Väter zu Besuch

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Ort: Ljubljana, Slowenien, Klub K-4
Konzertdatum: 22.11.2006
Besucherzahl: 100
Ticketpreis: 1500 SIT (7€)

Der verregnete Donnerstagnachmittag kippte in einen ebenso deprimierenden und verregneten Abend, doch der Regen konnte die gute Stimmung nicht wegspülen, die ungefähr hundert bis zweihundert Neugierige erfasst hatte, die sich um zehn Uhr abends vor dem Klub K-4 einzufinden begannen, dem legendären Zufluchtsort der Punkszene der Achtziger. Die Zeiten haben sich ordentlich geändert. Statt analogem Schwitzen und Gitarren-Schlagzeug-Salven donnern aus der Štirka jetzt elektronische Beats. Ist halt so, über die alten Zeiten zu reden ist überflüssig. Der Fortschritt ist weitergezogen. Der Grund für unseren Besuch waren flotte Jungs, aufstrebende Experten für harte Rhythmen und schönen Gesang, die Band Father. Davor war aber auch noch etwas Heimisches versprochen – ein Quartett vollblütigen HCs aus dem Zasavje: die junge, ziemlich unbekannte, dafür aber umso ehrlichere und explosivere Band Ragespect.

Nach der Ankunft im Klub musste erst mal jedes Durstgefühl gelöscht werden. Aus den Boxen donnerte ein sorgfältig zusammengestelltes Paket an Metal-Klassikern. Slayer, Iron Maiden, dazwischen noch ein bisschen Dimmu Borgir für die Massen, dazu Black Sabath und andere. Die Bühne war noch leer. Im Saal bewachten etwa zwanzig Fanatiker ihre Startpositionen mit dem besten Sound und Überblick. Es heißt noch ein bisschen warten. Um elf fängt dann aber etwas an zu passieren. Die Zeit des Gelöbnisses von Respekt vor der Wut war gekommen. Los ging’s mit dem HC aus dem Zasavje, Ragespect! (über ihr Konzert kannst du in einem separaten Artikel lesen)

