Uriah Heep trotzen weiter (2016)

ALEŠ PODBREŽNIK
0 483

Location: Wien / Szene / Österreich
Datum: Donnerstag, 24.03.2016


Uriah Heep, die berühmten britischen Rock-Pioniere, werden im Dezember dieses Jahres sage und schreibe stolze 47 Jahre ihres Bestehens vollenden. Doch sie zeigen keinerlei Anzeichen des Alterns. Das nach wie vor aktuelle neue Studioalbum »Outsider« (2014) hat sie diesmal auf eine weitere ihrer zahlreichen Frühjahrstouren durch Europa geführt. So sind sie wieder in Wien gelandet, wo sie schon so oft, unzählige Male aufgetreten sind – zuletzt im November 2014. Haben sie früher noch in der Gasometer-Halle gespielt, so ändern sich die Zeiten in Bezug auf den Konzertbesuch rasant – und diesmal hat der Veranstalter sie lieber im Club Szene angekündigt, der in der neuen Zeit so etwas wie ein »Ersatz« für den geschlossenen Wiener Club Planet Music darstellt, in dem wir bis 2007 eine ganze Reihe großartiger und unvergesslicher Konzerte erlebt haben.

Uriah Heep hatten wir bis zum neuerlichen Treffen mit der Band in Wien zuletzt dreimal nacheinander auf »offenen« Festivalgeländen gesehen. Das waren das Festival Rock Batuje 2014, das See Rock festival 2014 und ein eigenständiger Auftritt Ende Juli mitten in der Arena Alpe Adria im italienischen Badeort Lignano Sabbiadoro. Bei keinem davon haben sie wirklich vollständig überzeugt, und man hatte das Gefühl, dass der Zahn der Zeit die Band tatsächlich langsam zu benagen begann. Aber offenbar gilt nach wie vor die Tatsache, dass man Uriah Heep im deutschsprachigen Raum sehen sollte, denn dort liefern sie ihr konzertantes Maximum. Auch diesmal sind wir zum gleichen Schluss gekommen. Dazu muss noch eine weitere Bedingung erfüllt sein. Die Location muss ein Club sein, also eine geschlossene Spielstätte. Aber mehr dazu etwas später.

Um 20.00 Uhr betraten The Weight die Bühne. Deutsche Rock-Revivalisten. Das Quartett, in dem der Sänger bei Bedarf auch die Position des Keyboarders/Sängers übernahm, machte klar, dass es dem Trend des allgemeinen Revivalismus folgt, der zuletzt Skandinavien, Deutschland und auch Großbritannien erfasst hat. Die Band pflegt einen klassischen, retro-schulisch nach Rock klingenden Stil, bei dem man in den Gitarrenfrasen die Auseinandersetzung vor allem mit Led Zeppelin spürt (besonders visuell, was die Bühnenbewegungen und die Interpretation des Sängers betrifft), aber auch Black Sabbath, mit einem Hauch von Psychedelia – und zwei Stücke zogen vor allem zu Beginn wegen des Hammond-Sounds der Keyboards und der Überschneidung mit der Gitarrenfrase sogar hin zu den alten Uriah Heep. Nichts Besonderes, aber in allem korrekt, glaubwürdig und souverän. Die Jungs haben die gegebene Chance optimal genutzt, und besonders erfreulich war die Erkenntnis, dass Uriah Heep die Vorgruppe respektvoll behandelt haben: Sie spielte ein 45-minütiges Repertoire und bekam exzellente Soundbedingungen sowie eine ordentliche Bühnenleuchtung.

Das Szene war brechend voll. Bis in den letzten Winkel. Im Club konnte man kaum atmen. Die Temperatur stieg von Minute zu Minute langsam an. Das Publikum natürlich größtenteils aus der älteren Generation, also jener, die ihre Teenagerjahre in den Siebzigern verbrachten, als Uriah Heep auf dem kommerziellen Höhepunkt und im Blickfeld der gesamten weltweiten Rock’n’Roll-Öffentlichkeit standen. Die Uhr zeigte halb zehn! Die Leute erwachten zum Leben – zunächst beleuchtete ein sanftes Licht Phil Lanzon an den Keyboards, das sich bald in einen kräftigen Strahl blau-violetten Lichts verwandelte, als der Keyboarder die ersten Töne des Uriah Heep-Klassikers Gypsy anschlug. Ein harter Riff, eine harte Rock-Eröffnung. Ganz nach dem Geschmack der Fans. Ein Klassiker, der im Repertoire nicht fehlen darf. Schon zu Beginn, als die Band die Bühne in Beschlag nahm und sich darauf verteilte, war klar, dass das wieder ein ausgezeichnetes Konzert der Band werden würde. Alles klickte perfekt zusammen. Bernie Shaw in ausgezeichneter Stimmform des Tages, die Vokalharmonien – das elementare Markenzeichen der klassischen Uriah Heep-Kompositionen – brillant herausgearbeitet. In dieser Hinsicht hat Bassist Dave Rimmer, nun im dritten Jahr in der Bandbesetzung, endlich in vollem Umfang alle Aufgaben des verstorbenen Trevor Bolder übernommen. In Kombination mit Phil Lanzon und Mick Box bot das Trio eine phänomenale Unterstützung für Bernies Leadgesang. Die Rekapitulation der klassischen Elemente des Uriah Heep-Sounds, allen voran die Vokalharmonien, funktionierte diesmal phänomenal. Ich denke dabei vor allem an das Zusammenspiel zwischen dem wuchtigen Hammond-Sound der Keyboards und den geschliffenen Gitarrenfrasen von Mick Box, während Schlagzeuger Russell Gilbrook erneut eine wahnsinnige Schlagzeugvorstellung ablieferte.

