Visionary

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Eloy
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 42:03
Wertung: 3/5

Wer hätte gedacht, dass die Urgesteine des deutschen Progressive Rock nach fast elf Jahren seit dem hervorragenden Album „Ocean 2“ (1998) mit einem neuen Studiowerk zurückkehren würden – dem einfallslos betitelten „Visionary“ –, hatten doch viele sie schon längst abgeschrieben, zumal nachdem Chef Frank Bornemann sich längere Zeit ins Produzenten- und Labelgeschäft zurückgezogen hatte. Ihre unerwartete Rückkehr ist zweifellos eine gute Nachricht für alle, die angesichts der heutigen Flut an selbsternannten Prog-Rock-Bands zweifelhafter Qualität noch immer ihr Vertrauen in jene Progressive-Rock-Pioniere setzen, die auch nach Jahrzehnten abenteuerlich und innovativ ausgerichteter Musik ihrer originären künstlerischen Vision treu geblieben sind. Eloy erfüllen mit ihrem neuesten Werk – dem Titel entsprechend – diese Vision zumindest teilweise, auch wenn ihr klangliches Rüstzeug an manchen Stellen bereits merklich vom Rost angefressen wurde, dem man im Herbst des Schaffenslebens nun mal nicht entgehen kann. 

„Visionary“ wurde von derselben Besetzung eingespielt, die sich schon mit „Ocean 2“ bewährt hatte, was die Erwartungen all jener, die vielleicht auf ein weiteres Meisterwerk gehofft hatten, durchaus angeheizt hat. Diese werden diesmal auf eine herbe Enttäuschung gefasst sein müssen, denn „Visionary“ mangelt es chronisch an der Ambition und Dramatik seines Vorgängers. Das Album wird von einer melancholischen Atmosphäre beherrscht, während Hardrock-Passagen nur in dem Maße vorhanden sind, wie es zum Ausfüllen der mächtigen symphonischen Arrangements nötig ist – insgesamt gehört es damit zu ihren ambient-ruhigsten Werken. Das wäre bei größerer Variabilität der einzelnen Kompositionen gar nicht mal schlecht. Aber die Stücke ähneln sich im Tempo zu sehr, was von einer allgemeinen Ideenlosigkeit, ja geradezu Schläfrigkeit der Rhythmuslinie zeugt. Vom langjährigen Bassisten Klaus-Peter Matziol war in diesem Bereich in seinen späteren Jahren ohnehin nichts Besonderes zu erwarten, während vor allem Schlagzeuger Bodo Schopf ein großes Versäumnis bleibt – die Fans hätten von ihm sicher mehr Dynamik und Energie erwartet, als er diesmal unter Beweis stellt.

Das zweite Problem, das dem Album den Löwenanteil seiner Lebendigkeit raubt, ist Bornemanns Gesang, der sich über die Jahre hinweg ziemlich schlecht gehalten hat. Es überrascht daher kaum, dass sich der Bandchef häufig hinter Gastsängerinnen verbirgt, die wenigstens etwas gegen die allgemeine gesangliche Eintönigkeit und Reizlosigkeit tun. Der legendäre Gitarrist, der beim Singen seinen unverwechselbaren, starken deutschen Akzent beibehalten hat, gibt zwar sein Bestes, um die entsprechende Space-Rock-Magie zu beschwören, doch seiner Gesangsperformance fehlt jener Elan, den die Fans aus vergangenen Zeiten gewohnt waren. Franks Gitarrentechnik ist nach wie vor eine Klasse für sich und einer der Hauptfaktoren, die das Album vor völliger Mittelmäßigkeit bewahren. In dieser Hinsicht bleibt er ein Meister gitarristischer Subtilität und Schöpfer intelligent angelegter Soli. Ausdrücklich lobenswert ist auch der mehr als begeisternde Beitrag von Keyboard-Virtuose Michael Gerlach. Sein Weben epischer und abwechslungsreicher symphonischer Arrangements ist neben der Gitarre jener Grundpfeiler der klanglichen Kontinuität von Eloy, der in der Vergangenheit für ihre besten Leistungen „verantwortlich“ war.

Eloy bleiben in ihren Texten der Welt der Science-Fiction verpflichtet, was wirklich keine Überraschung für eine Band ist, die sich nach dem Volk aus einem der beliebtesten Science-Fiction-Romane benannt hat – auch wenn das Album im Gegensatz zu ihrer bewährten Praxis kein durchgehendes Konzept enthält. Irgendwie ironisch wirkt es, dass auf „Visionary“ ausgerechnet jene Stücke am besten abschneiden, die bereits bekannte Eloy-Motive enthalten, mit denen sie in ihren besten Jahren begeistert haben.  Wie es ihnen heute chronisch an neuen Ideen fehlt – bis zu dem Punkt, an dem sie sich an die Bearbeitung ihrer eigenen alten Standards gemacht haben –, zeigt am besten die zwar exzellente Version des langjährigen Klassikers „Time to Turn“ unter dem neuen Titel „The Challenge“, die als Fortsetzung des Originals gedacht ist. Das ursprüngliche Motiv haben sie noch um eine Klasse dramatischere weibliche Vokalharmonien und erweiterte symphonische Synthesizer-Arrangements ergänzt. Bornemanns Gesang fehlt dabei aber die einstige emotionale Ausdruckskraft, sodass die Originalversion vom gleichnamigen Album im Vergleich nach wie vor besser wegkommt.

