Todd Sucherman: Last Flight Home

0 132

Label: Aqua Pulse Records
Erscheinungsdatum: 2. 5. 2020
Produktion: J. K. Harrison & Todd Sucherman
Albumlänge: 40.10 min
Genre: Art Rock / Pop Rock
Bewertung: 9.5/10


Wie geht die Geschichte von Phil Collins noch mal? Dem Schlagzeuger, der später als Komponist, Singer-Songwriter und vor allem als Sänger mit einer Reihe unvergesslicher Hits Millionen von raschelnden Grünscheinen eingestrichen hat? Auch Todd Sucherman ist in erster Linie Schlagzeuger, aber mit einer ganz anderen Musikerkarriere. Nach 25 Jahren Schlagzeugdienst bei einem sehr guten Arbeitgeber – nämlich den ikonischen Arena-Rockern von Styx – hat Todd sich endlich entschlossen, sein erstes eigenständiges Studioalbum zu veröffentlichen. Ein Album, das Sucherman in den Achtzigern sicher den ein oder anderen gut verkauften Hit beschert hätte. Da Collins aber Suchermans Vater sein könnte, hat er sich im goldenen Zeitalter des Rock zur richtigen Zeit am richtigen Ort befunden und ordentlich abkassiert. Todd Sucherman bleibt das natürlich versagt, denn er ist leider kein David Guetta. Deshalb werden »Last Flight Home« im Jahr 2020 nur die glühendsten Styx-Fans und die Leser von Suchermans Schlagzeug-Lehrbüchern entdecken – die einen aus purer Neugier, sowie all jene, die sich heute noch für die radiokonforme Pop- und Art-Rock-Ästhetik der Achtziger und AOR-Musik interessieren.

Das Album wird den Fans der berühmten amerikanischen Rock-Hochburg Styx auf jeden Fall gefallen, denn es ist musikalisch gesehen ein ungemein mitreißendes Werk. Das war eine logische Erwartung. Das Album ist sehr organisch, die Gitarren glänzen mit einem »Jangle«-Sound, der zeitweise auch deutlich beatlesk klingt – wobei man bedenken muss, dass es unter den Bedingungen der obligatorischen Isolation aufgenommen wurde, die die Corona-Pandemie vorgegeben hat. Aber Sucherman hat sich für dieses Album mit J.K. Harrison zusammengetan, der sich als der »wertvollste Spieler« bei seiner Entstehung erwiesen hat. J.K. sorgte für die brillante Produktion, spielte praktisch alle Gitarren und Bassgitarren ein, steuerte sämtliche Keyboards bei und gestaltete die Arrangements mit. Ohne ihn hätte Sucherman dieses Album kaum in die Welt gebracht. Zumindest nicht so, wie es geworden ist. Und das i-Tüpfelchen: Es ist ein wirklich gutes Album.

Durch das gesamte Album hindurch spürt man den starken Einfluss des musikalischen Erbes des berühmten Liverpooler Quartetts. Mit The Beatles musste Sucherman jahrelang aufwachen und einschlafen. Das ist unbestreitbar. So tiefe Spuren hat der Einfluss der »Käfer« in seinem Songwriting auf diesem Album hinterlassen. Sucherman ist in erster Linie Schlagzeuger. Ein fantastischer Schlagzeuger. Da »Last Flight Home« aber ein Singer-Songwriter-Album ist, tritt das persönliche Bekenntnis des Musikers in den Vordergrund.

Was wir hören, ist Retro-Nostalgie nach einer radiokonformen Pop-Rock-Ästhetik in Arrangement, Komposition und Klangproduktion – mit Ansätzen für eine potenzielle Erweiterung in Richtung progressiver Auflockerung auf der einen Seite, wie auch der Bevorzugung bombastischer Elemente, was das Album auf der anderen Seite in Richtung der Charakteristika des AOR-Genres treiben könnte. Aber das Werk hält die goldene Mitte und bleibt in einem sehr organisch produzierten Pop- und Art-Rock mit »Jangle«-Nachklang, der sensibel mit dem Flair der Achtziger und Todds persönlicher »Beatlemania« durchtränkt ist.

