Tolminator 2023 – dritter Tag

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Am dritten Tag hatte das Wetter endlich ein vollständiges Einsehen mit uns, und entsprechend stieg auch die Festivalstimmung spürbar an – die Bands des dritten Tages sorgten für einige der besten Auftritte des diesjährigen Tolminators.

Für das musikalische Frühstück sorgten Obalni Meduzalem, die bereits seit zwei Jahrzehnten aktiv sind – aber bis zu dem letztes Jahr bei On Parole erschienenen Album La Terza Gamba hatte ich, ich gebe es zu, noch nie von ihnen gehört. »My loss«, denn Meduzalem servierten eine interessante experimentell/progressive Mischung aus Rock und Metal, der man noch weiter zuhören muss (und sollte).

Es folgten weitere Küstenbands, aber genremäßig völlig anders als Meduzalem und mir persönlich auch besser bekannt. Alle drei Alben von Ater Era lagen und liegen auf regelmäßiger Rotation im heimischen Player, auch live wurden sie schon mehrfach auf die Probe gestellt und haben nie enttäuscht. Das Trio traf auch beim Tolminator ins Schwarze und überzeugte mit seinem eigenwilligen Black Metal, der sich vor allem durch lange Tracks mit zahlreichen Wendungen und Drehungen auszeichnet, die der Musik von Ater Era einen Hauch von Experimental und Progressive verleihen. Ein interessanter Kontrapunkt zur Schwärze auf der Bühne war das Outfit der Bassistin Eva – rosa Haare, rosa Schuhe und sogar rosa Saiten am Bass. Klasse – und langsam wäre es Zeit für einen Nachfolger des vor rund fünf Jahren erschienenen Clades.

Den Küstenangriff auf die zweite Bühne des Tolminators schlossen Omega Sun in Stoner-Rhythmen ab, die unter der frühen Nachmittagssonne musikalisch wunderbar zur Umgebung passten und das versammelte Publikum mit langsamen Rhythmen, Gitarrensoli und melodischem, verträumten Gesang überzeugten.

Für wieder einen völlig anderen Wahnsinn sorgten die heimischen Grind-Helden Glista, bei denen man immer sicher sein kann, dass sie mit einem echten Grind-Gewitter aufwarten. Auch diesmal war es nicht anders – weder Disco noch Polka fehlten, und auch die amüsanten Ansagen von Sänger Mitja kamen nicht zu kurz, der diesmal neben Grunzen und Schreien auch für ein visuelles Spektakel sorgte, als ihm eine Assistentin mitten im Set medizinische Nadeln in Bauch und Hals stach. Autsch – aber die Death/Grind-Chirurgen Carcass wären stolz gewesen.

Obwohl das bisherige Line-up auf der zweiten Bühne genremäßig wirklich abwechslungsreich war, konnten die Einheimischen Rodoljubac mit ihrem Punk ’n‘ Roll meine Ohren nicht gerade sonderlich überzeugen.

Das gilt allerdings nicht für die schwedischen Black/Thrash-Metaller Kvaen, die mit ihrem Debütauftritt auf slowenischem Boden zweifellos den einen oder anderen neuen Fan gewonnen haben. Kvaen ist eigentlich das Soloprojekt von Jacob Björnfot, der im Studio Instrumente und Gesang alleine einspielt – live helfen ihm aber Kollegen aus der schwedischen Black/Death-Metal-Szene aus, am Schlagzeug sogar der ehemalige Amon Amarth-Drummer Fredrik Andersson. Kvaen klingen aber in keinster Weise ähnlich, sondern sind genremäßig eher Bands wie Dissection und Necrophobic näher. Also: viel aggressive, halsbrecherische Geschwindigkeit mit einer ordentlichen Portion Melodie, vor allem aus Jacobs Fingern, die auch für einige beeindruckende Soli sorgten (allen voran in The Great Below, wo das Gastsolo auf dem Album von Jeff Loomis eingespielt wurde). Jacob überzeugte auch mit einem giftigen Vokalangriff – ein kleiner Stimmungsdämpfer war lediglich die Tatsache, dass Kvaen statt in der Dunkelheit unter der brennenden Julisonne spielten. Aber so guter Black Metal passt, wenn’s sein muss, auch in der Sonne und Schwüle.

