Venus isle

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Interpret: Johnson, Eric
Label: Capitol Records
Veröffentlichung: 1996
Laufzeit: 58:29
Wertung: 5/5

Als man die Rock-Eminenz George Lynch fragte, welchen Gitarristen er wählen würde, wenn er für einen Tag eine Fliege an der Wand in seinem Studio sein könnte, antwortete er ohne zu zögern: Eric Johnson. Lynchs Begeisterung ist kaum verwunderlich, denn Johnson gilt trotz eines etwas weniger klangvollen Namens in Musikkreisen als einer der angesehensten Gitarristen des Planeten. Er ist ein Virtuose, den auch und vor allem andere Virtuosen schätzen, wie die zahlreichen Titelseiten von Gitarrenmagazinen und respektvolle Lobeshymnen sowohl weniger als auch bekannter Kollegen bezeugen. Obwohl seine Motivik Inspiration aus einem überaus breiten  instrumentalen Spektrum schöpft, das sich von Jazz, New Age und Rock bis hin zu Blues und Country erstreckt, bewahrt er dabei stets eine völlig eigentümliche und gut wiedererkennbare Unverwechselbarkeit.

Das Erste, was uns bei Johnson in seinen Bann zieht, ist der Klang seiner Gitarre. Es ist eine für das Ohr äußerst angenehme, geigenähnliche Mischung aus der Weichheit eines Stratocasters und dem durchdachten Einsatz von Delay, die sich wie eine Schlingpflanze mit dem ausgefeilten musikalischen Denken des Künstlers verwebt. Johnsons raffinierter Sound, hinter dem Jahrzehnte des Forschens und Experimentierens stecken, gilt in der modernen Musik als Besonderheit und war auch einer der Gründe, warum das Album Venus isle fast sechs Jahre in der Entstehung war. So viel Zeit war nämlich seit der Veröffentlichung des Vorgängers Ah via musicom vergangen, auf dem wir Erics bisher größten Hit Cliffs of Dover finden, für den er 1991 auch einen Grammy erhielt. In der Kategorie für das beste Rock-Instrumental fegte er damals souverän die Konkurrenz vom Platz, zu der Größen wie Allmann brothers, Rush und Yes zählten. Wohl die zu hohen Erwartungen waren schuld daran, dass Venus Isle, das 1996 erschien, trotz offensichtlicher Qualitäten, die Johnsons Wachstum im technischen, produzenten- und arrangiertechnischen Sinne widerspiegelten, diesen Erfolg nicht wiederholen konnte, weshalb sich der Gitarrist von Capitol Records trennte. Doch dieses Jahr war für Eric alles andere als erfolglos, denn Satriani lud ihn auf die amerikanische Tournee der ersten Inkarnation des inzwischen legendären Projekts G3 ein, deren Ergebnis eine Platinscheibe und die Veröffentlichung der DVD G3: Live in concert war.

Aber kommen wir zurück zu Venus Isle. Es handelt sich jedenfalls um ein reifes und sowohl geistig als auch musikalisch abgerundetes Album, voller meditativer Eindrücke und Stimmungslandschaften, die an die Seele der anspruchsvollsten Musikkenner rühren. Nach dem Titelstück, in dessen Einleitung wir die Gesangskünste des vielseitigen Amit Chatterjee bewundern können, folgt das wehmütige Battle we have won, dann das etwas lebhaftere All about you, bei dem der korpulente Christopher Cross Johnson beim Gesang unterstützt, dessen Karriere Anfang der Achtziger durch das Aufkommen von MTV und Musikvideos begraben wurde. Hinter den Initialen des bluesgefärbten Instrumentals SRV verbirgt sich natürlich eine hommage an den großen Stevie Ray Vaughan, die texanische Legende, die 1990 tragisch bei einem Hubschrauberunfall ums Leben kam. Das Instrumental, mit dem Johnson auf der G3-Tournee stürmischen Applaus erntete und damit Unbehagen bei Satriani weckte, der nach ihm auftreten musste, ist aus kompositorischer Sicht dem am nächsten, was man als Hit bezeichnen könnte. Passend dazu erscheint diesmal an der Gastgitarre Stevies Bruder Jimmie Vaughan, doch seine Soli lassen sich mühelos von Erics Meisterstücken unterscheiden. Das Violinmotiv des Stücks Lonely in the night erinnert sehr stark an  Eleanor Rigby, doch alle Ähnlichkeiten mit den Beatles lösen sich im zweiten Teil auf, wenn den Gesang eine blitzschnelle Gitarre mit arpeggi im Stil Malmsteens ablöst. Den Kern des Albums könnte man in den Instrumentals Manhattan, Camel’s night out und Song for Lynette suchen, die neben dem Kompositorischen auch Johnsons technische Meisterschaft offenbaren, den Abschluss aber in den rockig gefärbten Stücken Pavilion und Venus reprise, die dieses großartige Album inhaltlich abrunden.

Venus isle lässt sich also ohne Weiteres in die Kategorie der am meisten unterschätzten Rock-Alben des vergangenen Jahrzehnts einreihen. Dahinter verbergen sich neben einem außergewöhnlichen und in der Musikindustrie einzigartigen Gespür für Musik Jahre harter Arbeit und der Suche nach dem richtigen Sound. Johnson hat sich beim langen Erforschen und „Aufdrehen“ verschiedener Verstärker sein Gehör erheblich geschädigt, aber noch nicht so sehr, dass sein Ohr während des Schaffensprozesses auch die kleinsten Abweichungen vom gesteckten Ideal nicht mehr wahrnehmen würde. Seinen Perfektionismus beschreiben am besten die Aussagen einiger Tontechniker, die zu berichten wussten, dass der Meister schon aufbrauste, wenn man seine Effektgeräte mit Batterien der falschen Marke bestückte, weil das angeblich das gesamte Klangbild verfälschte. Als man Johnson fragte, warum Venus isle so lange in der Entstehung war, antwortete er, dass er sich nicht wiederholen wollte und neue Ausdruckswege suchte, während er gleichzeitig versuchte, den Ansatz eines Perfektionisten beizubehalten. Es handelt sich also um einen Musiker, der trotz einer ziemlich langen Karriere keine beneidenswert umfangreiche Diskografie aufzuweisen hat, gleichzeitig lässt sich aber auch feststellen, dass alle seine Alben sorgfältig durchdacht und in jeder Hinsicht bis zur Perfektion ausgefeilt sind. Für solche Perfektion braucht man eben Zeit.

 

 

 

Besetzung

Eric Johnson – Gitarre, Gesang
Kyle Brock – Bass (1,2,4,5,6,7,10)
Roscoe Beck – Bass (3,9,11)
Chris Maresh – Bass (8)
Tommy Taylor – Schlagzeug
Bill Maddox – Schlagzeug (8)
Steve Barber – Synthesizer

Produktion

Eric Johnson, Richard Mullen

Trackliste

1.Venus Isle
2.Battle we have won
3.All about you
4.SRV
5.Lonely in the night
6.Manhattan
7.Camel’s night out
8.Song for Lynette
9.When the sun meets the sky
10.Pavilion
11.Venus reprise

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