The Party’s Over

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Talk Talk
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 1982
Laufzeit: 36:47
Bewertung: 4.5/5

»The Party’s Over« war das Debüt der kultigen britischen Band Talk Talk, deren Wesen und Wirken sich bis heute kaum in eine Schublade stecken lässt, denn sie sprengten die Grenzen des New Wave, ’spielten‘ mit Art Rock und öffneten gegen Ende ihrer Karriere die Tür zum Post Rock. In der frühen Phase ließe sich ihr musikalischer Ansatz am ehesten als eine Art Mittelweg zwischen Synth-Pop und New Wave beschreiben, obwohl man schon damals, in der frühen Phase einer relativ kurzen Musikkarriere, einige komplexere, ‚artistische‘ Elemente heraushören konnte. »The Party’s Over«, auf dem Produzent Colin Thurston, ehemaliger Produzent von David Bowie und Duran Duran, seinen Stempel hinterließ, enthielt keine Gitarren, war dafür aber umso mehr durchdrungen von vielschichtigen Synthesizer-Texturen unter der Regie von Simon Brenner, der die Band unmittelbar nach dem Release dieses Albums verließ. Die relativ komplexe Rhythmuslinie im Bereich von Bassist Paul Webb und Schlagzeuger Lee Harris trug in sich einige Jazz-Einflüsse, obwohl das erst auf späteren Talk Talk-Werken deutlicher herauszuhören war. Als zentralen ‚Star‘ von Talk Talk könnte man von Anfang an den einzigartigen Sänger und vielseitigen Musiker Mark Hollis bezeichnen, der mit seiner spezifischen Stimmfarbe dafür sorgte, dass sie sich bereits beim Release der ersten Singles von ihren Genregenossen abhoben.

Hollis brachte aus seiner vorherigen Band Reaction auch den ersten Hit-Single namens »Talk Talk« mit, den Eröffnungssong auf »The Party’s Over«, der Talk Talk einen ziemlich unerwarteten kommerziellen Erfolg bescherte. Das geschah, nachdem »Mirror Man«, das noch vor dem offiziellen Release des Albums »The Party’s Over« veröffentlicht wurde, kommerziell gefloppt war, was der Band zum Glück nicht die Lust am weiteren Schaffen interessanter und für damalige Verhältnisse herausfordernder Musik nahm. Interessant, dass das Werk, nach dem die Gruppe ihren Namen bekam, auch eine der kommerziellsten und beliebtesten Talk Talk-Kompositionen überhaupt ist – massive Synthesizer-Texturen ebnen darin den Weg für einen melodischen Refrain, der sich im Nu in die Gehörgänge einbrennt.

Die Atmosphäre der meisten Songs auf »The Party’s Over«, einem Album ohne eine einzige Gitarre, wird von einer Mischung aus unbeschreiblicher Melancholie und eiskaltem Wind durchdrungen, der die einzig logische Konsequenz einer dystopischen Gesellschaft ist, aus der Herr Hollis beim Singen auf alle möglichen Weisen zu fliehen versucht. Die Texte gehörten zu den intelligentesten, wenn man Talk Talk mit den New-Wave-Bands jener Zeit vergleicht. Hinter der scheinbaren Schicht irgendwelcher Berichte über Jugendpartys verbirgt sich meistens beißende Gesellschaftskritik. Sarkasmus durchzieht auch »It’s So Serious« von Anfang bis Ende, wo komplexe Synthesizer-Passagen eine erschütternde Atmosphäre erschaffen, in der Hollis‘ melodramatischer Gesangsansatz vollkommen aufgeht. »Today«, die nächste Single vom Album, wurde ebenfalls ein Hit, was nicht überrascht. In dem Moment, in dem der pompöse und mitreißende Refrain einsetzt, der dank Hollis klingt, als käme er aus den tiefsten Tiefen der menschlichen Seele, ist klar, warum diese Komposition solchen Erfolg hatte. Kleine Synthesizer-Ornamente sind es, die die bis zum Anschlag dramatisierte Stimmung zusätzlich beleben und bereichern.

