Vivere o niente
Interpret: Rossi, Vasco
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 2011
Bewertung: 4.5/5
„Leben oder nichts“ – das ist die Frage, die Vasco auf seinem sechzehnten Studiowerk umtreibt. Vasco Rossi ist ein vitaler Neunundfünfzigjähriger, der im Laufe einer dreißigjährigen Karriere viele Höhen und zahlreiche Tiefen erlebt hat. Geboren wurde er am 7. Februar 1952 in dem kleinen Dörfchen Zocca an der Grenze zwischen der Toskana und der Emilia-Romagna, also irgendwo zwischen Modena und Bologna. Sein Vater Giovanni Carlo gab ihm den Namen eines Freundes, der in einem Konzentrationslager in Deutschland gestorben war. Als Kind war er unglaublich aufmüpfig und anstrengend; Kunst interessierte ihn weit mehr als das Studium der Wirtschaftswissenschaften und Pädagogik. Erste musikalische Erfolge feierte er in lokalen Schulbands, doch auf den Durchbruch an die Spitze der italienischen Szene musste er noch warten. Die Türen öffneten sich ihm erst mit der Platte Siamo solo noi im Jahr 1981. Seitdem zählt der raue Vasco Rossi zu den größten Stars der italienischen Popmusik. Später folgten ihm Eros Ramazzotti und Zucchero, die auch außerhalb Italiens Erfolge feierten, doch Vasco bleibt der Rekordhalter, wenn man alle Konzertbesucher über die Jahre zusammenzählt. Ende der Achtziger verkaufte er locker sämtliche großen Fußballstadien der Heimat aus und übertrumpfte damit den damals überaus populären Prince und Madonna. Das gelingt ihm bis heute.
Vasco Rossi gibt das Bild eines rauen, ungehobelten Kerls ab – ein stämmiger Forstarbeiter vom Fuß der Apenninen. Trotz der Hardrockstücke, die er in seiner Karriere en masse aufgereiht hat und mit denen er auch englischsprachigen Songwritern Maßstäbe setzte, greift er auf Vivere o niente immer wieder zu sanften Tönen. Die Songs im zweiten Teil wertet er stets mit betontem Rhythmus und tiefsinnigen Texten auf. Die Arrangements sind raffiniert, die Instrumentierung vorbildlich. Trotz seines Rufs als harter und direkter Rocker hält Vasco im technischen Sinne gemeinsam mit seinen Produzenten die Fäden fest in der Hand. Die rockige Schärfe und Wucht schneidet er geschickt mit melodischen Momenten, die er in verträumte Moll-Passagen einbettet. Geholfen haben Vasco alte Bekannte: die Komponisten Tullio Ferro, Gaetano Curreri und Guido Elmi. Vivere o niente fesselt schon beim ersten Hören, und wer öfter in diese Musik eintaucht, dem wächst Vasco tief ins Herz. Weil Italienisch bekanntlich eine der wohlklingendsten Sprachen ist, ist das bei Vasco natürlich nicht anders. Melodie um Melodie entweicht seinen Lippen und umschmeichelt alle, die von Liebe und Leben enttäuscht wurden. Wo kein Leben ist, gibt es keine Liebe – und das ist gleich gar nichts. Vasco Rossi ist ein Poet, der mit einfachen Wortverbindungen die tiefsten Winkel der Seele des Zuhörers erreicht. Wer Italienisch kann, findet in den Texten jene Eigenschaften Vascos, die er auch auf Vivere o niente in der Musik herausstellt. Ironie, Freude, Spaß und Provokation reichen sich die Hand – im Sinne eines erneuten Beweises und einer Neudefinition des musikalischen Ausdrucks. Im Song Eh… già beginnt Vasco mit den Worten: „Es schien, als wäre das Ende der Welt, aber ich bin noch hier.“ Damit fasst er sein turbulentes Leben zusammen, das seinem Temperament entsprechend ziemlich wild war.
