The Visitation
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Magnum
Label: SPV Records
Erschienen: 2011
Bewertung: 4.5/5
Magnum, die britischen Meister des melodischen Rock mit Art-Rock-Komponente, haben mit „The Visitation“ ihr fünftes Werk nach der Wiedervereinigung der Band im Jahr 2001 vorgelegt. Gleich vorweg sei gesagt: Seit der Wiedervereinigung haben sie bis zu diesem Album noch nie so überzeugend geklungen, wenn es darum ging, jene Magie wieder aufleben zu lassen, mit der sie in den Achtzigern berühmt wurden. Dabei soll man auch so hervorragende Werke wie „Brand New Morning“ (2004) und das Vorgängeralbum „Into the Valley of the Moon King“ (2009) nicht außer Acht lassen.
Das Erste, was auffällt, noch bevor man die Scheibe in den Player schiebt: Der Albumtitel ist diesmal etwas bescheidener, weniger pompös – und auch die Rückkehr des klassischen Magnum-Logos ist ermutigend, zierte es doch in den Achtzigern zwei ihrer meistgeschätzten Werke. Eine gehörige Portion wiedergewonnenes Selbstvertrauen hat sicher dazu beigetragen, dass sie im Studio alles gegeben und ihre besten klanglichen und kompositorischen Qualitäten herausgekitzelt haben – zur großen Freude all jener, die überzeugt waren, dass sie seit der Wiedervereinigung nicht mehr „die Richtigen“ sind oder dass jedem ihrer Werke der letzten zehn Jahre irgendetwas gefehlt hat.
Bei Magnum hängt alles vom erfolgreichen Funktionieren des legendären Duos zwischen Gitarrist Tony Clarkin und Sänger Bob Catley ab, die gleichzeitig auch die einzigen Originalmitglieder sind. Clarkin ist zwar in der Regel der Autor aller Musik und Texte, aber Catley ist das bekannteste Mitglied der Gruppe – wenn die meisten an Magnum denken, denken sie für gewöhnlich an ihn. Für die größere Beliebtheit und Bekanntheit der Gruppe bei (nennen wir es so) jüngeren Generationen ist gewiss auch seine erfolgreiche Solokarriere mitverantwortlich. Obwohl seine besten Sängerjahre bereits hinter ihm liegen, ist er noch immer manchem jüngeren Vokalisten aus verwandten Rock-Genres gewachsen.
„The Vistation“ ist, abgesehen davon, dass es stilistisch ein durch und durch waschechtes Magnum-Album ist, voller kleiner, aber angenehmer Überraschungen, die all jene entwaffnen werden, die überzeugt waren, dass die Band längst alles „gesagt“ hat und ihr langsam die neuen Ideen ausgehen. „Black Skies“ ist ein druckvoll-dramatischer Einstieg, wie er sich für jeden ordentlichen Magnum-Auftakt gehört. Ein metallisiertes Gitarrenriff verschmilzt kraftvoll mit der melancholischen Schicht von Stanways Synthesizern und erzeugt dabei eine beinahe apokalyptische Atmosphäre. „Doors To Nowhere“ ist die wahre Inkarnation jener echten Magnum-Epik, die Fans der Band so ziemlich seit ihrem Debüt erwarten. Ein grandioses Refrain, durchzogen von begeisternden Harmonien zwischen Gitarre und Keyboards, wird von einem saftigen Clarkin-Solo begleitet.
Der Titeltrack gleitet geschickt zwischen harten Rockgitarren-Salven und progressiven Rock-Arrangements auf den Keyboards hin und her. Auch diesmal mangelt es nicht an Überraschungen: Das elektronisch gewürzte Synthesizer-Solo erinnert sogar an ihre frühen Werke vom Ende der Siebziger, als die Prog-Rock-Komponente im Magnum-Sound noch ausgeprägter war.