Die Songs sind bis ins kleinste Detail arrangiert. Harrison hat mehrere Gitarrenlinien (eine über die andere) eingespielt und dazu ein brillantes kontrastierendes Geflecht zwischen Phrasierung und Keyboard-Linien geschaffen, wobei er sowohl Hammond-Orgel und klassisches Klavier als auch orchestrale Elemente eingebettet hat. Dazu kommen Streicher, die von Gastmusikern beigesteuert werden, sowie geschickt eingewobene gitarristische Harmonieornamente und Soli aus kurzen, aber prägnanten Zügen, die die kompakte Haltung des Arrangements aufrechterhalten. Suchermans seidiger Gesang passt in diesem Produktions- und Arrangementumfeld wie angegossen. Im Grunde ist Todd in erster Linie kein Sänger, aber er besitzt genug Begabung und Talent, um mit seinen stimmlichen Qualitäten an jeder Stelle des Albums souverän zu bestehen. Die seidigen Vocals enthalten ein leichtes kehliges Hauchen, das er besonders in den höheren Lagen gut mit gelegentlichem Falsett ausbalanciert – und Harrisons geschickte Produktionstricks mit zusätzlichem Vokal-Effekting haben ihm dabei sehr geholfen. Gleichzeitig werden die Refrains auch brillant mit mehrstimmigen Vokalharmonien kontrastiert, die dem Album Opulenz verleihen. Sucherman ist aber auch in Sachen emotionaler Tiefe überzeugend, was vor allem seine Leidenschaft in It’s Perfection krönt. Den eröffnenden Titeltrack lässt sich mit Elementen der Arrangements von Steve Perrys Platte »Traces« vergleichen, Sacred Book of Favorite Days ist durch und durch von Beatles-Anleihen durchzogen, in Do You Know erprobt sich Sucherman, begleitet nur von Klavier und Streichern, in der Rolle des Chansonniers, und das abschließende Kindling ist eine Besonderheit, da es sich um eine Bearbeitung eines Elbow-Originals handelt. Also. Das Album »Last Flight Home« ist ein außergewöhnlich lebendiges und abwechslungsreiches sowie sehr ausgereiftes Werk, das von feinsinnigem kreativem Engagement und dem Streben nach Perfektionismus erfüllt ist. Suchermans erstes eigenständiges Studioalbum ist erwartungsgemäß ein solides Werk – denn der Mann hat in 25 Jahren von seinen weitaus erfahreneren Weggefährten aus der Band Styx schon so einiges lernen müssen. Dass das Album aber wirklich so gut ist, wie es ist, das ist eine höchst erfreuliche Überraschung. Sein Inhalt lässt den Hörer keinen Augenblick im Stich. Ein tiefgründig bekennendes und einfühlsames Art- und Pop-Rock-Album voller Retro-Nostalgie der Achtziger, das auf Schritt und Tritt von geschicktem Gesang und einem außergewöhnlich reichen Arrangement begleitet wird – einem Arrangement, das die kontrastreiche Klanglandschaft optimiert und farbenfrohe Detaillierung aus einer reich verinnerlichten Ästhetik präzise dosierter Feinmechanik bietet, deren Schleier ihr, neben dem ohnehin ungemein ansteckenden musikalischen Ertrag des Albums, noch eine ganze Weile lüften könnt. Langsam. Wie ein sehr gutes Dessert.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Last Flight Home (5:17)
2. Sacred Book Of Favorite Days (3:44)
3. Ad Lib Everything (4:12)
4. An Invitation (3:50)
5. It’s Perfection (4:12)
6. The Damage (3:43)
7. She’s Red Velvet (3:44)
8. Do You Know Me (3:27)
9. I Can’t Use Them Anymore (3:29)
10. Kindling (4:31)

Besetzung:
Todd Sucherman – Schlagzeug, Perkussion, Gesang, Hintergrundgesang, Soundloops
J.K. Harrison – alle Gitarren, Bassgitarren, Klavier, Keyboards, Soundloops, Perkussion, Hintergrundgesang
Taylor Mills – Hintergrundgesang auf „It’s Perfection“
Nicholas Markos – E-Gitarre auf „Kindling“
Tom Wardle – Akustikgitarre auf „Last Flight Home“
Michael Bahan – Tabla auf „Sacred Book Of Favorite Days“
Kaitlyn Wolfberg – Streicher
April Guthrie – Streicher
Andrew Shullman – Streicher


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies