Udu Wudu
Interpret: Magma
Label: Seventh Records
Veröffentlichung: 1976
Bewertung: 4.5/5
Wie üblich gab es bei Magma auch nach dem Album Wurdah Itah wieder große Umbesetzungen. Auf Udu Wudu spielt eigentlich eine ganze Horde neuer Musiker. Größtenteils sind das alte Bekannte von Magma (die schon vorher live mit der Band gespielt haben), manche sind aber schlicht Studiomusiker. Diesmal gibt es keine Gitarre, Stella Vander singt nur auf einem Stück, auch Klaus Blasquiz ist nicht immer dabei. Die einzigen Konstanten sind Vander und Top (Top fehlt nur bei Weidorje). Die Besonderheit dieser Platte ist, dass die meisten Stücke diesmal nicht auf Christian Vanders Mist gewachsen sind, denn den Taktstock hat er an Jannick Top, den Bassisten der Band, abgegeben. Vander hat sogar leicht scherzhaft gemeint, das sei ein Soloalbum von Jannick Top, aber das finde ich ein bisschen unfair, denn davor hat im Grunde alle Stücke Vander geschrieben. Top ist für zwei Stücke verantwortlich (das epische De Futura und Soleil D’Ork), Vander hat den Rest komponiert, mit Ausnahme von Weidorje, das von Klaus Blasquiz und Bernard Paganotti stammt. Paganotti gründete nach diesem Album die sehr spannende Band Weidorje (benannt nach diesem Song), in der Zeuhl- und Jazzrock-Elemente gemischt wurden.
Udu Wudu ist das erste Album, das die Geschichte um den Planeten Kobaia nicht weitererzählt. Es sind einzelne Stücke, die größtenteils nichts mit Vanders epischem Konzept zu tun haben. Einige hängen zwar mit diesem erfundenen Planeten zusammen, der Rest sind aber ganz normale Songs ohne Bezug zu den früheren Alben. Die Texte sind immer noch in einer seltsamen Sprache, auch wenn die nicht immer wie „Kobaianisch“ klingt, sodass auch hier die Tradition nicht fortgeführt wurde.
Das Album beginnt mit einer richtig gelungenen Jazzrock-Nummer mit Latin-Anstrich. Es ist eines der wenigen Magma-Stücke, zu denen man sogar tanzen könnte. Überraschend ist auch die sehr leichte und optimistische Stimmung, die vor allem der Trompetensound noch unterstreicht. Weidorje klingt, als wäre es in einem anderen Studio aufgenommen worden. Klangqualität und Produktion sind deutlich schwächer, alles klingt insgesamt ziemlich gedämpft. Schade, denn das ist eine der besten Nummern des Albums. Man bekommt schon einen Vorgeschmack darauf, wie das Album der Band Weidorje klingen wird, nur dass die Komposition hier konzentrierter ist und es weniger Jazzrock-Soli und Gejamme gibt. Die Struktur ist zwar ziemlich klassisch, aber die Melodien sind gut genug, dass es gar nicht darauf ankommt. Auch der nächste Song ist ähnlich düster, mit recht simplem Aufbau und ein paar interessanten Melodien. Hier ist der Gesang etwas besser und opernhafter als auf manchen früheren Alben. Soleil D’Ork ist eine ziemlich typische Top-Komposition. In diesem repetitiven und leicht langweiligen Stück spürt man einen mystischen, orientalischen Hauch. Zombies ist neben dem Titelstück der einzige „wilde“ Track. Das Tempo ist sehr hoch, die Stimmung düster, und auch der Gesang ist spannend (vor allem Blasquiz‘ Knurren). Zum Schluss folgt das epische De Futura. Viele halten es für Tops Meisterwerk, mir persönlich kommt die Sache ziemlich leer vor. Das Stück hat keinen Fokus, es gibt zu viele Wiederholungen und langweilige Passagen, die nirgendwohin führen. Meistens tritt das Stück auf der Stelle, kaum eine Steigerung. Wäre es eine Komposition von zehn Minuten oder weniger, könnte es richtig gut sein, so aber ist es viel zu sehr in die Länge gezogen. Besonders Top übertreibt es mit seinen eintönigen Basseinlagen. Sein Stil gefällt mir eigentlich ziemlich gut, aber hier ist er zu weit gegangen. Vielleicht sehe nur ich das Meisterwerk in diesem Stück nicht, schließlich spielen Magma das Ding bis heute oft live.