Auch „Wild Angels“, das wieder etwas stärker AOR-gefärbt ist, gehört zu den Höhepunkten des Albums – hauptverantwortlich dafür ist sein epischer Refrain. Catley ist zwar auf dem gesamten Album vokal ausgezeichnet, hier im Refrain ist er aber besonders überzeugend, wozu auch der ziemlich erotisch eingefärbte Text beiträgt, was bei Magnum, wo in den Texten normalerweise Fantasiewelten regieren, eher die Ausnahme als die Regel ist. Dass ihnen trotz ihrer respektablen Kilometreleistung so bald keine Ideen ausgehen, beweist das über siebenminütige „Spin Like A Wheel“ – ein echtes Art-Rock-Schmankerl mit zahlreichen Tempowechseln, intelligenten Takttransitionen und dem obligatorischen melodisch-epischen Refrain.
„The Last Frontier“ hat dank grandioser symphonischer Arrangements eine beinahe feierliche, erweckende Atmosphäre. Es ist ein Beispiel für eine Komposition, die im Eröffnungsteil nicht viel verspricht, sich aber mit der Zeit schön entfaltet und an Tiefe gewinnt – woraus es dann direkt in das melancholische „Freedom Day“ übergeht, das stellenweise an einen Kampfmarsch erinnert. Beide Kompositionen verbindet ein erweckendes Textthema, weshalb man auch von einer konzeptuellen Verwandtschaft sprechen könnte.
„Mother Nature’s Final Dance“ ist eine ökologisch bewusste Power-Ballade. Obwohl solches Umweltpredigen in den letzten Jahren auch innerhalb der Rockmusik fast schon zu einem Trend geworden ist, präsentieren Magnum diese Thematik auf unaufdringliche Weise. „Midnight Kings“ ist das direkteste Hard-Rock-Stück des Albums und eine Gelegenheit für Catley, sich erneut mit vokalen Akrobatiken zu beweisen, die man ihm in dieser Phase seiner Karriere nicht unbedingt zutrauen würde. Die abschließende Power-Ballade „Tonight’s The Night“ bildet einen grandiosen Abschluss eines in jeder Hinsicht begeisternden Albums. Fürs Finale haben sie sich etwas Kluges ausgedacht: Nach langer Zeit setzen sie wieder pompöse mehrstimmige Gesänge ein – und das erweist sich als glückliche Entscheidung.
„The Vistation“ ist zweifellos das beste Album seit der Wiedervereinigung der Band vor zehn Jahren – was bedeutet, dass es keinen langjährigen Fan dieser legendären Gruppe kalt lassen wird. Die gelungene Verbindung moderner Produktion mit einem leichten Achtziger-Puls sowie die Rückkehr des klassischen Magnum-Logos sind deutliche Zeichen dafür, dass Magnum es endlich geschafft hat, zu den Standards zurückzukehren, die ihre besten Werke auszeichneten. Natürlich ist „The Vistation“ nicht das neue „On A Storyteller’s Night“ (1985), „Vigilante“ (1986) oder „Wings Of Heaven“ (1987) – und dennoch kommt es von allen Magnum-Werken seit Ende der Achtziger am überzeugendsten ihrer einstigen Qualität nahe. Dem Album ist schlicht nichts vorzuwerfen. Tatsache bleibt: Magnum sind trotz der Jahre in ausgezeichneter Form – und haben eigentlich schon lange nicht mehr so gut geklungen.
Besetzung
Bob Catley – Gesang
Tony Clarkin – Gitarre
Mark Stanway – Keyboards
Al Barrow- Bass
Harry James – Schlagzeug
Produktion
Tony Clarkin
Tracklist
1. Black Skies
2. Doors To Nowhere
3. The Visitation
4. Wild Angels
5. Spin Like A Wheel
6. The Last Frontier
7. Freedom Day
8. Mother Nature’s Final Dance
9. Midnight Kings
10. Tonight’s The Night