The Road To Hell
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Sunstorm
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2018
Laufzeit: 45:33
Wertung: 4/5
»The Road To Hell« ist insgesamt das fünfte Studioalbum des Projekts Sunstorm. Tatsächlich eines Projekts. Das Debüt unter gleichnamigem Titel erschien 2006, und das Projekt hielt sich ausschließlich und allein dank der Beharrlichkeit eines großen Enthusiasmus am Leben, der im Chef des Neapler Labels Frontiers Records, Serafino Perugino, verkörpert ist — er sah in dieser Formation mit dem legendären Joe Lynn Turner am Mikrofon schlicht großes Potenzial. Turners Ruf ist bestens bekannt. Er sang bei Rainbow, Deep Purple, Y.J. Malmsteen’s Rising Force; hinter ihm liegt eine handfeste Strecke einer mehr als beneidenswerten Solokarriere mit einem Haufen veröffentlichter Alben, und unvergesslich ist unter anderem auch sein (wenn auch kurzlebiges) gemeinsames Projekt mit Glenn Hughes (Hughes Turner Project). Sunstorm wurden auf den ersten drei Alben hauptsächlich von deutschen Musikern am Leben gehalten (vor allem aus den Reihen der Besetzung von Pink Cream 69) und dem eingedeutschten Amerikaner Dennis Ward (Unisonic, Pink Cream 69), beim vierten Album »Edge of Tomorroe« jedoch änderte sich das gesamte Bild. Damit Perugino das Projekt weiter am Leben erhalten konnte, musste er eine vollständig italienische Basis aus erstklassigen Multi-Instrumentalisten, Virtuosen und Komponisten aktivieren, um das Interessanteste an der ganzen Geschichte im Mittelpunkt zu halten. Turners vokalen Charakter natürlich. So erschien also vor zwei Jahren das Album »Edge of Tomorrow«, das den Beginn einer neuen Sunstorm-Geschichte einläutet.
Es ist auch ein deutlich vorsichtigeres Album als die drei Vorgänger, dem es an etwas mehr Kühnheit, ausdrucksmäßiger Beherztheit und kompositorischer Schärfe mangelt. Es ist sehr vorhersehbar und bis heute auch das am wenigsten interessante Sunstorm-Produkt. Doch sein Nachfolger, auf dem Turner von derselben Crew wie auf dem Vorgänger begleitet wird, korrigiert diesen Eindruck entschieden, und das Komponisten-Aufgebot hat sich vom Anlehnen an das Erbe der west coast AOR-Melodiosität (denk an Bands wie Journey, Survivor,…) in klassischere Hard-Rock-Gewässer vorgearbeitet, in denen Turner ohnehin sehr heimisch ist.
Also. »The Road to Hell« entfaltet außerordentliche Musikalität und eine sofort unter die Haut gehende Verführungskraft, ist aber produktionstechnisch, arrangementmäßig wie auch kompositorisch eher auf ein Kokettieren mit dem Bild von Rainbow in der »Turner und Bonnet«-Ära ausgerichtet — mittelbar auch Deep Purple — als auf Werke, die das »west coast«-AOR-Prinzip verkörpern, auch wenn die Verbindung zum hochmelodischen Pomp auf dem Album natürlich sehr wohl präsent ist und die Verwandtschaft mit AOR keineswegs zu vernachlässigen ist. Ohnehin vermittelt »The Road To Hell« den Eindruck eines lebendigeren und organisch klingenden Albums, mit betonter Wärme der tiefen Klangschichten, die im Kontrast zum »Rauschen« des Orgelklangs auf der anderen Seite stehen, was den Eindruck der Verwandtschaft mit Vertretern der klassischen Hard-Rock-Schule vertieft. Tatsächlich gibt es auf dem Album nur einen einzigen Song, der sofort an Journey erinnert. Das abschließende Still Fighting.
Das Album erweckt zum Glück keineswegs den Eindruck, zu lang zu sein oder zu viele Songs zu enthalten. Alle elf Tracks stehen in Aussagekraft und Charakter qualitativ gleichwertig nebeneinander. Die beteiligten Musiker sind außerordentlich versiert und geschickt. Eigentlich routinierte und ungemein erfahrene Studiomusiker, die im Studio sehr schnell agieren und dabei hohe Wirkung erzielen. Natürlich würde sich ohne Alessandro Del Vecchio nichts bewegen, der neben den Keyboards, den Hintergrundvokalen und all den überaus wichtigen Feinheiten im Arrangement auch die Produktion übernimmt. Der andere Name, der begeistert, ist Gitarrist Simone Mularoni aus den Reihen der Prog-Metaller DGM, der über das gesamte Album mit seiner perfekten, gitarrenvirtuosen Verwegenheit brilliert. Die Kompositionen bauen auch auf vielen interessanten Modulationen innerhalb der Passagen auf (besonders in den Middle-Eight-Passagen), in denen sie umschlagende Stimmungswechsel erzielen. Turners samtener und leicht rauer Gesang wird durchgehend raffiniert mit zusätzlichen Vokalmelodien harmonisiert, was die dramatische Theatralik und die bombastische Entwicklung der Songs vertieft.
Nach einem etwas lahmen Vorgänger, der in erster Linie auf Vorsicht setzte und die Bestätigung der erneuerten Besetzung suchte, ist sein Nachfolger »The Road to Hell« eine deutlich souveränere und selbstbewusstere Fortsetzung. Es ist eine absolute künstlerische und inhaltliche Weiterentwicklung, die das Projekt näher an die Parallelen zu Alben aus Turners Solokarriere und dem Bild von Rainbow rückt. Diesen Schwenk haben die Gestalter der neuen Sunstorm-Ära mit großer Auszeichnung gemeistert, und das Projekt hat dabei in jeder Hinsicht seine Glaubwürdigkeit und Authentizität bewahrt. Hoffen wir, dass das Projekt auch künftig so lange wie möglich diesen hochkreativen Moment beibehält und auf zukünftige Werke überträgt. Es erfindet das Rad nicht neu, serviert aber äußerst wirkungsvoll und überzeugend die Essenz der alten Hard-Rock-Schule, raffiniert durchtränkt von der Bombastik altehrwürdigen AOR-Sentiments.
Besetzung
Joe Lynn Turner – Gesang
Simone Mularoni – Gitarre
Alessandro Del Vecchio – Keyboards
Nik Mazzucconi – Bassgitarre
Edo Sala – Schlagzeug
Produktion
Alessandro Del Vecchio
Trackliste
1. Only the Good Will Survive
2. The Road to Hell
3. On the Edge
4. Blind the SKy
5. My Eyes On You
6. Future to Come
7. Everywhere
8. Resurrection
9. Calling
10. State of the Heart
11. Still Fighting