The Silent Corner And The Empty Stage

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Hammill, Peter
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1974
Laufzeit: 49:45
Wertung: 5/5

„The Silent Corner And The Empty Stage“ ist das dritte Soloalbum des legendären englischen Sängers, Songwriters und Lyrikers Peter Hammill, der sich bei Generationen von Prog-Rock-Fans vor allem als Kopf der unvergesslichen Prog-Rock-Titanen Van Der Graaf Generator einen Namen gemacht hat – obwohl auch seine Solokarriere gespickt mit zahlreichen brillanten Alben ist und mindestens genauso viel Aufmerksamkeit verdient. Zu Peters größten Errungenschaften zählt zweifellos auch dieses Werk, das in einer Phase des vorübergehenden Ruhezustands von Van Der Graaf Generator entstand, was indirekt zu seiner Qualität beitrug, da diesmal wieder alle Weggefährten Hammills aus seiner Stammband aktiv mitwirkten.

Kein Wunder also, dass „Silent Corner“ ganz oben bei jenen Hammill-Alben steht, die in Stil und Struktur der meisten Songs seinen VDGG-Kreationen recht ähnlich sind – wenngleich sie der übertriebenen atmosphärischen Düsternis und den komplexeren Improvisationen ausweichen, die für die legendären „Generatoren“ typisch sind. Letztere haben eine Handvoll Songs des Albums sogar für Liveauftritte „adoptiert“, die auf ihre Reunion von 1975 folgten.

Der verhinderte Doktor der (Meta-)Physik begeistert wie immer mit seiner hochgradig durchdringenden Poesie, die wie gewohnt verschiedene post-apokalyptische Themen sowie abstrakte wissenschaftliche Theorien aufgreift und dem melancholischen Grundton der meisten Songs entspricht. Die traurigen lyrischen Bilder erwachen dabei vor allem durch seine einzigartigen Gesangsfähigkeiten zum Leben, die seit jeher sein unverwechselbares Markenzeichen sind. Peters Wechsel zwischen hohen und tiefen Lagen, zwischen „engelshaftem“ und „dämonischem“ Zustand, ist mindestens genauso intensiv und wirkungsvoll wie der reiche instrumentale Hintergrund.

Hammill hat sich aber nicht nur als Sänger, Komponist und Texter hervorgetan, sondern auch als vielseitiger Instrumentalist. Neben seinen üblichen Instrumenten, also Klavier und Gitarre, steuerte er auch den Löwenanteil der Keyboards bei, allen voran Mellotron und Harmonium, und übernahm auch einige Bass-Parts. In diesem Bereich stand ihm der stets exzellente VDGG-Organist Hugh Banton kräftig zur Seite, während für reichlich rhythmische Dynamik Hammills Lieblingspartner, Schlagzeuger Guy Evans, sorgte, der gemeinsam mit Saxofonist und Flötist David Jackson eine Reihe klassischer Jazz-Finessen einbrachte. Peter und seine Gefährten haben dabei einmal mehr ihre Meisterschaft im Erschaffen dramatischer Atmosphären unter Beweis gestellt, die dem Hörer mühelos den Atem verschlagen.

Schon der Opener „Modern“ mit seinen dramatischen Passagen auf der Akustikgitarre, um die Hammill und seine Truppe nach und nach energische Saxofon- und Keyboard-Arrangements weben, kündigt an, dass man es hier mit einem außerordentlich dynamischen Album voller unerwarteter Überraschungen zu tun hat. In der Tradition der VDGG-Meisterwerke wandelt sich die Atmosphäre des Songs – der im Laufe der Jahre zu einem Hammill-Soloklassiker geworden ist – von Minute zu Minute aus düsteren, chaotischen Sphären hin zu deutlich aufgehellerteren Nuancen. Auf „Wilhelmina“ zeigt sich der Wortdoktor erneut als Meister bewegender, auf dem Klavier aufgebauter Balladen. Mit theatralischem, hochdramatischem Gesang baut er langsam eine feierliche, doch melancholische Atmosphäre auf und umrahmt die subtile Akustikgitarren-Melodie mit üppigen sinfonischen Arrangements.

