The Man In The Bowler Hat
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Stackridge
Label: MCA Records
Veröffentlichung: 1974
Laufzeit: 35:20
Wertung: 4.5/5
Stackridge gehören nach wie vor zu den meistübersehenen britischen Progrocker-Bands – und das, obwohl sie einst zur elitären Handvoll jener Gruppen zählten, die die Medien zu Beginn der Siebziger am häufigsten als Nachfolger der Beatles ausriefen. Solche Vergleiche verdienten sie sich vor allem durch ähnliche Vokalharmonien, vergleichbaren, genuinen englischen (schwarzen) Humor und ein außergewöhnliches Gespür für melodische Arrangements – obwohl Stackridge schon sehr früh in ihrer Karriere auf eine eklektische Mischung aus sinfonischen und Folkrock-Elementen setzten, geprägt von einer Reihe kühner Bläser- und Streicher-Einlagen sowie pfiffiger E-Gitarren-Variationen aus der Feder von Keyboarder/Gitarrist/Sänger Andy Cresswell-Davis und Gitarrist/Sänger James Warren. Die Vielschichtigkeit der Bläserarrangements weitete sich nach dem Eintreffen des Saxophonisten Keith Gemmell (ex-Audience) noch weiter aus, der in den bisherigen Stackridge-Sound auch einige Jazzeinschläge einbrachte.
Stackridge entwickelten schnell einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil, und als sie 1974 ihr drittes Studioalbum veröffentlichten – »The Man In The Bowler Hat«, ihr kommerziell erfolgreichstes Werk, das in den USA und Kanada unter dem Titel »Pinafore Days« erschien –, war längst klar, dass es sich um weit mehr handelte als nur um weitere (gescheiterte) Beatles-Nachfolger. Doch deren Schatten war lang, und durch eine merkwürdige Ironie des Schicksals landete ausgerechnet der berühmte George Martin als Produzent von »The Man In The Bowler Hat«, der mit seinen außergewöhnlichen Produktionskünsten indirekt dafür sorgte, dass Stackridge einen beachtlichen, wenn auch kurzlebigen Erfolg auf dem heimischen britischen Markt erzielten. Interessanterweise waren Stackridge die erste Band nach den Beatles, mit der Martin als Produzent zusammenarbeiten wollte.
Wegen ihres kitzligen Humors im Stil von Monty Python’s Flying Circus und ihrer ausgeprägten ‚Englishness‘ sowie gewisser pastoraler Klangelemente haben manche Musikliebhaber Stackridge irrtümlich der Canterbury-Szene zugerechnet – was man ihnen nicht einmal übel nehmen kann. »The Man In The Bowler Hat« eröffnet auf denkbar ausgelassene Weise mit dem fröhlich-beschwingt gefärbten »Fundamentally Yours«, das durch die flüssige Kombination aus funkelnden Streicher- und Bläserarrangements sowie übermütigen Vokalharmonien leicht an die humorvolleren Momente gewisser Canterbury-Scene-Bands erinnert.
»Pinafore Days« klingt wie die Begleitmusik zu einem alten englischen Schwarzweißfilm über das Leben der dekadenten britischen Aristokratie zu Zeiten Lord Byrons, während auf dem pastoral gewürzten »The Last Plisoll« eklektisch gepfefferte E-Gitarren-Variationen und dramatische Vokalharmonien unter der Regie aller drei Hauptsänger in den Vordergrund treten (Cresswell-Davis, Warren und Flötist/Keyboarder Michael ‚Mutter‘ Slater; Letzterer steuerte für gewöhnlich den Großteil der Vocals auf Stackridge-Stücken bei). »The Galloping Gaucho« ist mit seinen Zirkusklängen ein Paradebeispiel für Stackridges typische englische Exzentrik und ‚durchgeknallten‘ Humor – aber auch für außerordentliche Musikalität und Melodiosität.
Die Ballade »To the Sun and the Moon« enthält elegisch gefärbte Vokalharmonien und melancholische sinfonische Arrangements und gehört zu den wenigen ernsteren Momenten des Albums. Die ewigen Witzbold-Naturen können auch auf dem nächsten Stück nicht aus ihrer Haut: »The Road To Venezuela« enthält neben funkelnden Streichern auch den Sound von Kastagnetten, was in die vorherrschende angelsächsische Melodik indirekt eine Prise Latino-Charme einschmuggelt. »Humilation«, wo sich die Dinge wieder etwas ernstern, ist eine erschütternde, pastoral gewürzte Klageballade mit einer elegischen Gesangsdarbietung Slaters und wunderschönen Violinarrangements. Das klamaukige Karussell »Dangerous Bacon« klingt mit seinen melodischen Vokalharmonien und lausbübischen rhythmischen Nuancen stellenweise wie eine Nahbegegnung zwischen späten Beatles und der Bonzo Dog Doo-Dah Band. Bei »The Indifferent Hedgehog« steht der sarkastische Text auf Basis einer Tierfabel in scharfem Kontrast zum melancholischen Hauptarrangement. »God Speed the Plough«, das abenteuerlichste Stück des Albums, ist ein Folkrock-Instrumental mit keltisch gefärbten Violin- und Flötenarrangements, das das Album auf denkbar pompöse und melodramatische Weise beschließt.
Stackridge haben mit »The Man In The Bowler Hat« einen der inspirierendsten Momente ihrer Karriere geschaffen, die sich (vorübergehend) an der Wende der Siebziger ihrem Ende näherte. Auch bis zur Auflösung 1976 und trotz einiger Lineup-Wechsel blieben sie zumindest in kompositorischer Hinsicht ein relativ stabiles Kollektiv – obwohl das Interesse an ihrer Musik erst nach der Rückkehr der Band auf die Bühne im Jahr 1999 so richtig auflebte. Damals begann nämlich das Interesse an ‚uralten‘ Progrocker-Bands neu aufzuflackern, unter denen die ‚wiederentdeckten‘ Stackridge wie eine Art obskure Kreuzung zwischen Beatles, Jethro Tull und Caravan wirkten – obwohl sie auch mit neueren Veröffentlichungen wie dem Album »A Victory for Common Sense« (2009) bewiesen haben, dass man sie keinesfalls nur oberflächlich betrachten darf.
Besetzung
Andy Cresswell-Davis -Gitarre, Keyboards, Perkussion, Gesang
Michael ‚Mutter‘ Slater – Flöte, Keyboards, Perkussion, Gesang
Mike Evans – Violine, Gesang
Billy Bent (aka Billy Sparkle) – Schlagzeug
James Warren – Gitarre, Gesang
Jim „Crun“ Walter – Bassgitarre
Keith Gemmell – Saxophon
GASTMUSIKER:
Reg Leopold – Violine
William Reid – Violine
Graeme Scott – Viola
Vivian Joseph – Cello
Jack Emblow – Akkordeon
Ray Davies – Trompete/Kornett
Derek Taylor – Waldhorn sowie Solo auf „To the Sun and the Moon“
B. Lamb – Posaune
M. Fry – Tuba
R. Chamberlain – Klarinette/Saxophon
Produktion
George Martin
Trackliste
1. Fundamentally Yours
2. Pinafore Days
3. The Last Plimsoll
4. To the Sun and the Moon
5. The Road to Venezuela
6. The Galloping Gaucho
7. Humiliation
8. Dangerous Bacon
9. The Indifferent Hedgehog
10. God Speed the Plough