arrangement kippt es in einen energischen Rhythmus, den ein solider Refrain und hervorragende Gitarrenpassagen von Martin im Mittelteil ergänzen. Ein solides Stück, auf dem sie auch bei einigen künftigen Songs aufbauen werden, in die sie den barocken Geist der elisabethanischen Zeit einfließen lassen.
„Ladies“, das den Frauen und Begleiterinnen der Bandmitglieder gewidmet ist, ist ein ziemlich ruhiges und solides Stück mit einer schönen Eröffnungsmelodie auf der Akustikgitarre, die von witziger Percussion und Händeklatschen fortgeführt wird. Seine wahre Weite bekommt es aber erst mit Ians großartigem Flötensolo, auf das wunderbare Orchesterpassagen folgen. Im zweiten Teil gibt es eine tolle, schelmische Wendung dank Saxofon, Schlagzeug und Gitarre, woraufhin es plötzlich endet, was auf seine Art schade ist, denn aus dem Ende hätte man auch etwas Interessanteres machen können.
„Back-Door Angels“, eine Art zynische Widmung an eine gewisse karitative Organisation, ist zweifellos eines der besten Stücke des Albums, auf dem alle größten Stärken der Band zum Vorschein kommen. Sinfonische Arrangements und Folkrock-Elemente erstrahlen hier in voller Größe. Im Intro begeistern Ians großartiger Gesang und die Flöte sowie geschmackvolle Passagen auf den Keyboards. Nicht vergessen darf ich ein weiteres erstklassiges Gitarrensolo von Martin und Barries dynamische Drumfills, die den Song in einen energischen Instrumentalteil tragen. Dann wiederholt sich die folkrockig gefärbte Passage mit dem zentralen Refrain. Darauf folgt noch ein Instrumentalabschnitt, in dem wir Zeugen eines tollen, hardrockig gewürzten Solos werden, eng verwoben mit Hammond-Orgeln und einer dynamischen Rhythmuslinie. Nach dem ständigen Tempowechsel endet es mit einer starken Strophe. Das ist ohne Zweifel einer ihrer vergessenen Klassiker.
Das äußerst witzige „Sealion“, in dem sie Witze auf Kosten von Zirkusrobben reißen, ist ein weiteres hervorragendes Stück. Nach dem elektrisierten Einstieg, für den Ians schelmischer Gesang und hardrockige Gitarrenparts sorgen, werden wir in einen wiegenden Rhythmus versetzt, der mit einem ungewöhnlich lustigen, barocken Refrain den anfänglichen Puls des Songs komplett umkrempelt. Im Mittelteil folgt ein interessanter Sprung über erstklassige Flötensoli und einige tolle Harmonien auf den Keyboards. Darauf folgt ein jähes Ende, bei dem uns Ians Frau am Schluss mit ihrer freundlichen Frage wieder aufschreckt. Diesmal fällt die Antwort offenbar bejahend aus, denn im nächsten Moment pfeift unser knorriger Troubadour/Landstreicher schon fröhlich ein Liedchen und bereitet sein Teechen zu.
Es folgt der unvergessliche Klassiker „Skating Away On The Thin Ice Of The New Day“, der auch als Single erschien und meiner Meinung nach das beste Stück des Albums ist. Eröffnet wird es von einer wunderschönen Melodie auf Ians Akustikgitarre und seinem Gesang, voller außergewöhnlichem Pathos, wofür teils auch sein großartiger Text sorgt, der wieder von unserem alten Bekannten Aqualung erzählt. Sehr schöne, vor allem aber witzige Arrangements auf Gitarre, Marimba, Akkordeon, Percussion und Hammond-Orgeln sowie ein toller Refrain sind Balsam für die Ohren. Ein Klassiker, der bei Fans der Band bis heute hochgeschätzt ist und ein unverzichtbarer Teil ihres Konzertrepertoires.
