The Soft Machine Legacy in Udine (2006)
Ort: Teatro Palamostre, Udine, Italien
Konzertdatum: 24.06.2006
Besucherzahl: 350
Ticketpreis: 15,00€
Gilad Atzmon & The Orient House Ensemble: 21.05
Es waren weniger Leute da als am Tag zuvor bei Fripp, und auch das Konzert ging fast pünktlich um 21.00 Uhr los. Wir erlebten einen ganz besonderen Zugang zur Jazzmusik. Der israelische Saxofonist Gilad Atzmon hatte seine Band The Orient House Ensemble mitgebracht, die aus Akkordeon, Violine, Klavier, Gesang, Kontrabass und natürlich Schlagzeug besteht. Die Truppe legte hochenergetisch los, um nicht zu sagen scharf und wutentbrannt, und zwar mit dem Stück Liberating The American People, und in diesem Geist spielte sie sich durch den gesamten Auftritt, bei dem sie ihr aktuelles Studioalbum „musiK“ vorstellte. Atzmon machte sofort klar, dass er ein stilistischer Sonderling mit ganz eigener Jazz-Perspektive ist, der eine witzige Mischung aus morgenländisch-orientalischen Folk-Elementen und Roma-Einflüssen auftischt, in die die klassische Jazzform eingebettet ist. Da gibt’s nichts zu meckern. Atzmon wirkte auf der Bühne wie ein Soldat. Er schaute finster unter der Stirn hervor, beobachtete grimmig seine Mitstreiter, und es sah aus, als würde er fast schäumend vor Wut während der Soli in sein Altsaxofon blasen. Violine und Akkordeon sorgten gemeinsam für die Harmonien beeindruckender Motive voller arabischer Tonleitern. Die Jungs zeigten ein außergewöhnliches Zusammenspiel: Sie reihten verschiedene Motive und Soli aneinander und wechselten blitzartig die Stimmung, ohne dabei auch nur für einen Moment den roten Faden zu verlieren. Am Ende des Stücks sagte Atzmon, es sei der Befreiung der Einwohner der USA vom Joch Bushs gewidmet. Gut aus der Affäre zog er sich, als er dem italienischen Publikum sagte, die Italiener hätten sich ja gerade erst von Berlusconi befreit, jetzt müsse nur noch Amerika von Bush erlöst werden. Es folgte ein Song, den Atzmon zu Beginn dem „Dreieck BBS“ (Bush, Blair, Sharon) widmete, mit dem Titel Re-arranging The Twentieth Century. Dieses Stück erzeugte ein Bild, das seinem Titel entsprach. Der Anfang war verschlafen und träge, wir wiegten uns in einem trägen Rhythmus, den das Klavier begleitete, dazu gesellte sich ein „französisches“ Akkordeon, das eine außerordentliche Solo-Vorstellung hinlegte, weich und sinnlich, im richtigen Geist vollkommener Melancholie, bald kam die Violine dazu. Dann unterbrach die Band das Stück plötzlich mit disharmonischen Ausbrüchen und flocht ein wildes Motiv des Einreißens ein, das aus einer zarten Melodie entstand, und kehrte mit einer Verzerrung von Gershwins Motiv aus dem Stück It Ain’t Necessarily So zurück. Dazu kamen noch typisch orientalische Einlagen, und die gesamte Erfahrung im Saal war wirklich etwas Besonderes. Die Musiker glänzten durch Präzision, denn es zeigte sich, dass es um eine ausgesprochen komplexe Komposition ging, und alles darin funktionierte ohne einen Patzer. Kurz, das Stück veranschaulicht die Erkenntnis, dass der bestehende Geisteszustand geändert werden muss, den unser „unglückliches“ 21. Jahrhundert mit sich trägt. Deshalb sind neben Gershwin (die Amerikaner als Verkörperung allen heutigen Elends) auch jene zerstörerischen, disharmonischen Aussetzer eingewoben, die das Ende einer Ära und die Geburt einer neuen durch völlige Transformation einläuten. Anschließend machten sich die Jungs an ihre Version des legendären Stücks Lily Marlene (Norbert Schultz), das der Sänger auf Spanisch sang, und an ihren Song And She Is Happy. Das Konzert selbst war also durchgehend vollgepackt mit einer ordentlichen Portion Zynismus. Atzmon benutzte während des Konzerts Altsaxofon, Sopransaxofon und Klarinette. Während der Soli der Musiker schlenderte Atzmon von Musiker zu Musiker wie ein Offizier, der sorgfältig kontrolliert, ob sein Zug in Ordnung ist. Atzmon erwies sich als Mann mit ausgeprägtem Sinn für Humor. Am Ende sagte er, dass dieser Auftritt hier in Udine ihr letzter überhaupt sei. Danach wolle er nach sechs Jahren gemeinsamen Spielens The Orient House Ensemble auflösen, und jedes Mitglied werde sich neuen Projekten widmen. Die internationale Besetzung, in der unter anderem sogar ein Iraker (Gesang) und ein Afghane (Violine) stehen, die die Amerikaner und Russen noch nicht ausgerottet haben, auch daran hatte Atzmon also gedacht, beendete ihren Auftritt um 22:20. Vielleicht stört dabei das Einflechten von Politik in die Musik, die Folge der Wut des Israelis, aber wenn du das mal ausblendest, war es, wie schon gesagt, eine Erfahrung ganz eigener Sorte, voller unerwarteter Überraschungen und Unberechenbarkeit, die das anfangs ziemlich zurückhaltende Publikum am Ende mit tosendem Jubel feierte.
