The Jewel
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Pendragon
Label: Inside Out Records
Erschienen: 1985
Wertung: 3.5/5
Pendragon, neben Marillion, IQ und Pallas eine der vier wichtigsten Bands, die in den 80ern die sogenannte neue Welle des Progressive Rock anzettelten, durch die das Publikumsinteresse an diesem aussterbenden Genre wieder auflebte – einem Genre, das Punk, Disco und New Wave Ende der 70er quasi an den Rand des Aussterbens gedrückt hatten –, waren schon immer eine etwas kontroverse Band, über die noch heute sehr unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen.
Während Fans ihren allgegenwärtigen Revivalismus feiern, der aus dem Erbe des symphonischen Prog Rock der 70er schöpft, ihre satten und melodischen symphonischen Arrangements und den hohen Grad an technischen Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder – vor allem die stets beeindruckenden Gitarrenkünste des Gitarristen/Sängers und Bandchefs Nick Barrett –, werfen ihre Gegner der Band gerne einen geringen Grad an Originalität vor, wenn nicht gar das Abkupfern ganzer Arrangements von einigen Prog-Klassikern. Bis zu einem gewissen Grad trifft das sogar zu – Originalität war nie Pendragons starke Seite –, doch dasselbe könnte man über die meisten Neo-Prog-Bands sagen, denn es handelt sich um ein Genre, das seinen kreativen Impuls schon immer aus dem Erbe des Progressive Rock der 70er gezogen hat – so wie etwa Progressive Metal seine Einflüsse aus dem Heavy Metal der 80er schöpft.
Das Debüt „The Jewel“ verursachte anders als die Debütalben von Marillion und Pallas keine tieferen Erschütterungen innerhalb der neuen Welle des Progressive Rock; dazu trug auch bei, dass es relativ spät erschien – umso mehr, wenn man bedenkt, dass Pendragon (ursprünglich Zeus Pendragon) mit Anfängen Mitte der 70er angeblich sogar das älteste Neo-Prog-Ensemble waren. Das Album legte in vielerlei Hinsicht die Grundlage für die meisten folgenden Alben. Die größten Unterschiede bestehen darin, dass „The Jewel“ durch Barretts häufigen Einsatz von Heavy-Rock-Riffs spürbar härter als seine Nachfolger war, sowie im anderen Keyboard-Ansatz. Für Rik Carter war es das erste und letzte Album mit der Band, da ihn kurz nach der Veröffentlichung der Keyboard-Zauberer Clive Nolan (Arena, ex-Shadowland) ablöste, der neben Barrett zu einer der beiden Säulen der Band wurde. Zwar kann Carter mit seinem Wakeman-artigen Nachfolger und dessen Vielschichtigkeit nicht mithalten, doch erledigte er trotz der häufigen Repetitivität mancher Arrangements seinen Job sehr solide. Seine bombastischen symphonischen Arrangements, durchwebt von Nicks melancholischen Slide-Soli, sind eine der Hauptqualitäten des Albums und ein wichtiger Ausgangspunkt für ihren unverwechselbaren Sound. Das verleiht ihnen ein leichtes Space-Rock-Flair und grenzt sie erfolgreich von Marillion ab, der Band, mit der sie die meisten Gemeinsamkeiten teilen. Auch Nigel Harris‘ sehr gutes Schlagzeugspiel verdient Erwähnung – er wurde kurz nach der Albumveröffentlichung durch den noch besseren Fudge Smith ersetzt –, ebenso wie die vielschichtigen Basslinien von Peter Gee.
Pendragons Kernqualität war stets vor allem ihre Zugänglichkeit und ein geschärfter Sinn für das Gestalten außerordentlich geschmackvoller, melodischer und oft bombastischer symphonischer Arrangements, die auch anspruchslosere Hörer sofort packen können, während das für die meisten anderen Neo-Prog-Bands nicht gilt, bei denen man erst einige Durchläufe braucht, bevor sie sich dir wirklich im Kopf festsetzen. Das macht sie in dieser bunten Gesellschaft fast schon zu echten Pop-Rockern, auch wenn die hohe Komplexität der meisten Arrangements nie in Frage steht. Erwähnenswert ist auch, dass Marillion, IQ und Twelfth Night sich für ihre Inspiration meist in dunklere Sphären der menschlichen Existenz begaben, während Pendragon im Vergleich hellere Themen behandelten und dadurch fast schon als echte Frohnaturen galten.