Darauf folgt, siehe da, noch ein Klassiker, „Bungle In The Jungle“, das von einem Stadtzoo erzählt. Das ist eines der kommerziell erfolgreichsten Stücke der Band und ihr einziger Song, den ihr trotz Tiergeräuschen und Orchesterarrangements irgendwann sogar im Radio hören könnt. Nach Löwengebrüll führen Flöte und witziger Gesang in den Song, zu denen sich Gitarrenpassagen gesellen. Es folgt ein melodischer und äußerst eingängiger Refrain, den Palmers Orchesterarrangements im Hintergrund hervorragend ergänzen. Im zweiten Teil kommt ein etwas komplexerer Sinfo-Folk-Abschnitt, in dem geschmackvolle Passagen zwischen Akustik- und E-Gitarre sowie gute Orchesterarrangements begeistern. Auch wenn es einer ihrer kommerziellsten Songs ist, hat er sich seinen Klassikerstatus zweifellos verdient.
Die Ballade „Only Solitaire“, die allen Musikkritikern gewidmet ist, die gleich nach dem Erscheinen von „A Passion Play“ auf sie losgegangen waren, ist ein kurzes, aber nettes Liedchen, das auf einer energischen und folkig gewürzten Akustikgitarre aufbaut, die eine ruhige Stimmung schafft – aber achtet auf Ians spitzen Text.
„The Third Hoorah“, das mit einem begeisterten Freudenschrei beginnt, hat eine richtig ausgelassene, fröhlich-feierwütige Tanzstimmung, und Jethro Tull sind hier in meinen Ohren wieder in der Rolle einer burlesken Bruderschaft bärtiger keltischer Wichtel, die mit ihren Instrumenten um den Kamin tanzen. Ein Meisterstück des Progressive Folk Rock, voller witziger Übergänge und äußerst saftiger barocker Arrangements, unterlegt von einem hüpfenden, fast tänzerischen Rhythmus und schelmischem Gesang. Nach einem ruhigen Intro auf Flöte und Akustikgitarre, zu denen sich nach und nach die übrigen Instrumente gesellen und dem Stück einen barocken Anstrich geben, kommt ein herrlicher, keltisch gefärbter Instrumentalabschnitt, in dem vor allem der schottische Dudelsack begeistert (schade, dass sie ihn nicht noch öfter eingesetzt haben). Man sollte Ian daran erinnern, dass es schön wäre, ihn auch bei Konzerten wieder zu hören.
Das abschließende „Two Fingers“ beginnt ziemlich ruhig, dann tragen solide Passagen auf der Akustikgitarre, die sich nach und nach mit der E-Gitarre verflechten, das Stück in folkrockige Gewässer. Auch diesmal können wir uns an tollen Keyboards, Flöte, dynamischem Schlagzeug und Bass sowie elektrisierten Gitarrenpassagen erfreuen, während Ians Gesang wieder für den einen oder anderen Witz mehr sorgt. Auch wenn es nicht zu ihren Höhepunkten zählt und mir die Version namens „Lick Your Fingers Clean“, die auf der Neuauflage des Meisterwerks „Aqualung“ (1971) erschien, deutlich besser gefällt, ist es trotzdem wieder ein klassisches Tull-Stück, bei dem man sich die ganze Zeit an ihrem kunstvollen Zusammenspiel aus Folk, Sinfonik und Hardrock erfreuen kann.
Auf der Neuauflage stoßen wir auf einige äußerst interessante Bonustracks, die während des französischen Studiodebakels entstanden sind. Einige davon findet ihr auch auf der Doppel-Kompilation „Nightcap“ (1993). Diese Bonustracks sind keinesfalls verzichtbar, was ehrlich gesagt wirklich nicht überrascht. Hätte man sie noch ein wenig aufgemotzt, wären daraus großartige Stücke geworden, und hätten die damaligen Beschränkungen im Aufnahmeraum das nicht verhindert, hätten sie es mit Leichtigkeit auch aufs Originalalbum geschafft.