Angesichts seiner künstlerischen Größe ist Vasco Rossi berechtigt, jede beliebige Platte herauszubringen. Egal, was er aufnimmt – treue Fans nehmen jede seiner Nummern als reines Gold. Dabei sei erwähnt, dass Rossi in früheren Tagen gewichtigere oder entschlossenere Songs schrieb; doch das Album Vivere o niente hat bereits bewiesen, dass mehr als die Hälfte der Songs bald zum eisernen Konzertrepertoire gehören wird. Im Song Non sei quella che eri (Du bist nicht mehr dieselbe wie damals) beschreibt er das schwierige Verhältnis zwischen einem Mann und einer Frau, der wegen ihrer Launenhaftigkeit kaum zu gefallen ist. Sie hat sich eben verändert…
In Sei pazza di me (Du bist verrückt nach mir) tritt Gitarrist George Lynch auf. Hatte sich Vasco auf der vorherigen Platte Il mondo che vorrei (2008) noch die Zusammenarbeit mit Slash von Velvet Revolver und den einstmals berühmten Guns gegönnt, fiel die Ehre diesmal dem brillanten Techniker Lynch aus den Bands Dokken und Lynch Mob zu.
Vasco Rossi ist seit zwanzig Jahren in der Lage und daran gewöhnt, Platten in den USA einzuspielen. Diesmal erledigte er die Hälfte der Arbeit zu Hause, den Rest in Los Angeles. Für klangtechnische Perfektion sorgten bewährte Studiofüchse – kurz erwähnt seien nur Schlagzeuger Vinnie Colaiuta, Bassist Tony Franklin, Keyboarder Celso Valli, Langzeit-Manager Guido Elmi sowie die Gitarristen Tim Pierce, Dean Parks und Stef Burns. Letzterer ist Amerikaner, lebt seit Jahren in Italien und spielt auch bei den Hard Rockern Y & T. Seit vielen Jahren ist er auch Mitglied von Vascos Begleitband. Rossi hält sich für sein Alter sängerisch sehr gut. Offenbar hat er im Alter Vernunft angenommen und schont seine Stimme. Vasco Rossi hat mit dem Album Vivere o niente Rockmusik präsentiert, die von italienischer Überzeugungskraft und guter Interpretation geprägt ist. Sein Verhältnis zum Publikum ist ehrlich und offen, stets direkt, klar und unprätentiös. Zudem können jene, die etwas besser Italienisch beherrschen, in seinen Texten leicht die Tiefe seiner Botschaften entdecken. Meistens spricht er über verschiedene Probleme zynisch, aber direkt und nicht von oben herab, wie es viele andere tun. Trotz der Flut neuer Musiktrends verteidigt Vasco Rossi berechtigt seine musikalischen Positionen, die seit Ende der Siebzigerjahre festgelegt sind.
Besetzung
Vasco Rossi – Gesang
Stef Burns – Gitarre
George Lynch – Gitarre
Tim Pierce – Gitarre
Dean Parks – Gitarre
Simone Sello – Gitarre
Massimo Varini – Gitarre
Samuele Dessi – Gitarre
Peppino D’Agostino – Gitarre
Guido Elmi – Keyboards
Celso Valli – Keyboards
Frank Nemola – Keyboards
Sandro Magri – Keyboards
Alex Alessandroni jr. – Keyboards
Clara Moroni – Hintergrundgesang
Andrea Innesto – Hintergrundgesang
Annalisa Giordano – Hintergrundgesang
Tony Franklin – Bassgitarre
Caludio Golinelli – Bassgitarre
Cesare Chiodo – Bassgitarre
Saverio Lanza – Bassgitarre
Vinnie Colaiuta – Schlagzeug
Matt Laug – Schlagzeug
Paolo Valli – Schlagzeug
Trackliste
1. Vivere non è facile (4:54)
2. Manifesto futurista della nuova umanità (3:54)
3. Starò meglio di così (4:52)
4. Prendi la strada (3:28)
5. Dici che (5:00)
6. Eh… già (3:45)
7. Sei pazza di me (4:13)
8. Vivere o niente (4:01)
9. L’aquilone (4:25)
10. Non sei quella che eri (3:47)
11. Stammi vicino (5:21)
12. Maledetta ragione (4:20)
13. Mary Luise (3:59)