Tide heizen den Orto bar ein (2014)
Autor: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Konzertdatum: 23.01.2014
Besucherzahl: 120
Eintrittspreis: 7,00€
Der Auftritt von Tide, einer der »stärkeren« modernen New-Wave-Rock-Bands, in der dritten Januardekade dieses Jahres mitten im Orto bar, hat endlich klipp und klar bewiesen, dass auch das neue Jahr 2014 rockend erwacht. Tide, die im Oktober 2012 ihr neues (und nach wie vor aktuelles) Studioalbum mit dem vielsagenden Titel »No. 4« veröffentlichten – RockLine-Rezension HIER, gelten heute als slowenische Rockband, die in über einer Dekade ihres Bestehens mit außergewöhnlicher Erfahrung, Selbstbewusstsein und der eisernen Integrität ihrer vier aktuellen Mitglieder punktet: Kevin Koradin (Gitarre, Gesang), Matej Batelič (Bass, Backing Vocals), Matej Sušnik (Gitarre, Backing Vocals) und Blaž Sotošek (Schlagzeug).
Es lohnt sich, hin und wieder einen Blick auf die »tägliche Konzertform« einer Band zu werfen, von der du weißt, dass sie stets ein dir an die Gurgel gehendes Rock ’n‘ Roll-Fest abliefert. Sogar noch mehr. Wie das neuerliche Erlebnis eines Konzerts mit Tide gezeigt hat, steigert die Band diese Form. Von Jahr zu Jahr, von Gig zu Gig. Unaufhörlich!
Das Konzert begann erst um halb elf Uhr abends, was es einem Glücksritter des Konzertbesuchs wie mir ermöglichte, zunächst noch das komplette Konzert des »slowenischen Knopflers«, pardon, von Tilen Pusar im Draveljer Club K300 zu sehen – RockLine-Reportage HIER, um danach entspannt zum Orto bar zu schlendern und sich auf ein »musikalisches Squash« aus einem völlig anderen Teig und mit völlig anderen energetischen Schwingungen einzulassen!
Den gut gefüllten Orto bar mit rund 130 Köpfen begrüßten Tide zum Auftakt mit Strange Day, einer Überraschung aus dem Debütalbum »Seven Days«, das seit Längerem nicht mehr auf dem Konzertrepertoire der Band gestanden hatte. Das Quartett bestätigte und rechtfertigte die hohen Erwartungen rasch. Bei einer anfangs etwas »zu lauten« Soundeinstellung drehten die Techniker den Pegel etwas zurück, und der mehr als halbgefüllte Orto bar erwies sich als hervorragender Dämpfer für übermäßige Dezibel, die Ohren hätten gellen lassen, wären an diesem Abend nur eine Handvoll Zuhörer anwesend gewesen. Tide errichteten so eine grandiose Kulisse aus einer massiven Klangwand, gewürzt mit einem fetten, modern-schillernden Aufstrich auf Basis des authentischen Sounds von Gibson-Gitarren. Diese wird gleichwertig von einer perfekt kalibrierten Rhythmussektion unterstützt, die den Gitarrenriffs ein ungemein ansprechendes Gerüst bietet und dem Gesang einen wichtigen Rückhalt gibt. Kevin Koradin gilt als Frontmann, der in den Pausen nicht gerade redselig ist. Sein Ding bei der Kommunikation mit dem Publikum ist kein Wortgeklingel und kein Witzereißen (von den wenigen blieb an diesem Abend der »schreckliche« Satz im Gedächtnis, dass »die heutige Show in zwei Teile mit Pause aufgeteilt ist«). Kevin regelt alles mit seiner Performance. Auf der Bühne erzeugt er bei der energischen und mitreißenden Interpretation der Verse den Eindruck eines schroffen Frechdachses mit scharfem, finsterem Blick, der bewusst ein Gefühl leichter Unnahbarkeit weckt. Der Ausdruck eines Rebellen, der als seine Grundsprache ausschließlich die Sprache des Rock ’n‘ Roll-Exzesses spricht.