Das Hauptding, das meist darüber entscheidet, ob jemandem die Band gefällt oder nicht, ist Barretts dünner Gesang, der manchmal ziemlich abschreckend sein kann. Sein sehr begrenztes Register, geprägt von ausgeprägtem regionalem Akzent, rettet er zumindest notdürftig durch bewiesene Ausdrucksstärke, in letzter Zeit auch durch Backing Vocals. Wenn man ihn mit außergewöhnlich charismatischen und theatralischen Sängern wie Fish oder Peter Nichols vergleicht, tut man ihm oft Unrecht, denn Nick ist in erster Linie Gitarrist und erst dann Sänger. Wie effektiv sein Gesang ist, hängt auch stark von der Art der Songs ab. Während er vokal vor allem in härteren Momenten sehr solide ist, wirkt er in balladenartigeren Momenten, wenn ein bisschen mehr erzählerische Ader und Emotion gefragt sind, oft sehr blass. Glücklicherweise sind die Vocals in ihrer Musik stets im Hintergrund und entsprechend sparsam eingesetzt.
Was ihm an Gesangskünsten und als Texter fehlt, macht er mit exzellentem Gitarrenspiel wett. Aus rein technischer Sicht ist er vielleicht sogar der beste aller Neo-Prog-Rock-Gitarristen – er wechselt spielend zwischen Tonleitern und abwechslungsreichen Soli hin und her. In seinem Ausdruck folgt er besonders treu dem Erbe von David Gilmour (Pink Floyd) und Andy Latimer (Camel) und damit dem ausgiebigen Einsatz der Slide-Gitarre. Auf diesem Album griff er außerdem sehr gern zu für ihn ungewöhnlichem schwerem Riffing.
Das eröffnende, fröhlich gestimmte „Higher Circles“ ist kein sonderlich beeindruckender Einstieg, aber eine recht solide Mischung aus AOR im Stil von Saga und Asia und klassischen Neo-Prog-Tricks, angeführt von federnden, Wakeman-artigen Synthesizer-Passagen, die über energische Riffs und dynamische Schlagzeug-Übergänge gelegt sind. Vom niedrigen Originalitätsgrad zeugt die offensichtliche Verwandtschaft mit dem Marillion-Klassiker „Market Square Heroes“. „The Pleasure Of Hope“ ist bereits eine etwas charakteristischere Pendragon-Kreation, stark auf vielschichtige Synthesizer-Texturen gestützt, die melodische symphonische Arrangements bilden, im Einklang mit melancholischen Barrett-Gitarrensoli, und zahlreiche Einflüsse früher Camel enthalten.
„Leviathan“ hat eine sehr gute Gitarren-Eröffnung und interessante militaristische Rhythmus-Einschübe, erinnert aber durch seinen Synthesizer-Einsatz zu offensichtlich an den Marillion-Klassiker „Garden Party“, um wirklich zu begeistern. Bei weitem das beste Stück des Albums ist das dramatische Epos „Alaska“, das in drei Abschnitte unterteilt ist und bereits auf ihre zukünftigen, weit besseren Werke hindeutet. Der erste Teil „At Home With The Earth“ enthält zahlreiche subtile Passagen mit wellenförmigen Keyboards und melancholischen Gitarrenakkorden im Vordergrund. Ein dramatischer Klimax kündigt den nächsten Abschnitt an, „Snowfall“, in dem zahlreiche aufregende Duelle zwischen Gitarre und Synthesizern folgen, die trotz zahlreicher mehr als offensichtlicher Anspielungen auf Camel sehr gut kommen. Das solide „Circus“ flirtet mit seinen symphonischen Arrangements und rhythmischen Verzierungen zu sehr mit dem Erbe von Genesis, um als sonderlich relevantes Werk durchzugehen, auch wenn es von zahlreichen anderen Qualitäten begleitet wird.
