The Sea

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Künstlerin: Rae, Corinne Bailey
Label: Virgin Records
Erscheinungsjahr: 2010
Laufzeit: 42:49
Bewertung: 4/5

Das zweite Studioalbum der britischen Musikerin aus Leeds, Corinne Bailey Rae, bringt ein anderes Album als erwartet. Vor allem spürt man, dass die Sängerin in der Zeit vor Beginn seiner Entstehung den Verlust ihres Lebenspartners Jason Rae erlitten hat, der offiziell einer Überdosis Drogen erlegen sein soll.

Sie bewahrt mit ihrer fühlsamen, zerbrechlichen, neotenisch-jungfräulichen Stimmfarbe weiterhin jenes Gefühl des schwer erreichbaren, ewig leidenden weiblichen Herzens, das energetisch gerne Parallelen zu Sängerinnen wie Nina Simone zieht (hör ruhig mal rein in den Track I Would Like To Call It Beauty) oder Joni Mitchell. Corinnes charakteristisch gefärbte Stimme und ihr Gesangsansatz sind ein Pokerblatt voller Asse, das ihr einst in die Wiege gelegt wurde – und die Sängerin untermauert dieses Talent mit feinem Gespür und Leidenschaft überzeugend durch die Bank. Sie löst auf den ersten Blick jede noch so verzwickte Situation in den Strukturen ausgewählter Motive und wendet geschickt jede Lage konsequent zu ihren Gunsten.

Das bunte und abwechslungsreich arrangierte Set von 11 neuen Songs bietet wirklich alles. Es ist ein Album, das eindeutig zum hart umkämpften musikalischen Mainstream gehört, das den Ohren stets schmeichelt und gleichzeitig mit reicher Erfahrung und Können jeden Angriff derer erfolgreich abwehrt, die darin einen Stolperstein finden möchten. Es drängt sich also nicht um jeden Preis in den Mainstream. Es räumt Corinnes künstlerischer Ausdrucksweise den Vorrang ein, damit sie ihr eigenes Unikat entfalten kann. Und das ist der Kern der Sache.

Auch wenn die Smooth-Jazz-Kosmetik genau in der richtigen Dosis vorhanden ist und die Begleitung durch natürlich klingende Klangcollagen der Bläser- und Streichersektion oft banal vorhersehbar ist, so ist gerade der vokale Ansatz der Sängerin jenes Element, das auch auf „The Sea“ das Material entschieden aus dem Grau der Mittelmäßigkeit heraushebt.

Das Album eröffnet mit Are You Here durch ein „gemächliches“, aber natürliches Zupfen der Akustikgitarre, das Streicheln der Drumbürsten und natürlich den betörend ansteckenden weiblichen Gesang im Mittelpunkt. Völlig unaufdringlich und zurückhaltend. Im Vergleich dazu ist der Track Paris Nights/New York Mornings, der auf einer ähnlichen Arrangementbasis aufbaut, auf der Suche nach einem Hit mit seiner ausgefeilten, verführerischen melodischen Refrainlinie da deutlich erfolgreicher. Das gilt auch für I’d Do It All Again, das zweite Stück auf dem Album. Mit seinem melodisch deutlich markanter und kompakter gestalteten Refrain zählt es zu den Hit-Kandidaten des Albums. Aber wie bereits erwähnt: Das ist ein Traueralbum für einen verlorenen Menschen. Songs wie Closer oder Love’s on Its Way tragen einen Hauch des Unvorhersehbaren in sich. In solchen Momenten überzeugt Corinne besonders, wenn sie sich auf ihre Ausdrucksstärke in vokalen Soul-Improvisationen stützt.

