Traveling Moving Breathing
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Šalamon, Samo
Label: Clean Feed Records
Erscheinung: 2018
Laufzeit: 58:29
Bewertung: 4/5
Und was macht unser Samo Šalamon dieser Tage? Er schwelgt in immer neuen und neuen musikalischen Herausforderungen. Der Mann, der als einer der angesehensten Gitarren-Jazz-Helden der neuen Generationsgarde gilt und weltweit in Kritiken schmeichelhafte Anerkennungen erntet und zahlreiche Lobeshymnen erhält, schuftet unermüdlich. Er schafft, er kreiert. Und er ist inspiriert. Die Inspiration lässt nicht nach. Erst kürzlich veröffentlichte er ein neues Album mit dem berühmten Mundharmonikaspieler Howard Levy, schon liegt hier ein weiteres neues Album vor, das in seiner Regie von überschäumendem musikalischem Visionärtum geschmiedet wurde. Samo ist wieder einmal in der Rolle des Anführers.
Diesmal hat er ein Jazz-Trio ohne Bassgitarre zusammengestellt, bestehend aus (Tenor- und Alt-)Saxofon, Gitarre und Schlagzeug. Als Gesellschaft hat er seine alten Kumpel und Bekannten eingeladen! Das sind Saxofonist Tony Malaby und Schlagzeuger Roberto Dani. Die Jungs haben sich also in der Vergangenheit schon mehrmals getroffen, zusammen ein Dutzend gute Jazz-Musik aufgenommen und kennen sich daher auch sehr gut. Auf der Bühne reicht, was die chemischen Interaktionen betrifft, nur ein Blick, ein kleiner Wink einer kleinen Geste – so gut verstehen und spüren diese drei Musiker einander. Achtung! Es war April 2017. Der Auftritt des Trios in Ravne na Koroškem. Es stand also nur ein einziger Versuch zur Verfügung, und was ihr auf diesem Album hört, wurde auf der Bühne eingespielt. In einem Stück, im Rahmen eines einzigartigen Konzertauftritts.
Interessant ist, dass der Gitarrist trotz des Taktstocks, hinter dem diesmal wieder der Hauptvisionär Samo Šalamon steht, gar nicht im Vordergrund dieses Werks steht, sondern Saxofonist Tony Malaby auf dem Album (zumindest leicht) ständig die Initiative übernimmt. Samo färbt ihn überwiegend im Hintergrund. Mehrmals auch mit einem extremen Hagel schnell abgefeuerter Tonfolgen-Salven, wobei Samos Klangfärbung ständig aktiv und bildhaft ist, da Samo sowohl den reinen Gitarrenklang als auch den verzerrten einsetzt. Dieser so bearbeitete Klang ist auch in den Momenten sehr nützlich, wenn er jenen Teil der Klanglandschaft füllt, wo die tiefen Töne dominieren. Die Gitarre kann den Raum der Klanglandschaft im Hintergrund auch völlig mit dem Klangdickicht der Verzerrung verschmieren, die Gitarre ist dann distanziert im Hintergrund und färbt das Schlagzeug. In Grey Matter bietet die Gruppe in einer ruhigeren Passage unglaubliche Feinheit, spielerische Sanftheit; die Sinnlichkeit der gegenseitigen Kommunikation des Trios wird noch intensiver – so sanft können alle drei Instrumente gleichzeitig miteinander sprechen. Malaby ist hier zwar im Vordergrund, aber Dani und Samo bleiben durchaus wahrnehmbar, da sie eine kontrastreich rhythmische und musikalische Plattform mit äußerst interessanter Entwicklung schaffen. Jeder Saxofonist kann sich in den Improvisationspassagen nur eine solche instrumentale Unterstützung wünschen.
Die Band schwelgt in grenzenloser Freiheit. Keine Grenzen. Nicht mal der Himmel setzt Samo welche. Diese musikalische Echtheit ist man von Samo inzwischen schon fast stillschweigend gewohnt. Dass jede seiner Musik-Storys eben ein eigenes Kapitel und ein unbeschriebenes Blatt Papier ist und dass er dich mit der Musik und der Idee jedes Albums irgendwohin ins Unbekannte führen wird, angenehm schockiert und sympathisch überrascht. Auf Schritt und Tritt. Solche Gefühle hinterlässt auch »Traveling Moving Breathing«. Samos Gitarre und Malabys Saxofonspiel vereinen sich mehrmals in gegenseitig verschränkten Dialogen, wobei sie nacheinander Sequenzen tonaler Abfolgen flechten, während Roberto Dani in solchen Passagen natürlich auf dem Schlagzeug-Instrumentarium ordentlich loslegt. Die beiden Musiker können gleichzeitig vereint sein im Aufteilen gleichzeitig gespielter Linien, die jeder frei, sinnlich und intuitiv beschreitet (Moving Target). Die Situation dreht sich plötzlich und Samo »schleicht sich« dann an Danis Seite und folgt mit tiefen Tönen der Versuchung des Schlagzeugers zum Improvisieren, während Malaby in diesen Teilen allein ins Zentrum der Geschichte tritt, wo er ganz allein nach Belieben in den Akrobatiken des Improvisierens losknallt. Das Album bewegt sich von soliden, das heißt greifbaren Teilen motivischer Formatierung bis zu Momenten, die natürlich nach Free Jazz riechen, aber die Band übertreibt nicht und lässt sich nicht in Züge übermäßiger Lockerung verleiten, was bedeutet, dass sie im Spiel den roten Faden beibehält.