„Oh Divineo“ beeindruckt mit einem sehr guten einleitenden Gitarrensolo. Das anschließende Zusammenspiel von Synthesizer-Linien und Slide-Gitarren-Einsprengseln erzeugt eine hervorragende melancholische Atmosphäre. Ziemlich fehl am Platz sind lediglich einige von Barretts Gesangspassagen, die der ansonsten großartigen Komposition den Glanz nehmen. Der abschließende „The Black Knight“ sorgt mit gutem instrumentalem Intro und einigen atmosphärischen Passagen, die an Genesis aus der „Wind And Wuthering“-Ära erinnern, für einen guten Abschlussklimax. Es folgen zahlreiche dramatische Übergänge und ein Motiv, das stark an jenes aus ihrem Klassiker „Fly High Fall Far“ (auf der gleichnamigen EP) erinnert. Über zahlreiche Wendungen und verzweigte Soli lässt die Band am Ende das Eröffnungsthema auf pompöse Weise wieder auferstehen.
Die aktuelle Wiederveröffentlichung von „The Jewel“ enthält außerdem vier Bonus-Tracks. Der erste davon ist “Fly High Fall Far“ von der gleichnamigen EP, dem ersten Release der Bandgeschichte, das nie auf CD erschien. Dieser demonstriert eine noch obskurere und „krawallischere“ Version der Band, besonders was den Gehalt an pompösen hymnischen Anthems und fast heavy-metalmäßigen Riffs betrifft, die über eine schützende Keyboard-Synth-Grundlage gezogen werden. Diese Ausgabe glänzt außerdem mit verbesserter Produktion und einem neuen, ebenfalls verbesserten Cover.
Manche zählen „The Jewel“ sogar zu den Meisterwerken des Neo Progressive Rock, was sicher eine stark übertriebene Behauptung ist – erst recht im Vergleich mit dem Marillion-Debüt, das für alle Neo-Prog-Bands der unerreichbare Maßstab bleibt, aber auch im Vergleich mit den Debütalben von Twelfth Night, Pallas und IQ, die allesamt bessere Produkte waren. Wo ihm die Originalität fehlt, überzeugt er mit geschmackvollen symphonischen Arrangements und der durchgehend strahlenden Energie einer beweishungrigen Band. Zweifellos handelt es sich um eines der wichtigsten Alben in der Geschichte der neuen Welle des Progressive Rock und um ein besonderes Album in der Bandgeschichte, vor allem wegen seiner herausstechenden Heavy-Rock-Elemente. Für Prog-Fans der 80er, die von den neuen Richtungen ihrer Lieblinge enttäuscht waren, war es sicher ein sehr guter Leckerbissen. „The Jewel“ ist trotz aller Schwächen ein sehr solides Album, das eine weitere Band erfolgreich vorstellte, die das Interesse am Progressive Rock von den Toten auferstehen ließ. Auch wenn die späteren Alben aus den 90ern mit Nolan an den Keyboards es vollständig in den Schatten stellten – vor allem was die Reife der Arrangements betrifft –, bleibt „The Jewel“ ein wichtiges musikalisches Dokument für alle (Neo-)Prog-Rock-Begeisterten.
Besetzung
Nick Barrett – Gesang, Gitarre
Rik Carter – Keyboards
Peter Gee – Bassgitarre, Gitarre, Basspedal
Nigel Harris – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
Pendragon
Trackliste
1. Higher Circles (3:29)
2. The Pleasure of Hope (3:43)
3. Leviathan (6:13)
4. Alaska (8:39)
a) At Home With the Earth
b) Snowfall
5. Circus (6:34)
6. Oh Divineo (6:51)
7. The Black Knight (9:57)
Bonustracks der Wiederveröffentlichung:
8. Fly High Fall Far (4:56)
9. Victims of Life (6:53)
10. Armageddon (6:15)
11. Insomnia (4:19)
Albumlaufzeit: 57:15