Zeit für Bier und Shopping. Im Vorraum waren Shirts von Father ausgestellt. Gestalterisch ziemlich fortschrittlich und ästhetisch ausgereift. Eigentlich ist es gar nicht schwer zu glauben, dass die Jungs sich mit dem Ziel, auch im Ausland durchzustarten, eine Richtung vorgegeben haben, auf der sie ihr Ziel auch erfolgreich erreichen werden. Wichtig ist aber nicht nur, dass eine Band gut aussieht. Entscheidend sind Qualität und inhaltliche Substanz. Es war ungefähr Mitternacht. Vielleicht eine Minute früher. Ein einleitendes sanftes Streicheln der Gitarre und ein sich steigernder Rhythmus. Father sind wieder da! Der instrumentale Höhepunkt beginnt, als sich zu den übrigen Mitgliedern auf der Bühne in tiefer Hocke Mihael Prosen gesellt, der charismatische Sänger, der mit seinem besessenen Blick und seiner energischen, kristallklaren und zeitweise genau richtig rauen Stimme die Chemie der Band abrundet. ‚Inspirita‘. Wir sind alle ein Geist. Wir sind alle eins. Nach dem letzten Akkord ein dröhnender Gruß der Menge. Der Magnetismus, der von der ersten Nummer an zu spüren war, ist fast unglaublich. Auf der Bühne strahlen Father alles aus, was eine gute Band von einer herausragenden unterscheidet – ausgezeichnetes Musizieren, das stilistische Rahmen sprengt, fernab von engstirniger Indoktrination und der Selbstquälerei, wie Alter-Metal-was-auch-immer zu klingen hat; wenn es ihnen passt, packen sie Jazz, Funk, Tomtoms, Saxofon oder auch Akkordeon dazu. Mit genau dem richtigen Gespür für rhythmische und melodische Manipulation unserer Ohren und Köpfe. Außerdem, obwohl sie bisher nur ein Album im Gepäck haben, wissen sie einfach, wie man das vermarktet – souverän und visionär. Die Menge von etwa zweihundert Zuhörern fraß ihnen aus der Hand. Moshpit, Springen und Tanzen auf Kommando. Und niemandem war es zu viel, da mitzugehen. Die ersten Coverversionen. In die Reihe ihrer eigenen Juwelen beschlossen sie, ein Stückchen Incubus einzuflechten. ‚New Skin‘, der sich ganz zwanglos mit dem Father-Konzept verbindet, klingt sauber, chirurgisch präzise und so, als wäre er aus ihrer Feder geflossen. Es folgt ‚Cynosure‘, ein Song, der sogar zensiert wurde. Aber nicht der Song, sondern das Video. Wegen ein bisschen Blut am Anfang, das aber mit Absicht da ist. Der Song handelt eben von jenem Gefühl, das so giftig anziehend ist, so weich und zugleich schmerzhaft, das gebiert und tötet, und aus dessen Asche sich nur mit ihm wieder ein schöneres Morgen erheben kann – der Liebe. Danach gab es, glaube ich, ältere Nummern, vielleicht sogar eine Coverversion, auf jeden Fall aber den emotional ziemlich intensiven Song ‚Hiroshima‘, auf den ein Intermezzo in Form eines Percussion-Einstiegs in das Ritual der Katharsis folgte. ‚Chop Suey‘! Ich bezweifle, dass System Of a Down ihn so pedantisch und präzise spielen. Es klang, als würde ich Toxicity hören… Trotzdem störte es den Rhythmus des weiteren Geschehens nicht. Nach dem Song ‚Emon‘ – ich glaube, den haben sie gespielt – folgen die Anweisungen für den Father-Dance. Arme wie Roboter vor den Körper und hüpfend die Beine nach vorn kicken! Zeit für Führung und Manipulation! ‚Machina’… Und wir wurden zu Marionetten, mit denen man alles machen kann… Der letzte Song! ‚Seashore‘. Damit sollte der Zyklus des geplanten Konzerts abgeschlossen sein. Ein wohlklingender Gruß und aufrichtiger Dank für Besuch und Unterstützung reichten aber keineswegs aus. Rufe von „Father! Father!“ lockten aus den sichtlich erschöpften und ausgepumpten, aber deshalb nicht weniger zufriedenen und glücklichen Jungs eine Zugabe heraus. Und der Abschluss war königlich! ‚Wherever I May Roam‘ wurde gespielt, als hätten sie nicht schon anderthalb Stunden auf dem Buckel. und wie! Die ganze Zeit kompromisslos und volle Pulle. Tatsächlich sind Father trotz ihrer Jugend ein Musterbeispiel dafür, wie das Zusammenspiel von Chemie, Talent, Energie, Vision, Aufrichtigkeit und Unverdorbenheit klingt und aussieht – mit anderen Worten: Father sind meiner Meinung nach eine Band, für die die Grenzen des Balkans zu klein sind. Sie könnten sich souverän mit jeder Anforderung des Weltmarkts messen… Wir aber konnten uns, ausgezehrt von all dem Schönen, um halb zwei Uhr morgens mit unseren Göttern versöhnen, inneren Frieden finden, die Erfüllung spüren und nach Hause schweben – und trotz des kurzen Schlafs war der Freitag ziemlich viel schöner und sonnendurchflutet, oder nicht? Das Konzertmärchen vom Donnerstag war endgültig zu Ende erzählt. Bis zum nächsten Mal.

Setlist

1. Inspirita 2. Intro 3. Never Come Back 4. Chigla Pegla 5. Sun 6. New Skin 7. Cynosure 8. Hiroshima 9. Lost In Words 10. Chop Suey 11. Emon 12. Machina 13. Seashore Zugabe: 14. Vasaii 15. Wherever I May Roam

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