Threshold – Schwellenstoß des progressiven Fiebers im Orto Bar (2013)
Ort: Ljubljana / Orto Bar / Slowenien
Datum: 11.03.2013
Die britischen Progressive-Metaller Threshold, eine der renommiertesten Bands des Planeten in diesem Genre, veröffentlichten Ende letzten August ihr neues, glänzendes Studioalbum „March Of Progress“. Wohl die ausgefeilteste Veröffentlichung ihrer reichen Diskografiekarriere mit insgesamt neun Alben – und sie hat die Band wortwörtlich auch nach Ljubljana geführt. Threshold sind hochgeschätzte Progressive-Metaller mit einer hartgesottenen Fanbasis vor allem in den Benelux-Ländern und im nördlichen Teil Europas, weshalb es ein echtes Wunder war, dass die neue Tournee sie so weit in den Süden verschlagen hat.
Der Auftritt von Threshold in Slowenien vereinte die Alpen-Adria-Region. Im Orto Bar versammelten sich an diesem Abend Fans der Band, die aus Ungarn, Italien, Österreich und Kroatien angereist waren – und haben das Konzert mit ihrer bloßen Anwesenheit, noch mehr aber mit ihrer Begeisterung, gerettet. Sonst wären vielleicht zehn Slowenen dagewesen, und die noch alle akkreditiert. Soviel zum Gespür der Slowenen für Progressive Rock und Progressive Metal. Das haben wir nun mal nicht gerade in Hülle und Fülle.
Die Eigenheiten des Clubveranstaltungsorts im Orto Bar waren schuld daran, dass die Vorgruppen Enochyan Theory und Cryptex nicht wie geplant auftraten. Threshold quetschten als Sextett Richard West an seinen Keyboards in die hinterste rechte Ecke, während Sänger Damian Wilson einen guten Teil der Zeit mitten im Publikum verbrachte und dort seine Gesangspflichten erfüllte – damit die Frontlinie beider Gitarren und der Bassgitarre auf der Bühne überhaupt Platz hatte, ihr Arsenal an beeindruckendem Spiel auszufahren.
Im Klangbild ließen sich zu Beginn des Konzerts erwartungsgemäß kurz die Keyboards raus – sie bekamen erst im zweiten Drittel des Konzerts die richtige Einpeilung in der Lautstärke und damit auch ihre verdiente Präsenz. Denn ohne Richard Wests Keyboards lässt sich die echte Bombastik und die hypnotische Atmosphäre eines Threshold-Konzerts schlicht nicht nachbilden.
Die Band machte keinen Hehl aus ihrer Überraschung über die »clubmäßige« Realität des Orto Bar. Allen voran Damian Wilson feuerte einige saftige Witze auf dessen Kosten ab, was auch das gelegentliche Schmunzeln der anderen Bandmitglieder auf der Bühne bestätigte, wenn sie untereinander Augenkontakt suchten. Wilson nutzte die Situation und drehte sie zu Gunsten der Band und sich selbst. Er knüpfte mit den Anwesenden echten, interaktiven Kontakt, lud mehrfach halbscherzhaft Leute ein, sein Mikrofon zu übernehmen, schüttelte Fans die Hand, bedankte sich bei ihnen und so weiter. Besonders herzlich dankte Wilson jenen, die ein paar hundert Kilometer in eine Richtung nach Ljubljana auf sich genommen hatten, um die Band auf der Bühne zu erleben. Trotzdem war das Unbehagen des Sängers – und auch der restlichen Mitglieder – spürbar. Threshold sind Perfektionisten und wissen eben, dass sie unter gegebenen Umständen wie der kleinen Bühne im Orto Bar ihren Perfektionismus nicht voll ausschöpfen können.
Die Band passte das Konzertrepertoire erwartungsgemäß so an, dass es in der deutlichen Mehrheit aus Songs des aktuellen Albums »March Of Progress« bestand, ergänzt durch drei Songs des vorigen, sehr düsteren und metal-mäßig besonders bissig zugeschnittenen »The Dead Reckoning« (2007). In der Threshold-Diskografie gibt es keinen schwachen Moment, und wenn du ihr Fan bist, bist du bis über beide Ohren in jeden einzelnen Fetzen ihrer Musik verliebt. Und so war der Großteil des Publikums an diesem Abend im Orto Bar drauf. Obwohl beim Konzert nur gute hundert Leute dabei waren, war die Chemie, also die Interaktion zwischen Band und Publikum, außerordentlich. Das auswendige Beherrschen ganzer Strophen wirkte als enorme Unterstützung für Damian Wilson, vor allem in den bombastischen Refrainmelodien der Songs. Das Gefühl war fantastisch. Die Band wie auf dem Präsentierteller in einem intimen Clubambiente, das die Threshold-Mitglieder wohl an die Anfänge ihrer Karriere erinnert hat, als sie sich durch stickige britische Clubs durchgekämpft haben.
Threshold sind ein Sextett außergewöhnlicher Musiker. Alle haben ihr musikalisches Talent zur Brillanz der Bühnendarstellung gemeißelt. Worauf man auch seinen Blick richtete, wenn man jemandem bei seiner engagierten Arbeit zuschaute – sein Spiel hinterließ einen außergewöhnlichen Eindruck totaler Perfektion und Hingabe. Sei es der großartige Schlagzeuger Johanne James, der mit einigen Übergangs-Eskapaden, denen kein Ende abzusehen war, mit verdammt tödlicher Präzision und explosiven Schlägen eine der besten Schlagzeugvorstellungen aller Zeiten in den Orto Bar geliefert hat – bis hin zur melodisch ansteckenden, geschmeidig-gewandten Virtuosität von Bassist Steve Anderson, der raffinierten Sofistikation von West an den Keyboards oder der teuflischen Arbeit des großartigen Gitarrenduos Karl Groom/Pete Morten. Karl Groom gilt als musikalisches Genie. Nicht nur, weil er der Hauptverantwortliche ist, der 1988 das Verbrechen namens Threshold begangen hat – der Kerl gilt auch als einer der angesehensten Produzenten und musikalischen Gurus, an die sich viele Bands der britischen Inseln wie auch des alten europäischen Kontinents im Bereich Progressive Rock und Metal um Rat wenden. Groom hat in Morten einen gleichwertigen Partner gefunden, der in der Band nicht nur dafür zuständig ist, die Riff-Klangmasse zu halten, wie es einst Nick Midson tat – Morten kann sich jederzeit gleichberechtigt ins wilde Solieren einbringen. In dieser Hinsicht ist Threshold auf dem Weg seiner evolutionären Reifung auf der Bühne definitiv noch eine Stufe gewachsen.
Als die großen Perfektionisten, die sie sind, haben Threshold natürlich auch das Zusammenspiel von Gesang und begleitenden Vokalharmonien bis zur Perfektion gefeilt. Der Auftritt der Band lieferte ein typisches Lehrbuchbeispiel, wie man dieses Element mit Bravour bedient – neben den Keyboards ist das Harmonisieren der Vocals (auch mit Wests Vocoder!) der grundlegende Katalysator für das atmosphärische Crescendo der ultra-melodiösen Refrainmelodien. Damian Wilson war während des gesamten Auftritts hervorragend. Der bärtige Hüne beeindruckte in vollen Zügen, nicht nur mit seiner schelmisch-unterhaltsamen Seite, sondern vor allem mit seiner Darbietung, mit der er auch die höchsten Stimmregister mit vehementer Überzeugungskraft attackierte.
Threshold sind eine jener seltenen Bands, die man dem Progressive Metal mit der richtigen Dosis aller Elemente des musikalischen Ausdrucks zuordnet. Ihr musikalischer Charakter ist gerade komplex genug, um anspruchsvolle Musikgourmets anzulocken, und dabei noch immer so eingänglich, dass er schlicht jeden bezaubern kann. Genauer gesagt zieht er die Aufmerksamkeit jedes auf sich, der die tragende Struktur der Melodieführung beim musikalischen Komponieren schätzt. Und man muss nicht erst betonen, dass Threshold dieses Thema durch und durch eigenständig und einzigartig angehen.
Deshalb drehte das Konzert auf, noch bevor es überhaupt richtig losging. Ganz einfach. Wenn dich so eine live erschaffene Atmosphäre erst einmal in diese parallele musikalische Welt hineinsaugt, verlierst du das Gefühl für Raum und Zeit. Und das war und bleibt ihr eigentlicher Zweck. Reine Perfektion und eine glatte Zehn. Ähnlich war auch das Erlebnis ein Jahr zuvor im Orto Bar mit Fates Warning – mit dem Unterschied, dass letztere ihr Ego leichter zurückgestellt und sich besser an die Clubverhältnisse des Orto Bar angepasst haben. Damals waren doppelt so viele Leute da, der Orto platzte aus allen Nähten, und das Konzert schrieb sich in die Annalen als eines, das erlebnismäßig kaum zu übertreffen ist.
Die Begegnung mit Threshold war unvergesslich und einzigartig! Wahrscheinlich haben wir sie in Ljubljana zum ersten, zum letzten Mal und nie wieder gesehen – das bedeutet aber noch nicht, dass ihr Weg sie nicht wenigstens noch einmal zum Festival Metaldays (ehemals Metal Camp) in Tolmin führen könnte, wo sie 2007 schon gespielt haben. Threshold haben, interessanterweise, Songs der ersten beiden Alben komplett aus dem Repertoire gestrichen – ebenso wie das ebenfalls hervorragende »Critical Mass« (2002); von den älteren Sachen nahmen sie aus »Extinct Instinct« das Schmuckstück Part of the Chaos ins Repertoire auf, außerdem den Song Angels (»Coda«, 1998) und Light And Space (»Hypothetical«, 2001) – und das Konzert eröffneten sie mit dem »Subsurface«-Song (2004) Mission Profile.
Threshold bleiben der Inbegriff musikalischen Hochabenteuers, vollgepackt mit einem hochintelligenten Dialog aus Poesie und musikalischem Arrangement. Ihre Musik ist einmalig, einzigartig und unwiederholbar. Für die meisten zugänglich, doch wirklich verstanden nur von jenen, die ihren Ohren ausschließlich das Beste gönnen. Leider sind solche unter dem slowenischen Publikum noch immer entschieden zu wenige – vor allem unter den Jüngeren, die sonst gemeinsam auf Abenteuer der musikalischen Generik ziehen (herzliche Grüße an die Fans von Sonata Arctica, Sabaton,…). So ist das nun mal. Was das Konzert von Threshold im Orto Bar angeht, kann man nur eines sagen: Jungs, danke für die Magie und das einmalige Erlebnis – und ich hoffe, ihr schafft es beim nächsten Mal zumindest nach Wien, wo wir euch wieder auf den Konzertbühnen erwischen können!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
- Mission Profile
- Don’t Look Down
- Hollow
- Coda
- Part of the Chaos
- Colophon
- Pilot in the Sky of Dreams
- Ashes
- Angels
- Staring at the Sun
- Long Way Home
- The Rubicon
—Zugabe— - Light and Space
- Slipstream

