Der Titeltrack öffnet sich mit einer enigmatischen Einleitung, während der spöttische Text eine kompromisslose Satire auf die hedonistische Gesellschaft darstellt, genauer gesagt auf die vergnügungssüchtige und apathische Jugend des späten 20. Jahrhunderts, was ihn auch heute noch aktuell macht. Für unvergessliche Ambient-Magie sorgt einmal mehr die brillante Kombination aus Hollis‘ einzigartigem Vokal und vielschichtigen Synthesizer-Arrangements, während das Rhythmikduo im Mittelteil mit einem unerwarteten Tempowechsel in eine fast epische Sektion aufwartet. Talk Talk waren schon in der frühen Phase ihrer Karriere unglaubliche Meister darin, eine verblüffende und spezifische Atmosphäre zu erschaffen, die den Zuhörer mit Leichtigkeit vollständig in ihren Bann zog.

»Hate« ist, dem Namen entsprechend, das kompromissloseste und ‚wütendste‘ Werk auf dem gesamten Album, das neben klassischen New-Wave-Synthesizer-Arrangements auch einen etwas punklastigen Refrain enthält. Auf dem von New-Romantic-Puls durchzogenen »Have You Heard The News?«, in dessen Mitte erneut eine unglaubliche Melancholie die Oberhand gewinnt, ist es nicht schwer zu verstehen, warum die damaligen Medien Talk Talk zu Karrierebeginn so gerne mit Duran Duran und sogar den (späten) Roxy Music verglichen. Das bereits erwähnte »Mirror Man« ließe sich zudem mit einigen Werken der Gruppe Japan vergleichen, womit zwischen den einzelnen Arrangements und rhythmischen Nuancen eine art-rockige Komponente spürbar wird. Offenbar war dieses Werk für die damaligen Massen rhythmisch etwas zu komplex, um ein Hit zu werden, während der Refrain für die meisten wohl zu wenig ‚ansteckend‘ war, um auf eine günstige kommerzielle Resonanz zu stoßen.

»Another World«, noch ein melodramatisches Werk, auf dem Hollis eine unvergessliche Gesangsdarbietung hinlegt, besonders was den Wechsel emotionaler Stimmungslagen betrifft, enthält ein ungewöhnlich beschleunigtes Tempo und einen gesellschaftlich engagierten, mehrstimmigen Refrain. »Candy« ist ein beliebter weiblicher ‚Künstlername‘, mit dem in der Popfiktion oft eine leichtlebige Frau oder Stripperin bezeichnet wird, während Candy bei Talk Talk das lyrische Subjekt einer melancholischen Liebesballade ist, die von mächtigen sinfonischen Arrangements geschmückt wird und in der Hollis‘ Vokal, was die eingebrachte Emotionstiefe betrifft, völlig neue Dimensionen erreicht.

Talk Talk lüfteten bereits auf ihrem bemerkenswerten Debüt den Schleier der scheinbar verborgenen, ‚dunkleren‘ Seite des New Wave, daher ist es nicht verwunderlich, dass die Partys in den Texten einzelner Songs fast immer mit einem traurigen Epilog endeten, was nichts anderes als ein beißender Kommentar auf die emotional abgestumpfte und geistig entleerte moderne Gesellschaft war. Ab »The Party’s Over« entwickelte sich Hollis‘ Truppe mutiger Entdecker neuer musikalischer Richtungen, jenseits der erwarteten Synth-Pop- und New-Wave-Kreise, von Album zu Album weiter und demonstrierte mit jedem nächsten Werk etwas völlig Neues, während sie sich gleichzeitig immer weiter vom Jagen nach Radio-Hits entfernte.

Besetzung

Mark Hollis – Gesang
Lee Harris – Schlagzeug
Paul Webb – Bass
Simon Brenner – Keyboards

Produktion

Colin Thurston

Trackliste

1. Talk Talk
2. It’s So Serious
3. Today
4. The Party’s Over
5. Hate
6. Have You Heard the News?
7. Mirror Man
8. Another World
9. Candy

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