Der Auftritt war besonders intensiv eingefärbt durch die Darbietung älterer Songs – doch Chemie und geschärfte Spannung der Konzertperformance ließen im Raum keineswegs nach! Auch durch das aktuelle Material, das Tide mit dem gierigen Single-Schrapnell Riot Act einleiteten –dem die heiß ersehnte und von Tide-Fans sehnlichst gewünschte Ballade Waiting For The Rain folgte –, und vor allem rumpelte es wieder ausgelassen beim neuen, leicht stoner-angehauchten Mud. Nach einem weiteren äußerst reizvollen Track aus älterem Material namens Not A Whore kletterte Neisha auf die Bühne, was die Ankündigung der neueren Rockballade Love Is Gone war. »Madam Buh« bewies in gelungener Kombination mit Tide auf der Bühne erneut, dass ihr das gelegentliche Beschäftigen mit dem 100%igen Rock-Erbe mehr als liegt.
Tide steigern ihre Auftritte von Song zu Song. Da gehen sie streng professionell vor. Jede Bewegung auf der Bühne ist durchdacht und geplant. Zufälle sind kaum zulässig. Und Tide entwickeln eine enorme Fluidität des Geschehens, unterstützt durchgehend von einer zerstörerischen Dynamik, die das große Zusammenspiel der Truppe – und angesichts der absolvierten Konzertkilometer stellenweise auch die Routine – gewährleistet. Für Fehler bleibt da kaum Platz. Wenn sie auftauchen, sind sie nur flüchtig und bedeutungslos.
Die Jungs haben ihr Repertoire diesmal gehörig aufgepeppt. Der ältere Song Evolution, der ebenfalls nach längerer Zeit wieder ins Repertoire gefunden hatte, wurde vom Eröffnungsriff des Metallica-Tracks Master Of Puppets eingeleitet, den großen finalen Crescendo-Moment kündigte die Band mit einer hervorragend bearbeiteten Version des Rage Against The Machine-Klassikers Killing In the Name Of an – der gebührt besonderes Lob. Die explosive Energie, die beim Vortrag dieses Songs die Grundfesten des Orto bar erschütterte, wurde im Raum klug durch den folgenden Song aufgefangen. Noch ein Stück vom Debütalbum der Band namens Brain Damage, bei dem Gianni Poposki (Noctiferia) als Gast auf die Bühne stieg und im Refrain ein obligatorisches »Growlen« hinzufügte, was einen Gutteil des Publikums ins Delirium versetzte. Tide schlossen ihren neuen, höchst überzeugenden und mit echter zerstörerischer Rockenergie aufgeladenen Auftritt erwartungsgemäß mit ihrem beliebten Cover der legendären MC5 Kick Out The Jams ab und beendeten den Gig damit auf dem Konzerthöhepunkt. Von Song zu Song steigerten sie einträchtig die Atmosphäre, die den Orto bar – wie eine Flut im wahrsten Sinne des Bandnamens – überflutete.
Tide haben mit ihrem Konzertauftritt erneut bestätigt, dass sie als eine der besten modern klingenden Rockbands Sloweniens gelten. Ihr Material trägt die authentische Charisma retro-nostalgischer Rockarrangierformen, aber wirkungsvoll versehen mit der Klangkontur der modernen Zeit, in der die Etablierung eines dickvoluminösen »Groove«-Effekts regiert, der sich auf fett exponierten Gitarrenriffs und Kevins wutschnaubendem, gezacktem Vokalgehabe abrollt! Eine grandiose Vorstellung einer abgebrühten Band, die am Ende des Auftritts im Club keine Spur von Gleichgültigkeit hinterließ – stattdessen pure Befriedigung auf einem Trümmerfeld aus Staub und Asche!
Setlist
1. Strange Day
2. The Urge
3. Release My Gun
4. Adieu
5. No Place Left To Go
6. Like It Slow
7. Hero
8. Riot Act
9. Waiting For The Rain
10. Mud
11. Don’t Look Back
12. Not A Whore / Bullet
13. Love Is Gone
14. Master Of Puppets / Evolution
15. Shooting Straight
16. Killing In The Name Of
17. Brain Damage
18. Kick Out The Jams
Bildergalerie







































