Ulica
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Aritmija
Label: Celinka
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 53:35
Wertung: 4.5/5
Das Duo Aritmija, bestehend aus Tilen Stepišnik und Šemsudin Džopa, ist seit 2002 mit seiner Arbeit – die auf der akustisch-instrumentalen Interpretation von Eigenkompositionen oder der Neuinterpretation traditioneller ethnischer Botschaften bekannter, auch weltweit anerkannter Melodien basiert – eine echte Bereicherung für die slowenische Musikszene.
Der große Vorteil von Aritmija liegt im Eigenautorenschaft. Stepišnik und Džopa schreiben nämlich von Anfang an ihre eigene Musik – seit dem Debütalbum »Gonilna sila« aus dem Jahr 2007 –, was dem Duo Aritmija volle künstlerische Glaubwürdigkeit und Geltung verleiht, die man absolut ernst nehmen muss!
Aritmija ist ein absolutes Muss für alle Fans des unvergesslichen akustischen Gitarren-Titans-Trios McLaughlin, Di Meola und De Lucia. Wenn beim kräftigen Kneten und Wirbeln der Finger die Gitarrenhälse glühen und die Saiten zu schmelzen beginnen! Während die zitierten drei Meister das auf ihre Art der Neuinterpretation von Weltmusik und Eigenkompositionen taten, machen das Stepišnik und Džopa ihrer geografischen Herkunft entsprechend anders – und natürlich mit dem Feuer ihrer eigenen Ursprünglichkeit! An Dynamit in den Fingern mangelt es ihnen nicht, wenn sie geschickt die ansteckende Melodiosität der Hauptmelodien mit durchdringender freier Improvisation verbinden, die ihre Lehrjahre dem Jazz verdankt. Natürlich ist dieser Jazz-Vektor dem Ausdrucksvokabular untergeordnet, das die eigenständigen musikalischen Wahrnehmungen beider Musiker vorgeben, und dient lediglich als zusätzliches Werkzeug der akustisch-gitarristischen Feinmechanik des Albums »Ulica«.
Ein ähnlicher Kombo, nur als Trio, der mir gerade in den Sinn kommt, ist California Guitar Trio – natürlich ohne die »Fripp-ismen«. Bei Aritmija ist neben dem eigenständigen Ausdrucksvokabular auch der klar herausgestellte Moment der Unvorhersehbarkeit ein großer Vorteil, umgesetzt durch den heißen und unerschöpflichen Drang zur musikalischen Improvisation und zum Experiment. Die beiden können mitunter sehr geschickt weich und zerbrechlich sein, wie sie es in der Einleitung von Piperkovo oro andeuten – einem Stück, das sich später in seinem balkanischen Melos zu einer ganz besonderen Sorte von Extravaganz entfacht. Das gilt auch für das weitere »balkanisch raschelnde« Pri izviru, ebenso wie für das besonders charmante, sanfte Arkade, das beweist, dass Stepišnik und Džopa gar nicht so weit von Stanley Myers‘ berühmter Klassik für den Film The Deer Hunter entfernt sind. Arkade entlastet die glühend-expansive Masse einer übermütig luziden Improvisation, der kein Ende in Sicht zu sein scheint, neben den effektiven Arrangementlösungen von Gypsy Song. Dieses Stück gehört zweifellos zu den Höhepunkten des Albums! Im Eröffnungsstück Taira buhlen die beiden schamlos um Einflüsse der Flamenco-Musik.
Dieses Album hat noch eine weitere besondere Dimension. Es wurde nämlich komplett live auf den Straßen Ljubljanas im Sommer 2011 eingespielt. Die beiden haben aus dem gespielten Material nur das Beste herausgepickt. Im Studio haben sie die rohen Originale natürlich nachträglich »gewaschen«, damit man darin nicht zufällig »akustische Furzer am Rande« hört – etwa das Heulen der Sirenen rasender Rettungsfahrzeuge, die entlang der Celovška und/oder Dunajska jagen, oder anderes, für die klangliche Reinheit dieses Werks weniger passendes Treiben. Aber der akustische Ansatz ist das schlagende Ass schlechthin, wenn es ums Einfangen echter Organik geht. Diese natürliche Nacktheit, die sich in der Ausführungsleidenschaft beider Künstler unweigerlich und sofort unter die Haut des Hörers gräbt.
Mehrschichtiges musikalisches Gespür – nennen wir es auch klassisch geschulte Fertigkeit – und vor allem das Talent großer Kühnheit im Lösen von Arrangement-Kombinatorik beweisen Stepišnik und Džopa einmal mehr in der genial arrangierten Gun’s N Roses-Klassik Sweet Child O‘ Mine, die sie für ihr Album in Sladko dete umbenannt haben. Solche Ansätze beim Arrangieren berühmter Rock-Klassiker sind auch für California Guitar Trio ein wohlbekannter Ausdruckstrumpf.
Für das neue Album hat sich Aritmija von einer fünfköpfigen Besetzung wieder in ein Duo verwandelt. Die Verbindung zum Album »Live« (2010) hält Piperkovo oro aufrecht, das in der neuen Version natürlich nur vom Klang zweier akustischer Gitarren angetrieben wird. Das Album »Ulica«, das die Künstler den Straßenmusikern widmen, bietet dem Duo eine außergewöhnliche Plattform für die weitere Entwicklung und Erforschung der Reichweite des musikalischen Experiments. Die Möglichkeiten umfassen etwa den Einsatz verschiedener Gitarren-Pedale und Klangeffekte wie Delay-Effekte und Ähnliches. Es gibt also mehr als genug Ausgangspunkte für die freie und ungezähmte Entfaltung des eigenen künstlerischen Prismas. »Ulica« ist ein Album von außergewöhnlicher Extravaganz des musikalischen Abenteuertums und der sinnlich-sensitiven Anziehungskraft eines echten musikalischen Unikats, das in seinen Bewegungen herausfordernd, eklektisch und forschend wirkt – und deshalb in seiner Einzigartigkeit nicht aufhört zu begeistern.
Besetzung
Tilen Stepišnik – Gitarre, Saz
Šemsudin Džopa – Gitarre, Saz
Produktion
Simon Debelec, Janez Križaj & Aritmija
Trackliste
1. Taira
2. En la calle
3. Bal canis
4. Piperkovo oro
5. Ples lastovk
6. Sladko dete
7. Pri izviru
8. Gipsy Soul
9. Merak
10. Arkade
11. Bre vodeničare