Dass der obige Absatz nicht übertreibt in den Lobeshymnen, bestätigt die Erkenntnis, dass Bernie genau alle geforderten Vokallinien getroffen hat. Mit der vollen Kraft seiner stimmlichen Möglichkeiten. Zwei schwierigere Prüfungen hat er mit Auszeichnung bestanden. Die erste wartete am Ende des Progrock-Mini-Epos The Magician’s Birthday (neben Shadow of Grief die Hauptattraktion des Konzertrepertoires), wo er erfolgreich alle höchsten Hensley-Linien meisterte, die zweite am Ende des Klassikers July Morning. Dazu kommt eine außerordentliche Sensibilität, ein Strom aus Leidenschaft und Emotionen, der vor allem in der wunderschönen Ballade Rain zum Ausdruck kam, die Shaw und Lanzon am Klavier ganz allein aufführten. In der Setliste fand auch das unvergessliche The Wizard seinen Platz, bei dem Bernie Mick Box erstmals etwas konkreter vorstellte und sagte: »Das ist ein Stück, das der Mann geschrieben hat, der zu meiner Rechten steht und ohne den es heute keine Uriah Heep gäbe – meine Damen und Herren, mein bester Freund Mick Box!« Nach dem Abschluss des Super-Epos und eines der Konzerthöhepunkte The Magician’s Birthday, bei dem Gilbrook während der Schlagzeugobligationen kein Kazoo einsetzte – wie vor ihm der unvergessliche Lee Kerslake –, bemerkte Bernie: »Wer zum Teufel hätte damals so ein Stück schreiben können?«, wobei er mit Gesten gleichzeitig andeutete, dass das natürlich unter dem Einfluss berauschender Substanzen geschah. Die Antwort ist einfach, Bernie: »Ken Hensley halt.«

Die Band hat in den letzten Jahren die Bühnennutzung erneut aktualisiert (aufgefrischt) im Sinne einer Steigerung der dynamischen Entwicklung des Geschehens und des Show-Theaters. Dave Rimmer, der sich völlig locker gemacht und sich hervorragend in die Band eingefügt hat, schließt sich in den Duellen Mick Box auch so an, dass sie Seite an Seite während der Riffs stehen – und der Bassist nutzt auch mehrmals das Podest, auf dem das Schlagzeug und Lanzons Hammond stehen, und läuft die ganze Zeit aktiv über die Bühne.

Zum hervorragenden Auftritt der Band hat auch der Sound selbst beigetragen, bei dem du alle Klangbausteine klar hören konntest (ich selbst stand in der äußersten rechten Ecke neben den rechten Front-Monitoren, was schon allein wegen des teilweise verdeckten Blicks eine undankbare Position zum Konzertverfolgen ist), die Vokalharmonien phänomenal herausgearbeitet, dazu auch eine ausgezeichnete Beteiligung des Publikums, das seine Gefühle und das miterlebte Mitgehen mit der Band nicht zurückhielt. Summa summarum. Offensichtlich muss man Uriah Heep bei Konzerten in geschlossenen Venues sehen – und das mindestens in Deutschland oder Österreich. Die Kräfte lassen nicht nach. Auch der große Rock’n’Roll-Guru und Bandchef Mick Box wirkt voller Frische, Elan und Begeisterung. Natürlich ist da eine gewisse Routine, bei all den zurückgelegten Kilometern ist sie zweifellos vorhanden. Aber diesmal wurde sie in den Hintergrund gedrängt. Das Quintett hat als Einheit das Publikum verzaubert und eine hervorragende Bühnenshow abgeliefert, vollgepackt mit der Energie eines echten Rockspektakels. Erfahrung, Können, Kraft und unerschütterliches Selbstvertrauen.

Bei so einer Vorstellung und diesem teuflischen Rock’n’Roll-Zauber, den die legendäre Besetzung diesmal in Wien abgeliefert hat, besteht keine Gefahr, dass die Band ans Aufhören denkt. Hoffen wir, dass sich Material für ein neues Studioalbum ansammelt, das Uriah Heep Hand aufs Herz eigentlich gar nicht brauchen – aber es ist eine Tat, die dich nach fast 50 Jahren Aktivität zweifellos jung hält. Setliste: hervorragend. Denn mit Ausnahme der Stücke vom Album »Outsider« (2014) stammt das nächstjüngste Stück dieser Setliste aus dem Jahr 1973. Die eine Stunde und 40 Minuten Auftritt hätten in der Zugabe vielleicht noch Bird of Prey abwerfen können, aber sei’s drum. Die Legenden geben also nicht auf – und auf dem Programm steht schon eine neue Reihe bestätigter Sommer-Festivalauftritte, bei denen wir sie wieder erwischen werden. Diesmal bei der diesjährigen Ausgabe des kultigen Bang Your Head!!! Festivals in Deutschland!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Setliste:
1. Gypsy
2. Look At Yourself
3. Shadow Of Grief
4. Stealin‘
5. The Law
6. The Outsider
7. Sunrise
8. Magician’s Birthday
9. Rain
10. The Wizard
11. One Minute
12. Can’t Take That Away
13. July Morning
14. Lady In Black
—Zugabe—
15. Easy Livin‘

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