Time And A Word
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Yes
Label: Atlantic Records
Erscheinungsjahr: 1970
Laufzeit: 40:06
Wertung: 3.5/5
Ende der Sechziger war in der damaligen Musikszene viel die Rede von den zwei größten Hoffnungen unter den Bands, die bei Atlantic Records unter Vertrag standen. Während Led Zeppelin schon seit ihrem Debüt schöne kommerzielle Erfolge einfuhren und die Erwartungen übertrafen, mussten sich Yes gehörig ins Zeug legen, um auch außerhalb des britischen Raums wahrgenommen zu werden. Ihr gleichnamiges Debüt von 1969 war zwar ein äußerst solider Erfolg für eine junge Band und legte bereits einige wichtige stilistische Richtlinien für diese legendäre Gruppe fest, doch waren Yes in dieser Phase ihrer Karriere noch zu wenig innovativ und zu wenig auffällig inmitten der damals rasch wachsenden Progressive-Rock-Bewegung, die – besonders nach dem Erscheinen von King Crimson, für viele die chronologisch erste ‚echte‘ Prog-Rock-Gruppe – buchstäblich explodiert war und den Samen einer neuen musikalischen Revolution gesät hatte.
Yes gehörten zwar von Anfang an zur ersten Liga der Prog-Pioniere, doch bestand 1970 die ernste Gefahr, dass sie in Sachen musikalischer Durchschlagskraft und Provokativität von so manchem Zeitgenossen überholt werden könnten. Ihr Mix aus betörenden Melodien unter der Regie des charismatischen Vokalisten Jon Anderson, ansteckenden Vokalharmonien, bei denen Anderson tatkräftig vom innovativen Bassisten Chris Squire unterstützt wurde, witzigen Gitarrenlinien des verstorbenen Peter Banks, rauschenden sinfonischen Arrangements aus dem Reich des Keyboarders Tony Kaye sowie jazzigen rhythmischen Kapriolen, für die in erster Linie Schlagzeuger Bill Bruford sorgte – während Psychedelia- und Folk-Einsprengsel eher die Ausnahme als die Regel waren –, befand sich schon damals auf einem beneidenswert hohen technischen und atmosphärischen Niveau.
Etwas Besonderes waren auch Andersons Texte, in denen klischeehafte Liebeslyrik zunehmend von ’neuartiger‘ Spiritualität und Science-Fiction-Thematik verdrängt wurde – womit Jon beim leidenschaftlichen Lesen entsprechender Literatur auch die übrigen Bandmitglieder ‚infizierte‘. Die Geburt der ‚grünen Sprache‘ war nicht mehr weit. Gitarrist Banks war davon nicht besonders begeistert, und es begannen sich auch erhebliche Meinungsverschiedenheiten bezüglich der weiteren musikalischen Ausrichtung abzuzeichnen. Yes hatten schlicht keine andere Wahl, wenn sie noch den Anschluss an die hochambitionierten Prog-Zeitgenossen halten wollten, und mussten daher ihr bisheriges musikalisches Konzept einfach ändern. Genau deshalb versuchten sie auf ihrem zweiten Studioalbum, »Time And A Word«, das gleichzeitig ihr letztes Album mit Banks in der Besetzung war, auf Andersons Initiative ihr Glück mit einem 30-köpfigen Sinfonieorchester. Dabei waren sie bei weitem keine Pioniere. Tatsächlich kamen sie mit dieser Entscheidung aus kommerzieller Sicht ein kleines bisschen zu spät, da Zeitgenossen wie The Moody Blues, The Nice und Deep Purple schon Ende der Sechziger mit einem Orchester zusammengearbeitet hatten, sodass dieser Schachzug damals keine besondere Innovation mehr darstellte.
»Time And A Word« bestand größtenteils aus Originalkompositionen, doch gab es auch zwei Ausnahmen. Die erste davon war der Eröffnungstrack »No Opportunity Necessary, No Experience Needed«, ein Cover von Ritchie Havens. Diese epische Coverversion, die mit einem pompösen Orchesterintro eröffnet, enthielt auch einige Motive aus dem Film The Big Country. Die einzelnen Orchesterarrangements stammten von Tony Cox. Eine der Schwächen von »Time And A Word« besteht darin, dass das Orchester zusammen mit Kayes Keyboards die meisten von Banks‘ Gitarrenbeiträgen häufig übertönt – das gilt auch für einige Vokalharmonien –, sodass nicht alle Bandmitglieder gleichwertig zur Geltung kommen. Ausgerechnet Kayes psychedelisch gewürzte Hammond-Orgel-Passagen haben bei »Time And A Word« den Zahn der Zeit am schlechtesten überstanden, was es nicht sonderlich überraschend macht, dass er – spätere Rückkehren nicht eingerechnet – nur bis 1971 Mitglied von Yes blieb.
Der eigentliche ‚Star‘ dieses Albums war sein Haupt-‚Architekt‘, nämlich Anderson mit seinem spezifischen, surreal hoch angesetzten Stimmregister. Squires melodische Basslinien sorgen schön für den Fluss der einzelnen Teile, während Banks‘ Gitarrenpassagen stets aus den damals weit verbreiteten und vorherrschenden Blues-Strukturen herausstachen. Brufords intelligente, jazzgewürzte Schlagzeugübergänge sind noch heute ein echter Ohrenschmaus, daher überrascht es nicht, dass er sich schon zu Beginn seiner Karriere als einer der kühnsten und innovativsten Schlagzeuger der Prog-Rock-Szene etablierte. Andersons vokale Qualitäten glänzen zusammen mit den Begleitstimmen besonders im Refrain des noch heute hörenswerten »Then«, wo in den Texten bereits seine ‚Predigten‘ über die Erneuerung des Menschen und den Ruf nach Veränderungen in allen Lebensbereichen vorherrschen. Die zahlreichen Tempowechsel, zeitlichen Sprünge und feurigen Orchesterarrangements brechen die melodische Struktur dieses ambitioniert komponierten Stücks nicht auf, das noch heute ein Klassiker wäre, hätten Yes in den darauffolgenden Jahren nicht noch weit Besseres geschaffen.
Das psychedelisch-orchestrale »Everydays«, ein Cover von Stephen Stills, hat den Zahn der Zeit nicht so gut überstanden. Es ist ein typisches kompositorisches ‚Kind seiner Zeit‘: Der erste Teil des Stücks enthält einen langsamen, verschlafenen Rhythmus, psychedelische Vokalharmonien und ‚antiquierte‘ Orchesterarrangements, worauf nach dem ersten Tempowechsel eine Kehrtwendung zu beschleunigtem Tempo und einem lebhaften Instrumentalteil mit ausgedehnten Gitarrenimprovisationen folgt. Der ätherische Klassiker »Sweet Dreams« ist einer der wenigen »Time And A Word«-Tracks, der bei Yes-Fans mit seiner romantisch-nostalgischen Atmosphäre noch heute in allerbester Erinnerung geblieben ist. Er wird von einem mächtigen, mehrstimmigen und unverschämt eingängigen Refrain beherrscht, der den Hörer mühelos in eine von Andersons ‚astralen Dimensionen‘ entführt, während die ausgeprägt melodische Struktur durch satte Basslinien und verzweigte Gitarrenpassagen zusammengehalten wird. Es ist, neben dem Titelstück, einer von zwei Tracks auf dem Album, bei dem Andersons alter Kumpel David Foster als Songwriter mitwirkte – die beiden kennen sich noch aus den Zeiten ihrer ersten gemeinsamen Band The Warriors.
»The Prophet« hat ein langes, psychedelisch gefärbtes Instrumentalintro, in dem Kayes Hammond-Orgel und streichergewürzte Orchesterarrangements regieren, die gemeinsam auch durch den Rest dieser optimistisch gefärbten Komposition dominieren. Darin findet sich auch das Motiv des orchestralen Klassikers »Jupiter« aus Holsts Planeten-Suite. Hier ist deutlich zu hören, wie Andersons Gesang in der Produktion wegen der allzu pompösen Orchesterarrangements nicht voll zur Geltung kommt, während sich das Stück trotz einiger interessanter Instrumentalideen und komplexer rhythmischer Kniffe irgendwie nicht so entwickelt, dass man seine Hauptmotive nicht schon kurz nach dem Hören wieder vergessen hätte. »Clear Days« ist eine kurze Liebesballade mit einem etwas naiven, melancholischen Anderson in der Rolle des Verliebten, begleitet von hübschen Streicher-Klavier-Arrangements, die ebenfalls keinen besonders nachhaltigen und tiefen emotionalen Eindruck hinterlässt.
Eine ganz andere Geschichte ist das ambitionierte, psychedelische Epos »Astral Traveller«, eines der beiden Stücke auf dem Album ohne Orchester, auf dem – während Anderson vokal die kosmische Erfahrung des Astralpilgers vermittelt – vor allem das instrumentale Gespann Banks-Kaye brilliert. Die Vokalharmonien sind hier bereits völlig auf dem Niveau derer, mit denen sie die Hörer auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verwöhnen werden, während man in den brillanten Instrumentalinterludien hören kann, dass Banks dennoch ein ziemlich unterschätzter Gitarrist war. In allerbester Erinnerung geblieben ist sicher das Titelstück, nämlich »Time And A Word«, das auch das einzige von diesem Album ist, das Yes noch mehr als 25 Jahre nach seiner Veröffentlichung live gespielt haben. Von allen Tracks auf dem Album kündigt gerade der Titelklassiker – vor allem dank der epischen Vokalharmonien, der Texte, der geschmackvoll gesetzten Tempowechsel und der ‚grünen‘ Atmosphäre – am besten an, wohin Yes auf dem nächsten Studiowerk getragen werden würden, während der majestätische, aufsteigende Refrain noch heute einer der besten in ihrer langen und außergewöhnlich reichen Karriere ist.
»Time And A Word« hat Yes, obwohl es klanglich in vielerlei Hinsicht ein typisches Produkt seiner Zeit ist, erfolgreich einen Platz unter den ambitioniertesten Bands der Progressive-Rock-Bewegung gesichert. Tracks wie das Titelstück, »Then«, »Astral Traveller« und »Sweet Dreams« sind noch heute zu Recht unter der Mehrheit der langjährigen Fans geschätzt, während die übrigen Stücke auf dem Album den Zahn der Zeit nicht so gut überstanden haben. »Time And A Word« fiel bei seiner Veröffentlichung kommerziell fast völlig durch, und die Band befand sich in einer äußerst unangenehmen Lage, da Atlantic Records bereits über eine Beendigung der weiteren Zusammenarbeit nachzudenken begann. Es bedurfte neuer, weitaus radikalerer Veränderungen, wenn sie noch ‚über Wasser bleiben‘ wollten. Was dann folgte, übertraf selbst die wildesten Erwartungen. Yes feuerten Banks, eine der tragischsten Figuren der Prog-Rock-Szene, noch vor der Veröffentlichung des Albums und holten an seiner Stelle Steve Howe (ex-Tomorrow), der zusammen mit den übrigen Bandmitgliedern bereits auf der amerikanischen Version des »Time And A Word«-Covers zu sehen war. Diese war nämlich aus (quasi)moralistischen Gründen anders gestaltet als die europäische Version, auf der ein nackter weiblicher Torso mit einem Schmetterling zu sehen war. Die Geschichte von Steve Howes Ankunft ist aber auch die Geschichte der vollständigen Wiedergeburt einer praktisch schon abgeschriebenen Band.
Besetzung
John Anderson – Gesang
Chris Squire – Bass, Begleitgesang
Peter Banks – Gitarre, Begleitgesang
Tony Kaye – Keyboards
Bill Bruford – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
David Foster – Begleitgesang auf „Sweet Dreams“, Akustikgitarre auf „Time And A Word“
Produktion
Tony Colton
Trackliste
1. No Opportunity Necessary, No Experience Needed (4:47)
2. Then (5:42)
3. Everydays (6:05)
4. Sweet Dreams (3:48)
5. The Prophet (6:32)
6. Clear Days (2:04)
7. Astral Traveller (5:50)
8. Time And A Word (4:31)