In ähnlich gutem Stil wie die kleine Bühne geendet hatte, startete auch die große Bühne – die die amerikanischen Death-Metaller Frozen Soul wie ein Sturm souverän einnahmen und dominierten. Auf eine solche Dröhnung Old-School-Death-Metal war wohl kaum jemand vorbereitet, und der Bereich vor der Bühne war anfangs noch ziemlich leer – doch Frontmann Chad Green gelang es ohne große Mühe, mit souveränen, unklischeeigen Ansagen schnell mehr Leute an die Bühne zu ziehen (immer noch zu wenige für eine so hochkarätige Death-Metal-Show). Frozen Soul zermalmten den Tolminator in knapp einer Stunde gnadenlos wie eine Gletschermoräne, wo unter Massen von Tonnen und Tonnen Eis alles zu Staub und Schutt wird. Frozen Soul zeichnen sich nämlich neben erstklassigem Death Metal, der vor allem auf dem aktuellen Album Glacial Domination eingefangen ist, durch einen einzigartigen thematischen Ansatz aus, der auf Eis, Schnee, Frost und Winter basiert – wobei es sich nicht um eine Immortal-Kopie handelt. Die Amerikaner zeigten alles, was guter Death Metal braucht: Old-School-Ansatz mit modernerem, tödlichem Sound, monolithische Aggressivität, »Slam«-Momente, bei denen einem buchstäblich der Kopf vom Hals fällt, ausgearbeitete Riffs und Soli, brutalen, aber klaren und herrischen Gesang… Und diese Show lieferten Frozen Soul ab, obwohl es ihr erster Konzertauftritt der Europatournee war und ihnen am Flughafen das gesamte Equipment verloren gegangen war (das ihnen freundlicherweise Ater Era ausgeliehen hatten, was auch Chad ausdrücklich betonte). So wie Bolt Thrower klanglich mit Panzerketten niederwalzen, so mahlen Frozen Soul wie ein Gletscher – und alle Bands, die noch folgen sollten, hatten die sehr schwere Aufgabe, in die großen Fußstapfen der Texaner zu treten.

Doch von der Herausforderung ließen sich die nachfolgenden Acts keineswegs einschüchtern – und das war gut so, denn es folgten noch einige der besten Auftritte des diesjährigen Festivals. Auch das nächste Set war Death Metal pur, diesmal aber von den Südamerikanern – oder besser gesagt: Südamerikanerinnen – Crypta, die nach dem Weggang von Sängerin und Bassistin Fernanda Lira aus ihrer früheren Band Nervosa entstanden. Wenn sie schon bei Nervosa überzeugte, legte Crypta noch eine Schippe drauf – auch sie übernahmen, im Stil von Frozen Soul, den Tolminator wie der Sturm und das Gewitter, die zwei Tage zuvor tobten. Das brasilianische Quartett überzeugte unter der Führung der charismatischen und energiegeladenen Fernanda mit Death Metal, der Fans der Death-Ära rund um Spiritual Healing begeistern wird: Fernandas Gesang erinnert stark an Chuck Schuldiner, und auch die einzelnen gitarristischen Züge des Duos Tania Bergamaschi/Jessica Falchi knüpfen mit ihrer Melodiösität und Anspruchsvolltheit an die Väter des Genres an. Die Mädels zeigten, wie Death Metal serviert wird – wobei das Geschlecht überhaupt keine Rolle spielte, denn bei einer solchen Show hätten vier bärtige Kerle genauso überzeugt. Mit den gespielten Tracks vom Album Shades of Sorrow (The Other Side of Anger, Trial of Traitors, Lord of Ruins), das gut eine Woche nach dem Tolminator erschien, demonstrierten sie zudem, dass sie im Vergleich zum Debüt einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht haben.

Die Intensität des Death Metals von Frozen Soul und Crypta verlangsamte sich etwas mit den schwedischen In Mourning, die mit ihrem progressiven Death Metal zweifellos bewiesen, dass sie Meister sowohl des Komponierens als auch ihrer Instrumente sind. Aber ihr von Opeth inspirierter Death Metal voller verträumter, langsamer Parts und cleaner Vocals war für den frühen Nachmittag ein zu schwerer Brocken.