„The Lie (Bernini’s Saint Theresa)“ bezieht sich auf Berninis berühmte Skulptur Die Ekstase der heiligen Teresa, die bis heute mit ihrer zweideutigen Expressivität die Gemüter erhitzt – es ist unklar, ob sie spirituelle Erleuchtung oder sexuellen Orgasmus ausdrückt. Letzterem geht auch Hammills Text nach, der kirchliche Heuchelei und die übliche Angst dieser Organisation vor Sexualität berührt. Zur außerordentlichen sakralen Atmosphäre trägt vor allem Bantons Orgelbegleitung entscheidend bei, während Peters Gesang in seiner Theatralik wieder so wirkungsvoll ist, dass man sich dabei mühelos Intrigen und wilde Orgien vorstellen kann, die sich hinter der Maske der Frömmigkeit hinter den Kulissen der Kirche abspielen.

Das epische „Forsaken Gardens“ ist eine der schönsten und besten Schöpfungen von Hammills Karriere, die auch VDGG in den folgenden Jahren mehrfach live gespielt haben – denn jene unglaubliche, ambivalente VDGG-Magie, mit der sie den Hörer zwischen Hölle und Himmel halten, lässt keine Sekunde nach. Peters Gesang mit seiner emotionalen Intensität und Theatralik löst mühelos Gänsehaut aus, während die Epik vor allem durch mächtige sinfonische Arrangements auf Orgel und Mellotron gehoben wird, die über komplexen rhythmischen Übergängen liegen. Zweifellos ein Kunstwerk, das mühelos auf jedem VDGG-Album zu finden sein könnte. Das mit zahlreichen avantgardistischen Einsprengseln gewürzte „Red Shift“ hat einen besonderen Gast: Randy California, Gitarrist der amerikanischen Psychedelic-Rock-Band Spirit, der hier eine frenetische Soloeinlage auf der E-Gitarre beisteuerte. Dies ist eine jener genialen, hochkomplexen Hammill-Schöpfungen, die bei jedem erneuten Hören langsam wachsen und an Tiefe gewinnen – was bedeutet, dass man dabei jedes Mal ein neues Klangdetail entdecken kann.

Die Ballade „Rubicon“ beruhigt mit ihrer sanften Akustikgitarren-Melodie und Peters engelshaftem Gesang das aufgewühlte Albumgeschehen ordentlich und lässt sich auch als Ruhe vor dem abschließenden Leckerbissen verstehen. Die Rede ist vom Kronjuwel des Albums, dem immer wieder verblüffenden „A Louse Is Not A Home“, einem waschechten Prog-Rock-Epos in bester VDGG-Tradition. Ein Kunstwerk, das stets mit zahlreichen dramatischen Umschwüngen der Atmosphäre und komplexen Arrangements begeistert, über denen Peters hochtheatralischer und emotional tiefgreifend expressiver Gesangsvortrag thront. Der melodramatische Text über Entfremdung bezieht sich auf die schaurig-gotische Novelle Der Untergang des Hauses Usher des legendären amerikanischen Literaten E. A. Poe, die Hammill Jahre später als Titel und Konzept seiner ambitionierten Prog-Rock-Oper verwenden sollte.

„The Silent Corner And The Empty Stage“ enthält alle zentralen Zutaten, die Prog-Rock-Feinschmecker bis heute vor Hammills Genie niederknien lassen. Mit einem Trio treuer VDGG-Kumpanen hat er eines der bedeutendsten, wenn nicht gar das zentrale Meisterwerk seiner fantastischen Solokarriere geschaffen, das auch mit den besten VDGG-Alben mithalten kann. Wer es versehentlich als verloren gegangenes VDGG-Album behandelt, liegt gar nicht so falsch. Angesichts einer solchen Leistung fällt es schwer zu glauben, dass er im selben Jahr noch ein weiteres exzellentes Album namens „In Camera“ veröffentlichte.  

Besetzung

Peter Hammill – Gesang, Gitarre, Klavier, Bassgitarre (auf 1, 2 und 6), Harmonium, Keyboards, Mellotron und Oszillator
Hugh Banton – Orgel, Bassgitarre (auf 3, 4 und 7), Keyboards, Hintergrundgesang
Guy Evans – Schlagzeug, Perkussion
David Jackson – Flöte, Alt-, Tenor- und Sopransaxofon

GASTMUSIKER:
Randy California – Leadgitarre auf „Red Shift“

Produktion

Peter Hammill

Trackliste

1. Modern (7:28)
2. Wilhelmina (5:17)
3. The Lie (Bernini’s Saint Theresa) (5:40)
4. Forsaken Gardens (6:15)
5. Red Shift (8:11)
6. Rubicon (4:11)
7. A Louse Is Not A Home (12:13)

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