U.D.O. : Steelfactory

0 456

Veröffentlichungsdatum: 31.08.2018
Label: AFM Records
Produktion: Jacob Hansen
Wertung: 9.0 / 10


Udo Dirkschneider braucht keine großartige Vorstellung. Doch wo sind nur die letzten drei Jahre geblieben? Für den Mann, der als ehemaliger Frontsänger der großen Accept und eingefleischter Chef seiner Band U.D.O. bekannt ist, hat sich in dieser Zeit eine Menge getan. Das letzte Album von U.D.O. erschien nämlich vor drei Jahren, und noch in diesem Sommer schloss der legendäre Kreischer mit seiner U.D.O.-Truppe – aber unter dem Namen Dirkschneider – die letzten Auftritte auf Sommerfestivals ab. Auf diesen Tourneen spielten U.D.O., vorübergehend in Dirkschneider umbenannt, ausschließlich Accept-Material. In neuen Interviews und Statements von Udo Dirkschneider sickerte schließlich auch offiziell durch, dass Udo und seine ehemaligen beiden Accept-Kumpel (Hoffmann, Baltes) so richtig zerstritten sein müssen – aber das ist eine andere Geschichte.

Warum so ein faktenlastiger Einstieg? Dass die Musik von Accept und U.D.O. eng miteinander verbunden ist, ist schon lange keine Erkenntnis mehr, die unseren Planeten aus der Umlaufbahn werfen würde. Nicht nur historisch, sondern auch stilistisch. Wer Accept hört, hört U.D.O. (und umgekehrt). Anders geht’s nicht, wenn du ein Fan der alten Metal-Schule bist. Aber »Steelfactory«, das Ende August dieses Jahres erschien, zieht besonders giftig an bestimmten Gitarrenphrasen der markantesten Songs aus der Accept-Karriere. U.D.O. haben sich in den letzten drei Jahren ordentlich neu aufgestellt. An Lockerheit und Spaß hat es ihnen bei der Serie von Auftritten unter dem Namen Dirkschneider wirklich nicht gefehlt. Die Energieflüsse sind in der Truppe bestens verteilt, und so fehlte es später im Studio nicht an Ideen und kreativer, gegenseitiger chemischer Wirkung. Wenn man sich auch nur kurz Make the Move antupft, merkt man schnell, dass nicht nur der Songtitel, sondern die Haupt-Gitarrenphrase selbst unglaublich stark an das Riff des Accept-Klassikers Living For Tonite erinnert. Das Spielen von Accept-Material auf den Dirkschneider-Tourneen hat sich tatsächlich auf das spätere Schreiben neuer U.D.O.-Musik für das Album »Steelfactory« abgefärbt. Das ist Fakt. Stöbert man weiter durch das Album, stößt man etwas später z.B. auf Rising High, das erneut – nicht nur im Titel, sondern auch im Riff und der Refrain-Melodie – unweigerlich das Accept-Riff des Songs Aiming High heraufbeschwört. One Heart One Soul und Blood On Fire tragen eigentlich identische Lead-Gitarrenriffs. Aber während ersterer im weiteren Verlauf vor allem einen bombastischen Refrain-Gesang besitzt, schwingt sich letzterer ins Vor-Refrain geradezu unheilvoll und in düsteres Fahrwasser, in dem Udos markanter Schrei absolut triumphiert!

