The Rasmus

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Rasmus, The
Label: Universal Music Group
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 41:25
Bewertung: 3/5

The Rasmus braucht man nicht groß vorstellen. Es handelt sich um eine vierköpfige Formation aus Helsinki, Finnland, die sich mit dem fünften Studioalbum »Dead Letters« (2003) in die Spitze des lukrativen MTV-Kommerzbetriebs vorgearbeitet hat – vor allem nachdem der Großteil der Weltbevölkerung massenhaft in die Single In The Shadows gebissen hatte. Während die Gruppe mit dem Nachfolger »Hide From The Sun« (2005) den kommerziellen Erfolg aufrechterhalten konnte, deutete »Black Roses« (2008) an, dass die Albumverkäufe der Band nach unten tendierten. Ein Teil der ausdrucksmäßigen Stumpfheit von »Black Roses« ist der Zusammenarbeit der Gruppe mit Desmond Child geschuldet. Er hat die Finnen klanglich »gewaschen« und ihnen damit eines der tragenden Elemente ihrer Ausdrucksidentität genommen. Die »Europäischheit«. Mit »Black Roses« haben The Rasmus also erfolglos der durchschnittlichen, trendorientierten Philosophie des amerikanischen Teenagers der Neuzeit nachgejagt.

Für das neue Album brauchten sie deshalb unbedingt eine Veränderung. Die kreative Latte musste woanders angesetzt, eine neue Herausforderung gefunden werden. Also wandten sie sich an jemanden, dem sie in jeder Lage vertrauen können. Es ist Produzent Martin Hansen, der Mann, der die Klanggestalt der Alben »Into« (2001), des erfolgreichsten The Rasmus-Albums »Dead Letters« und seines Nachfolgers »Hide From the Sun« betreut hat. Nicht nur, dass Hansen seine Dienste sicher nicht so teuer verkauft wie der berüchtigte Desmond Child – ausschlaggebend war schlicht die Tatsache, dass Martin Hansen die Persönlichkeiten des The Rasmus-Quartetts wie seine eigene Westentasche kennt! Einen besseren Mann für die Studioarbeit als Martin Hansen hätten The Rasmus an diesem Punkt ihrer Karriere – den man auch »Identitätskrise« nennen kann – schlicht nicht finden können.

Auf »The Rasmus« ist es dem Quartett gelungen, seine »Typizität« wiederherzustellen und an diese Ausdruckskonstante die klanglichen Neuerungen zu hängen, die nötig waren, um einen Ausweg aus der kleinen Identitätskrise zu finden. Zur gitarrenorientierten Form haben sie in gleichem Maße Synthesizer-Arrangements hinzugefügt und damit ein Klangbild des neuen Albums erzielt, das im Radioeinsatz noch invasiver – oder infektiöser – wirkt. Beim ersten Hören also sofort ansteckend. Die trivial eingängigen melodischen Formen wetteifern geradezu darum, welche beim Hörer den süßeren Eindruck hinterlässt. »The Rasmus« ist von dieser Seite her zweifellos das am direktesten auf den Mainstream ausgerichtete Werk der The Rasmus-Karriere bis dato. Trotz der kühnen Kreuzung des traditionellen The Rasmus-Sounds mit Synthesizern erfindet die Gruppe nichts Neues im Sinne künstlerischer Eigenständigkeit. Man kann eher sagen, dass sie sich nachweislich aus den Werken anderer Künstler bedient und diese Tricks in ihren erprobten Charakter einbaut.  So haben The Rasmus ihrem Repertoire erfolgreich eine neue klangliche Qualität hinzugefügt, mit der sie sicher auf einem neu entdeckten Feld des Musikuniversums landen – das gibt ihnen alle glaubwürdigen Anknüpfungspunkte für weiteres künstlerisches Reifen. Natürlich wäre in dieser Hinsicht möglichst viel klangliches Experimentieren wünschenswert – doch das Genie der Klangmanipulation mit eigenständiger Haltung, wie es (ebenfalls kommerziell erfolgreiche) Radiohead besitzen, kann man von The Rasmus schlicht nicht verlangen. »The Rasmus« ist trotz des neuen Klangbilds nach wie vor in erster Linie natürlich ein vorsichtiges Produkt, das in erster Linie der Masse gefallen will. Mit Texten, für die sich wieder in erster Linie Vierzehnjährige begeistern werden. Anderes ist von einer Gruppe, der es in erster Linie um kommerziellen Erfolg geht, weder zu erwarten noch (mehr) zu verlangen.

