This is Iced! Mother! Fuckin‘! Earth! (2011)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Backstage Werk / München / Deutschland
Konzertdatum: 07.12.2011
Besucherzahl: 1200
Kartenpreis: 28,00€ (Vorverkauf) / 32,00€ (Tageskasse)
Was passiert, wenn eine Band mit Kultstatus in der Metal-Szene nach einigen Jahren auf der Suche nach der eigenen Identität eine vollständige „Re-Juvenilisierung“ schafft, zu den Wurzeln zurückkehrt, die Magie des ausdrucksstärksten Teils ihrer Diskografie neu auffächert – jenes Teils, der sie groß gemacht hat –, und mit der Traumfortsetzung ihrer Geschichte zurückkommt? Ganz einfach! Du musst auf ihre neue Konzerttournee!
Iced Earth, wohl sogar die meistgeschätzten amerikanischen Metaller Europas heute, und wie Kollege Rok Klemše kürzlich in einem seiner RockLine Artikel über Iced Earth ihre musikalische Essenz treffend zusammenfasste, als „angethrashten Power Metal“, haben also in diesem Jahr das neue Studioalbum „Dystopia“ veröffentlicht. Die Band hat für das neue Album den hervorragenden kanadischen Sänger Stu Block aus der Besetzung von Into Eternity integriert. Schon das Durchspielen alter Songs und das Ausprobieren der neuen Chemie zwischen Schaffer und Block, vor allem nach der Veröffentlichung der Single „Dante’s Inferno 2011″, ließ erahnen, dass „Dystopia“ wieder ein altschulisch überzeugend geformtes Album werden würde. Aber dass es de facto eine Fortsetzung des Albums sein würde, das die goldene Ära von Iced Earth abschließt – ich meine „Horror Show“ (2001) –, daran hatte sich wohl niemand zu denken gewagt. Und genau das ist passiert. Iced Earth haben mit Stu Block unverhofft einen gewinnenden Pokerass aus dem Ärmel gezogen, und im Glanz einer neuen persönlichen Renaissance – einem regelrechten Frühlingserwachen –, haben sie nicht nur ein neues, großartiges Studioalbum veröffentlicht, sondern diese wieder voll funktionierende Chemie auch auf die Konzertbühnen übertragen. Auf neuen Europatourneen.
Rockline hat nicht zweimal darüber nachgedacht, die erste Gelegenheit zu nutzen und nachzuschauen, was mit Iced Earth auf der Bühne in diesem Jahr los ist. Die Band haben wir sowohl im „brüderlichen“ Belgrad (Serbien) am 23.11.2011 erwischt (Konzertreportage von Rok Klemše HIER!) und die Eindrücke waren schlichtweg phänomenal. Ich überspringe die Litaneien der Lobeshymnen über das Erlebte mit einem simplen Fazit der Post-Belgrader Konzerterfahrung: „Iced Earth muss ich unbedingt nochmal sehen!“ Ich schaue die Konzerttermine durch und das Auge bleibt bei München hängen. Zwar mitten in der Woche, mitten in einem beißend kalten Dezember – und dennoch jedes bisschen Opfer wert. Es war jener symbolische Gedenktag der Attentate auf John Lennon und Dimebag Darrell, als sich fünf hartgesottene Metal-Enthusiasten in einen Škoda Fabia Kombi gequetscht hatten und sich einen Dreck um die Konsequenzen der „schwieligen“ Enge scherten, auf dem Weg in die bayerische Landeshauptstadt.
Die Uhr zeigt kurz vor acht Uhr abends. Im Münchner Backstage brodelt es wie selten. Um halb neun betreten die britischen Fury UK die Bühne. Eine ziemlich uninteressante Band. Ein Trio, das die altbekannte Schablone des N.W.O.B.H.M.-Erbes abarbeitet. Vorhersehbar und erprobt. Von älteren Bands deutlich überzeugender dargeboten als auch von Fury UKs Zeitgenossen, die die Sache besser hinkriegen. Vor allem stechen bei dieser Band zwei Dinge ins Ohr. Die unerträglich nervige Stimmfarbe und der Gesangsansatz des Sängers, der im Punk oder zumindest im Thrash Metal besser aufgehoben wäre, sowie das fehl am Platz wirkende Schlagzeug-Solo, das allenfalls Zeit klaut und dem Trommelfell zusetzt. 40 Minuten harter Quälerei lagen irgendwie hinter uns. Halleluja.
White Wizzard ist das genaue Gegenteil von Fury UK. Sie gelten ebenfalls als Revivalisten, beherrschen aber ihr Instrumentarium ungleich besser, was auch für den deutlich besser definierten und dem Metal-Ambiente verträglicheren Gesang gilt. Leider war die Band nicht auf der Bühne. In Belgrad waren sie auch schon nicht dabei, aber damals kannten wir den Grund nicht. Im zweiwöchigen Zeitraum zwischen den beiden Auftritten dieser Iced Earth-Tournee haben wir die Info herausgefunden, dass White Wizzard gezwungen waren, die Tournee wegen Geldmangels abzubrechen. Inoffizielle Gerüchte ergänzen diese Nachricht noch mit Folgendem. White Wizzard sollen ständig zu spät auf die Bühne gekommen sein und sich generell unprofessionell gegenüber den Abmachungen und Regeln verhalten haben, die auf der laufenden Tournee mit Iced Earth gelten, weshalb das Management von Iced Earth, das diesmal die Spielregeln der Tournee diktiert, sie seelenruhig rausgeschmissen hat. Was das für die künftige Karriere der Band bedeutet, wird die Zeit zeigen – und ob die Geste des Iced Earth-Managements die jungen Wilden ernüchtert hat oder nicht.
Iced Earth bestiegen die Bühne etwa 15 Minuten vor zehn Uhr abends. Die Bühne im Backstage begrüßte sie mit einem langen, längs verlaufenden Podium, das der Band ermöglichte, sich darauf nach Herzenlust auszutoben. Auch die Raumhöhe ließ es zu, dass das Schlagzeug auf ein zusätzliches Podest gehoben wurde, und ebenfalls wurde dank der entsprechenden Raumhöhe (guten Morgen, Ljubljaner Cvetličarna und Datum 20.02.2009!) im Saal für eine optimale Scheinwerfer-Beleuchtung gesorgt.
Der Saal hat ein Parterre, in das auf Anhieb etwa 600 Leute passen, und rundherum gibt es Treppen, die zu erhöhten Gängen entlang der linken und rechten Seite des Parterres führen sowie zu einem Gang hinter dem Parterre. Wirklich viel Platz, auch bei massivem Andrang von über 1000 Leuten, dem auch das diesmalige Konzerterlebnis mit Iced Earth nicht entging.
Der Sound von der ersten Sekunde an makellos! Das giftige Riffing des Gitarren-Duos Schaffer/Seele, die einzigartige, pulsierend explosive Kommunikation der Rhythmusfestung Smedley / Vidales, mit dem zentral positionierten, unermüdlichen Vokal-Sprinter Stu Block. Alles war klar hörbar und die Kontraste „pyramidal“ verteilt (im „3-D“-Effekt).
Die meiste Aufmerksamkeit erweckte natürlich Stu Block. Auch in München bestätigte er, dass sein Kommen die Garantie dafür ist, dass Iced Earth auf der Bühne heute nur das Beste aus sich herausholen können. Der Mann erreichte mit federleichter Leichtigkeit scheinbar unerreichbare vokale Bandbreiten sowie Klangfarbenkontraste, die die Iced Earth-Ären mit Tim „Ripper“ Owens und Mathew Barlow klar voneinander abgrenzen. Ja. Stu Block ist in einer Person und am Stück sowohl ein überzeugender „Ripper“ als auch ein Barlow. In knapp zwei Stunden Konzert ist er keine Sekunde in der Ausführung seiner Aufgaben ins Wanken geraten. Die anspruchsvolle Aufgabe, die seine Vokalrolle bei Iced Earth mit sich bringt, krönte er dabei mit außerordentlicher Bühnenagilität. In dieser Hinsicht wage ich zu behaupten, dass Stu Block bis zu diesem Tag der beste Bühnenspieler ist, den Iced Earth jemals auf dem Sängerposten hatten. Mit seinem dynamischen und mitreißenden Bühnenspiel voller Gesten, dem festen Blickkontakt mit dem Publikum, den vielfachen Läufen zur linken und rechten Bühnenseite sowie dem Anfeuern der Bandmitglieder handelt es sich schlicht um einen geborenen Bühnenanführer. Der Umgang mit dem Publikum ist für ihn ein Klacks, und das Publikum hat der Band mit gewaltigem Appetit das gesamte Konzert über aus der Hand gefressen. Bei einem der Songs heizte Stu den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal auch damit auf, dass er auf die Bühne hüpfte und die deutsche Trikolore schwenkte und so effektiv auch an die nationalen Gefühle der Deutschen appellierte. Zum Abschluss nutzte Stu eine der Pausen zwischen den Songs, um sich bei jedem einzelnen Mitglied von Iced Earth persönlich zu bedanken, das ihm ermöglicht hat, Teil von Iced Earth zu sein! Mit solchem Arbeitseifer und solcher Überzeugungskraft hat der charismatische Block Schaffers Herz sicher schon gewonnen!
Das wachsame Falken-Auge des Anführers Jon Schaffer verweilte stets mit offenem Mund bei der fantastischen Interpretation von Stu Block. Jon Schaffer selbst wirkte auf der Bühne unglaublich verbissen. Mit dem finster zusammengezogenen Blick unter der Stirn, wie man ihn von James Hetfield (Metallica) kennt, angespannter Unterlippe der kaum geöffneten Lippen, durch die leicht sein Gebiss blitzte, bestätigte Jon sein außerordentliches Engagement und seine Bühnenpräsenz! Er genoss den Blick auf den vollen Saal sowie die Erkenntnis der hervorragend funktionierenden Bühnenchemie der erneuerten Band. Iced Earth spielten wie in Trance. Das hervorragende Solospiel von Troy Seele, der sich Schaffers Vertrauen mit harter Arbeit verdient hatte, bestätigte, dass Schaffer auch auf dieser Position einen außergewöhnlichen Verbündeten hat, der ihn nicht im Stich lassen kann und will.