Die musikalische Intensität trieben aber die katalanischen Thrasher Crisix wieder in die Höhe, die schon vor Jahren auf demselben Gelände begeistert hatten und diesmal die wilde Thrash-Party wiederholten, die erneut im Gedächtnis bleibt. So viel Lachen, zufriedene Gesichter und allgemein gute Energie hatte man auf dem Gelände seit Instanity Alert nicht mehr gesehen – Crisix veranstalteten einen ähnlichen Wahnsinn, bei dem das Moshen kein Ende nehmen wollte, und an einem Punkt sprangen sogar einige Bandmitglieder selbst in den Pit. Der spaßige Wahnsinn erreichte seinen Höhepunkt, als die bestens aufgelegten Mitglieder untereinander die Instrumente tauschten und (eigentlich Gitarrist) Marc Busque ans Mikro griff – in dieser Formation zündeten sie ein kurzes Medley aus Hit the Lights (Metallica)/Walk (Pantera)/Antisocial (Anthrax), das auch die letzten Zweifler auf dem gut gefüllten Gelände mitreißen konnte. Der Circle Pit wollte einfach nicht enden – mittendrin war sogar ein Mädchen im Rollstuhl, das ihre Freundin kameradschaftlich eine ganze Weile im Kreis schob. Genau diese Art Thrash-Party verbreitete positive Stimmung über das gesamte Gelände und hinterließ nach gut einer Stunde ausschließlich strahlende Gesichter und gute Laune.

Die norwegischen Black-Metal-Urgesteine Ancient bereiteten den Fans eine schöne Überraschung und spielten ihr Debütalbum Svartalvheim in voller Länge – ich war allerdings weder Fan noch Kenner ihres Werks und wurde auch diesmal (leider) nicht vom Gegenteil überzeugt. Vielleicht beim nächsten Mal.

Das vom Namen her wohl klangvollste und insgesamt größte Act des diesjährigen Festivals muss Phil Campbell sein, der das Erbe der unsterblichen Motörhead in Phil Campbell and the Bastard Sons weiterführt – wo er mit gleich drei seiner Söhne und Sänger Joel Peters spielt. Phil Campbell kam mit seinen Bastardkindern mit einem speziellen Motörhead-Set zum Tolminator – und wenn jemand das Recht dazu hat, dann ist das zweifellos Phil, denn er hielt es bei Motörhead sage und schreibe mehr als 30 Jahre lang aus! Ihr Set war mit Spannung erwartet worden, doch schon bei den ersten Takten des Klassikers Iron Fist blieb eine gewisse Traurigkeit hängen, dass auf der Bühne nicht mehr die Gestalt des Eisernen Kanzlers steht – des einen und einzigen Lemmy (beim Schreiben dieser Zeilen wurde mir erneut bewusst, dass seit seinem Tod schon fast acht Jahre vergangen sind – wie die Zeit vergeht…). Ohne ihn ist es einfach nicht dasselbe, was bei Joels für Motörhead-Klassiker viel zu schön und zu sauber klingendem Gesang noch offensichtlicher wurde. Mein laienhafter Rat dazu: statt Vanille-Vape und dickem Saft lieber Marlboro Rot und Jack Cola in die Kehle! Abgesehen davon war Joel mit seinen generischen Ansagen mehr als nervig – und auch die Tatsache, dass Herr Campbell persönlich auf der Bühne stand, sowie die hervorragende Setlist mit Klassikern wie Stay Clean, Born to Raise Hell, R.A.M.O.N.E.S., (We Are) the Road Crew und weiteren tief ins Hirn gebrannten ewigen Hymnen konnten daran nichts ändern. Ich muss sagen, dass unsere Metropolis vom Gesehenen und Gehörten her ein viel besseres Abbild des Originals sind. Möglich ist natürlich auch, dass ich zu kritisch bin, denn ich hatte das Glück und die Ehre, Lemmy noch live zu sehen – was jüngere Generationen nicht behaupten können und die auf diese Weise immerhin live eine Annäherung an das Erbe des Musikgiganten erleben können.

Den vorletzten Festivaltag schlossen die finnischen Könige des melodischen Death Metals Insomnium ab – denen ich aus Erschöpfung und weil ich sie zuletzt zur Zeit des Albums One For Sorrow verfolgt hatte, diesmal leider keine Chance gab. Aus der Stadt waren sie aber auf jeden Fall sehr gut zu hören.

Text: Rok Klemše

Fotos: Sebastijan Videc

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