The Soft Machine Legacy: 22.45
Was? Habe ich da etwa was von einer Variation von Soft Machine gehört? Soft Machine? Sie waren unbestritten musikalische Innovatoren ihrer Zeit. Angefangen haben sie als psychedelische Pop-Band, geführt von Kevin Ayers und Robert Wyatt. Im Lauf der Jahre wandelte sich diese Band in ihrer klassischen Phase der frühen Siebziger zu einer experimentellen Jazzrock-Band und beruhigte später ihr Auftreten mit einem für die Masse zugänglicheren, aktuell gefärbten Sound. Was von den einstigen Soft Machine übrig geblieben ist, hat sich heute am legitimsten in The Soft Machine Legacy zusammengefunden. Leider ist der ehemalige Soft-Machine-Mitglied Elton Dean, der bei The Soft Machine Legacy gespielt hatte, vor drei Monaten verstorben, sodass bei The Soft Machine Legacy „nur“ noch drei ehemalige Soft-Machine-Mitglieder übrig sind, nämlich Schlagzeuger John Marshall, Bassist Hugh Hopper und Gitarrist John Etheridge. Als Ersatz für Elton Dean stieß Theo Travis dazu, der Elton Deans originales Altsaxofon geerbt hat, auf dem er auch beim Auftritt in Udine spielte. Die Band eröffnete den Auftritt mit dem neuen Stück Ash. Ein kürzerer „Einstimm“-Teil zu Beginn, auf jeden Fall mit stark aufgedrehtem Reverb-Effekt auf Etheridges Gitarre, war ein gutes Aufwärmen für die Finger. Travis zündet die Melodie auf dem „Saxello“ und das Konzert läuft an.
Alt sehen sie wirklich aus. Aber wie schon unzählige Male bestätigt wurde: alt und auf Konzertbühnen immer besser. Etheridge auf Yamahas Version der Gibson ES 335, Hooper auf dem viersaitigen Peavey-Bass, Marshall an einem klassischen Sonor-Schlagzeug: Sie gingen engagiert zu Werke, und man spürte, wie viel Spaß sie auf der Bühne hatten. Den ganzen Kontakt zum Publikum hielt Etheridge, der auch irgendwie den Konzertauftritt der Band leitete. The Soft Machine Legacy sind viel mehr Jazz, als Soft Machine es einst in ihrer jazzigsten Phase waren. Natürlich steuern sie nach wie vor durch erkennbare Jazzrock-Gewässer, aber von einem Soft-Machine-Canterbury-Hauch war weit und breit nichts zu hören, schließlich gibt es weder Flöten noch Keyboards. Die Jungs entwickelten schnell eine ausgezeichnete Version der Verflechtung von Jazz und Rock, sie zündeten mit Fluidität, Tempo und verdammter Präzision. Dabei waren sie unglaublich überzeugend, denn wie gesagt, sie hatten sichtlich Spaß auf der Bühne. Ein bisschen Distanz zum Publikum zeigte nur Saxofonist Travis, der zum ersten Mal in Richtung Publikum blickte, als die Band ihren Auftritt beendete. Als wäre es ihm noch etwas peinlich und unangenehm, an Elton Deans Stelle zu stehen. Enttäuscht hat uns Travis aber absolut nicht, denn er zeigte seine ganze Klasse und musikalische Perfektion und überzeugte damit, dass er genau der Richtige für The Soft Machine Legacy ist. Etheridge und Travis halfen sich natürlich mit Notenblättern, denn beide standen vor einem Meer von Tönen, aufgereiht in den möglichsten und unmöglichsten Kombinationen. Es folgten die Stücke Seven For Lee, das noch der verstorbene Elton Dean geschrieben hat, und dann die grandiose Nummer 1212, die den Forschergeist der Band insgesamt nicht verbarg, als Hooper mit einem Pedal spielte, aus dem er auf dem Bass eine Art düsenartig komprimierten Sound herauslockte, der hinter jedem angeschlagenen Ton seines Basses herzog. Gitarre und Saxofon waren in hervorragender Kommunikation verflochten, was nichts anderes bedeutete als prächtigen Jazzrock-Fusion. Hier überzeugten sie, dass vier absolut genügen und niemand mehr. Der Song war intensiv, und die Energie wuchs von Runde zu Runde. Die Jungs genossen es weiter, ihre handwerklichen Fähigkeiten zu zeigen. Tja, und wenn dann alles schon perfekt wirkt und du fast schon im Nirwana bist, reißt dir eine Saite. Nicht Etheridge, sondern Hooper am