Iced Earth bewegen sich selten aus den streng abgesteckten Bühnenbereichen heraus, die auf Basis einer Absprache zwischen den Bandmitgliedern festgelegt sind. Natürlich mit Ausnahme von Block. Seele bekam so die Erlaubnis, sich erst in der Einleitung zu Declaration Day in die Bühnenmitte zu stellen; in der harmonischen Passage des mittleren Instrumentalteils haben sich nur bei diesem Song Schaffer, Seele und Vidales gemeinsam von links nach rechts in die Mitte gestellt, ansonsten verteidigten sie während des Konzerts strikt ihre abgesteckten Positionen auf der Bühne.
Die Songs des neuen Albums Dystopia funktionieren hervorragend in Verbindung mit den Kultklassikern der Band. Das Gefühl war, als würde man das Livealbum von Judas Priest „Live Meltdown“ aus dem Jahr 1998 hören, als Tim „Ripper“ Owens durch seinen Einstand bei Priest frischen Schwung brachte. Die „Dystopia“-Songs wirken live sogar besser als im Studio, was eine seltene Qualität ist, die nur die besten Metal-Bands besitzen. Auch bei den Kultklassikern quetschte Block sein flexibles Maximum aus sich heraus. So bei Watching Over Me, The Hunter oder Burning Times, wo er Barlows schwer fassbaren Stammbaum emotionaler Einfühlung jagte, weiter kämmte er die Mechanorezeptor-Organe der Anwesenden im Saal durch, als er mühelos in die extremen Höhen der auf „Ripper“ zugeschnittenen Linie von Declaration Day vordrang, am besten aber kam sein Gesang bei Songs zur Geltung, die ein besonderes Maß an vokalem Chamäleonismus verlangten, wie etwa die superiore Exekution der „Horror Show“-Klassikerin Damien, während ihm der aggressive Kehlkopf-Ansatz sehr gut steht, was die Klassiker Stand Alone und die abschließende Kanonade mit dem Song Iced Earth bestätigten.
Der Konzerthöhepunkt aber verbarg sich woanders. In der Zugabe, die Iced Earth mit ihrer epischen Suite namens Dante’s Inferno eröffneten! Mit einem Song also, der bei treuen Fans dieser Band stets starke emotionale Gefühle auslöst! Auch hier hielt die Band die Anwesenden im Saal durch eine hervorragende Darbietung in Hypnose. Ihren Teil dazu beigetragen hat an dieser Stelle das außergewöhnliche Publikum, das mit der Inbrunst des metallischen Trotzglaubens wie in Trance bestimmte Teile des Songs mitbrüllte. Einfach so. Wen der urgewaltige, einstimmige Ausbruch des Saals mit Block in den beiden „Lucifer!!!!“-Versen nicht getroffen hat, der hatte im Backstage diesmal nichts verloren. Mit einem Wort: Magie, die nur den größten Metal-Events eigen ist, denen du ohne Zögern das Etikett „Metal-Feier“ aufdrückst. Und der Auftritt von Iced Earth in München trägt diesmal unumwunden diesen Stammbaum. Die Darbietung dieses Songs entlockte sogar den vorderen Reihen des Saals Moshing.
Nach zwei Stunden war leider alles viel zu schnell vorbei. Iced Earth haben gezeigt und bewiesen, dass sie wieder überzeugend auf den hohen Flügeln der Verkündigung ihrer eigenen musikalischen Vision reiten. Stu Block ist die zentrale Figur dieser positiven Veränderung, dieser Transition in eine neue Ära, eine neue Geburt der Band, die mit ihm in der Besetzung neuen kreativen Schwung und neuen Sinn des Trotzes gefunden hat. Diese außergewöhnliche Motivation und Renaissance von Iced Earth soll also ewig andauern! Man kann damit rechnen, dass die Band im Sommer 2012 Festivaltermine neuer europäischer Auftritte bestätigen wird. Die Tournee der Band zur Promotion des Albums „Dystopia“ hat sich also als vollständiger Iced Earth-Triumph erwiesen. Nach der Konzerterfahrung mit der Band in München war es nicht schwer festzustellen, dass wir einem der besten Metal-Konzerte des laufenden Jahres beigewohnt haben. Natürlich neben der unvergesslichen Magie der Band in Belgrad!
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste
1. Dystopia 2. Burning Times 3. Angel’s Holocaust 4. Slave To The Dark 5. V 6. Stand Alone 7. When the Night Falls 8. Damien 9. Dark City 10. The Hunter 11. Anthem 12. Declaration Day 13. Days Of Rage 14. Watching Over Me —Zugabe I.— 15. Dante’s Inferno 16. Iced Earth
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