Um nicht zu lange um denselben Punkt herumzudrehen. Die Riffs, die ihr auf »Steelfactory« hört, kann man als die besten Riffs bezeichnen, die Accept in den Achtzigern nie aufgenommen haben. So viel kompositorische Kompatibilität herrscht im Schaffen beider Bands. Das ist allerdings eine Tatsache, die Udos Solo-Karriere schon seit der zweiten Hälfte der Achtziger begleitet – und Einstein muss man dafür hier wirklich nicht neu erfinden. Und diesmal umso mehr, denn die dreijährige Pause war äußerst willkommen. Sie bringt nämlich eine ganze Fülle hervorragender Songs. Während frühere U.D.O.-Alben aufgrund der zu kurzen Abstände, in denen sie erschienen, an Glaubwürdigkeit durch eine »weniger geschickt verpackte Riff-Verwertung« litten, besitzt »Steelfactory« tatsächlich keinen einzigen schwachen Punkt, keinen schwachen Moment – und »recycelt«, wie gesagt, viel geschickter und raffinierter als seine Studio-Vorgänger. Vor allem zeigen Udo und seine Crew ihr Arrangier-Können bei Songs mit mittlerem Tempo (A Bite Of Evil, In The Heat Of The Night – beide absolute Highlights des Albums – und gegen Ende Rose In The Desert). Am Schluss findet sich die neue großartige Ballade My Way, wo Udo mit dem natürlichen Ton seiner Stimmfarbe betört. Ansonsten brüllt und kreischt der Mann, der mittlerweile deutlich in den Mitte-Sechzigern angekommen ist, wie ein Berserker. Mit unverminderter Kraft – und das ist das Entscheidende, was die Glaubwürdigkeit des Kerls fest auf der Bühne hält. Durch die Jahrzehnte hat er kein bisschen an stimmlicher Kraft verloren. Und auch die handfesten Klopper fehlen nicht! Tongue Reaper als Opener und Eraser gegen Ende hauen euch die Scherben um die Ohren!

Udo und seine Crew sind unglaublich erfahren. Auf diesem Album sitzt alles, wie es sitzen muss – inklusive aller Mid-Eight-Passagen und des fantastischen Solospiels. Die Basslinie gräbt und reißt unersättlich durch das Album (Hungy And Angry), und Udo – wie gesagt – kreischt wie ein Teufelchen, ein echtes Biest. Das Album ist gespielt und aufgenommen mit unglaublicher Potenz und überschäumender Leidenschaft. Das fasziniert umso mehr, da hinter Udo eine unglaublich lange und fruchtbare Karriere liegt – der Mann könnte seelenruhig seinen musikalischen Ruhestand ankündigen. Aber mit dem Eifer, den er an den Tag legt, und seiner kompositorischen Kreativität – hoffen wir, dass er noch lange nicht auf diese Idee kommt. Es wäre eine Sünde.

Ein ausgezeichnetes neues U.D.O.-Album also! So, wie es sein muss. Mehr noch. Gemessen an den ursprünglichen Ansprüchen und Erwartungen an die Band sogar besser.

Achtung. Fans, schaut euch auch beide speziellen »limitierten« Ausgaben an. Für den europäischen und japanischen Markt. Auch die Bonus-Tracks sind nämlich hervorragend. Für den japanischen Markt findet sich auf dem Album als Bonus-Track noch What A Hell Of A Night, das ein unglaublich gelungener »Rock’n’Roller« ist, der aus einer Durtonleiter entwickelt wurde und problemlos einen der Haupt-Songs des neuen Albums vertreten könnte (so ist das, wenn dem Schöpfer Accept-Riffs wie Burning und I Am A Rebel durch die Adern fließen).

Autor: Aleš Podbrežnik


Tracklist:
01. Tongue Reaper
02. Make The Move
03. Keeper Of My Soul
04. In The Heat Of The Night
05. Raise The Game
06. Blood On Fire
07. Rising High
08. The Devil Is An Angel (Bonus-Track auf der „Digipack“-Ausgabe)
09. Hungry And Angry
10. One Heart One Soul
11. Pictures In My Dreams (Bonus-Track auf der „Digipack“-Ausgabe)
12. A Bite Of Evil
13. Eraser
14. Rose In The Desert
15. The Way

Besetzung:
Udo Dirkschneider – Gesang
Andrey Smirnov – Gitarre
Fitty Weihhold – Bassgitarre
Sven Dirkschneider – Schlagzeug

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies