These Days
Künstler: Bon Jovi
Label: Mercury Records
Erscheinungsjahr: 1995
Laufzeit: 63.53
Wertung: 4/5
„These Days“ folgt den Etiketten einer „mainstream“-orientierten Rock-Ideologie, die sich inmitten der unbeständigen 90er zur Rettungsleine für die meisten Überlebenden des ausgebrannten „hair metal“-Zirkus ausgewachsen hatte. Gleichzeitig kehren Bon Jovi mit dem Album ihren Wurzeln nicht den Rücken — man könnte sagen, dass sie mit einem überquellenden Maß an kreativem Einsatz dieses eine letzte Mal an dem Punkt verweilen, wo Prinzipien noch vor dem blinden Streben nach kommerzieller Wiedererkennbarkeit stehen.
„These Days“ zieht den wichtigsten Ausdruckstrumpf der Band erfolgreich aus dem Ärmel: die Ballade, die in einer etwas mehr verfeinerten neueren Version, eingebettet in ein melodisches Gerüst warmer Farbtöne, fleißig an Zugänglichkeit gewinnt. Alles auf Kosten eines neuen kommerziellen Triumphs? Von wegen! In der Entstehungsphase des Albums waren Bon Jovi selbst in ihrem gefühlvollsten Element noch zu intensiver Steigerung und — in die entgegengesetzte Richtung — zum Beruhigen der Stimmung fähig, beides natürlich vor allem dank des unverzichtbaren Beitrags von Richie Sambora. Jons vokal-lyrische Disposition ist natürlich die Seele und der wichtigste inhaltliche Gestalter der herzzerreißenden emotionalen Impulse von „This Ain’t a Love Song“ und „Lie To Me“, aber es wäre eine Sünde, das großartige „My Guitar Lies Bleeding In My Arms“ zu vergessen, das gut ein Dutzend Jahre nach seiner Entstehung noch immer stolz dem Zahn der Zeit trotzt — als Denkmal einem der letzten Ausbrüche des schöpferischen Meisterwerks von Jons Partnerschaft mit dem Gitarristen. Sambora ist gleichermaßen exzellent als inspirierter Gitarrist und Songwriter wie auch als unverzichtbarer Lieferant der terziären Vokalbegleitungen, die die Refrains mit einer kaum messbaren Portion ansteckender Kraft veredeln. Richies Präsenz ist entscheidend beim Erschaffen einer homogenen und organisch klingenden Klangkulisse, die dieses letzte Mal schamlos und ohne Bedauern aus dem Brunnen einer soliden Rockersprache schöpft.
Da wir schon bei den handfesten Rock-&-Roll-Derivaten sind: an der eröffnenden „Hey God“ kommt man nicht vorbei, die auf für Bon Jovi untypische Weise mit einer betont disharmonischen Gitarrenintonation der Direktheit des Openers noch ein Gefühl von Chaos verleiht. „Something For The Pain“ holt uns durch die Beschwörung des Geistes von „Sleep When I’m Dead“ rasch in gewohnte Bahnen zurück, und wieder schnappt sich Sambora das Zepter, dieses Mal mit einem frechen Slide-Solo. Mit „Damned“ wagen Bon Jovi sogar einen Schritt weiter zu gehen, dieses Mal mit einem dreckig-derben Drehen des Rhythmusrads, das auf dem Höhepunkt funk-rockiger Ekstase mit einer Entfaltung der Gitarrenmeisterschaft des unverzichtbaren Richie Sambora aufwartet. Die lüsterne Atmosphäre des Tracks wird zusätzlich durch die kühne Platzierung von Bläserarrangements vervollständigt, mit der Bon Jovi unter Kalodners spürbarem Einfluss sogar etwas von dem lustvollen Feeling der alten Aerosmith-Schule verströmen. Die bereicherte Vielschichtigkeit des Tracks mit dem daraus folgend betonten finalen Nachhall setzt dem ausgelassenen Atmosphärischen des Albums das Tüpfelchen auf das i — das selbst die kompositorische wie auch interpretatorische Mittelmäßigkeit der Motive von „It’s Hard Letting You Go“ oder „Hearts Breaking Even“ nicht trüben kann.
„These Days“ ist ein wichtiger Meilenstein der mit Erfolgen gespickten Saga der Rocker aus New Jersey, pedantisch eingespannt zwischen die Zugänglichkeit des Rocks für ein „reifes“ Hörerpublikum und organische Musik mit genug hochoktanigem Kolbendruck im Motor der Band, mit dem Bon Jovi auf clevere Weise den Großteil der Glaubwürdigkeit als Hard-Rock-Attraktion bewahrt haben. Der Mehrwert des Albums liegt genau in der Tatsache, dass Bon Jovi ihren Kopf über Wasser nicht ausschließlich durch radikales Kürzen handfester Rockinhalte gehalten haben, sondern genau umgekehrt — durch das Präsentieren eines kühnen und zweifellos vitalen musikalischen Ansatzes.
Besetzung
Jon Bon Jovi: Gesang, Mundharmonika
Richie Sambora: Gitarre, Hintergrundgesang
David Bryan: Keyboards, Hintergrundgesang
Tico Torres: Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Hugh McDonald: Bass
Produktion
Peter Collins, Jon Bon Jovi, Richie Sambora
Trackliste
1. Hey God
2. Something for the Pain
3. This Ain’t a Love Song
4. These Days
5. Lie to Me
6. Damned
7. My Guitar Lies Bleeding in My Arms
8. (It’s Hard) Letting You Go
9. Hearts Breaking Even
10. Something to Believe In
11. If That’s What It Takes
12. Diamond Ring
13. All I Want Is Everything
14. Bitter Wine