Zu den interessanteren Höhepunkten gehört die symphonische Ballade „Summernight Symphony“, wo Bornemann neben exzellenten Orchesterarrangements erneut durch den großartigen Beitrag der Gastsängerinnen kräftige Unterstützung erhält – was auch der Hauptgrund für die großartige, rundum begeisternde Atmosphäre ist. Das epische „Age Of Insanity“ ist eine der wenigen Glanzleistungen auf dem Album, die jenes gelungene Eloy-Gleichgewicht zwischen Hardrock-Phrasen und symphonischen Wellen enthält, mit dem sie eine „kosmische“ Atmosphäre aufbauen. Diese Kombination hat die Kraft, einen im Geist auf den Flügeln der Fantasie in ätherische Sphären zu tragen, auch wenn alle langjährigen Fans die Verwandtschaft zu einigen früheren Werken unschwer erkennen werden. Auch die Rhythmuslinie ist spürbar kreativer und kraftvoller als bei den meisten anderen Stücken, während Gerlachs Solo auf dem Moog-Synthesizer ein echter Leckerbissen für alle Prog-Feinschmecker ist.

Die übrigen Kompositionen fallen in die Kategorie Durchschnitt. Der Opener „The Refuge“ enthält einen effektiven Flöteneinsatz und einige interessante Hardrock-Gitarrenzüge, schafft es aber dank Bornemanns eintönigem Gesang nicht, sich beim Aufbau eines dramatischen Höhepunkts dahin zu entwickeln, wo es könnte. „The Secret“ hat das Potenzial einer neuen Space-Rock-Klassik, da es erfolgreich eine ätherische Atmosphäre aufbaut, für die zu einem guten Teil die gelungene Fusion verschiedenartiger Gitarrenphrasen und symphonischer Wellen sowie der angemessene Einsatz des Vocoders verantwortlich sind – aber es überwiegt durchgängig eine erhebliche rhythmische Eintönigkeit, von der gesanglichen „Mattigkeit“ ganz zu schweigen, sodass das anfängliche Potenzial sich bald verflüchtigt. Die größte Verschwendung von Potenzial ist das zwar ehrgeizig angelegte neunminütige Epos „Mystery (The Secret, Part 2)“, das am Anfang viel verspricht, am Ende aber wenig hält. Bornemanns langweilige Gesangsperformance in Kombination mit der monotonen Rhythmuslinie „sorgt“ dafür, dass die anfänglich dramatische Stimmung schnell wie eine Seifenblase platzt und in die Beliebigkeit bereits x-mal gehörter Motive übergeht. Die einminütige Abschlussballade „Thoughts“ wirkt ziemlich unvollendet und überflüssig, da sie die gewünschte Wirkung keineswegs erzielt und den Eindruck hinterlässt, als würde das Album irgendwo in der Mitte enden.

„Visionary“ ist ein durch und durch unvisionäres Album, dem es chronisch an frischen Ideen mangelt, das aber andererseits all jene wiedererkennbaren Elemente enthält, die Eloy ihren Platz im Pantheon des Progressive Rock gesichert haben. Wenig Neues und viel bereits Recycletes also, was nur ihre glühendsten Fans zufriedenstellen wird. Den Bandmitgliedern sieht man das Gewicht der Jahre deutlich an, weshalb sie nicht mehr mit der einstigen Leidenschaft und dem Elan schaffen können, was vor allem für Bornemanns Gesang gilt. All das reiht es unter ihre weniger interessanten, aber noch immer soliden Werke ein, was am Ende gar nicht so schlecht ist für eine Band, die noch vor Kurzem mit einem Fuß im Grab stand. Was am wichtigsten ist und was für so manchen Fan völlig ausreichen wird, um das Album in die Sammlung aufzunehmen: Sie haben es letztlich geschafft, ihren unverwechselbaren Sound zu bewahren. Auf „Visionary“ gibt es zwar kein wirklich schlechtes Stück, aber auch nichts wirklich Aufregendes, womit Eloy auch im neuen Jahrtausend zu jenen seltenen Prog-Rock-Pionieren zählen könnten, die noch in der Lage sind, mit etwas Neuem zu überraschen.

Besetzung

Frank Bornemann – Gesang, Hintergrundgesang, Akustik- und E-Gitarre
Klaus-Peter Matziol – Bassgitarre
Michael Gerlach – Keyboards
Bodo Schopf – Schlagzeug, Perkussion
Hannes Folberth – zusätzliche Keyboards (2, 3, 4 & 6)

GASTMUSIKER:
Anke Renner – Hintergrundgesang (2, 4, 5 & 6)
Tina Lux – Hintergrundgesang (2, 4 & 6)
Volker Kuinke – Renaissanceflöte (1 & 2)
Christoph Littmann / keyboards, orchestra sounds (5)
Stephan Emig – zusätzliche Perkussion (4 & 6)

Produktion

Frank Bornemann

Trackliste

1. The Refuge (4:54)
2. The Secret (7:45)
3. Age of Insanity (7:56)
4. The Challenge (Time to Turn, Part 2) (6:44)
5. Summernight Symphony (4:22)
6. Mystery (The Secret, Part 2) (9:00)
7. Thoughts (1:22)

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