Es gibt hier auch Songs, in denen der Rockakzent betont wird! Paper Dolls oder The Blackest Lilly tragen echten Blues-Rock-Schmuck, Letzterer sogar ein ordentlich aufgedrehtes Solistenornament im mittleren Instrumentalteil. Natürlich ist all das im Grundgerüst des Arrangierens Soul-orientierter Songs entsprechend ausbalanciert. Das sind die leichteren Tracks, mit denen auch Closer auf dem Album gut harmoniert, begleitet von einem sanften, funkig gefärbten Rhythmusakzent. Solche Stücke brechen erfolgreich die Gefahr auf, dass das Album – durch ausgedehntere, subtilere Abschnitte mit betonten Drama-Vibrationen, die es keineswegs verbirgt – zu pathetisch stotterndem Gestöhne kulminiert.

Die Produktion ist erstklassig. Sie erreicht eine klare Verteilung der einzelnen Bausteine des Klangbildes und damit eine optimale Ausschöpfung des Spektrums eben dieses Klangbildes. Sie betont auch das Gefühl von Lebendigkeit der natürlich gewählten Übergänge in den Klangcollagen und erreicht gleichzeitig, dass die unverwechselbare charakterliche Ausdrucksstärke von Corinnes Leadgesang die angestrebten Stimmungszustände (die Emotionen sind lebendig) an den einzelnen Stellen des Albums überzeugend zum Leben erweckt.

„The Sea“ bietet einen Einblick in das künstlerische Wachstum von Corinne Bailey Rae. Es besitzt ein angemessenes Maß an Schwärze, getaucht in die süße Verführungskraft ihrer Stimme, und zur Gesamtwirkung von Ernsthaftigkeit und künstlerischer Reife, die „The Sea“ ausstrahlt, trägt vor allem die melancholische Anlage der Hauptmelodien in den Songs bei. Wo Blues und Jazz sich die Hand reichen, stößt du selten auf besondere Leichtigkeit. Es ist ein Album, dem der heitere Schwung und die emotionale Unbeschwertheit fehlen und das nicht mit Hits auf die Spitze des kommerziellen Erfolgs drängt, wie es das Studiodebüt getan hat. Es ist deutlich subtiler und kriecht einem erst später unter die Haut. Aber wenn es das erst mal geschafft hat, wirst du mit ihm frei dahintreiben, begraben unter einem Meer von Gefühlen, deren Echtheit einen kaum gleichgültig lässt. Angesichts des reichen Inhalts, den es bietet, darf man berechtigterweise auch auf künstlerische Weiterentwicklung in zukünftigen Studioarbeiten von Corinne Bailey Rae hoffen.

Besetzung

Corinne Bailey Rae – Gesang, Backing Vocals, Gitarre, Klavier, Keyboards, Bassgitarre, Perkussion
Steve Chrisanthou – Orgel, Gitarre, Horn, Perkussion
Paul Herman – Gitarre, Rhythmusprogrammierung
Paul Siddal – Keyboards
Rod Bowkett – Bassgitarre, Akustikgitarre
John Beck – Keyboards
Joe Tatton – Hammond
Cara Robinson – Backing Vocals
Jason Rae – Altsaxophon
Jim Corry – Tenorsaxophon
Malcolm Strachan – Trompete
Sam Dixon – Bassgitarre
Audrey Nunn – Bassgitarre
Jess Bailey – Hammond, Wurlitzer piano
Justin Broad – Rhythmusprogrammierung
Kenny Higgins – Bassgitarre
Steve Bush – Bassgitarre, E-Gitarre
Andy Platts – Gitarre
Pete Lewinson – Schlagzeug
Kenji Jammer – Gitarre
Colin Waterman – Schlagzeug
Paul McKendrick – Backing Vocals
Livingston Brown – Bassgitarre
Tommy D. – Keyboards, Rhythmusprogrammierung
Steve Brown – Piano, Synthesizer, Backing Vocals
Mikey Lawerson – Schlagzeug, Perkussion
John Ellis – Backing Vocals

Produktion

Steve Brown, Steve Chrisanthou & Corinne Bailey Rae

Trackliste

1. Are You Here
2. I’d Do It All Again
3. Feels Like the First Time
4. The Blackest Lily
5. Closer
6. Love’s on Its Way
7. I Would Like to Call It Beauty
8. Paris Nights/New York Mornings
9. Paper Dolls
10. Diving for Hearts
11. The Sea

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