Dieses Album ist eine Nuance leichter und zugänglicher als etwa das im vergangenen Jahr erschienene »The Colour Suite« unter der Regie des Samo Šalamon Sextets, das mehr Verwischtheit aufweist – aber Hand aufs Herz. Da sind doppelt so viele Musiker. Vor uns liegt diesmal ein Jazz-Konglomerat von gerade mal drei Instrumenten, die in einem riesigen Raum einander einfühlsam den kreativen Raum für Soli öffnen. Und diesen Raum, obwohl er nur von drei Instrumenten geschaffen wird, nutzen sie vollauf. Es entsteht jene süßlich-abenteuerliche räumliche Grenzenlosigkeit, die alle drei ständig im Spiel erschaffen. Bei jedem Ausbruch vollblütiger Inspiration, wenn alle drei (fast instinktiv) auf neue und neue Felder der Versuchung zum Improvisieren treten. Die Reaktivität ist außerordentlich. Das Reagieren. Sobald sich einer motivisch im Trio entfernt, »schnappen« ihn die beiden übrigen Musiker geschickt, »erreichen« ihn, und das Stück »segelt« einer neuen (unentdeckten) Sphäre entgegen, weshalb die Entwicklung der Ereignisse auf dem Album ständig völlig unerwartet ist und ein Gefühl von Spontaneität vermittelt. Also dieser weite Raum, der sich öffnet, bedeutet, dass das Trio problemlos noch das ein oder andere Instrument integrieren könnte.
Aber der Witz der Platte liegt genau in der Formation des »basslosen Trios« und dem Zusammenkommen alter Bekannter und dem vollblütigen Genießen der Fusion dreier musikalischer Welten, die in der Aktivität dieser drei Musiker die Gestalt des modernen Jazz miterschaffen und aufbauen. So entstand ein eigenartiges Konglomerat, ein weiteres außerordentlich schönes Werk und Zeugnis von Samos Genialität und seiner musikalischen Offenheit. Es basiert auf dem Dreieck einer äußerst wirkungsvollen Chemie gegenseitiger Interaktionen, großer Züge im Spiel, die unprätentiös und völlig entspannt ansprechen. Das Ergebnis ist ein Album, das alle Fans von Samos bisherigen Unternehmungen und überhaupt anspruchsvolle Musikgourmets begeistern wird, die ihr nach dem Ungewöhnlichen sucht und in dieser Ungewöhnlichkeit, die durch außerordentliche Entspanntheit, Feinsinnigkeit, intuitives Wahrnehmen und meistens den blanken Instinkt erzeugt wird, ständige musikalische Herausforderung findet. Eine neue Leistung von großen Vorzügen, die in erster Linie begeistert und unterhält – und das ist auch das Wesen ihres Kernpunkts. Das Schönste dabei ist die Erkenntnis, dass Samo dabei nicht stehen bleiben wird und wahrscheinlich schon eine Menge Ideen für neue und neue musikalische Verbindungen im Kopf hat. Samo ist damit nicht nur einer der interessantesten Gitarrenhelden des Moments in der Welt der Jazz-Musik, sondern auch einer der aktivsten, der in seiner Generation das weltweite Jazz-Getriebe mit (klar erkennbarer und markanter) Intensität tatsächlich vorwärts und aufwärts antreibt.
Besetzung
Tony Malaby – Alt- und Tenorsaxofon
Samo Šalamon – Gitarre
Roberto Dani – Schlagzeug
Produktion
Samo Šalamon
Tracklist
1. Dephony (06:02)
2. Moving Target (06:04)
3. Breathing (06:34)
4. Grey Matter (09:12)
5. Traveling Without Motion (06:14)
6. Too Much (04:02)
7. Kei’s Dream (07:42)
8. Arnold (08:04)
9. Pedro Is Clean (04:26)