Der auffälligste Aspekt dieses Albums ist der dröhnende Bass, der alle anderen Instrumente übertönt. Hier und auf Attahk ist dieses Instrument am besten zu hören und am präsentesten. Stellenweise klingt er sogar wie eine Gitarre. Vander erreicht hin und wieder die besten Schlagzeug-Momente seiner Karriere, besonders bei den schnelleren Stücken, wo er mit wuchtigen und präzisen Übergängen all sein Können zeigt. Der Gesang ist leider nur solide. Ästhetisch gibt es zwar nichts auszusetzen, er ist nur zu wenig abwechslungsreich und eindimensional. Die berühmte Mehrstimmigkeit und der Chorgesang, die man von dieser Band gewohnt ist, fehlen. Die Keyboards sind weniger gut als auf den Vorgängern. Das geht vor allem auf das Konto eines etwas zu großzügigen Einsatzes von Synthesizern. Magma waren immer dann am besten, wenn ein E-Piano (oder ein normales Klavier) zum Einsatz kam. Insgesamt spielen die Keyboards eine weniger wichtige Rolle, denn ziemlich oft übernehmen Bass und Schlagzeug die Führung. So kippt das typische Rock-Prinzip, dass Bass und Schlagzeug die Rhythmusgruppe sind. Bei Magma dienen oft die Keyboards diesem Zweck, während Schlagzeug und Bass die Hauptrolle übernehmen. Das ist echter Rock in Opposition. Ein paarmal tauchen auch Holz- und Blechbläser auf, die die Musik ordentlich beleben und für einen volleren Sound sorgen.
Das Album gehört sicher nicht zu ihren besten Veröffentlichungen. Es wirkt, als wäre es zu schnell gemacht worden, außerdem fehlt jede Konsistenz, die Stücke fließen nicht als Ganzes, es gibt keinen roten Faden wie auf den früheren Alben. Auch der Gesang ist deutlich schwächer. Er ist nicht so vielschichtig wie auf Mekanik, Wurdah Itah oder sogar Kohntarkosz. Die Stücke sind strukturell viel standardmäßiger und gewöhnlicher. Bei manchen könnte man sogar behaupten, sie gehörten in die Pop-Kategorie. Es fehlt eine gewisse Tiefe, die auf den besseren Platten im Überfluss vorhanden war. Es scheint, als hätte Christian Vander nicht gewusst, wie er mit Magma weitermachen soll, weshalb dieses Album und Attahk eine Art Übergangsalben sind, auf denen er nach einem neuen Klangbild suchte, um die Band in eine andere Ära und andere Dimensionen zu führen. Es stimmt, dass ihm das klanglich bis zu einem gewissen Grad gelungen ist, denn das Album klingt nicht wie irgendein Vorgänger. Innovation fehlt sicher nicht, aber die künstlerische Inspiration, die früher oft da war, ist nicht mehr zu spüren. Zum Glück hat er das auf dem nächsten Studioalbum wieder hinbekommen, das mehr melodische Eingebungen zeigte und als schönes Ganzes rüberkam. Udu Wudu leidet leider unter dem Mangel an guten Ideen und unfertigen Stücken, dennoch gibt es bei jedem Track etwas Interessantes und Hochwertiges, aber keiner ist ein Meisterwerk. Ich würde dieses Album eher Sammlern empfehlen, die Pop-Nummern könnten aber vielleicht auch Hörer ansprechen, die mit Magma sonst nichts anfangen können.
Besetzung
Christian Vander – Percussion, Gesang, Klavier, Keyboards, Schlagzeug
Jannik Top – Bass, Bläserarrangements, Gesang, Synthesizer
Klaus Blasquiz – Gesang
Stella Vander – Gesang
„Lisa“ – Gesang
Lucille Cullaz – Gesang
Catherine Szpira – Gesang
Pierre Dutour – Trompete
Alain Hatot – Saxofon, Flöte
Bernard Paganotti – Bass, Gesang, Percussion
Patrick Gauthier – Keyboards
Michel Graillier – Keyboards
Benoît Widemann – Keyboards
Produktion
Magma
Tracklist
1. Üdü Wüdü (4:10)
2. Weidorje (4:30)
3. Troller Tanz (Ghost Dance)(3:40)
4. Soleil d’Ork (ORK‘ Sun)(3:50)
5. Zombies (Ghost Dance)(4:10)
6. De Futura (18:00)