The Night Siren
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Hackett, Steve
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2017
Laufzeit: 57:40
Bewertung: 4.5/5
Auf das neue Studioalbum der Gitarrenlegende Steve Hackett musste man diesmal nicht lange warten: »The Night Siren« erschien nach fast genau zwei Jahren, nachdem Steve uns mit dem hervorragenden Vorgänger »Wolflight« (2015) begeistert hatte. Diesmal wandte sich der Gitarrenmeister bei der Inspirationssuche in etwas stärkerem Maße der Weltmusik zu, mit der er sich mehr oder weniger auch auf einigen früheren Werken auseinandergesetzt hatte. Die Inspirationen für die neuen Kompositionen schöpfte er diesmal sowohl aus dem Nahen Osten und der Musik südamerikanischer Völker als auch aus der ihm traditionell nahestehenden keltischen und angelsächsischen Welt. Solche Einflüsse der Weltmusik sind bereits auf der temperamentvollen Eröffnungskomposition »Behind the Smoke« spürbar, die das persische Saiteninstrument Tar in der Ausführung des Gastmusikers Malik Mansurov enthält. Unter den prominenten Gästen ist auch Schlagzeuger Nick D’Virgilio (Big Big Train, ex-Spock’s Beard) erwähnenswert, der sich auf dem ungewöhnlich verspielten Stück »Martian Sea« ausgezeichnet hat, auf dem auch Sitar zu hören ist, sowie Steves Bruder John, der nach mehrjähriger Abwesenheit – was das Mitwirken auf Steves Alben betrifft – erfolgreich mit seiner Flöte auf »Martian Sea« und »West to East« zurückgekehrt ist. Bei der Entstehung neuer symphonischer Prog-Rock-Leckerbissen half Steve erneut das bewährte, langjährige Musikerteam, das ihn seit Jahren auch auf Konzerttourneen begleitet und dem Keyboarder Roger King (The Mute Gods), Schlagzeuger Gary O’Toole und Bläser Rob Townsend angehören.
Steves vielseitige Verschmelzung westlicher und östlicher Musikeinflüsse bei gleichzeitiger engagierter Pflege seiner charakteristischen Gitarrentechnik ist besonders gelungen auf dem bereits erwähnten Meisterstück »West to East«, einem der Höhepunkte des Albums, auf dem neben seiner Frau Jo mit exzellenten Begleitvokalharmonien auch der israelische Sänger Kobi Farhi (Orphaned Land) und die palästinisch-israelische Sängerin Mira Awad zu hören sind. Mit dieser Wahl der Gastsänger wollte Steve beweisen, wie Musik erfolgreich Hass überwinden und Brücken zwischen verfeindeten Völkern bauen kann. Die Zusammenarbeit zwischen Steve und Farhi verlief sogar so erfolgreich, dass Hackett beschloss, am kommenden Album von Orphaned Land mitzuwirken. »The Night Siren« stellt laut Steve einen Wendepunkt in seiner langen Solokarriere dar, da er sich dabei erstmals als Sänger im eigentlichen Sinne des Wortes gefühlt hat und während der Aufnahmen intensiv an der Verbesserung seiner Gesangstechnik gearbeitet hat.
Sein gesanglicher Fortschritt ist bei den vokalen Kompositionen sofort spürbar, was bedeutet, dass man die namhaften Gastsänger wie den langjährigen Mitarbeiter Nad Sylvan, der ’nur‘ auf dem Stück »Inca Terra« zu Gast ist, neben den üppigen Vokalharmonien auf dem Großteil der Tracks kaum vermisst. »Inca Terra« ist eines jener charakteristischen romantischen, ätherischen Stücke von Steve mit üppigen Vokalharmonien und sakralen Arrangements, die ein Fan seiner Musik inzwischen fast schon auf jedem neuen Album des Meisters erwartet. Die dualen Harmonien zwischen Gitarre und Keyboards sind ’schuld‘ daran, dass das Ganze kurzzeitig auch an Genesis in ihrer besten Zeit erinnert, während das Schlagwerk auf Basis von Weltmusik einen angenehmen exotischen Stempel aufdrückt.
Die ätherische Ballade »In Another Life«, die irische Dudelsäcke in der Ausführung von Troy Donockley (Nightwish) enthält, badet im keltischen Melos – was bedeutet, dass sie eine außergewöhnliche Atmosphäre besitzt, die durch Steves klangschöne Gitarrenpassagen noch abgerundet wird. »In the Skeleton Gallery« erinnert mit seinem leicht schaurigen und geheimnisvollen Charakter, in dem unheilvolle Gitarrenpassagen vorherrschen, an einige frühere Werke von Steve, die als gelungener Soundtrack für diverse Horrorfilme durchgehen könnten. Das abschließende Stück »The Gift« ist um Steves melancholisches Gitarrenspiel herum aufgebaut, das im Hintergrund von wunderschönen symphonischen Arrangements begleitet wird und gemeinsam eine außergewöhnlich entspannende und erhebende Ambient-Magie entfaltet.
Herr Hackett hat mit »The Night Siren« einmal mehr bewiesen, dass er im Vergleich zu den übrigen (ehemaligen) Genesis-Mitgliedern heute mit Abstand der kreativste und einfallsreichste Musiker ist, der stolz auf seine musikalischen Wurzeln geblieben ist und damit das edelste Erbe des symphonischen Progressive Rock hochhält. »The Night Siren« ist wieder einmal ein durch und durch eklektisches Meisterstück in Steves reichem Schatz an Studioarbeiten. Es ist schier unglaublich, wie ihm im Gegensatz zu seinen ehemaligen Genesis-Kollegen das respektable Alter überhaupt keine Last ist, sondern er sogar entschlossener und feuriger denn je wirkt, seine Musik in alle Welt zu tragen und damit alle Liebhaber des altschulischen Progressive Rock mit Weltmusik-Einschlag zu begeistern. Dem Album, das in vielerlei Hinsicht eine äußerst gelungene Fortsetzung des Vorgängers »Wolflight« ist, lässt sich abgesehen vom ziemlich generischen Cover mit einem zwar wunderschönen Foto der Aurora Borealis musikalisch rein gar nichts vorwerfen. Steve hat wieder den Nagel auf den Kopf getroffen, und schon jetzt besteht kein Zweifel, dass »The Night Siren« zu den Hauptkandidaten für das beste Progressive-Rock-Album des Jahres 2017 zählen wird.
Besetzung
Steve Hackett – Gitarre und Gesang
Roger King – Keyboards und Programmierung
Nad Sylvan – Gesang (7)
Rob Townsend – Bläser
Amanda Lehmann – Gesang
Gary O’Toole – Schlagzeug
John Hackett – Flöte (2 und 8)
Benedict Fenner – zusätzliche Keyboards und Programmierung (11)
Kobi Farhi – Gesang (10)
Mira Awad – Gesang (10)
Nick D’Virgilio – Schlagzeug (2)
Malik Mansurov – Tar (1)
Gulli Breim – Schlagzeug und Perkussion
Christine Townsend – Violine und Viola
Dick Driver – Kontrabass
Troy Donockley – irische Pfeifen (8)
Leslie-Miriam Bennett – Keyboards (11)
Ferenc Kovacs – Trompete (3)
Sara Kovacs – Didgeridoo (3)
Produktion
Steve Hackett, Roger King und Benedict Fenner
Trackliste
1. Behind the Smoke
2. Martian Sea
3. Fifty Miles from the North Pole
4. El Niño
5. Other Side of the Wall
6. Anything but Love
7. Inca Terra
8. In Another Life
9. In the Skeleton Gallery
10. West to East
11. The Gift