Bass, und gleich die dritte Basssaite. Der Mann war wirklich voll dabei. Etheridge lobte den Kollegen in der Pause, es sei in dessen Karriere zum ersten Mal passiert, dass Hooper „einen Tick zu grob gehupt“ habe und ihm dabei die Saite zerrissen sei. Während Hooper eifrig vertieft die Saite wechselte, standen die Jungs natürlich nicht mit verschränkten Armen da, und Etheridge legte ein kurzes Gitarrensolo ein. Danach folgte noch ein völlig neuer Song mit dem Titel Strange Comfort. Die Band strahlte ein unglaubliches Maß an Inspiration und Frische aus. Erstklassiger Jazzrock-Fusion mit plötzlichen Wechseln und Rhythmusänderungen, man sah, dass die Herren enorm viele Kilometer auf dem Buckel haben. Und dann kam das, worauf wir sehnsüchtig gewartet hatten und weshalb uns der Bandname überhaupt ins Teatro Palamostre gelockt hatte. Legendäre Soft-Machine-Stücke. Sie begannen mit As If und gingen dann über in Kings And Queens („Fourth“, 1971), das einen der Höhepunkte des Konzerts darstellte, vor allem als es im Publikum rauschte. Jetzt schlich sich die Psychedelik auf die Bühne, und der experimentell verträumte Klassiker bedeutete eine größere Abkehr vom bis dahin gespielten Repertoire. Vor allem im Schlussteil erreichte er seinen atmosphärischen Höhepunkt, als die Jungs das abschließende Motiv immer sanfter spielten, bis absolute Stille die Bühne flutete. Aber das war noch nicht alles. Jetzt explodierte John Marshall und fing an, an den Drums durchzudrehen. Das Stück Two Down. Etheridge stieg in dieses Durchdrehen ein und schaltete nach knapp drei Minuten auf einen „Rock-Riff“ um, den Travis‘ Saxofon verstärkte. Noch ein neues Stück! Big Creese. Ein ausgezeichnetes Stück, das noch einmal mehr betonte, wie kreativ die Meister in ihren reifen Jahren sind, wie ungezähmt und wie hungrig und durstig nach Auftritten. Wahrscheinlich ihr bester neuer Song, was die Suche nach der idealen Mischung aus Jazzrock-Fusion angeht, auf jeden Fall aber der „härteste“ von allen, was hieß, dass wir uns dem wahrscheinlichen Ende des Konzerts näherten. Und so war es auch. Explosiver Ausgang und klassischer Schluss. Etheridge springt beim Schlussschlag noch hoch in die Luft, wie irgendein N.W.O.B.H.M.-Metaller in Spandex und Puma-Sneakers aus der Mitte der Achtziger, und damit ist das Konzert vorbei.
Aber die Jungs kamen zurück für noch einen Song. Sie machten alle echten Soft-Machine-Fans glücklich mit der Aufführung des Stücks Facelift, das von einer der meistgeachteten Soft-Machine-Platten stammte, „Third“ (1970). Die Exzellenz der Darbietung raubte einem den Atem und bewies nur, wie verdammt wahr das Sprichwort vom alternden Wein ist. Ende der Show um 00.15 Uhr.
Am Ende bleibt nicht viel mehr zu sagen als: absolute Magie. Vielleicht ein kleines Minus, weil sie nicht noch ein paar Songs mehr gespielt haben, aber trotzdem. The Soft Machine Legacy beweisen, dass sie überaus legitime Nachfolger des Soft-Machine-Erbes sind, auch wenn sich Etheridge, Hopper und Marshall als Soft-Machine-Mitglieder nie gemeinsam in der Besetzung auf einer einzigen Soft-Machine-Studioplatte getroffen haben. Wenn du sie zusammen siehst, und jetzt mit Travis in der Rolle von Dean, kannst du die ganze Zustimmung und Freude darüber nicht verbergen, dass die Soft-Machine-Klassiker auch heute noch auf Bühnen quer durch Europa erklingen. Außerdem komponieren die Jungs selbst neues Material, ein Zeichen dafür, dass ihnen in all den langen Jahren im Musikbusiness die kreative Energie und der Abenteuergeist keineswegs ausgegangen sind. Ihre letzte Note haben sie definitiv noch nicht verklimpert.
Setlist
1. Ash
2. Seven For Lee
3. 1212
4. Guitar Solo
5. Strange Comfort
6. As If
7. Kings And Queens
8. Two Down
9. Big Creese
—Zugabe—
10. Facelift
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