„Warchild Waltz“ ist die Orchesterversion von „Warchild“, die trotz fehlendem Schluss sicher auch manchen Fans klassischer Musik gefallen wird. Es ist eine Komposition voller majestätischer Orchesterarrangements und eines witzigen, dynamischen Tempos, die Palmers Meisterschaft als Arrangeur und Dirigent unter Beweis stellt. Bei „Quartet“ spielen sie im Intro ein bisschen mit Barjazz, bevor sie über düstere Orgelsoli auch Herrn Bach ihre Ehre erweisen. Wieder ein unfertiges, aber interessantes und schelmisches Stück. „Paradise Steakhouse“ ist ein toller Hardrocker mit echter Retro-Stimmung, denn er erweckt Jethro Tull aus der „Aqualung“-Ära wieder zum Leben, wofür vor allem ein klassisches Gitarrenriff sorgt. Ich finde es wirklich schade, dass dieser Song aus dem Originalalbum rausgeflogen ist. „Sealion 2“ ist der Albumversion ziemlich ähnlich, nur dass er einen anderen Text und eine zusätzliche witzige Interaktion im Mittelteil hat. Für den Gesang, wenn man das Gesang nennen kann, ist ausgerechnet Bassist Hammond zuständig, der dementsprechend auch mehr Bass beisteuert. Auch die Orchesterarrangements fehlen. „Rainbow Blues“, der überhaupt nichts Bluesiges hat, bietet interessante Passagen auf der E-Gitarre, zu denen sich noch witzige Orchesterarrangements gesellen, die das Herzstück dieses tollen Stücks bilden, das mit kleinen Verzierungen auch als großartige Single hätte erscheinen können. „Glory Row ist ein solides Stück, in dem witzige Passagen auf dem Saxofon, ein hüpfender Rhythmus und tolle Parts auf der spanischen Gitarre im Vordergrund stehen. „Saturation“ zeichnet sich durch klassisches, hardrockig gewürztes Riffing von Barre, einen watschelnden Rhythmus und einen unheilvollen Refrain aus. Ein Stück, bei dem sich vor allem Fans ihrer Hardrock-Nummern die Finger lecken werden.
Mein Fazit: „Warchild“ ist ein ziemlich unterschätztes Album, das der Band eine schöne Grundlage für ihre folgenden folkrockig gefärbten Meisterwerke geliefert hat. Der Schalk und die Leichtigkeit der meisten Stücke, die von hinreißenden Orchesterarrangements sowie einigen unvergesslichen Klassikern geschmückt werden, sind die großen Perlen dieses Albums. Manch einer wird vielleicht mit der Behauptung um die Ecke kommen, „Warchild“ sei im Vergleich zum unberechenbaren und komplexen „A Passion Play“ ein progressiver Rückschritt, auch weil es kein Konzept hat, womit er aber das Wesen des Progressive Rock und des progressiven Zugangs zur Musik im Allgemeinen gründlich verfehlen würde. Das ist eines dieser Tull-Alben, bei denen man das Hirn nicht groß anstrengen muss, denn die meisten Stücke haben wiedererkennbare Refrains und Melodien, ohne dass die Band ihre hohen Standards aufgegeben hätte. Seine wahre Qualität zeigt sich aber gewöhnlich erst nach längerer Zeit. Ian und seine Kumpanen haben vielleicht wirklich nicht schon wieder ein Meisterwerk am Fließband abgeliefert, aber zweifellos haben sie ein weiteres sehr gutes Album geschaffen, das ihren Status als eine der qualitativ beständigsten Bands in der Geschichte des (Progressive) Rock gefestigt hat.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre, Altsaxofon, Sopransaxofon, Sopraninosaxofon
Martin Barre – E-Gitarre, spanische Gitarre
Barriemore Barlow – Schlagzeug, Glockenspiel, Marimba, Percussion
Jeffrey Hammond-Hammond – Bassgitarre, Kontrabass
John Evans – Klavier, Orgel, Synthesizer, Akkordeon
GASTMUSIKER:
David Palmer – Orchestrierung und Dirigat, Mitglieder des Orchesters Philomusica of London.
Produktion
Ian Anderson, Terry Ellis
Tracklist
1. War Child (4:34)
2. Queen And Country (3:02)
3. Ladies (3:19)
4. Back-Door Angels (5:29)
5. Sealion (3:38)
6. Skating Away On The Thin Ice Of The New Day (3:58)
7. Bungle In The Jungle (3:37)
8. Only Solitaire (1:30)
9. The Third Hoorah (4:51)
10. Two Fingers (5:09)
Spieldauer des Albums: 39:07
Bonustracks der Neuauflage (2002):
11. Warchild Waltz (4:21)
12. Quartet (2:44)
13. Paradise Steakhouse (4:03)
14. Sealion 2 (3:20)
15. Rainbow Blues (3:40)
16. Glory Row (3:35)
17. Saturation (4:21)