Uzed

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Künstler: Univers Zero
Label: Cuneiform
Veröffentlichung: 1984
Bewertung: 4.8/5

Nach Ceux du Dehors, das viele für den Karrierehöhepunkt von Univers Zero halten, beschloss Bandkopf Daniel Denis, die Dinge ein wenig umzukrempeln. Die Besetzung für Uzed sah komplett anders aus. Oboe, Fagott und Englischhorn mussten Klarinette und Saxofon weichen. Violinen und Bratschen wurden durch ein Cello ersetzt. Die übrigen (Rock-)Instrumente sind dieselben, nur klingen die Keyboards deutlich anders. Klassische Tasten wie Mellotron, Orgel oder Harmonium (viele können dieses Instrument nicht ausstehen, ich find’s super) sind nicht mehr zu hören, stattdessen stehen Klavier und Synthesizer im Vordergrund. Der Einsatz des Synthesizers war für Univers Zero etwas Neues, und es war schwer vorherzusagen, wie das funktionieren würde. Aber es gab keinen Grund zur Sorge.

Der Opener macht schon klar, dass das tatsächlich jener Univers Zero ist, der sich mit Ceux du Dehors einen großen Namen in der Szene gemacht hat. Sie klingen genau wie vorher und doch anders. Sie haben ihren unverkennbaren Sound behalten, aber mit dem Synthesizer noch eine Dimension draufgepackt. Ich bin kein großer Fan dieses Instruments, aber richtig eingesetzt kann es ein mächtiger Verbündeter sein, statt nur im Weg zu stehen. Wie gesagt, der erste Track zeigt alle typischen Elemente der Band – rasante Melodiewechsel, extrem vertrackte Kompositionsweise und düstere Stimmung. Ein weiteres Markenzeichen sind die Übergänge zwischen zarten Kammermusikpassagen und wilderen Abschnitten. Mir gefällt auch, wie sie mit Melodien spielen. Manchmal wiederholen sie ein und dieselbe Melodie mehrfach, lassen aber ab und zu eine Note aus oder fügen eine hinzu, sodass man als Hörer komplett aus dem Rhythmus geworfen werden kann, weil sich damit auch der Takt verändert. All diesen Wechseln zu folgen kann ziemlich knifflig sein, aber das gehört zu ihrem Reiz.

Der zweite Song ist zwar kurz, aber es steckt unglaublich viel drin. In vier Minuten wird so viel reingepackt, dass es kaum zu glauben ist. Viele Bands schaffen es nicht, so viele Ideen in viel längere Stücke zu quetschen. Das typische Avantgarde- und RIO-Element der Dissonanz zieht sich durch den ganzen Song.

Celesta ist ein düsteres, feierliches Stück, das die Band zunächst in ziemlich langsamem Rhythmus spielt. Anfangs wirkt es vielleicht etwas repetitiv, aber Univers Zero spielen so sehr mit Melodien und Arrangements, dass der Hörer kaum allen Kniffen folgen kann. Die leise, kammermusikalische Stimmung kippt am Ende, wenn die E-Gitarre zu Hilfe eilt und auch der Synthesizer die Bühne betritt. Auch Denis‘ Drumming trägt zur rockigeren Atmosphäre bei.

Über Parade spricht man nicht gerade als wichtiges Werk von Univers Zero, für mich ist es aber sicher eines ihrer besten, denn es steckt voller Schönheit und Emotion. Sie schaffen einen großartigen Kontrast zwischen der Ausgelassenheit einer Parade und der dunklen, schaurigen Atmosphäre, die unter der Oberfläche lauert. Dass der ganze Song „gut gelaunt“ sein würde, hat ja auch niemand erwartet. Das ist schließlich kein symphonischer oder Neo-Prog-Rock. In der Mitte des Songs gibt es eine wunderschöne Synthesizer-Melodie, die vom Klavier fortgeführt wird. Ich glaube, Denis hat die Titel vertauscht und Parade hätte Celeste heißen sollen, denn es ist wirklich himmlisch.

