The Wedge
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Pallas
Label: Inside Out Records
Erscheinungsjahr: 1986
Laufzeit: 56:10
Bewertung: 4/5
»The Wedge« war das zweite Studioalbum der schottischen Neoprog-Pioniere Pallas, die in den Achtzigern neben Bands wie Marillion, IQ, Pendragon und Twelfth Night den goldenen Kern der New-Wave-of-Progressive-Rock-Bewegung bildeten. Ihr Vorgänger und zugleich das Debüt von Pallas, das konzeptionelle Meisterwerk »The Sentinel« (1984), hatte künstlerisch gesehen alle kühnsten Erwartungen übertroffen – auch wenn es wegen Kompromissen rund um die Originalversion der »Atlantis Suite« die ursprüngliche Vision der Band nicht vollständig verwirklichen konnte. Kommerziell hatte es ebenfalls nicht die erhofften Ergebnisse gebracht, weshalb Pallas beschlossen, sich auf »The Wedge« von den ehrgeizigen konzeptionellen Ideen zu verabschieden und neben den gewohnt komplexen, symphonisch-progrockigen Kompositionen auch kompaktere, möglichst radiofreundliche Stücke zu schreiben.
Ein schwerer Schlag traf die Band, als 1985 der charismatische Originalsänger Euan Lowson – bekannt für seine bildstarken Bühnenauftritte – die Band verließ. Doch sie fanden schnell einen würdigen Ersatz in Alan Reed (ex-Abel Ganz), der bei Pallas fast 26 Jahre lang bleiben sollte. Mit ihm in der Besetzung nahmen sie zunächst die EP »Knightmoves« (1985) auf, auf der das Epos »Sanctuary« besonders herausstach. Dieses Stück erschien auch auf »The Wedge« und gehört dort zu den stärksten Kompositionen.
Pallas waren schon immer Fans harter Gitarrenriffs, die Gitarrist Niall Mathewson seit jeher propagierte – das spürt man bereits beim Eröffnungsknaller »Dance Through The Fire«, wo inmitten des epischen Duells zwischen druckvollen Gitarrenpassagen und feurigen Schlagzeugübergängen ein gewaltiger Refrain regiert. Kürzere Gitarrenpassagen, vor allem aber Bassimprovisationen aus dem Hause Graeme Murray und aufgewühlte Synthie-Texturen unter der Regie von Ronnie Brown sorgen dafür, dass dieser interessante Opener nicht allzu sehr in harte Rock-Gewässer abdriftet.
Reeds Gesang war schon immer einer der stärksten im Neoprog-Bereich – das zeigt sich auch deutlich beim mit funkigen Rhythmuselementen durchzogenen »Throwing Stones At Wind«, wo der Sänger einen etwas theatralischeren Ansatz wählt. Der instrumentale Mittelteil mit zahlreichen Gitarrenimprovisationen und üppigen Schichten von Synthie-Flächen steigert die dramatische Atmosphäre allmählich. »Win Or Lose« ist eine hervorragende Power Ballad mit einem großartigen Refrain und üppigen symphonischen Arrangements, in der sogar ein leichtes Hit-Potenzial steckt. Hier zeigt sich Reed, unterstützt von Backing Vocals, erneut als entscheidender Faktor beim Aufbau einer mächtigen, positiven Stimmung, während Mathewson mit wohlklingenden Gitarrenvariationen begeistert.
Eines der interessanteren Highlights auf »The Wedge« ist zweifellos das hyperdramatische und zugleich gewitzte »The Exectutioner (Bernie Goetz a Gun)«, bei dem einzelne Tempowechsel und Synthie-Variationen leicht an die typischen Praktiken der kanadischen Art-Rock-Meister Saga erinnern. Auch hier bauen Pallas inmitten aufgewühlter Passagen und melancholischer Synthie-Texturen auf wunderbare Weise einen mächtigen und melodiösen Refrain auf. Der Text handelt vom New Yorker Bernhard Goetz, der 1984 in der U-Bahn die „Sache in die eigene Hand nahm“ und vier aggressive, rassistische Belästiger erschoss, wobei er sie schwer verletzte. Das Ereignis löste – wie immer bei diesem typisch amerikanischen Problem – hitzige Debatten über das zivile Recht auf Waffenbesitz aus, während die Medien Goetz den Spitznamen „Aussteiger aus der U-Bahn“ verpassten.