Das Album ist jedenfalls wieder vollgepackt mit dem unverkennbaren »neotenisch-jungendhaften« Gesang von Lauri Ylönen, und grundsätzlich ist es auch nicht schwer, arrangementtechnische Parallelen zu früheren Werken der Gruppe zu finden. Alle Tracks sind so arrangiert, dass sie sich durchgehend der Suche nach melodisch ansteckenden Leitmotiven unterordnen. Der Gesamteindruck ist klar. The Rasmus sind melancholisch – der sanft düstere Charakter fügt der trivialen Eingängigkeit des süßen Ausdrucks eine leichte stimmungsmäßige Bitterkeit hinzu, aber die Texte solltest du besser nicht zu genau unter die Lupe nehmen, denn sie verbergen ihre Fülle an pathetischem Gejammer nicht. In Sachen Klangaufweichung können wir Tracks wie End Of The Story oder You Don’t See Me als diejenigen ausrufen, die der Pop-Kosmetik am nächsten kommen. Grob gesagt etwas, womit die Gruppe bereits auf dem Album »Into« experimentiert hat. Die verträumten Nummern Sky und/oder Somewhere orientieren sich an Sail Away vom Album »Hide From The Sun«. Die in Friends Don’t Like That eingebundenen symphonischen Elemente halten an Tricks fest, die die Jungs bereits auf »Black Roses« erprobt haben.

Das neue Album von The Rasmus überrascht zweifellos klanglich und beim Arrangementcharakter. Die Gruppe brauchte eine Veränderung. Dass sich so etwas am Horizont anbahnte, deutete bereits die Soloveröffentlichung von Lauri Ylönen, »New World« (2011), an. Es handelt sich um ein Album voller Kontraste, wenn man es neben die früheren Werke der Gruppe stellt. Es steckt voller Spielereien mit elektronischen Soundloops. Auf »The Rasmus« ist der gitarrenbasierte Rocksound natürlich klar exponiert – nur dass er diesmal gleichwertig von Synthesizer-Arrangements und programmierten Soundloops begleitet wird. Da Ylönen der Hauptkomponist von The Rasmus ist, ist es völlig logisch, dass ein Teil der auf »New World« erarbeiteten Substanz auch auf »The Rasmus« übergeflossen ist (It’s Your Night, I’m A Mess). I’m A Mess, das in der Strophe beinahe die Ästhetik von Depeche Mode (ab 1990) zusammenfasst, ist bereits als erste Vorabsingle des Albums »The Rasmus« erschienen.

»The Rasmus« stellt keinen kreativen Höhepunkt dar. Es vereint bedachtsam den traditionellen Sound der Gruppe mit einer neuen klanglichen Dimension. Trotz des radiofreundlichen Albums sind echte Hit-Potenziale kaum zu finden. Dem kommt auf dem Album am ehesten der »giftigste« Track Save Me Once Again näher als die bereits erschienene Hit-Single I’m A Mess. »The Rasmus« ist ein Album des vorsichtigen Tastens. Ein ordentliches Album, das Fans der Gruppe zweifellos schon in ihrer Sammlung haben. Kein strahlender Edelstein in der Reihe der bisherigen Veröffentlichungen der Gruppe – aber Lichtjahre entfernt von der haltlosen Unterstellung, es würde der Band einen »kreativen Fehlschuss« bescheren. 

Besetzung

Lauri Ylönen – Gesang
Pauli Rantasalmi – Gitarre
Eero Heinonen – Bass
Aki Hakala – Schlagzeug

Produktion

Martin Hansen

Tracklist

1. Stranger
2. I’m A Mess
3. It’s Your Night
4. Save Me Once Again
5. Someone’s Gonna Light You Up
6. End Of The Story
7. You Don’t See Me
8. Somewhere
9. Friends Don’t Do Like That
10. Sky

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