Der letzte Akt ist das einzige „Epic“ auf dem Album. Wie viele ihrer längeren Werke beginnt auch dieses langsam und wird nach und nach schneller und lauter. Die Höhepunkte sind vielleicht nicht so gut wie auf Funeral Plain (Heatwave), dafür ist das Stück stimmiger. Besonders hervorzuheben ist die irre Basslinie, die in der Mitte des Songs einsetzt und bis fast zum Schluss nicht aufhört. Auf den ersten Blick wirkt sie simpel, aber ich musste sie mir ziemlich oft anhören, um ihr folgen zu können. Wieder mal ein typischer Kniff von Univers Zero. Ich habe nur eine Anmerkung. Die letzten paar Minuten sind bloß Lärm und Spezialeffekte, die zwar eine besondere Stimmung erzeugen, aber nach dem eigentlichen Ende des Songs keine rechte Wirkung mehr haben. Wäre das irgendwo in der Mitte passiert, hätte es mich nicht gestört, weil es nur zu einem besseren Höhepunkt beigetragen hätte. Für mich ist das nicht der richtige Weg, ein so wunderbares Album zu beenden. Aber es gibt genug Gutes, das diesen einen kleinen Makel aufwiegt.

Auch wenn dieses Album rockiger ausgerichtet ist als die Vorgänger, ist der Kammermusik-Effekt weiterhin da. Cello, Klarinette, Saxofon und all die anderen Instrumente haben Fagott, Violine usw. einfach ersetzt. Der Synthesizer hat ihren Sound eigentlich verbessert, was auch Daniel Denis aufgefallen sein dürfte, denn auf Heatwave hat er ihn noch öfter eingesetzt. Alle Musiker sind in Topform, am meisten hat mich aber Denis beeindruckt. Als Hauptkomponist hat er kein Problem damit, bei manchen Passagen einfach mal auszusetzen. Viele Frontmänner sind besessen davon, zu übertreiben und ihr eigenes Ego aufzublasen, aber Denis denkt zuerst an das Wohl der Songs und der Band. Lobenswert. Nur ein Komponist mit genug Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten überlässt gern den anderen Bandmitgliedern die Hauptrolle.

Für mich ist das ihr stimmigstes Album. Normalerweise gibt es in ihren Stücken ein paar weniger spannende Momente, hier aber nicht. Kein Wunder, dass Denis ganze drei Jahre mit dem Komponieren beschäftigt war, denn die Kompositionen sind meisterhaft gearbeitet, es gibt keine Schwächen, die Musik fließt unglaublich, egal ob die Stücke kurz oder lang sind. Noch etwas Merkwürdiges: Univers Zero sind auf Uzed dem Sound ziemlich nahegekommen, den Roger Trigaux mit Present erschaffen hat. Trigaux ist ja unter anderem deshalb gegangen, weil er elektrischere, rockigere Musik spielen wollte, und ironischerweise beschloss Denis nach nur einem Album, dass so ein Stil vielleicht doch keine so schlechte Idee ist. Egal. Dafür haben wir zwei großartige Bands bekommen (Univers Zero und Present), mit zwei großartigen Komponisten, statt einer Band, in der sich die Protagonisten nicht einigen können. Univers Zero ist eine Band, die ich mit Vergnügen höre, aber Rezensionen zu ihren Alben sind verdammt schwer zu schreiben, weil man diese Musik so schwer irgendwo einordnen und beschreiben kann.

Besetzung

– Daniel Denis: Schlagzeug, Percussion, Synthesizer
– Dirk Descheemaeker: Sopransaxofon, Klarinette, Bassklarinette
– Christian Genet: Bass, Balafon, Gitarre, Tapes, Pfeife
– Andre Mergen: Cello, Altsaxofon, Gesang
– Jean-Luc Plouvier: elektrisches & akustisches Klavier, Synthesizer, Klaviersaiten, Percussion

Gäste:
Michel Delory (Gitarre bei 3), Marc Verbist (Violine bei 3)

Produktion

Univers Zero

Tracklist

1. Présage 9:48
2. L’Etrange Mixture du Docteur Schwartz 3:52
3. Célesta (for Chantal) 6:55
4. Parade 6:37
5. Emmanations 15:43

Spieldauer: 43:04

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