»Imagination« enthält einen beinahe AOR/melodic-rock-tauglichen Refrain, obwohl es sich bei allem anderen um eine durch und durch typische Pallas-Kreation handelt – mit vielschichtigen symphonischen Synthie-Texturen, komplexen rhythmischen Nuancen, druckvollen Gitarrenphrasen und einem epischen Gesangsvortrag. Das komplexe symphonisch-progrockige Schmankerl »Rat Racing« gehört bis heute zu den beliebtesten Pallas-Stücken unter den Fans. Auf den ruhigen Einstieg folgt ein interessanter Tempowechsel in einen temperamentvollen Abschnitt mit pfiffigen Gitarrenvariationen und komplexen Schlagzeugfills, während Reeds Gesang erneut eine zentrale Rolle beim langsamen Aufbau einer mächtigen Atmosphäre spielt, die erst beim triumphalen Abschluss abreißt. »Just a Memory« ist eine weitere gelungene Power Ballad unter starkem, elektronisch gefärbtem Einfluss der Synthie-Technologie der Achtziger – weshalb sie, vor allem im Refrain, leicht an die Praxis der New-Wave-Bands rund um Ultravox erinnert.
»Stranger« hingegen stellt einen beinahe lupenreinen AOR-Schwenk im Stil von Magnum dar – ein ungewöhnliches Experiment, das sie weder davor noch danach in ihrer Karriere gewagt haben. Trotzdem gelingt es hervorragend, was besonders für den triumphalen und geschmackvollen Refrain gilt, der direkt durch subtile Synthie-Linien und eine gewaltige Gitarrenphrase geführt wird. Von allen Tracks auf »The Wedge« hatte diese melodisch-rockorientierte Kreation zweifellos mit Abstand das größte Hit-Potenzial – doch Pallas blieb dieses Glück oder Pech (je nachdem, wie man kommerziellen Erfolg betrachtet) leider versagt.
Das bereits erwähnte symphonisch-progrockige Epos »Sanctuary« ist das ambitionierteste Werk auf »The Wedge« und zugleich eines der beliebtesten Stücke der gesamten Pallas-Geschichte. Die angespannte und leicht düstere Atmosphäre steigert sich von Sekunde zu Sekunde, wobei sich Reed mit einer weiteren erstklassigen Gesangsperformance auszeichnet. Der Übergang in den komplexen Abschnitt mit keltischen Ambient-Nuancen ist meisterhaft gestaltet. Die Bandmitglieder glänzen erneut mit zahlreichen komplexen Improvisationen, wobei Gitarrist Mathewson mit seinem köstlichen Solo am meisten heraussticht. Auch ein epischer Abschluss im „bekannten Stil“ fehlt nicht – was bei Pallas fast schon selbstverständlich ist. Das Album schließt mit dem melodramatischen »Nightmare«, das schon mit seinem Titel signalisiert, dass es sich um die düsterste Kreation auf »The Wedge« handelt, wo Reeds Gesang zum einzigen Mal auf dem Album bösartig klingt und versucht, die Atmosphäre eines Horrorfilms mitzuerschaffen. Inmitten zahlreicher schauriger Effekte und einem weiteren hervorragenden Gitarrensolo sticht durch seine Eigenart der beinahe black-metallesk angehauchte, brutale Refrain heraus.
»The Wedge« ist bis heute eines der stärkeren Werke in der Geschichte der schottischen Neoprog-Granden, wenngleich es nach dem Meisterwerk »The Sentinel« beinahe wie eine Enttäuschung wirkte, da Pallas dafür eine etwas vorsichtigere, von gewissen klanglichen Kompromissen geprägte Formel verwendeten. Pallas brachte zu einer Zeit, als ihre Neoprog-Kollegen Marillion den Triumph ihrer Karriere erlebten, leider nicht den verdienten Erfolg – und obwohl sie offiziell nie aufgelöst wurden, verschwanden sie von der Musikszene bis 1999, als sie endlich ihr drittes Studioalbum »Beat the Drum« veröffentlichten.
Besetzung
Alan Reed – Gesang
Graeme Murray – Bassgitarre, Backing Vocals
Niall Mathewson – Gitarre
Derek Forman – Schlagzeug
Ronnie Brown – Keyboards
Produktion
Pallas
Trackliste
1. Dance Through The Fire (4:46)
2. Throwing Stones At The Wind (5:15)
3. Win Or Lose (4:32)
4. The Executioner (5:36)
5. Imagination (4:35)
6. Rat Racing (8:09)
7. Just A Memory (5:29)
8. Stranger (3:50)
9. Sanctuary (9:34)
10. Nightmare (4:24)